A. Rödder: Deutschland einig Vaterland

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Titel
Deutschland einig Vaterland. Die Geschichte der Wiedervereinigung


Autor(en)
Rödder, Andreas
Erschienen
München 2009: C.H. Beck Verlag
Umfang
490 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Konrad H. Jarausch, Department of History, University of North Carolina

Jubiläen machen Geschichtspolitik, indem sie einige Interpretationen unterstützen, andere verwerfen. Die öffentlichen Feiern des 20. Jahrestages von 1989/90 brachten nicht nur eine Kette von Geschichtsforen, Konferenzen, Ausstellungen und Festakten hervor, sondern führten auch zur Publikation von Dutzenden von Büchern, die von Bildbänden über Memoiren bis zu Monographien reichten. Durch die Beschreibung der dramatischen Ereignisse erinnerte diese historische Eventkultur an die Emotionen der Massenflucht und des demokratischen Aufbruchs – aber sie brachte erstaunlich wenig neue Analysen des Geschehenen hervor. Indem sie die Zweifel der Kritiker der Vereinigung durch den Applaus der Festlichkeiten übertönte, gelang es der Zusammenarbeit von CDU geführter Bundesregierung und ehemaliger DDR-Opposition die Version einer „friedlichen Revolution“ als nationale Deutung zu etablieren. Wie verhält sich ein führender Zeithistoriker zu dem Sog einer solchen Erinnerungspolitik?

Einen wichtigen, wenn auch etwas anders argumentierenden Beitrag zur dieser kanonisierenden Geschichtsinszenierung leistet die Synthese von Andreas Rödder. Der in Mainz lehrende Wissenschaftler der mittleren Generation hat neben Arbeiten über die Außenpolitik von J. Curtius 1929-1931 und die englischen Konservativen in der Mitte des 19. Jahrhunderts einen interessanten Band über die „Bundesrepublik Deutschland 1969-1990“ im „Grundriss der Geschichte“ des Oldenbourg Verlags vorgelegt, der sich mit Themen wie dem Wertewandel der Postmoderne und der Individualisierung auseinandersetzt.[1] Allerdings vertritt er in seiner historischen Publizistik eher konservative Standpunkte und bevorzugt in seinen Arbeiten traditionelle Methodologien einer erweiterten Politikgeschichte. Das vorliegende Buch ist daher eine flüssig geschriebene, klar gegliederte Darstellung des annus mirabilis, die den ganzen Bogen von der Krise der DDR im Sommer 1989 bis zum Beitritt der neuen Bundesländer im Oktober 1990 und seinen Folgen spannt.

Diese selbstbewusst als „erste wissenschaftliche Gesamtdarstellung der Wiedervereinigung“ (S. 12) titulierte Arbeit verfolgt eine Reihe von anspruchsvollen Absichten: Sie will die verschiedenen Handlungsebenen von Bürgerbewegung bis internationaler Diplomatie und innerer Ausgestaltung der Einheit umfassen; sie behauptet „aus den verfügbaren Quellen“ wie einiger Akten des Zentralkomitees (ZK) und Bonner Dokumentveröffentlichungen geschrieben zu sein; sie versucht die Ergebnisse der „weit verzweigten nationalen und internationalen Forschungen“ in einer Synthese zusammenzuführen; und sie bemüht sich, die Vereinigung in den längeren Zeithorizont der deutschen Geschichte der letzten beiden Jahrhunderte einzubetten. Um diese Ziele zu erreichen, bietet sie eine spannende Erzählung der dramatischen Ereignisse an, die immer wieder durch kurze, dem Laien dienliche Reflexionen unterbrochen wird, ohne sich jedoch explizit mit der vorhandenen Forschung auseinanderzusetzen.

Rödders Methode wird schon im ersten Satz deutlich, denn er beginnt mit „Am Anfang war Gorbatschow“ (S. 15), variiert also Thomas Nipperdeys Hinweis auf Napoleon in seiner Geschichte des 19. Jahrhunderts. Im Gegensatz zu den kulturellen oder sozialen Ansätzen von Erhard Neubert oder Ilko-Sascha Kowalczuk liegt der Akzent auf der Behandlung innerer und äußerer Politik.[2] Seine Analyse geht von der internationalen Konstellation einer sich aufgrund der Schwäche der Sowjetunion anbahnenden Detente aus und berücksichtigt vor allem die westdeutschen Entscheidungsprozesse wie die Differenzen zwischen Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher. Trotz einiger interessanter Zitate aus Akten der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) ist seine Darstellung der Zerfallsprozesse der DDR eher oberflächlich, weil die Welt des „realen Sozialismus“ ihm erfahrungsgeschichtlich fremd bleibt. Daher neigt er auch mehr dazu, den Zusammenbruch des DDR-Regimes zu betonen als den Aufstand der Bürger zu erklären. Das Resultat ist eine etwas vollmundige Erfolgsgeschichte, die sich von der Oppositionsperspektive dadurch absetzt, dass sie die zentrale Rolle der „exekutiven Gestaltungsmacht" (S. 145, 290) der Bonner Regierung stärker als die Hoffnungen und Handlungen der Ostdeutschen betont.

Zwar relativiert die Vereinigungsperspektive die These von der friedlichen Revolution etwas, aber die Sicht von oben bringt eine Reihe eigener Problemen mit sich. Indem sie sich auf die internationalen, west- und ostdeutschen Politiker konzentriert, verliert sie manchmal die ostdeutschen und osteuropäischen Bürger aus den Augen, deren Aufbegehren den Anstoß zum Sturz des Kommunismus gab. Diese Sichtweise führt ebenso dazu, dass die Bürgerbewegung vor der Ausreisewelle diskutiert wird – eine glatte Verkehrung des zeitlichen Ablaufs. Zwar differenziert die Kausalbetrachtung zwischen langfristigen Faktoren der Erosion und kurzfristigen Anlässen der Krise, aber die besondere Betonung der Aufhebung der sowjetischen Existenzgarantie reduziert ein komplexes Geflecht der Ursachen auf einen einzigen Faktor. Dieser politisch zentrierte Westblick kann auch mit der Programmatik der Bürgerbewegung nicht viel anfangen, da seine Kritik ihrer Fixierung auf den Dritten Weg die anderen Vorstellungen der SDP und des Demokratischen Aufbruchs weitgehend ausblendet. Daneben haben sich noch kleinere Sachfehler in Bezug auf den Anfang des Runden Tischs (nicht am 20. 11., S. 111), eine überhöhte Gesamtzahl der Miterbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) (265.000, S. 182), usw. eingeschlichen. Dagegen ist die Schilderung des Bonner Umdenkens von Reformierung der DDR zu aktiver Vereinigungspolitik und der außenpolitischen Verwicklungen wie der Frage der polnischen Westgrenzen wesentlich überzeugender.

Als historische Interpretation eines überaus komplexen und dynamischen Geschehens greift Rödders neue Synthese daher etwas zu kurz. So bleibt der Begriff einer „deutschen Revolution“ (S. 117) analytisch unscharf, da er sich nicht mit Timothy Garton Ashs These einer ganz Ostmitteleuropa umfassenden „civil resistance“ auseinandersetzt.[3] Auch seine Darstellung kann die Motive der „schweigenden Mehrheit“ der Ostdeutschen nicht erklären, aufgrund derer sie nicht dem Projekt des Runden Tischs einer Demokratisierung der DDR, sondern dem Wunsch nach Vereinigung mit dem Westen gefolgt sind. Ebenso bleibt die Erklärung der sowjetischen Kehrtwende von Opposition zur Billigung der Vereinigung und der westlichen Durchsetzung von Maximalzielen wie der deutschen NATO-Mitgliedschaft etwas unscharf (S. 250, 272). Die Rolle der Generationsunterschiede bei der Beurteilung der Vereinigung wird knapp erwähnt, aber nicht genügend verfolgt, um ihre zentrale Bedeutung klar zu machen. Auch werden die Medien nur am Rande behandelt, obwohl ihre Berichterstattung für die Destabilisierung der DDR und die Akzeptanz der Vereinigung mit entscheidend war. In wichtigen Fragen, wie den problematischen Konsequenzen wirtschaftlicher Entscheidungen der Vereinigung (Umtauschkurs, Treuhandprivatisierung, Lohnangleichung), zieht sich Rödder auf eine Verteidigung der Weichenstellungen von Kohl zurück (S. 222 ff.), indem er auch gemäßigte Alternativvorstellungen als unrealistisch abqualifiziert.

Letztlich kann deshalb dieses Buch seine eigenen hohen Ansprüche nicht wirklich einlösen. Der Darstellung gelingt die Synchronisierung der drei interaktiven ostdeutschen, westdeutschen und internationalen Handlungsebenen nur unvollkommen, da der Autor deutlich besser mit den beiden letzteren zurechtkommt. Bei den Quellen fehlen weniger die erst kürzlich bekannt gewordenen Gesprächsaufzeichnungen von Francois Mitterrand und Margret Thatcher als die lokalen Dokumente aus der DDR, die Michael Richter eindrucksvoll ausgewertet hat.[4] Auch setzt sich der Autor nicht mit konkurrierenden Interpretationen anglo-amerikanischer Forschung auseinander wie sie zum Beispiel in den kontroversen Büchern von Stephen Kotkin über den Zusammenbruch des Kommunismus oder Mary Sarotte über diplomatische Alternativen zum NATO-Beitritt formuliert sind.[5] Zwar betont die rückwärtsgewandte Einbettung in längerfristige Entwicklungen zu Recht die Erfüllung bürgerlich-liberaler Hoffnungen aus dem 19. Jahrhundert, das Ende der Nachkriegszeit und die Überwindung des Kalten Krieges – öffnet aber keine Perspektiven über die Zäsur von 1990 hinaus. Schließlich steht auch die detaillierte Behandlung der wirtschaftlichen, sozialen und mentalen Vereinigungskrise im Zuge der Anpassung an die Bundesrepublik (S. 300 ff.) im Widerspruch zur wiederholten Rechtfertigung der dafür verantwortlichen, zu optimistischen politischen Grundentscheidungen (S. 361 ff.).

Insgesamt bietet der Band daher eine gut lesbare, lehrbuchartige Zusammenfassung der Grundlinien (west-)deutscher Innen- und Außenpolitik in den Jahren 1989 bis 1990 mit manchen gelungenen Formulierungen, aber keine inspirierende neue Interpretation. Die Zusammenfassung auf Seite 366-379 spitzt noch einmal die Ergebnisse in zehn personenbezogenen Thesen zu, die das Einmünden der ostdeutschen Massenbewegung in eine West-dominierte Wiedervereinigung als weitgehend unausweichlich beschreiben. Nur das Versäumen eines desillusionierenden Solidarappells an die Bevölkerung und die überzogene Ausweitung der Staatstätigkeit hält der Autor für fatal. Vielleicht sollte man auch eine analytisch stärkere Kritik des deutschlandpolitischen Erfolges von Kohl und Genscher von einer zum 20. Jahrestag des „historischen Mirakels“ (S. 379) veröffentlichten Vereinigungsgeschichte nicht erwarten.[6]

Anmerkungen:
[1] Siehe die Angaben auf <http://www.uni-mainz.de/FB/Geschichte/hist4/81.php> (13.08.2010). Vgl. Andreas Rödder, Zahl und Sinn, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5.5.2010.
[2] Ehrhard Neubert, Unsere Revolution. Die Geschichte der Jahre 1989/90, München 2008; vgl. die Rezension von Manfred Wilke in: H-Soz-u-Kult, 16.06.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2009-2-201> (13.08.2010). Ilko-Sascha Kowalczuk, Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR, München 2009; vgl. die Rezension von Klaus-Dietmar Henke, in: H-Soz-u-Kult, 15.12.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2009-4-228> (13.08.2010).
[3] Timothy Garton Ash, 1989!, in: New York Review of Books, 5.11.2009; ders., Velvet Revolution: The Prospects, in: New York Review of Books, 3.12.2009; ders. / Adam Roberts (Hrsg.), Civil Resistance and Power Politics: The Experience of Non-Violent Politics from Ghandi to the Present, Oxford 2009.
[4] Michael Richter, Die friedliche Revolution. Aufbruch zur Demokratie in Sachsen 1989/90, Göttingen 2009.
[5] Stephen Kotkin, Uncivil Society: 1989 and the Implosion of the Communist Establishment, New York 2009; Mary Sarotte, 1989: The Struggle to Create Post-Cold War Europe, Princeton 2009.
[6] Als alternative Denkanstöße siehe die Essays in Eckart Conze / Katharina Gajdukowa / Sigrid Koch-Baumgarten (Hrsg.), Die demokratische Revolution 1989 in der DDR, Köln 2009; Klaus-Dietmar Henke (Hrsg.), Revolution und Vereinigung. Als in Deutschland die Realität die Phantasie überholte, München 2009.

Zitation
Konrad H. Jarausch: Rezension zu: : Deutschland einig Vaterland. Die Geschichte der Wiedervereinigung. München  2009 , in: H-Soz-Kult, 28.09.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-14418>.
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Veröffentlicht am
28.09.2010
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