Titel
Teenage. Die Erfindung der Jugend (1875-1945)


Autor(en)
Savage, Jon
Erschienen
Frankfurt am Main 2008: Campus Verlag
Umfang
522 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nina Mackert, Hamburg

Unter inzwischen zahllosen Studien zu Jugendkulturen und Jugendbewegung sind bisher nur wenige, die die Konstruktion von Jugend und die Entwicklung von Jugend zum Objekt politischen Zugriffs in den Blick genommen haben. [1] So ist Jon Savages Vorhaben, mit „Teenage. Die Erfindung der Jugend (1875 – 1945)“ die „Vorgeschichte des Teenagers“ (S. 7) zu erzählen, zunächst erfreulich, verspricht es die historische Beschreibung von Versuchen, „Adoleszenz zu konzeptualisieren, zu definieren und zu kontrollieren“ (S. 10).

Savage untersucht vor allem literarische Quellen und Zeitungsartikel, aber auch Regierungsverordnungen und Gerichtsprotokolle, um zu zeigen, wie Jugendliche in den Gesellschaften der USA, Großbritanniens, Frankreichs und Deutschlands entweder als Zukunftshoffnungen oder TrägerInnen gesellschaftlicher Gefahren repräsentiert wurden. Seine Darstellung gliedert sich chronologisch und geografisch und umfasst dabei zahlreiche, mit Jugendlichen in Verbindung zu bringenden Phänomene, vom Gerichtsverfahren Jesse Pomeroys über die Boy Scouts in den USA und Großbritannien und die Wandervogel-Bewegung in Deutschland, über musikalische Entwicklungen von Schlager, Ragtime und Swing bis zu Hitler-Jugend, jugendlichem Widerstand und dem Erscheinen der US-amerikanischen Zeitschrift „Seventeen“. [2]

Als besonders einflussreich in der Entwicklung von Jugend als distinktem Lebensabschnitt beschreibt Savage den Psychologen G. Stanley Hall, der in seinem Mammutwerk „Adolescence“ (1904) den Begriff prägte, der sich für die nächsten Jahrzehnte als Bezeichnung der Übergangszeit zwischen Kindheit und Erwachsenenalter, dem 14. und dem 24. Lebensjahr, durchgesetzt habe. Gleichzeitig habe Hall die Adoleszenz als eine Zeit definiert, in der Jugendliche ihre Sexualität entdecken und emotional instabil und verwirrt seien – eine Interpretation, der sich Savage sogleich anzuschließen scheint.

Savage konzentriert sich auf vier Themenbereiche: die Verknüpfung von Jugendlichkeit mit Nation, Jugendkriminalität, Jugend als KonsumentInnen und (pop)kulturelle Jugendbewegungen. Um auf ähnliche Entwicklungen in unterschiedlichen Ländern hinzuweisen, verwebt Savage allzu oft unterschiedliche nationale Kontexte. Dies führt zum Eindruck einer linearen, in der westlichen Welt im Prinzip parallelen Entwicklung der Vorstellungen von Jugend; eine Konstruktionsleistung, die nicht kritisch reflektiert wird.

Savage schreibt an verschiedenen Stellen, dass die junge Geschichte der USA mit Jugend und Jugendlichkeit verknüpft worden sei. Jugendlichkeit sei „zum nationalen Prinzip“ (S. 66) erhoben und mit als Ideale geltenden Werten wie Fitness und Vergnügungssucht verbunden worden. Er zitiert erneut Hall, der die USA als „eine Nation, die sich in der Adoleszenz befindet“, beschreibt (S. 89). Auch für Europa seit Ende des 19. Jahrhunderts schreibt Savage, dass über Vorstellungen von verwahrlosten Jungen und Mädchen die Disziplinierung von Kindern und Jugendlichen propagiert und Ideale von Jugend immer wieder zur Einschreibefläche für nationalistische Ideen geworden seien.

Die Einrichtung des ersten US-amerikanischen Jugendgerichtes in Chicago 1899 sei laut Savage ein „entscheidender Schritt in der Konstruktion des Jugendalters als eigenständigem Lebensabschnitt“ (S. 80) gewesen, vor allem, weil das sie begleitende Gesetz neue Altersgrenzen festgelegt habe, um zwischen jungen, ungefestigten Straftätern und „abgehärteteten Kriminellen“ (S. 81) zu trennen. Er thematisiert für Europa und die USA vielfältige gesellschaftliche Sorgen vor einem Ansteigen der Jugendkriminalität sowie Versuche, diese einzudämmen. Problematisch ist, dass Savage Jugendkriminalität und ihr Ansteigen als eine Tatsache setzt, obschon er an einigen Stellen darauf verweist, dass die Aufregung um jugendliche Delinquenz medial inszeniert und vergrößert worden sei.

Auch bezüglich der Ursachen reiht sich Savage in althergebrachte Erklärungsmuster ein: In den amerikanischen Städten des späten 19. Jahrhunderts hätten sich Kinder und Jugendliche „in Form kaum kontrollierbarer Banden“ organisiert, „da ihnen von Erwachsenen keine Strukturen vorgegeben wurden“ (S. 49). Neben der schlechten sozialen Lage vieler Jugendlicher macht Savage die Familienverhältnisse verantwortlich für jugendliche Kriminalität – seine Erklärungen zeigen damit eine hohe Deckungsgleichheit zu zeitgenössischen Erzählungen. [3] So schreibt er zur Situation in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg: „Mit der Einberufung von Vätern, Lehrern, älteren Brüdern und Polizisten verschwanden die Autoritätsfiguren, die jungen Menschen ein Gefühl für Struktur und Disziplin hätten vermitteln können“ (S. 177). Nicht nachvollziehbar ist zudem, warum Savage antideutsche Aktionen in Großbritannien 1915 als Beweis des Ansteigens von Jugendkriminalität heranzieht.

Jon Savage schildert, wie Jugendliche zunehmend ökonomisch unabhängiger geworden und vor allem in den 1920er- und 1930er-Jahren vermehrt als KonsumentInnen in den Mittelpunkt gerückt seien. Die noch junge Filmindustrie habe in Jugendlichen ihren ersten Absatzmarkt entdeckt und für wohlhabende CollegestudentInnen seien Marketingstrategien für Konsumgüter wie Kleidung und Unterhaltungsprodukte entworfen worden. US-amerikanische Frauen hätten dabei „in vorderster Front der Konsumkultur“ (S. 454) gestanden, was sich z.B. im Auftauchen der Figur der „Flapper“ in den frühen 1920er-Jahren kristallisierte, in der sich „Jugendlichkeit mit der traditionellen Konsumentin verband“ (S. 218). Savages Buch endet in den USA der 1940er-Jahre mit der Herausgabe der auf junge Mädchen zugeschnittenen Zeitschrift „Seventeen“ und dem Auftauchen des zusammengeschriebenen Begriffes „Teenager“. Die so bezeichnete Gruppe sei nun „weder mit Heranwachsenden noch mit jugendlichen Straftätern gleichzusetzen. Konsum bildete das perfekte Gegengewicht zu Aufruhr und Rebellion“ (S. 462).

Auch popkulturelle Entwicklungen erhalten von Savage besondere Aufmerksamkeit: So behandelt er ausführlich Reaktionen auf neue Musikstile wie Ragtime, Jazz und Swing – von begeisterten Jugendlichen bis zu empörten Reaktionen des kulturellen Establishments, das in der neuen Musik regelmäßig Gefahren für Jugendliche gesehen habe.

Kaum historische Sensibilität zeigt Savage in Bezug auf die Geschichte der African-Americans, die von ihm offenkundig – ebenso wie Native Americans und andere ethnisierte Gruppen – nicht als Teil der Jugend(kultur) gesehen werden. Segregation und Rassismus werden erst ab den 1920er-Jahren und nur ganz am Rande erwähnt, afroamerikanische Emanzipationsbestrebungen lapidar in direkten Bezug zur Reaktion weißer Jugendlicher gesetzt und als durch ihre generöse Geste ermöglicht beschrieben: „Nachdem sie gesehen hatten, welcher Beliebtheit sich Negermusik und Negertänze (sic!) bei jungen Weißen erfreuten, beschlossen einige junge schwarze Künstler und Intellektuelle, sich zu emanzipieren“ (S. 247) – so Savages Erklärung der Harlem Renaissance!

Aus kulturgeschichtlicher Perspektive ist vor allem Savages Konzeption von Jugend problematisch. Zwar verweist er in der Einleitung auf das „Spannungsverhältnis [...] zwischen der Vorstellung von Jugend und deren Realität“ (S. 10), meint damit – wie im Laufe seiner Darstellung deutlich wird – jedoch nicht die Konstruktion gesellschaftlicher Zuschreibungen, sondern das Unverständnis, das Jugendlichen von gesellschaftlichen Machthabern entgegengebracht worden sei. So sei auch ein Ziel seines Buches, zu beschreiben, „wie die Stimmen von Jugendlichen im Verlauf des 20. Jahrhunderts immer häufiger von Erwachsenen gehört wurden“ (S. 11). Über weite Strecken reproduziert Savage den Mythos von Jugendlichen als gleichsam natürlichen RebellInnen, die sich „den Versuchen, seitens der Akademiker, Jugendexperten und Regierungen, sie allesamt über einen Kamm zu scheren, widersetzten und sich gegen den Mainstream der damaligen Zeit stemmten“ (S. 12). Analog dazu rekurriert Savage immer wieder auf das „Wesen“ der Jugendlichen, denen er per se eine „gesteigerte Empfindsamkeit“ (S. 104) zuschreibt: „Junge Menschen hatten in diesen turbulenten Zeiten dank ihrer raschen Auffassungsgabe und überlegenen körperlichen Stärke die größeren Überlebenschancen“ (S. 71). Auch geschlechterspezifisch hat das Konsequenzen: So bescheinigt er – wenig originell – den US-amerikanischen Mädchen der 1920er-Jahre, sie seien „in ihrer Entwicklung weiter und selbstbewusster als ihre männlichen Klassenkameraden“ (S. 222) gewesen. Dadurch, dass Savage a priori von einem spezifischen, natürlichen Wesen Jugendlicher ausgeht, verstellt sich sein Blick für eine Reihe interessanter Fragen – z.B. der nach der politischen Rationalität, die gerade die Konstruktion von Jugendlichen als empfindsame und gegenwartsbezogene Menschen befördert(e).

Im Prinzip erfreulich ist, dass Savage von Anfang an auch explizit über weibliche Jugendliche schreibt und sexualitätengeschichtliche Bezüge herstellt, allerdings ohne Schlüsse z.B. in Bezug auf die Entwicklung unterschiedlicher Geschlechterbilder zu ziehen. Im Gegenteil, Savages Erzählungen etwa von „hartgesottene[n] junge[n] Frauen“ (S. 54), die sich Jugendbanden angeschlossen oder eigene gegründet hätten, oder Geschichten von der „zügellosen Sexualität“ (S. 278) Jugendlicher offenbaren eben jene gesellschaftsregulativen Logiken, die dieses Buch eigentlich kritisch analysieren sollte.

Sprachlich gelingt es Savage, ein angenehm lesbares und nicht zu voraussetzungsvolles Buch zu schreiben; gleichwohl führt seine bisweilen drastische Sprache und seine Freude an markigen Thesen nicht selten zu einer deutlichen Verkürzung historischer Zusammenhänge, etwa, wenn er behauptet, Nazis und italienische Faschisten seien „an die Macht [gekommen], indem sie Jugend als abstrakte Größe und aktive Kraft der Veränderungen beschworen und Jugendliche mithilfe mystischer Vorstellungen von Krieg, Aktion und Zugehörigkeit mobilisierten“ (S. 272).

Schade ist, dass Savage für einen Großteil seiner Quellen keine Angaben bereithält und es daher unmöglich ist, zu erkennen, welche Quelle Savage gerade zitiert. Zwar findet sich im Literaturverzeichnis aktuelle Forschungsliteratur, aber ohne, dass Savage darauf Bezug genommen oder die Quellen seiner Ausführungen angegeben hätte. Insgesamt ist das Buch eine recht unterhaltsame, allerdings auch problematische Darstellung der (pop)kulturellen Geschichte Jugendlicher in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, es liefert aber für Ansätze einer kritischen Geschichte der Jugend keine neuen Anregungen.

Anmerkungen:
[1] Hier zu nennen z.B. Thomas Hine, The Rise and Fall of the American Teenager, New York 1999; Olaf Stieglitz, 100 Percent American Boys. Disziplinierungsdiskurse und Ideologie im Civilian Conservation Corps 1933-1942, Stuttgart 1999, v.a. S. 55-74.
[2] Vgl. das Inhaltsverzeichnis des Buches, online verfügbar unter: URL: http://www.campus.de/t/pdf/Inhaltsverz/iv_9783593385143.pdf [19.11.2008]
[3] Vgl. James Gilbert, A Cycle of Outrage, America’s Reaction to the Juvenile Delinquent in the 1950s, New York 1986.

Zitation
Nina Mackert: Rezension zu: : Teenage. Die Erfindung der Jugend (1875-1945). Frankfurt am Main  2008 , in: H-Soz-Kult, 23.12.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-11922>.
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23.12.2008
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