J. Hamelmann: Sozialräumliche Strukturen der Rostocker Altstadt

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Titel
Nikolai arm, Petri – Gott erbarm?. Sozialräumliche Strukturen der Rostocker Altstadt im Spätmittelalter


Autor(en)
Hamelmann, Julia
Erschienen
Münster 2009: LIT Verlag
Umfang
387 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Doris Bulach, Deutsche Kommission für die Bearbeitung der Regesta Imperii, München

Die Druckfassung der in Münster eingereichten Dissertation von Julia Hamelmann ist die dritte große Studie, die bisher mit einer dezidiert sozialtopographischen Fragestellung zu Städten des Ostseeraumes verfasst wurde.[1] Neben Einblicken in die Stadtstruktur Lübecks und Greifswalds um 1400 sind nun vergleichende Betrachtungen zumindest mit einer der drei mittelalterlichen Teilstädte Rostocks, der Altstadt, möglich, denn auch bei dieser Arbeit wurde ein spätmittelalterlicher Untersuchungszeitraum (1378 bis 1418) gewählt. Zugleich bietet die Arbeit eine Brücke hin zu dem bearbeiteten und edierten frühneuzeitlichen Rostocker Grundregister, das jedoch für die Gesamtstadt, bestehend aus Alt-, Mittel- und Neustadt, vorliegt.[2]

Ziel der Studie von Julia Hamelmann ist „ein sozialräumlicher Plan der Rostocker Altstadt, um anhand des rekonstruierten Grundrisses sowie einer Annäherung an das Grundstücksgefüge die Frage nach der Raumgestaltung und de[n] gesellschaftlichen Verflechtungen zu klären“ (S. 32). Als Grundlage hierfür zieht Hamelmann aus der dichten Rostocker Überlieferung das erste vollständig erhaltene Steuerregister heran, das mit dem Jahr 1378 beginnt, und erweitert dessen Aussagemöglichkeit durch Hinzuziehung des ersten systematisch nach den Teilstädten geordneten Hausbuches, in das alle Grundstücksgeschäfte der Stadt eingetragen wurden. Dies beginnt rund zwanzig Jahre später als das Steuerregister und schließt mit dem Jahr 1418 ab, wodurch das Ende des Untersuchungszeitraumes markiert wird. Wegen der „beachtlichen Menge des Quellenmaterials“ beschränkt sich Hamelmann in ihrer Arbeit auf die Analyse des Materials für nur eine Teilstadt. Dadurch wird ein Ausschnitt aus allen Stadtbewohner/innen erfasst; Aussagen über sozialräumliche Strukturen für die Gesamtstadt sind nicht möglich.

Neben einem ausführlichen Kapitel zur Quellenbeschreibung (S. 41–72) und zu „bauliche[n] Aspekten einer mittelalterlichen Ostseestadt“ (S. 73–89) stellt Hamelmann ein weiteres zu „Strukturen der Gesamtstadt“ (S. 91–105) an den Beginn ihrer Arbeit, in dem anhand des edierten Steuerumgangs für das Jahr 1382 Tendenzen in den Vermögensverhältnissen der drei Teilstädte aufgezeigt werden, unter besonderer Berücksichtigung von steuernden Frauen.

Anschließend leitet das Kapitel „Zur Raumgliederung der Altstadt“ (S. 107–134) über zum Hauptteil der Arbeit, der „Analyse der Altstädter Straßen“ (S. 135–324). Unterbrochen von zwei Exkursen (zu „Badestuben und Heringshäuser[n]“ sowie zu den "Provisoren von St. Nikolai und St. Petri"), werden dabei zwanzig Straßen und ihre Bewohner/innen und Örtlichkeiten näher beleuchtet. Zu Beginn dieser Unterkapitel stehen Erläuterungen zu Straßennamen, markanten Gebäuden, namengebenden, dort ausgeübten Tätigkeiten sowie zu besonders hervorzuhebenden Besitzerwechseln. Abgeschlossen werden sie jeweils durch eine Tabelle, die für die einzelnen Jahre die Anzahl der ermittelten Steuerpflichtigen, deren aufgebrachte Gesamtsteuersummen und Hinweise auf dort gelegene Keller oder Buden angibt. Dabei ist jedoch nur summarisch etwas über die Bewohner/innen der Altstadt zu erfahren, abgesehen von einzelnen herausgehobenen Persönlichkeiten. Hier wäre die Beigabe einer CD mit zumindest einem Teil des aufgenommenen Datenbankmaterials, gerade was die steuernden Personen und ihre Namen betrifft, unbedingt sinnvoll gewesen. Diese für zahlreiche Fragestellungen bedeutsamen Daten, die Hamelmann für ihren Untersuchungszeitraum zweifellos für die Altstadt vollständig aufgenommen hat, sind so für die Forschungsöffentlichkeit bedauerlicherweise nicht zugänglich.

Bei der zeitlich breit angelegten Analyse der Altstädter Straßen bestätigen sich die schon im Steuerumgang von 1382 sichtbar werdenden Tendenzen: Die höchsten Steuerleistungen erbrachten die Bewohner im Umkreis der Mühlenstraße und des „Altstädter Schildes“ sowie diejenigen des so genannten „Gerberbruchs“, in dem überwiegend Gerber ihrem Handwerk nachgingen. Dass in diesen Straßen die vermögendsten Bewohner der Altstadt lebten, zeigen auch die Hausbücher: Die entsprechenden Straßen waren kaum mit Buden, sondern mit repräsentativen Giebelhäusern bebaut. Hier lebten auch die zwei bis drei Provisoren der Nikolaikirche, also die Verwalter der Kirchenfabrik.

Prägend für die Altstadt waren neben den Gerbern, aus deren Reihen im Untersuchungszeitraum immer einer der Provisoren der Nikolaikirche stammte, weitere Handwerker. Neben den elf Mühlen des Mühlendammes und zahlreichen Backhäusern im Umkreis der Mühlenstraße lagen im gering steuernden Küterbruch städtische und private Schlachthäuser. Dessen Bewohner/innen, darunter auffallend viele Witwen und alleinstehende Frauen, fanden ihren Lebensunterhalt offenbar im Zusammenhang mit der Viehschlachtung (S. 237). Im Fischerbruch lebten und arbeiteten die so genannten Bruchfischer und auch in der Wollenweberstraße wohnten im Untersuchungsraum nachweislich zahlreiche Wollweber (S. 266f.); anders in der Böttcherstraße, in der im Spätmittelalter wahrscheinlich keiner der namengebenden Handwerker mehr ansässig war (S. 293).

Eine Zusammenfassung der Studie, Verzeichnisse zu Tabellen, Abbildungen, Quellen und Literatur und die Edition des Schoßregisters der Altstadt für das Jahr 1388–1389 mit einer nach Straßen geordneten Steuertabelle runden die klar gegliederte und sorgfältig gearbeitete Studie ab. Ein Örtlichkeits- und Personenregister fehlt leider ebenso wie Karten, die die Ergebnisse der Studie veranschaulichen hätten können.

Ein sinnvoller Vergleich mit anderen Städten des lübischen Rechtskreises, darauf weist Hamelmann selbst hin, ist allein mit der Altstadt nicht möglich, sondern erst nach einer Analyse der Gesamtstadt sinnvoll. Da Hamelmann dies wegen der umfangreichen Quellenlage nicht selbst in Angriff nehmen konnte, bleibt also nur zu hoffen, dass diese Lücke bald geschlossen wird.

Insgesamt bietet diese Studie zur Sozialtopographie der Rostocker Altstadt tiefe Einblicke in eine der Teilstädte, deren Bewohner/innen mitnichten „arm“ und „erbarmungswürdig“ waren, wie der an einen „alte[n] Rostocker Spruch“ (S. 36) angelehnte Titel fragt. Zwar wies die Altstadt weit weniger Prestige und Finanzkraft auf als die Mittelstadt, in der nach der Zusammenlegung der drei Städte nach 1262 auch das gemeinsame Rathaus und der Markt lagen, dafür war hier das soziale Gefälle weit weniger ausgeprägt, wie Hamelmann eindrücklich zeigt. Der Reihe, in der die hier besprochene Arbeit erschienen ist, dies sei abschließend in Richtung des Verlages kritisch angemerkt, wäre eine bessere Bindung und ein ansprechenderes Layout zu wünschen.

Anmerkungen:
[1] Rolf Hammel, Hauseigentum im spätmittelalterlichen Lübeck. Methoden zur sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Auswertung der Lübecker Oberstadtbuchregesten, Bonn 1987; Karsten Igel, Zwischen Bürgerhaus und Frauenhaus. Stadtgestalt, Grundbesitz und Sozialstruktur im spätmittelalterlichen Greifswald, Köln 2010 (im Druck).
[2] Ernst Münch (Hrsg.), Das Rostocker Grundregister (1600–1820), Bd. 1–3, Rostock 1999.

Zitation
Doris Bulach: Rezension zu: : Nikolai arm, Petri – Gott erbarm?. Sozialräumliche Strukturen der Rostocker Altstadt im Spätmittelalter. Münster  2009 , in: H-Soz-Kult, 19.05.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-13851>.