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Titel
Ernst Röhm. Hitler's SA Chief of Staff


Autor(en)
Hancock, Eleanor
Erschienen
Houndmills 2008: Palgrave Macmillan
Umfang
288 S.
Preis
£ 42,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hans Rudolf Wahl, Universität Bremen

In der neueren historischen Forschung gewinnt der Blick auf die Persönlichkeiten, die Politik und politische Kultur gestalteten, eine immer größere Bedeutung. Auch in der Historiografie des Nationalsozialismus gewinnt die biografische Forschung in ihren vielfältigen Varianten gegenüber einer rein systemisch argumentierenden Strukturgeschichte zunehmend an Boden. Seit Mitte der 1990er-Jahre sind in diesem Zusammenhang einige wegweisende Studien erschienen, so Ulrich Herberts ideengeschichtliche Biografie des SS-Funktionärs Werner Best [1], Ian Kershaws sozialgeschichtlich ausgerichtete Biografie Adolf Hitlers [2], Michael Wildts kollektivbiografische Studie zum Führungspersonal des Reichssicherheitshauptamtes [3] und jüngst Peter Longerichs klassische, an Leben und Werk, Persönlichkeit und Handlungsmuster ausgerichtete Biografie Heinrich Himmlers.[4] Die australische Militärhistorikerin Eleanor Hancock fügt dieser Reihe nun eine Biografie des SA-Stabschefs Ernst Röhm hinzu, den Longerich bereits 1989 als ”Schlüsselfigur der paramilitärischen Szene und Ziehvater der SA” zwischen 1919 und 1934 klassifizierte.[5]

In den methodischen Ausführungen der Einleitung und des Schlusses geht Eleanor Hancock vor allem auf den „Mythos Röhm” ein – auf Ernst Röhm als geschichtliche Kunstfigur, die nach 1934 aus unterschiedlichsten Motiven für die unterschiedlichsten Projektionen herhalten musste – Projektionen, die nur bedingt etwas mit der historisch-realen Gestalt Ernst Röhm zu tun gehabt hätten. Die Dekonstruktion des „Mythos Röhm” ist mithin das erklärte Ziel der Studie. Ein Mythos, mit dem laut Hancock das Zerrbild eines berserkerhaften, antisemitischen Militaristen kultiviert wurde, der auf die permanente Revolution gesetzt habe, der so in gewisser Weise zugleich auch Vertreter eines „linken Flügels” der NSDAP wurde und der darüber hinaus auch noch einen schweren Konflikt mit der Reichswehr und somit seinen eigenen Untergang provoziert habe. Dass Ernst Röhm all dies nicht war, bemüht sich Hancock nachzuweisen. Doch welches Gegenbild entwirft sie dabei?

Der letzte Satz der Biografie lautet: ”He died like a soldier” (S. 172). Das gesamte Fazit des Buches ist auf dieses Bild ausgerichtet, das Ernst Röhm gewissermaßen mit der Fahne in der Hand sterben lässt. Leider stimmt es nicht. Ernst Röhm starb nicht wie ein Soldat. Weder im Gefecht auf einem der vielen Schlachtfelder der Geschichte noch dort, wo Soldaten in der Realität zumeist sterben: im Bett daheim oder im Krankenhaus. Er wurde von Adolf Hitler - dem Mann, der nicht zuletzt durch ihn überhaupt erst in die Sphäre der Politik geraten war und der Jahre später unter anderem mit Hilfe von Röhms SA an die Schalthebel unbeschränkter Macht gehievt wurde – mit vorgehaltener Pistole in seinem Schlafzimmer überrumpelt und dann anderntags von zwei SS-Schergen über den Haufen geschossen. Ernst Röhms Tod erinnert eher an einen Ganoventod im kriminellen Milieu als an ein pathetisches Soldatenbild.

Ernst Röhm, der tapfere, tragisch gescheiterte Soldat? Eleanor Hancocks Biografie handelt in chronologischer Reihenfolge in sechzehn Kapiteln die einzelnen Lebensstationen Ernst Röhms ab: Seine Herkunft als drittes und jüngstes Kind einer gutbürgerlichen bayerischen Familie, die über drei Generationen hinweg einen beachtlichen sozialen Aufstieg vorzuweisen hatte, den auch Ernst Röhm fortsetzte. Seine Weichheit, Unreife und emotionale Abhängigkeit von der geliebten Mutter. Den existentiellen Einschnitt, den der Erste Weltkrieg für ihn bedeutete, nicht zuletzt durch eine schwere Verwundung Ende September 1914, als ihm ein Geschoss den vorderen Teil seines Gesichtes zerfetzte und ihn für den Rest seines Lebens zeichnete. Das Lebenstrauma der Novemberrevolution 1918, die den gesellschaftlichen Rang des Offizierskorps und damit seinen eigenen Lebenserfolg nach all den Zumutungen und Unerträglichkeiten zerstörte. Sein politisch-ideologisches Selbstverständnis, das zwar antisemitisch geprägt war, doch relativ unbeschwert von Verschwörungstheorien und rassenideologischen Deutungsmustern. Stattdessen habe er den politischen und gesellschaftlichen Umsturz auf das eigene Versagen des Offizierskorps zurückgeführt, das zu unpolitisch gewesen sei, um den Entwicklungen standzuhalten. Dieses Versagen wieder gut zu machen avancierte Hancock zufolge nach 1918 zum eigentlichen Lebensziel Röhms, das ihn schon bald mit seinen offiziellen Verpflichtungen in Konflikt brachte. Die Autorin betont mit großem Nachdruck, dass Röhm kein „Linker” gewesen sei, auch kein „Linker” in der NSDAP. Vielmehr sei er einer jener aus ihrer vorgezeichneten Lebensbahn geratenen jungen Offiziere gewesen, die sich mit den neuen Verhältnissen nicht abfinden konnten, die wieder zurück zu den Zuständen wollten, in denen sie keinen ”Zivilisten”, keinen Parlamentariern zu gehorchen hatten.

Röhm sei im Grunde stets Monarchist geblieben, der noch viele Jahre später enge Kontakte zum bayerischen Kronprinzen Rupprecht gepflegt habe. Er habe jedoch zunächst keineswegs an so prominenter Stelle in der Front der Gegenrevolution gekämpft wie später oft behauptet. Seine Stunde kam dem zufolge erst mit den Deutschland im Versailler Vertrag auferlegten Abrüstungsbestimmungen, in deren Folge er mit der Deponierung illegaler Waffenbestände beauftragt worden sei. Diese dienstliche Funktion habe Röhm zur Armierung diverser rechter, antirepublikanischer Wehrverbände ausgenutzt, die von ihm und seiner Bereitstellung der Waffen abhängig wurden. Röhm wird von Hancock in dieser Zeit mehr als Vermittler im rechten Milieu zwischen legalen, halblegalen und illegalen Aktivitäten gezeichnet denn als genuiner Nationalsozialist. Allerdings brachte ihn der illegale Teil seiner Aktivitäten bereits vor dem Hitler-Putsch des Jahres 1923 in derartige Schwierigkeiten, dass er sich genötigt sah, seinen Abschied zu nehmen. Nachdem er als Führer eines eigenen Freikorps an dem gescheiterten Putsch teilgenommen hatte, schien es jedoch zunächst mit seiner Karriere wieder aufwärts zu gehen: Nach kurzer Haft wurde er im April 1924 in den Reichstag gewählt und betrat damit erstmals die nationale politische Bühne. Zeitgleich begann er damit, erneut eine Organisation, den ”Frontbann”, aufzubauen, die als Dachorganisation aller militanten rechten Verbände zum Sturze der Republik gedacht war.

Doch ein schwerer Konflikt mit Hitler im Frühjahr 1925, der einen Alleinvertretungsanspruch in der rechten Szene geltend machte, brachte das vorläufige Ende von Röhms Karriere, die bereits durch den Verlust des Reichstagsmandats im Dezember 1924 einen Knick erhalten hatte. In den folgenden drei Jahren musste er sich mit Gelegenheitsjobs finanziell über Wasser halten. Die sowohl autobiografisch als auch archivalisch erstmals in dieser Zeit fassbar werdende Homosexualität Röhms wird von Hancock dabei unter der Überschrift “Human, All Too Human” abgehandelt. Eine systematische Integration dieses Persönlichkeitsfaktors in die Biografie Röhms unterbleibt.

Aus der Armseligkeit seiner zivilen Existenz sei Röhm dann Ende 1928 durch eine Berufung als Militärberater nach Bolivien gerettet worden. Eleanor Hancocks kurzer, aber eindrucksvoller Blick auf die zeitgenössische Militärberaterszene und ihre politische Bedeutung muss unzweifelhaft als das gelungenste Kapitel der Biografie angesprochen werden. Sie hat dazu erstmals auch umfangreiche Quellen aus bolivianischen Archiven ausgewertet.

Umso enttäuschender fällt danach jedoch der Teil des Buches aus, der sich mit Ernst Röhms Rolle als Stabschef der SA zwischen Januar 1931 und Juni 1934 beschäftigt. Problematisch ist das insbesondere deshalb, weil es gerade diese dreieinhalb Jahre sind, die Röhm zu einer geschichtsmächtigen Persönlichkeit werden ließen. Nur in einem Punkt lässt sich hier eine wichtige neue Information finden: Hancock arbeitet überzeugend heraus, dass Röhm schon bald nach seinem Amtsantritt als Stabschef der SA enge Kontakte zur Reichswehr etablierte und diese auch bis in seine letzte Lebensphase hinein beibehielt. Ansonsten findet man das, was über Ernst Röhm bereits bekannt ist, zuweilen auch deutlich weniger. Einige der wichtigsten Fragen, die in diesem Zusammenhang offen bleiben, sind die folgenden: Wieso holte Hitler eigentlich Röhm, trotz des Konflikts von 1925, vom bolivianischen Abstellgleis zurück ins Zentrum der deutschen Politik? Was war Röhms Erfolgsrezept bei der Vergrößerung der SA von sechzigtausend auf über vier Millionen junge Männer in nur rund vier Jahren – in der deutschen Geschichte ein singulärer Vorgang? Welche Rolle spielte Röhm konkret bei der Machteroberung durch die NS-Bewegung? War er wirklich nur Hitlers treuer Paladin, wie Eleanor Hancock postuliert? Was ist mit dem Röhm-Skandal, der 1931/32 die politische Landschaft in Deutschland erschütterte, bei Hancock jedoch nur en passent vorkommt? Gab es so etwas wie eine eigenständige Politik Röhms und worin bestand sie? Oder wollte Röhm nach dem Januar 1933 seine SA wirklich nur vor der politischen Abhalfterung schützen? Aber warum wurde er dann nicht von Hitler einfach mit abgehalftert, sondern auf so spektakuläre Weise ermordet? Worin bestand die „Krise“ konkret, von der im vierzehnten Kapitel zu lesen ist, die jedoch nirgendwo spezifiziert wird? Wo bleibt in der Darstellung die Röhm-Clique, die der passionierte „Netzwerker” und Seilschaften-Knüpfer Röhm etablierte und ohne die sich seine Aktivitäten schwerlich erklären lassen? Schließlich: Welche Ursachen hatte die Mordaktion des 30. Juni 1934 – und welche Folgen für die Geschichte des NS-Regimes? Eleanor Hancock beschreibt diese entscheidenden Tage aus der Perspektive des Bad Wiesseer Kurgastes, der an einem mittlerweile gar zu üppig gewordenen Bierbauch laborierte. Ob dies eine geeignete Perspektive auf den Vorgang ist, darf man nach der Lektüre bezweifeln.

Insgesamt sind dies zu viele unbeantwortete und zu wichtige ungestellte Fragen, um Eleanor Hancocks Biografie als umfassend oder gar als definitiv bewerten zu können – ungeachtet der neuen Informationen, etwa über Röhms Familiengeschichte oder seine Militärberatertätigkeit in Bolivien. Nicht nur die unwahre Apotheose des heroischen Soldatentodes macht sich unangenehm bemerkbar. Es ist vor allem das Bemühen, zwischen Röhm und Hitler eine möglichst große Distanz zu legen. So findet man schon über den Beginn der Beziehung beider nichts weiter als eine beiläufige Reminiszenz, und dort, wo die Beziehung dann unumgehbar thematisiert werden muss, taucht Ernst Röhm entweder als Opfer oder als reiner, etwas naiver Befehlsempfänger Hitlers auf. Beide Rollen sind jedoch Verzeichnungen der historischen Realität. Im Bemühen um die Dekonstruktion eines historischen Mythos ist hier unversehens ein neuer entstanden. Man wird Eleanor Hancock dabei keine Absicht unterstellen dürfen, schon gar keine böse. Aber man wird auch die historiografische Notwendigkeit zu einer eingehenderen Erforschung dieser für die deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert zentralen Biografie betonen müssen. Kurz: Dieses Buch kann allenfalls als Einstieg in die Thematik gelten. Die wissenschaftliche Biografie über Ernst Röhm muss nach wie vor noch geschrieben werden.

Anmerkungen:
[1] Ulrich Herbert, Best: Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft, 1903-1989, 3. Auflage, Bonn 1996.
[2] Ian Kershaw, Hitler, 2 Bände, Stuttgart 1998-2000.
[3] Michael Wildt, Generation des Unbedingten, Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes, Hamburg 2002.
[4] Peter Longerich, Heinrich Himmler, Biographie, München 2008.
[5] Peter Longerich, Die braunen Bataillone, Geschichte der SA, München 1989, S. 15.

Zitation
Hans Rudolf Wahl: Rezension zu: : Ernst Röhm. Hitler's SA Chief of Staff. Houndmills  2008 , in: H-Soz-Kult, 10.03.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-12035>.
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10.03.2009
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