B. Schneidmüller u.a. (Hrsg.): Salisches Kaisertum und neues Europa

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Titel
Salisches Kaisertum und neues Europa. Die Zeit Heinrichs IV. und Heinrichs V


Hrsg. v.
Schneidmüller, Bernd; Weinfurter, Stefan
Erschienen
Umfang
X, 438 S.
Preis
€ 79,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christine Kleinjung, Historisches Seminar, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Der vorliegende Sammelband geht auf eine Speyrer Tagung anlässlich des 900. Todestages Heinrichs IV. vom 4. bis 6. Mai 2006 zurück. Im gleichen Jahr gab es eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Unternehmungen, die ebenfalls der Person Heinrichs IV. und seiner Zeit gewidmet waren.[1] Die späte Salierzeit, das Zeitalter von Kirchenreform und sogenanntem Investiturstreit, hat als Umbruchszeit, als Epoche tief greifenden gesellschaftlichen und politischen Wandels das Interesse der Forschung in den letzten Jahren verstärkt auf sich gezogen.[2] Die 2006 erschienene neue Biografie Heinrichs IV. legt den Fokus besonders auf das Selbstverständnis des Saliers und die Herrschaftspraxis im Reich [3], und Stefan Weinfurter hat im gleichen Jahr mit dem Band ‚Canossa: Entzauberung der Welt’ eine essayistische Zusammenfassung der neueren Forschung vorgelegt.[4]

Die Leitlinien von Weinfurters jüngeren Forschungen lassen sich in den von ihm eingeführten und etablierten Begriffen der Ordnungsmodelle und Ordnungskonfigurationen greifen. Diese Begriffe umfassen die Vorstellungen der Zeitgenossen von rechter Ordnung ebenso wie die Wahrnehmung und Bewertung von Wandel. Um ‚gelebte und gedachte Ordnung‘ geht es auch in dem zu besprechenden Sammelband. Die achtzehn Beiträge des Bandes sind dem Titel nach einer europäischen Perspektive verpflichtet. Damit reiht sich der Band ein in die Erforschung der europäischen Dimension des sogenannten Investiturstreits, in die Bewertung von Ereignissen aus vergleichender Perspektive; ein Blick, der oftmals lieb gewonnene nationale Einschätzungen und Urteile revidieren kann.

Die Forschungskontroversen zum ‚Investiturstreit’ stehen anders als in dem Paderborner Band dabei nicht explizit im Mittelpunkt, sondern der Blick wird auf die Zusammenhänge zwischen dem Aufbruch zu einem neuen Europa und der Rolle des salischen Kaisertums sowie der europäischen Monarchien in diesem Prozess gelenkt. Berücksichtigung finden außer dem deutschen Reich und Italien dabei auch Frankreich (Rolf Große), England (Hanna Vollrath), Süditalien (Theo Broekmann), Polen und Ungarn (Jerzy Strzelczyk), Skandinavien (Helmuth Kluger) sowie die Randgebiete Europas, die in Kontakt mit der muslimischen Welt standen (Nikolas Jaspert).

Einige Beiträge lassen sich zwar mit der Leitfrage des Sammelbandes in Verbindung bringen, bieten vielmehr aber hilfreiche Überblicke zu schon bekannten Themen wie der Konfliktbeilegung in spätsalischer Zeit (Gerd Althoff), neuen Konzepten von Gemeinschaften an der Wende zum 12. Jahrhundert (Alfred Haverkamp) oder den räumlichen Konzepten europäischer Monarchien (Caspar Ehlers). Es können hier nicht alle Beiträge besprochen und gewürdigt werden. Daher werden nur einige hervorgehoben, die sich mit den Fragen nach zeitgenössischer Wahrnehmung und Bewertung unter europäischer Perspektive verpflichtet fühlen und neue Ergebnisse präsentieren.

Bernd Schneidmüller beginnt mit einem Beitrag über die ‚europäisierten Salier‘. Diese unterscheiden sich von den althergebrachten ‚gedeutschten‘ Saliern. Denn der neue, europäisierte Blick erfolgt unter einer gewandelten Perspektive und bringt, wie Schneidmüller deutlich zeigt, neue Ergebnisse und Relationen. Die Gefangennahme Paschalis’ II. 1111 und das erpresste ‚Pravileg‘ etwa wurden in ganz Europa mit Entsetzten aufgenommen und prägten das negative Bild des Herrschers Heinrich V. nachhaltig. Der Gang nach Canossa hingegen fand in der zeitgenössischen europäischen Geschichtsschreibung kaum Erwähnung, europaweit kann man wohl nur von einer eingeschränkten Bedeutung sprechen. Schneidmüllers Schlussfolgerung, dass die Quantität der Überlieferung, nationale Sinnstiftung zurechtrückt, ist zu unterstreichen. Die sich aufdrängende Frage, die Bernd Schneidmüller an anderer Stelle verfolgt, lautet: Welche Welt wurde eigentlich von Canossa erschüttert? Die Welt des europäischen Mittelalters oder die Welt der nationalen deutschen Geschichtsschreibung?[5]
Schneidmüller benennt drei Forschungsfelder, denen sich die Beiträge des Bandes mühelos zuordnen lassen: 1. die Grenzen der Expansion, 2. die Brüchigkeit universaler Ansprüche und 3. die umstrittene Deutungshoheit zwischen Kaiser- und Papsttum.

Die Beiträge des Bandes machen aus unterschiedlichen Perspektiven immer wieder deutlich, dass das Papsttum aus dem Streit um die Deutungshoheit als klarer Sieger hervorging und zur allgemein anerkannten Ordnungsmacht in Europa aufstieg, während die salische Herrschaftskonzeption den gewandelten Anforderungen der Zeit nicht standhalten konnte. Ernst-Dieter Hehl untersucht die gedankliche Durchdringung und die Kategorien des Konflikts zwischen Gregor VII. und Heinrich IV. Er betont den universalen Anspruch des Papsttums, zu dem auch die Absetzung Heinrichs IV. und der Anspruch, Treueide lösen zu können, gehören. Eine gedankliche Weiterentwicklung der päpstlichen Ansprüche erfolgte vor allem in Bezug auf die Größe des Königtums, das Kaisertum spielte demgegenüber eine geringere Rolle. Besonders die Trennung zwischen Amt und Person, eine Gemeinsamkeit zwischen Königtum und Bischofsamt, wirkte in den Königsvorstellungen der Zukunft weiter fort.

Wilfried Hartmann kann in seinem Beitrag zu Autoritätenwechsel und Überzeugungsstrategien in der späteren Salierzeit zeigen, dass der Umgang mit Autoritäten in kanonischen Rechtssammlungen, das Sammeln, Ordnen und Hierarchisieren auf kaiserlicher und päpstlicher Seite vom Anspruch auf Wahrheit geleitet und geprägt wurde. Einen neuartigen Ansatzpunkt stellte die Verwendung von Beispielen aus der Geschichte dar, was sich in besonders origineller Form bei dem kaiserfreundlichen Petrus Crassus beobachten lässt. Aus europäischer Perspektive gesehen nahm Deutschland vor 1073 überhaupt nicht und nach 1085 nur noch wenig an der in den Streitschriften geführten Kontroverse teil. Im 12. Jahrhundert schließlich ist Deutschland kein Zentrum der frühscholastischen Streitkultur mehr, während hier im 11. und beginnenden 12. Jahrhundert innovative Autoren und Kompilatoren wie Bernold von Konstanz wirkten.

Ein hervorragendes Beispiel für die Verdeutlichung der Zusammenhänge von individuellen Handlungsspielräumen und europäischen Strukturen der Zeit bietet Elke Goez in ihrer Untersuchung zu einem neuen Typ der europäischen Fürstin in salischer Zeit. Ausgehend von dem Befund des gewandelten fürstlichen Selbstverständnisses in der späten Salierzeit wendet sie sich nun Fürstinnen wie Mathilde von Tuszien, Adelheid von Turin und den Welfinnen Kuniza und Judith zu. Frauen wie Adelheid von Turin verkörperten gleichfalls die neu entwickelten Leitbilder adligen Verhaltens: fromm, rechtgläubig und papsttreu. Die sehr hoch zu bewertende Rolle der Fürstinnen wurde entscheidend von ihnen selbst geprägt, die Handlungsspielräume, die sich ihnen eröffneten, sind aber deutlich vor dem Hintergrund familiärer Krisen und der Instabilität des politischen Gefüges zu sehen.

Stefan Weinfurter greift die anfangs von Bernd Schneidmüller benannten Forschungsfelder in seiner Zusammenfassung zum neuen Europa in salischer Zeit auf. Das späte 11. und frühe 12. Jahrhundert ist für ihn die Epoche, in der die Weichenstellungen für eine neue Ordnung zu suchen sind. Die Prinzipien und Kategorien der Ordnung, der Normen und Werte änderten sich in grundlegender Weise. Der Begriff ‚neues Europa‘ bleibe dabei diffus, das Bild der Andersartigkeit gegenüber Ottonen und frühen Saliern leite den Blick.

Das neue Europa, wie es in den Beiträgen des Bandes entworfen wird, ist vor allem durch die Formierung und Abgrenzung Europas als kulturelle Einheit gekennzeichnet, wobei diese Einheit auch in der Anerkennung des universalen Papsttums als Ordnungsmacht besteht. Der Band bietet somit einen gelungenen Ausgangspunkt für vergleichende Untersuchungen zu Wahrnehmungen von Wandel und Umbrüchen im Europa des 11. und 12. Jahrhunderts; auch als Basis für die Einbindung von konkurrierenden mediävistischen Europa-Entwürfen, die nicht die Einheit des westlichen Abendlandes unter päpstlicher Leitung in den Vordergrund stellen.

Anmerkungen:
[1] So etwa die Tagung des Konstanzer Arbeitskreises 2006 zur Persönlichkeit Heinrichs IV. und die große Ausstellung in Paderborn über „Canossa. Die Erschütterung der Welt“.
[2] Einen Querschnitt der Forschungsdiskussion um das späte 11. und frühe 12. Jahrhundert als Zeit der Gegensätze und Umbrüche bietet der anlässlich der Paderborner Canossa-Ausstellung herausgebrachte Sammelband: Jarnut, Jörg; Wemhoff, Matthias (Hrsg.), Vom Umbruch zur Erneuerung? Das 11. und beginnende 12. Jahrhundert – Positionen der Forschung, München 2006.
[3] Althoff, Gerd, Heinrich IV, Darmstadt 2006.
[4] Weinfurter, Stefan, Canossa: Die Entzauberung der Welt, München 2006.
[5] Vgl. dazu Schneidmüller, Bernd, Canossa und der harte Tod der Helden, in: Jarnut, Jörg; Wemhoff, Matthias (wie Anm. 2), S. 103-131.

Zitation
Christine Kleinjung: Rezension zu: Schneidmüller, Bernd; Weinfurter, Stefan (Hrsg.): Salisches Kaisertum und neues Europa. Die Zeit Heinrichs IV. und Heinrichs V. Darmstadt  2007 , in: H-Soz-Kult, 17.09.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-11253>.
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Veröffentlicht am
17.09.2008
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