D. Zilch: Millionen unter der blauen Fahne

Cover
Titel
Millionen unter der blauen Fahne. Die FDJ – Zahlen, Fakten, Tendenzen 1946 bis 1989. Unter besonderer Berücksichtigung der Funktionäre und der Mädchenpolitik


Autor(en)
Zilch, Dorle
Erschienen
Berlin 2009: Trafo Verlag
Umfang
461 S.
Preis
€ 59,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jörg Roesler, Leibniz-Sozietät Berlin

Die FDJ hat bereits in den ersten Jahren nach der Wende die Aufmerksamkeit der zeithistorischen Forschung auf sich gezogen. Dabei überwogen zunächst populäre Gesamtdarstellungen.[1] Das Buch von Dorle Zilch versteht sich als zweiter Band einer überwiegend quantitativen Analyse der einzigen offiziell zugelassenen Jugendorganisation der DDR.[2] Ging es im 1994 erschienenen ersten Band vornehmlich um die Mitgliederbewegung, so behandelt der zweite die strukturellen Entwicklungen innerhalb der FDJ. In vier Kapiteln werden die Geschlechterstruktur, die Altersstruktur, die Sozialstruktur und die politische Struktur (Zugehörigkeit zur SED, den Blockparteien bzw. anderen Massenorganisationen) getrennt nach Mitgliedern und Funktionären behandelt.

Eine ausführlichere Darstellung in entsprechenden Unterkapiteln erfahren Themen wie die Fluktuation unter den Funktionären, die politische Bildung der FDJ-Leitungskader und die „Mädchenpolitik in der FDJ“, die auf die Frauenemanzipation unter den Bedingungen der DDR gerichtet war. Der Kern ihrer Aktivitäten richtete sich auf die Durchsetzung der gesetzlich garantierten Rechte der Mädchen und Frauen. Wert gelegt wurde im Rahmen der Mädchenpolitik auf die Initiierung von losen Gruppen (zum Beispiel Klub junger Mädchen), in denen einerseits an die besonderen Interessen und Bedürfnisse der weiblichen Jugend, z. B. Sexualaufklärung, Säuglingspflege, Mode, Kosmetik, Ehe, Liebe) angeknüpft wurde und andererseits politische, ökonomische und berufliche Probleme thematisiert wurden. So sollten sich die Klubs mit Themen wie „Die Rolle der Frau beim Aufbau des Sozialismus“, „Gesetze zur Gleichberechtigung und Verbesserung der Lebenslage der Frau in der DDR“, „Die sozialistische Arbeitsmoral“, „Frau und Berufstätigkeit“ bzw. „Die Rolle und Perspektive der Frau bei der sozialistischen Umgestaltung der Landwirtschaft“ auseinandersetzen.

Drei Viertel des Buches bestehen aus die Thematik behandelnden 319 Statistiken aus DDR-Zeiten. Das mag den Leser vielleicht erstaunen, denn ostdeutsche Statistiken genießen keinen guten Ruf. Unmittelbar nach der friedlichen Revolution und dem Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft im Juli/August 1990 wurden gefälschte DDR-Statistiken dafür verantwortlich gemacht, dass die beiden deutschen Regierungen auf einen derartigen wirtschaftlichen Niedergang nicht vorbereitet waren. Die Zahlenangaben der Statistischen Zentralverwaltung der DDR wurden einer strengen Überprüfung durch das Statistische Bundesamt Wiesbaden unterzogen, die im April 1991 abgeschlossen werden konnte. Das Ergebnis: Die DDR-„Statistik zeichnete im wesentlichen die Realität nach“.[3] Die Begründung für das überraschende Ergebnis ist höchst einleuchtend: Die Daten wurden ermittelt, um sie für die Planung der weiteren Entwicklung der DDR-Volkswirtschaft zu verwenden. Hätte man sie gefälscht, hätte man sich selbst geschadet.

Die Zahlenangaben über die Mitgliederstruktur der FDJ hat Dorle Zilch aus den Akten des FDJ-Archivs (und dem des ZK der SED), heute Bestandteil der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, gewonnen. Sie beziehen sich nicht nur auf die Republiks- , sondern auch die Bezirks- bzw. Länderebene. Abgesehen von relativ wenigen, vor allem aus propagandistischen Gründen veröffentlichten Zahlen, unterlagen die Daten zur Mitgliederbewegung und -struktur der FDJ strenger Geheimhaltung. Sie wurden – anders als die einiger anderer Massenorganisationen, zum Beispiel der Jungpioniere – nicht einmal in Auszügen im Statistischen Jahrbuch veröffentlicht.[4] Nur einem ausgewählten kleinen Personenkreis zugänglich, dienten die Daten den Top-Funktionären der FDJ als Grundlage für Leitungsentscheidungen. Mit anderen Worten und analog zu den Statistiken zur Wirtschaftsentwicklung: Hätte man die Daten gefälscht, hätte man sich selbst geschadet.

Das heißt nicht, schreibt Dorle Zilch, dass man die Statistiken unkritisch übernehmen kann. In den 1950er-Jahren ergaben sich Probleme bei der exakten statistischen Erfassung durch die ab 1952 vollzogene Anpassung der Regionalstruktur der FDJ-Leitungen, die bis dahin auf der Basis von 6 Ländern beruhte, an die von 15 Bezirken. Außerdem standen der Autorin – mit geringen Ausnahmen – Angaben über die FDJ-ler in den „Bewaffneten Organen“, vor allem der Nationalen Volksarmee, für ihre Strukturuntersuchungen nicht zur Verfügung. Darüber hinaus sind auf Grund des im Laufe der Jahre wiederholt wechselnden Interesses der FDJ-Führung statistische Erhebungen abgebrochen bzw. neu aufgenommen worden. „Lange Reihen“ über drei bis vier Jahrzehnte sind deshalb äußerst selten zu finden.

Das mit einer Vielzahl von Tabellen unterlegte Ergebnis von Dorle Zilchs Untersuchungen über die Geschlechtsstruktur weist interessante Ergebnisse auf: Mitte der 1980er-Jahre gehörten etwa zwei von drei Jungen und drei von vier Mädchen der DDR dem Jugendverband an. Eine 1991 durchgeführte repräsentative Befragung offenbarte, dass bei den Mädchen mehr als bei den Jungen Anpassung an gesellschaftliche Normen, aber auch stärker Mitläufertum und Gewohnheitsdenken – die FDJ-Mitgliedschaft war Teil einer „normalen“ DDR-Biographie – ausgeprägt waren. Bei den Funktionären waren die weiblichen Mitglieder des Jugendverbandes dagegen unterrepräsentiert; je höher die Ebene, desto geringer der Anteil weiblicher Mitglieder. „Allgemeine Verhaltensmuster zwischen Frau und Mann spiegelten sich auch im Jugendverband wieder bzw. wurden bereits im Jugendalter praktiziert“, kommentiert Dorle Zilch dieses Ergebnis (S. 31). Die Mädchenpolitik der FDJ, die in den ersten anderthalb Jahrzehnten nach der Verbandsgründung doch zu beachtlichen Ergebnissen bei der Überwindung der Männerdominanz aus „vorsozialistischen Zeiten“ führte, hat ihr propagiertes Ziel – vollständige Emanzipation der weiblichen Jugend im Verband und in der DDR-Gesellschaft nicht erreicht.

Neben dem „Abriss der Mädchenpolitik“ bringt der Abschnitt über die Fluktuation unter den Funktionären viel Interessantes und Neues: Die Statistik offenbart eine hohe Fluktuation unter den hauptamtlichen Sekretären der FDJ-Grundorganisationen. Die Mehrzahl der ausgeschiedenen Sekretäre übernahm während der 1980er-Jahre nicht – wie man in Ableitung vom oft wiederholten Slogan von der FDJ als „Kampfreserve der SED“ vermuten könnte, Funktionen im Staats- und Parteiapparat, sondern in den Leitungen der Betriebe. Als Hauptgründe für ihren Arbeitsplatzwechsel gaben die Funktionäre in der Rangfolge selbst an: 1. Hoher zeitlicher Aufwand; 2. Leistungsdruck und mangelnde Erfolgserlebnisse; 3. zu geringer Verdienst; 4. schlechte Personalarbeit: An siebenter und letzter Stelle standen „unzureichende Befähigung und Qualifizierung für die Funktion“ (S. 71).

Bei der Behandlung der Zahlenangaben über die 1980er-Jahre, genauer der zweiten Hälfte, bringt Dorle Zilch den Leser insofern in Bedrouille, als sie bereits in der Einleitung schreibt, dass „ab 1985 mit großer Wahrscheinlichkeit bewusste Manipulationen an den Daten erfolgten.“ (S. 20) Nachweisen kann sie dies nicht. Plausibel ist eine derartige Manipulation aus den geschilderten Gründen auch nicht. Dagegen spricht auch, dass sich – jedoch erst ab 1988 – aus den im Buch einsehbaren internen Statistiken ein Rückgang der Organisiertheit der Jugendlichen in der FDJ und der FDJ-Funktionäre in der SED erkennen lässt. Allerdings war dieser Rückgang nicht dramatisch. Wahrscheinlich war in der FDJ Ende der 1980er-Jahre die Stimmung schlechter als die mit statistischen Mitteln verifizierbare (Organisations-) Lage.

Insgesamt handelt es sich bei dem von Dorle Zilch vorgelegten Band bisher in diesem Umfang unbekannter Statistiken[5] um ein unentbehrliches Hilfsmittel für die Untersuchungen sowohl zu den Themen „Herrschaft“ als auch „Alltag“ in der DDR. Das Buch kann bei allen Untersuchungen zu Rate gezogen werden, in denen Jugendliche eine geringere oder größere Rolle spielten. So enthält zum Beispiel der Band allein 31 Statistiken, die für die Entwicklung der Brigadebewegung der DDR aufschlussreich sind. Sie sind der Struktur und Entwicklung der Jugendbrigaden gewidmet.

Anmerkungen:
[1] Ulrich Mählert / Gerd-Rüdiger Stephan, Blaue Hemden – Rote Fahnen. Die Geschichte der Freien Deutschen Jugend, Opladen 1996.
[2] Dorle Zilch, Millionen unter der blauen Fahne. Die FDJ: Zahlen – Fakten – Tendenzen. Mitgliederbewegung und Strukturen in der FDJ-Mitgliedschaft von 1946 bis 1989. Bd. 1, Mitgliederbewegung der FDJ von 1946 bis 1989, Rostock 1999.
[3] Statement des Präsidenten des Statistischen Bundesamtes, Egon Hölder, in: Untersuchung zur Validität der statistischen Ergebnisse für das Gebiet der ehemaligen DDR, Ergebnisbericht, Wiesbaden April 1991, S. 2.
[4] Vgl. z. B. Statistisches Jahrbuch der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1989, S. 410ff.
[5] Bereits zuvor ist erschienen: Edeltraud Schulze (Hrsg.), DDR-Jugend. Ein statistisches Handbuch, unter Mitarbeit von Gert Noack, Berlin 1995.

Zitation
Jörg Roesler: Rezension zu: : Millionen unter der blauen Fahne. Die FDJ – Zahlen, Fakten, Tendenzen 1946 bis 1989. Unter besonderer Berücksichtigung der Funktionäre und der Mädchenpolitik. Berlin  2009 , in: H-Soz-Kult, 21.05.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-13781>.
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21.05.2010
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