Sammelrezension: Anders als die Andern

: "Anders als die Andern". Ein Film und seine Geschichte. Hamburg : Männerschwarm Verlag  2007 ISBN 978-3-939542-43-8, 160 S. € 10,00.

: Anders als die Andern. München : Filmmuseum / Goethe-Institut  2007 ISBN keine, DVD mit Rom-Bereich € 19,95.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dirk Naguschewski, Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, Berlin

Mit der Verbreitung der DVD als gängigem Speichermedium und dem – damit einhergehenden – Aufschwung der Filmwissenschaften in den letzten Jahren hat auch die wissenschaftliche Beschäftigung mit einzelnen Filmen eine neue Qualität erreicht. Während zum einen 'kritische Editionen' vorrangig von Filmen aus der Frühzeit der Kinematographie erstellt werden und hier im Medium des Films zugleich dessen historisch-kritische Aufarbeitung erfolgt[1], werden zum anderen die Filme zunehmend multiperspektivisch untersucht, seien diese nun filmhistorisch, erzähltheoretisch, sozialgeschichtlich oder diskursanalytisch ausgerichtet.

Der Erkenntnisgewinn, der sich aus der Vielfalt von Ansätzen und Reflexionsmedien ergibt, wird deutlich an der Zusammenschau zweier substanzieller Forschungsbeiträge – der eine in Form filmischer Rekonstruktion, der andere als kulturhistorische Analyse – zum Film „Anders als die Andern“. Dieses Pionierwerk der homosexuellen Emanzipationsbewegung entstand 1919 unter der Regie von Richard Oswald (1880-1963) und unter maßgeblicher Mitwirkung Magnus Hirschfelds (1868-1935). Der jüdische Arzt und Vertreter einer Theorie der sexuellen Zwischenstufen war offenbar nicht nur für das (auch bei Steakley abgedruckte) Exposé verantwortlich, sondern trat auch als Darsteller im Film auf.[2]

Steakley trägt in guter philologischer Manier alles Wissenswerte zum Film zusammen: „Anders als die Andern“ sollte einer breiten Öffentlichkeit die Augen über die Ungerechtigkeit des §175 öffnen, der gleichgeschlechtliche Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte. Er gehört somit vom Beginn seiner Konzeption an zu zwei verschiedenen Diskurswelten: Zum einem ist der Film den Sitten- und Aufklärungsfilmen zuzurechnen, die durch Oswald populär gemacht wurden und die in kommerzieller Absicht nicht zuletzt die (Schau-)Lust der Zuschauer auf Erotik, Sexualität und Tabubrüche befriedigen sollten. Zum andern ist der Film aber auch ein Teil der vielfältigen Bemühungen für die Abschaffung des §175, die Hirschfeld politisch, wissenschaftlich und publizistisch anstrengte. Somit muss „Anders als die Andern“ auch als ein Vorläufer des in letzter Zeit viel diskutierten Kulturfilms gelten, der sich im Unterschied zu den für pädagogische Einrichtungen produzierten Forschungs- und Lehrfilmen an ein allgemeines Publikum richtete und bei aller Belehrung doch unterhaltsam bleiben wollte.[3]

Daraus ergibt sich auch der hybride Charakter des Films zwischen Melodram und Wissenschaft: „Anders als die Andern“ erzählt die Geschichte des Geigers Paul Körner, der eine Freundschaft mit einem Schüler pflegt. Dass Körner aufgrund seiner Sexualität erpresst wird, führt den jungen Mann dazu, die Beziehung zu fliehen. Schließlich wird der Erpresser von einem Gericht für schuldig erklärt, doch auch Körner wird wegen Verstoßes gegen den §175 mit einer Strafe belegt: Zwar bemerkt der Richter, dass Körner sich eigentlich nichts habe zu Schulden kommen lassen; das Gesetz erlaube es aber nicht, ihn straffrei zu lassen. Seiner Ehre beraubt und psychisch gebrochen, nimmt Körner sich zur Verzweiflung seiner Angehörigen und des zurückgekehrten Liebhabers das Leben. Die Orientierungsprobleme des jungen Mannes und seiner Schwester bieten im Film Anlass, immer wieder den Rat eines Sexualwissenschaftlers einzuholen. Magnus Hirschfeld selbst verkörpert diese wissenschaftliche Autorität und die beiden überlieferten Szenen verdeutlichen den ‚unfilmischen’ Charakter dieser Szenen, wenn die Ausführungen des Wissenschaftlers in umfangreichen Zwischentexten vermittelt werden müssen, illustriert nur durch Bildmaterial, das Hirschfelds Theorie der sexuellen Zwischenstufen darstellen soll. So spiegelt sich der Genre-Mix des Films auch auf der Ebene der Bilder wieder: Den in sensationsheischender Absicht produzierten Bildern beispielsweise eines schwul-lesbischen Maskenballs stehen etwa die zu Dokumentationszwecken aufgenommenen Bilder von Intersexuellen und Transvestiten gegenüber.

Bis in die 1980er-Jahre hinein war der Film vornehmlich unter denjenigen bekannt, die sich mit der Kulturgeschichte der Homosexualität beschäftigten[4], denn die Geschichte der Überlieferung von „Anders als die Andern“, die Steakley minutiös zu rekonstruieren weiß, ist verworren: Nachdem der Film seit Mai 1919 mit viel Resonanz in den Kinos gelaufen war, wurde er 1920 verboten. 1927 schnitt Hirschfeld das Material, das ursprünglich eine Länge von ca. 2.200 m hatte, für die Episode „Schuldlos Geächtet!“ in seinen Film „Gesetz der Liebe“ auf nur noch 871 m zusammen. Von diesem Film gelangte eine Kopie in die Ukraine, die bis heute die einzig bekannte ist. Nach deren Entdeckung in den 1970er-Jahren begann die Kurzfassung des Materials international zu zirkulieren und in den 1990er-Jahren gingen Mitarbeiter des Münchner Filmmuseums daran, das Material filmwissenschaftlich aufzuarbeiten und die ursprüngliche Fassung von „Anders als die Andern“ so weit wie möglich zu rekonstruieren. Seit 2006 lässt sich diese Rekonstruktion auf DVD anschauen.

Die vorliegende Edition konnte also auf das ukrainische Material, einige erhalten gebliebene Standphotos sowie diverse Texte zurückgreifen, in denen der Film in seiner Originalfassung beschrieben wird – vorhandenes Bild- und Textmaterial musste zueinander in Bezug gesetzt werden. Die DVD enthält sowohl die Rekonstruktion von „Anders als die Andern“, als auch die Episode „Schuldlos geächtet“. Zusätzlich bietet die jetzt vorliegende 2. Auflage der DVD neben einer kurzen Dokumentation zum Film selbst auch einen CD-Rom-Bereich, der die Reproduktion von Originalmaterialien zum Film enthält: zum einen die im Oktober 1919 in dem von Hirschfeld herausgegebenen „Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen“ erschienene umfangreiche Dokumentation zum Film, die eine Vielzahl von zeitgenössischen Rezensionen des Films wiedergibt, zum andern die Mappe zu Hirschfelds Film von 1927, in der dieser über seinen Film schreibt – allesamt schwer zugängliche Materialien.

Während der Wert der DVD vor allem darin besteht, das primäre Anschauungsmaterial zur Verfügung zu stellen, erfolgt deren Auswertung in dem Büchlein von Steakley, das in der verdienstvollen Reihe „Bibliothek rosa Winkel“ erschienen ist, die seit 1991 die Frühgeschichte der Homosexualität nicht nur in Deutschland aufarbeitet. Steakleys Beitrag macht deutlich, dass dieser Film für die Geschichte des Weimarer Kinos mindestens ebenso bedeutsam ist wie für die schwule Emanzipationsbewegung: Der amerikanische Germanist analysiert nicht nur Inhalt und Form von „Anders als die Andern“, er beschreibt auch detailliert die Mechanismen der Zensur, die nach einem kurzen Moment der Liberalisierung in der Weimarer Republik neu organisiert wurde. Zugleich untersucht er die Rezeption des Films, zu der es nicht nur von offizieller Seite, sondern auch innerhalb der allgemeinen Publizistik eine Unmenge von Zeugnissen gibt, mit einem quasi mentalitätsgeschichtlichen Interesse. Ergänzt werden seine Analysen unter anderem durch einen Reprint der „Entscheidung der Film-Oberprüfstelle (Berlin) vom 16. Oktober 1920“ sowie durch einen ergänzenden Beitrag von Matthias M. Weber und Wolfgang Burgmair zum Gutachten des Psychiaters Emil Kraepelin, dessen Sorge der „Volksgesundheit“ (S. 133) galt, und nicht einer wissenschaftlich ausgerichteten Sexualaufklärung.

Anmerkungen:
[1] Vgl. beispielhaft die DVD-Studienfassung von „Metropolis“, die 2005 an der Universität der Künste Berlin herausgegeben wurde und auf ihrem Cover programmatisch die „DVD als Medium kritischer Filmeditionen“ begreift.
[2] Zu Hirschfelds Gedenken wurde im Mai 2008 in der Nähe des Berliner Kanzleramts, wo bis zu seiner Plünderung 1933 das von ihm geleitete Institut für Sexualwissenschaft bestand, eine kleine Strasse in Magnus-Hirschfeld-Ufer umbenannt.
[3] Vgl. hierzu Müller, Dorit, „Gegen die Überwucherung des abstrakten Denkens“. Wissen und Unterhaltung im Kulturfilm der 1920er-Jahre, in: Zeitschrift für Germanistik NF XV (2005) 1, S. 76-95.
[4] Schon Vito Russo (The Celluloid Closet. Homosexuality in the Movies, New York 1981, S. 19) nennt „Anders als die Andern“ „the first film to discuss homosexuality openly and to contain many of the seedling issues of the gay liberation movement.“

Zitation
Dirk Naguschewski: Rezension zu: : "Anders als die Andern". Ein Film und seine Geschichte. Hamburg  2007 / : Anders als die Andern. München  2007 , in: H-Soz-Kult, 06.08.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-11081>.
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Veröffentlicht am
06.08.2008
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