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Titel
Technikgeschichte. Eine Einführung in ihre Konzepte und Forschungsergebnisse


Autor(en)
König, Wolfgang
Erschienen
Stuttgart 2009: Franz Steiner Verlag
Umfang
264 S.
Preis
€ 21,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Hänseroth, Institut für Geschichte, Technische Universität Dresden

Aus dem über lange Jahrhunderte zurückzuverfolgenden Interesse an der Geschichte der Technik entwickelte sich in der Bundesrepublik erst seit den 1970er-Jahren eine historische Teildisziplin. Dies mag mit erklären, weshalb, abgesehen von Beiträgen in Handbüchern, gedruckte deutschsprachige Einführungen in die Technikgeschichte geraume Zeit schlicht nicht vorlagen. Mehrere jüngst publizierte Studien mit einführendem Charakter suchen diesem Mangel abzuhelfen.[1]

Wolfgang König, der sich dieser Aufgabe doppelt stellte[2], hat einen Adressatenkreis oberhalb des Anfängerniveaus im Blick, namentlich Studierende, Historiker anderer Spezialisierungen, Angehörige anderer Disziplinen und in der Technikgeschichte wissenschaftlich Arbeitende (S. 7). Der flüssig geschriebene Band gliedert sich in drei Kapitel. Die ersten beiden enthalten auf rund 100 Seiten systematisch orientierte Darstellungen. Im dritten Kapitel werden auf wiederum etwa 100 Seiten exemplarisch empirische Linien der Technikgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts gezogen. Die Kapitel und Unterkapitel sind eigenständig, weisen aber zahlreiche Querbezüge auf. Im Ergebnis erschließen sich einige der erörterten Themenfelder erst hinreichend in der Zusammenführung, manch andere werden wiederholt expliziert. Letzteres – sicher auch dem Umstand geschuldet, dass König ausgiebig aus seinen früheren Publikationen schöpft – werden eher selektiv Lesende schätzen. Das Werk ist über ein Namens- und Sachregister zu erschließen und verfügt über eine ausführliche Bibliografie.

Im ersten Kapitel erörtert König nach einführenden Betrachtungen zum menschheitsgeschichtlichen Stellenwert der Technik den Sitz von Technik und Technikgeschichte in den Technik-, Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften aus historischer und aktueller Perspektive. Deutlich wird, dass Technik in den Sozial- und Geisteswissenschaften überwiegend marginalisiert bzw. unterkomplex behandelt worden ist. Als Fazit wird formuliert, dass von interdisziplinärer Technikforschung bislang kaum die Rede sein könne. Am Schluss folgt eine Skizze zur Genese der Technikgeschichte: Während ihr institutioneller Durchbruch als artefaktbezogene "Technikgeschichte der Ingenieure" um 1900 erfolgt sei, habe sich seit den 1960er-Jahren allmählich eine "Technikgeschichte der Historiker" durchgesetzt.

Das ohne räumliche Schwerpunktsetzung ausgeflaggte Kapitel fokussiert stark den deutschsprachigen Wissenschaftsraum bzw. nach 1945 den der Bundesrepublik. Damit fallen wesentliche Entwicklungslinien, die teilweise zwangsläufig in Kapitel zwei Erwähnung finden, unter den Tisch. Dies gilt auch für die Skizze zur Geschichte der Technikgeschichte (S. 44 ff.), die sowohl auf internationale Bezüge verzichtet als auch den anderen deutschen Staat ausblendet[3]. Letzteres kann man als Ergebnis normativ geleiteter Autorenmeinung tolerieren. Irritierend ist dann freilich, dass so ein nicht unwesentliches Movens des Aufschwungs bundesdeutscher Technikgeschichte in den 1970er-Jahren verborgen bleibt. Wurde dieser doch auch von der Absicht getragen, marxistisch geleiteter DDR-Technikgeschichte – Gleitsmann et al. attestieren ihr sogar geraume Zeit "Deutungshoheit im Bereich der deutschen Technikgeschichtsschreibung"[4] – überzeugende Alternativen entgegenzusetzen.

Der Abschnitt über die Beziehung der Geschichtswissenschaft zu Technik und Technikgeschichte rekurriert ebenfalls auf einige wirkungsmächtige historiografische Paradigmen und Konzepte. Explizite konzeptionelle Ausführungen zu auch von Technikhistorikern mit unterschiedlicher Intensität und Ausbeute rezipierten neueren geschichtswissenschaftlichen Trends, zum Beispiel gender-, diskurs-, bild-, raum- und objektkulturanalytische Ansätze oder Konzepte der Global-, Verflechtungs- und transnationalen Geschichte sowie Infrastrukturgeschichte, finden sich jedoch weder hier noch an anderer Stelle. Davon hätten auch Studierende profitieren können, die technikhistorischen Lehrangeboten im Rahmen geschichtswissenschaftlicher Studiengänge begegnen. Schließlich werden manche Leser auch Bezüge zu benachbarten Gebieten wie Denkmalpflege und Industriearchäologie oder Industrie- und Technikmuseen vermissen.

Das zweite Kapitel stellt, ausgehend von einer Diskussion der Schlüsselbegriffe "Technik", "Invention" und "Innovation", zahlreiche, vornehmlich aus den Sozial-, Wirtschafts- und Kulturwissenschaften abgeleitete Theorieangebote und Konzepte vor. Als Stichworte seien genannt: Innovationssysteme, Innovationskulturen, Technikstile, Technikdeterminismus, Sozialkonstruktivismus, Vermittlungen zwischen Technik und Gesellschaft, Fortschritt, Modernisierung, Revolution und Evolution. Im Interesse eines reflektierten Umgangs mit den Konzepten werden jeweils Genese und Rezeption sowie Stärken und Schwächen fokussiert. Auch wenn mindestens die Professionals der Technikgeschichte oft einen hohen Wiedererkennungswert konstatieren werden, diskutiert König in summa den State of the Art kenntnisreich. Dass er den Anspruch, sine ira et studio zu verfahren, nicht immer durchhält, mag nicht verwundern. Abgesehen von gelegentlich aufscheinender Distanz zu kulturwissenschaftlichen Ansätzen gilt dies ersichtlich für das Konzept der "Social Construction of Technology" (SCOT). Gleichwohl hat SCOT wie kaum ein anderes Konzept in den vergangenen Jahrzehnten zumindest intensive Theorien- und Methodendebatten auch innerhalb der deutschsprachigen Technikgeschichte initiiert, die wiederum die artefaktzentrierte Ereignisgeschichte endgültig obsolet werden ließen.

Im letzten, empirisch orientierten Hauptkapitel werden exemplarisch Themen, Forschungsdebatten und -erträge der Technikgeschichte der westlichen Welt im Zeitraum von der Industriellen Revolution bis zur Gegenwart mit dem Fokus auf Deutschland, Großbritannien und den USA erörtert. Im ersten Teil geht es um die "Technik in der Industriegesellschaft" in Verknüpfung von systematisch-strukturellen (Industrielle Revolution, Krieg und Technik, Ingenieure etc.) mit technischen Gegenständen (Mechanisierung in der Textilindustrie, Maschinenbau, Kohle und Stahl, Transport und Kommunikation etc.). Im zweiten Teil des Kapitels fasst König seine Arbeiten zur "Technik in der Konsumgesellschaft" zusammen.[5] Hier kommen Wurzeln des Wohlstands, energetische Grundlagen, die Stadt als Technotop, Mobilität (unter Engführung auf Verkehrstechnik[6]), Massenmedien und abschließend "ungewisse Zukünfte" im Dreieck von Technik, Umwelt und Konsum (mit dem Befund, die Grenzen der Konsumgesellschaft seien erreicht) zur Sprache. Am Schluss des Kapitels wird diskutiert, ob sich aus der Technikgeschichte lernen lasse. König beantwortet die damit auch gestellte Frage nach dem "Nutzen" des Faches in einer von Technik geprägten Zeit erwartungsgemäß positiv, gleichwohl reflexiv abwägend und lässt zum Beispiel keinen Zweifel daran, dass weitgehende Steuerungsintentionen der Technikpolitik respektive deren Beratungsgremien mit einer kritischen Technikgeschichte nicht zusammenpassen.

Aufs Ganze gesehen gibt Wolfgang König dem Leser ein verlässliches Werk an die Hand, das den für komprimierte Überblicksdarstellungen gebotenen Mut zu Auslassungen und Vereinfachungen aufbringt. Insofern hieße es beckmesserisch zu verfahren, auf mögliche alternative Schwerpunktsetzungen und vermeidbare Allgemeinplätze hinzuweisen. Ebenso lässt die Fülle erörterter Themenfelder nicht erwarten, unter den reichlichen Literaturhinweisen jeweils die neuesten Standardwerke zu finden, wobei gelegentlich eine Aktualisierung für weitere Auflagen wünschenswert wäre, zum Beispiel stammt die jüngste zum Themenkreis "Geschichte der Technikakzeptanz" angeführte Literatur von 1993 (S. 211).

König zeigt, dass die Technikgeschichte eine lebendige, diskussionsfreudige, zahlreichen benachbarten Disziplinen gegenüber offene und mit diesen fruchtbaren Austausch suchende Subdisziplin der Geschichtswissenschaft geworden ist, und macht dabei auch Ausdifferenzierung und Wandel von Erkenntnisinteressen, Forschungsansätzen und -themen auf mehreren Ebenen deutlich. Leser mit Interesse an der Einordnung und Geschichte dieses Faches, einer sortierten "Werkzeugkiste" seiner Methoden und sinnstiftenden Konzepte sowie einem Überblick über Fragestellungen, Forschungsfelder und -erträge für die Zeit des 19. und 20. Jahrhunderts werden den Band mit Gewinn lesen.

Anmerkungen:
[1] Neben dem zu besprechenden Werk: Rolf-Jürgen Gleitsmann / Rolf-Ulrich Kunze / Günther Oetzel, Technikgeschichte: Eine Einführung, Konstanz 2009; Christian Kleinschmidt, Technik und Wirtschaft im 19. und 20. Jahrhundert (Enzyklopädie deutscher Geschichte 79), München 2007 (vgl. die Rezension von Ulrich Wengenroth, in: H-Soz-u-Kult, 02.03.2007, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-1-147> (21.09.2010); Wolfgang König (Hrsg.), Technikgeschichte (Basistexte Geschichte 5), Stuttgart 2009.
[2] König (Hrsg.), Technikgeschichte.
[3] Vgl. dazu u. a. Gleitsmann et al., Technikgeschichte, S. 157 ff., 260 ff.; Thomas Hänseroth, Eine Gründungsschrift der Technikwissenschaftsgeschichte in Deutschland. Kommentar zu Gisela Buchheim: Zur Wechselwirkung von Naturwissenschaften und Technikwissenschaften in ihrer historischen Entwicklung (1978), in: NTM. Zeitschrift für Geschichte der Wissenschaften, Technik und Medizin N. S. 18 (2010), S. 409-420; Rolf Sonnemann, Das Konzept der Geschichte der Produktivkräfte in der DDR-Geschichtswissenschaft, in: Dresdener Beiträge zur Geschichte der Technikwissenschaften 24 (1996), S. 1-19; Ulrich Troitzsch, Technikgeschichte, in: Hans-Jürgen Goertz (Hrsg.), Geschichte. Ein Grundkurs, 3. rev. und erw. Aufl., Reinbek bei Hamburg 2007, S. 431-446, hier S. 436 ff.; Wolfhard Weber / Lutz Engelskirchen, Streit um die Technikgeschichte in Deutschland 1945-1975, Münster 2000, hier S. 105 ff., 167 ff., 299 ff.
[4] Gleitsmann et al., Technikgeschichte, S.158.
[5] Wolfgang König, Geschichte der Konsumgesellschaft, Stuttgart 2000; Ders., Kleine Geschichte der Konsumgesellschaft. Konsum als Lebensform der Moderne, Stuttgart 2008.
[6] Zur Entwicklung eines weiter gefassten Mobilitätskonzepts aus technikhistorischer Perspektive vgl. zum Beispiel Heike Weber, Das Versprechen mobiler Freiheit. Zur Kultur- und Technikgeschichte von Kofferradio, Walkman und Handy, Bielefeld 2008, S. 12 ff.

Zitation
Thomas Hänseroth: Rezension zu: : Technikgeschichte. Eine Einführung in ihre Konzepte und Forschungsergebnisse. Stuttgart  2009 , in: H-Soz-Kult, 30.09.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-13754>.
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Veröffentlicht am
30.09.2010
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