B. Loewenstein: Der Fortschrittsglaube

Titel
Der Fortschrittsglaube. Geschichte einer europäischen Idee


Autor(en)
Loewenstein, Bedřich
Erschienen
Osnabrueck 2009: V&R unipress
Umfang
464 S.
Preis
€ 57,90
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Wolfgang Hardtwig, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Manche Bücher, die an sehr speziellem Ort erscheinen, hätten einen besseren Auftritt verdient. Das hier anzuzeigende Werk gehört dazu. Es ist eine Art Summe aus der lebenslangen wissenschaftlichen Arbeit von Beřich Loewenstein. Sein Feld ist eine unkonventionelle politische Ideengeschichte. Loewenstein ist – und das scheint fast zu locker formuliert – gewöhnt, sich an Grenzen und über Grenzen hinweg zu bewegen – biographisch zwischen Tschechoslowakei und Bundesrepublik, politisch und wissenschaftlich zwischen dem Kommunismus von Vor-Prager-Frühlingsobservanz, heimatlichem Berufsverbot und physischem und intellektuellem, naturgemäß nicht leichtem Fußfassen im Westen.

Loewenstein schreibt hier die Geschichte der „europäischen Idee“ des „Fortschrittsglaubens“. Dass es einen realen „Fortschritt“ gibt, auch jenseits des rein Wissenschaftlich-Technischen, steht für Loewenstein nicht infrage. Er selbst schließt nicht aus, dass in seiner Vorstellungswelt „Überbleibsel marxistischer Denkweise“ nachwirken, doch weist er völlig zu Recht kurzschlüssige Verbindungen zwischen Biographie und Denken zurück.

Über das Verhältnis von Idee einerseits und Wirklichkeit bzw. „Realgeschichte“ andrerseits sowie über die Frage der ultima causa von Handlungsimpulsen, vom Primat materieller oder geistiger Ursachen hält sich Loewenstein nicht auf. Man mag das als zu weitgehende Theorieabstinenz kritisieren. Das Vorgehen hat aber den großen Vorteil, dass es umstandslos zur Sache kommt. Im Zentrum des Buches steht die Deutung von Texten wichtiger Weichensteller in der Ideengeschichte. Diese Deutungen aber sind eingelassen in eine ebenso knappe wie kompetente Schilderung des gesellschafts- und kulturgeschichtlichen Kontextes. Dass Ideen sich nicht einfach „verwirklichen“, ist für Loewenstein selbstverständlich, er erfasst ihre Umformungen und immanenten Widersprüche, ihre institutionellen Stützen und Gegner, die Mit- und Gegendenker. Die Herausbildung des Humanismus etwa, die Durchsetzung der französischen Aufklärung oder die Entstehung des Ersten Weltkriegs sind in knappe, aber präzise Strukturanalysen der staatlich-gesellschaftlichen und kulturellen Zustände eingelassen.

Der Gang der denkerischen Ansätze, die Loewenstein unter dem Sammelbegriff des Fortschrittsglaubens – nicht eines hypothetischen Fortschritts an sich – zusammenfasst, erscheint höchst komplex. Vorangetrieben wird er durch unterschiedliche materielle, ideelle religiöse Bedürfnislagen der Menschen und ihrer Deutungen. Was dabei jeweils Henne, was Ei ist, bleibt offen. So kann eine vorwärtstreibende Erzählung entstehen, was bei ideengeschichtlichen Fragestellungen eher selten vorkommt.

Am Anfang, so Loewenstein – stehen Motive einer Öffnung zur Zukunft in griechischen Mythen und in der Geschichtsschreibung der Griechen, so etwa die Übertragung des Lebensaltersschemas auf Völker und Staaten, die Erfahrung von Distanz, welche die unreflektierte Beispielhaftigkeit der eigenen Welt produktiv bedroht. Hinzu kommen synchronisierende Kulturvergleichsperspektiven etwa bei Herodot und die Summierung von „Könnensbewusstsein“ (Christian Meier) in der griechischen Geschichtsschreibung, die aber jenseits des Berichts über zahllose Einzelheiten nicht hinausfindet zu einer Denkfigur für eine mögliche Eigendynamik von Handlungsmöglichkeiten. Im christlich-heilsgeschichtlichen Denken dagegen findet Loewenstein die Chance zur „Befreiung vom Immergleichen“, die Möglichkeit des Neuen durch pure Ereignishaftigkeit und Kontingenz des Geschehens – präfiguriert etwa schon in der Geschichte von Abraham und der verhinderten Opferung Isaaks.

In straffer Erzählung ist Loewenstein nach 51 Seiten bei den eigentlichen „Bausteinen der Moderne“ angelangt, der humanistischen Wesensbestimmung des Menschen durch die vita activa, dem Modernisierungspotential in Luthers Verlagerung der Religion ins Einzelgewissen und der beginnenden Entzauberung der Welt durch die Austreibung „der Magie als Heilmittel“ (Max Weber). Mit ausgeprägtem Sinn für die Heteronomie der Zwecke und für geschichtliche Kontingenz verfolgt Loewenstein dann durch die neuzeitlichen Jahrhunderte hindurch, wie sich aus den verschiedensten Ursachen Vorstellungen des Verbessernmüssens und des Machenkönnens herauskristallisieren, wie sich – wesentlich unter dem disziplinierenden Druck rivalisierender Staaten und Konfessionen – Mentalitäten wandeln, wie die Herausbildung von Kapitalismus, weltwirtschaftlicher Verflechtung und Machthunger der Staaten zur Praxis einer Verbesserung der Lebensbedingungen in Europa beitrugen. Während der Glaube an solche Verbesserbarkeit der Welt in seiner europäischen Herkunftsregion brüchig geworden ist – so deutet Loewenstein die globalgeschichtliche Perspektive an – haben sich ihn die Länder der Dritten Welt angeeignet.

Nachdem Loewenstein dann der Dialektik von wachsender Zukunftsgewissheit und Machtmissbrauch im Zeitalter von Aufklärung und Revolution in ihren zahlreichen Varianten nachgegangen ist, erzählt er – und hier liegt der Schwerpunkt des ganzen Buches – die Dynamisierung des Fortschrittsglaubens im Wechselspiel von revolutionärer Zukunftserwartung und Wissenschaftsglaube, von technischer Innovation und industrieller Produktion, von staatlichem Machtstreben und den individuellen Geschichts- und Zukunftsdeutungen der Meisterdenker zwischen Kant und Darwin, Hegel und Marx.

Ein ausgedehnter „Rückblick auf das 20. Jahrhundert“ geht den moralisch so ambivalenten Fortschrittsvorstellungen – und Hoffnungen schwerpunktmäßig in den Perspektiven technokratischer Fortschrittsmodelle „im Paradigma des Krieges“ und im „Mythos Revolution“ nach. Hier stehen dann definitiv „Meisterdenker“ im Vordergrund, von H. G. Wells’ „Luftkrieg“ von 1908, dem Ingenieursdenken von Frederick Taylor und der Rationalisierungstheorie Max Webers über Walther Rathenau und natürlich Ernst Jünger und Oswald Spengler bis zu Georges Sorel einerseits, Georg Lukacz und Ernst Bloch andererseits, wobei auch die theoretisierenden Täter Lenin und Trotzki nicht zu kurz kommen. Dass die „Spannungen und Ambivalenzen der Moderne“ vielfach nicht, wie Max Weber forderte, „ertragen“ wurden, sondern sich in „ideologischen Reduzierungen und mehr oder weniger kurzschlüssigen Rezepten“ niederschlugen, macht Loewenstein beredt deutlich. Loewenstein will mit seinem Buch einerseits die Entstehungszusammenhänge der Fortschrittsentwürfe herausarbeiten und andererseits ihre sinnstiftende, projektive Funktion deutlich machen. Dies ist ihm sehr überzeugend gelungen.

Zitation
Wolfgang Hardtwig: Rezension zu: : Der Fortschrittsglaube. Geschichte einer europäischen Idee. Osnabrueck  2009 , in: H-Soz-Kult, 24.02.2012, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-12789>.
Redaktion
Veröffentlicht am
24.02.2012
Redaktionell betreut durch
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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