W. Borodziej: Der Warschauer Aufstand

Cover
Titel
Der Warschauer Aufstand 1944.


Autor(en)
Borodziej, Wlodzimierz
Erschienen
Frankfurt am Main 2001: Fischer Taschenbuch Verlag
Anzahl Seiten
256 S.
Preis
€ 20,40
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jan C. Behrends, Abteilung Geschichte, Universität Bielefeld

Der polnische Literaturnobelpreisträger Czeslaw Milosz beschreibt in seinem berühmten Essay „Verführtes Denken“ den Warschauer Aufstand von 1944 folgendermaßen: „Es war der Aufstand einer Fliege gegen zwei Riesen. Der eine Riese stand hinter dem Fluß und wartete, bis der andere die Fliege zerquetscht hatte. Die Fliege verteidigte sich zwar, aber ihre Soldaten waren nur mit Pistolen, Granaten und Benzinkanistern bewaffnet. Der Riese aber schickte zwei Monate lang alle paar Minuten eine Bombenladung aus nur fünfzig Metern Höhe auf die Stadt. Er verwendete zu den Angriffen Tanks und die schwerste Artillerie. Es gelang ihm schließlich, die Fliege zu zerquetschen, aber bald darauf wurde er selbst zerquetscht, vom anderen geduldigen Riesen.“ Jenseits dieser metaphorisch-literarischen Verdichtung des historischen Geschehens, in dessen Verlauf die Altstadt und das Zentrum Warschaus zerstört und Hunderttausende ihrer Einwohner getötet oder vertrieben wurden, liegt nun eine wissenschaftliche Gesamtdarstellung aus der Feder des Warschauer Historikers Wlodzimierz Borodziej vor, die sich um eine historisch-kritische Darstellung eines Ereignisses bemüht, das seit Jahrzehnten einen festen Platz im kollektiven Gedächtnis Polens einnimmt.

Obwohl in der deutschen Geschichtswissenschaft und in der breiteren Öffentlichkeit seit den neunziger Jahren ein verstärktes Interesse am Vernichtungskrieg besteht, den das nationalsozialistische Deutschland im Osten und Südosten Europas geführt hat, erhalten der September 1939 und die anschließende Besatzungsherrschaft in Polen eine erstaunlich geringe Aufmerksamkeit. In der Regel liegt der Fokus des öffentlichen Interesses vielmehr – wie etwa in beiden Fassungen der „Wehrmachtsausstellung“ des Hamburger Instituts für Sozialforschung – auf der Beschäftigung mit dem Geschehen auf dem sowjetischen und jugoslawischen Kriegsschauplatz. Die vorliegende Studie Borodziejs widmet sich dem grausamen Schlussakkord der deutschen Herrschaft im besetzten Polen, dem Warschauer Aufstand, und verdeutlicht, dass der Versuch der Selbstbefreiung der polnischen Hauptstadt einerseits ein wichtiges Kapitel in der Geschichte des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges darstellt und dass andererseits die Ereignisse des Spätsommers 1944 bereits als Präludium zum Kalten Krieg gelesen werden können.

Im heutigen Polen bildet der 1. August – der Jahrestag des Ausbruchs des Warschauer Aufstandes – ein herausragendes Datum in der kollektiven Erinnerung und der politischen Kultur. Die Ereignisse des August 1944 stellen seit der Entstalinisierung eines der großen Themen der polnischen Nachkriegsliteratur dar und bereits 1957 setzte der junge Andrzej Wajda in seinem Film „Der Kanal“ den Aufständischen ein bewegendes Denkmal. Schließlich existiert mittlerweile eine kaum überschaubare Fülle polnischer Historiographie, die den Aufstand in nahezu allen erdenklichen Details ausleuchtet. Dennoch ist in Polen die Kontroverse über den Sinn der Erhebung, in deren Verlauf fast eine gesamte Generation junger Warschauer ums Leben kam und die mit der fast vollständigen Zerstörung der historischen Bausubstanz der polnischen Kapitale endete, bis heute nicht vollständig verstummt. Eine deutschsprachige Darstellung aus polnischer Perspektive, wie sie jetzt vorliegt, verspricht daher, ein hierzulande wenig beachtetes Kapitel des NS-Vernichtungskrieges wieder in Erinnerung zu rufen.

In seiner gut lesbaren Studie gelingt es Wlodzimierz Borodziej, Militär-, Regional- und Diplomatiegeschichte gekonnt miteinander zu verbinden. Abschließend bemüht sich der Autor in einem alltagsgeschichtlichen Kapitel, die unsagbaren Leiden der Zivilbevölkerung während des Aufstandes zu schildern. Durch diese vielseitige Herangehensweise vermag er die unterschiedlichen Entwicklungsstränge zusammenzuführen, die letztlich in den zwei Monaten des Aufstandes kulminierten. Die Darstellung setzt mit einem Abriss der Entwicklung des polnischen Untergrundstaates ein, dessen bewaffneten Arm die Armia Krajowa (AK, „Heimatarmee“) bildete. Ferner erklärt Borodziej die innerpolnischen und die internationalen Konflikte, die sich im Verlaufe des Krieges um die Frage der Integrität der polnischen Grenzen von 1939 entspannen. Während die Mehrheit des polnischen Widerstandes eine Revision der Ostgrenze zu Gunsten der Sowjetunion in keinem Fall hinnehmen wollte, setzten sich allein die gesellschaftlich weitgehend isolierten Kommunisten für das „Selbstbestimmungsrecht“ der östlich von Bug und San lebenden Ukrainer und Weißrussen und damit den Anschluss der östlichen Provinzen an die UdSSR ein. Vor dem Hintergrund dieser geopolitischen Konfliktlage, der historischen Erfahrung des polnisch-sowjetischen Krieges und des NKVD-Massakers an polnischen Offizieren bei Katyn im Frühjahr 1940, das von deutscher Seite im April 1943 publik gemacht wurde, werden die ausgesprochen gespannten Beziehungen zwischen den polnischen und sowjetischen Verbündeten verständlich, die letztlich das Schicksal der Erhebung und damit auch eines souveränen Nachkriegspolens weitgehend besiegelten, bevor der Warschauer Aufstand überhaupt begonnen hatte. Nach Borodziejs Lesart sind die Versuche zur polnischen Selbstbefreiung in Wilna, Lemberg und Warschau als verzweifelter Versuch zu lesen, symbolische militärische Erfolge zu erzielen, die Sowjets bereits als „Herren im eigenen Hause“ zu empfangen und so die Position der Londoner Exilregierung gegenüber Stalin zu stärken.

Auf eine detaillierte Schilderung der polnischen Aufstandsplanungen und der wenig erfolgreichen „Generalproben“ der AK in Lemberg, Lublin und Wilna folgt eine umfassende Beschreibung des militärischen Geschehens in der polnischen Hauptstadt: Borodziej erläutert, unter welchen Voraussetzungen in der Euphorie nach der Zerschlagung der Heeresgruppe Mitte durch die Rote Armee und dem 20. Juli 1944 die Entscheidung zum Aufstand getroffen wurde, wie bereits die ersten Kampfhandlungen hohe Verluste auf Seiten der ungenügend bewaffneten Aufständischen zeitigten, sich aber trotz aller Rückschläge auf polnischer Seite auch Optimismus ausbreiten konnte. Ausführlich und anschaulich beschreibt der Verfasser den erbitterten Kampf um die Warschauer Altstadt, aber auch die komplizierte Situation in den umliegenden Stadtvierteln. Auf deutscher Seite wurden von Anfang August an sowohl deutsche als auch ausländische SS-Einheiten eingesetzt, die sich selbst nach den Maßstäben der Wehrmachtsführung durch besondere Rücksichtslosigkeit und Brutalität auszeichneten und bereits in den ersten Tagen bestialische Massaker an der Zivilbevölkerung verübten. Dass die Niederschlagung des Warschauer Aufstandes in den Kontext des Vernichtungskrieges gehört, wird dadurch verdeutlicht, dass die deutschen Truppen vom „Chef der Bandenkampfverbände“ SS-Obergruppenführer Erich von dem Bach befehligt wurden.

Seit Ausbruch der Kämpfe rang man auf diplomatischer Ebene um die Konsequenzen aus dem Aufstand: von Seiten der Westalliierten gab es vorsichtige Unterstützung, von sowjetischer Seite – trotz eines eigenen Aufrufs der Roten Armee zum Aufstand vom Ende Juli – hinhaltenden Widerstand gegen eine militärische Unterstützung der AK. Eng an den verfügbaren Quellen argumentierend macht Borodziej die vielschichtigen Interessen und die komplizierten Entscheidungsprozesse der verschiedenen Akteure transparent. Trotz des provokatorischen sowjetischen Verhaltens gegenüber dem ältesten Mitglied der Antihitlerkoalition waren die Regierungen in London und Washington zu diesem Zeitpunkt noch nicht zum Konflikt mit Stalin bereit – es meldeten sich jedoch im diplomatischen Dienst (George F. Kennan) und in der britischen Öffentlichkeit (Arthur Koestler, George Orwell) bereits jene antistalinistischen Stimmen zu Wort, die später die Jahre des Kalten Krieges entscheidend mitprägen sollten. Am Vertrauensbruch zwischen den Alliierten änderte auch die späte und halbherzige sowjetische Unterstützung für den Aufstand nichts mehr, die ab der zweiten Septemberhälfte erfolgte.

Jenseits einer rein militärgeschichtlichen Darstellung des Kampfgeschehens, gelingt es Borodziej ein komplexes Bild des Alltags in der umkämpften Stadt zu zeichnen. Die Konflikte zwischen der Zivilbevölkerung, den Kommandeuren der Heimatarmee und der polnischen Verwaltung werden ebenso in die Darstellung einbezogen wie katastrophale Versorgungslage und die medizinischen Probleme. In sachlicher Sprache bemüht sich Borodziej, die sich angemessener historiographischer Beschreibung entziehenden Erfahrungsdimensionen eines Nah- und Häuserkampfes darzustellen, in dem die deutsche Seite Bestimmungen des Kriegsrechtes weitestgehend ignorierte und zahlreiche Massaker unter den Verwundeten und Zivilisten anrichtete. Einfühlsam schildert er die zwischen Euphorie und Verzweifelung schwankenden Stimmungslagen in der AK und unter den Warschauern. Ende September mussten die Aufständischen die Waffen im ungleichen Kampf strecken, die Deutschen „evakuierten“ die restliche Bevölkerung Warschaus und bis zum Übersetzen der Roten Armee über die Weichsel im Januar 1945 verübten die Sprengkommandos der SS ein beispielloses Zerstörungswerk an den verbliebenen Kulturgütern der polnischen Metropole.

Abschließend beschäftigt sich Wlodzimierz Borodziej mit der Erinnerungspolitik während der kommunistischen Herrschaft in Polen. Während die ersten Jahrestage des Aufstandes in Warschau noch öffentlich begangen wurden, beschwieg die Öffentlichkeit im polnischen Stalinismus ab 1948 den Aufstand fast vollständig. Nach 1956 führte die Partei die Unterscheidung zwischen dem „heldenhaften Volk“ und der „verräterischen Führung“ der antikommunistischen Armia Krajowa als offizielle Linie in die Erinnerungspolitik ein. Die Rolle der Roten Armee, ihre mangelnde Unterstützung für die Aufständischen, das Warten an der Weichsel blieben bis zum Ende der Volksrepublik Tabuthemen, die allenfalls in der seit den siebziger Jahren entstehenden Gegenöffentlichkeit des Samizdat diskutiert werden konnten. Dieser hochproblematische Umgang mit zentralen Ereignissen der eigenen Geschichte hat sicher entscheidend zur geringen Legitimität der kommunistischen Herrschaft in Nachkriegspolen beigetragen. Der Historiker Borodziej betont am Ende seines Werkes den ungebrochen hohen symbolischen Stellenwert des Aufstandes für die dritte polnische Republik, wobei mittlerweile weniger die deutschen Verbrechen als der sowjetische Verrat erinnert werden. Mit einem eigenen Urteil über die Entscheidung des Sommers 1944 zum Aufstand hält er sich zurück, seine Position ließe sich vielleicht am treffendsten als skeptische Sympathie für die Aufständischen charakterisieren.

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