N. Hannig: Die Religion der Öffentlichkeit

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Titel
Die Religion der Öffentlichkeit. Kirche, Religion und Medien in der Bundesrepublik 1945-1980


Autor(en)
Hannig, Nicolai
Erschienen
Göttingen 2010: Wallstein Verlag
Umfang
454 S., 10 Abb.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Daniel Gerster, Department of History and Civilization, European University Institute, Florence

Es ist ein gewaltiges Vorhaben, dem sich Nicolai Hannig in seiner jetzt als Buch erschienenen Dissertation stellt. Er möchte den „Gestaltenwandel der Religion unter den Bedingungen einer verstärkten Medialisierung“ in der Bundesrepublik Deutschland erkunden (S. 10). Mit dieser Fragestellung siedelt sich Hannig an der Schnittstelle zweier noch immer äußerst aktueller Themen der Zeitgeschichtsforschung an: der Frage nach dem Stellenwert von Religion in der modernen Gesellschaft einerseits und der erkennbaren Expansion einer medialen Öffentlichkeit andererseits. Für beide Fragerichtungen kann der Autor institutionell auf wertvolle Vorarbeiten und Erfahrungen anderer Forscher zurückgreifen – wie des Gießener Medienhistorikers Frank Bösch, der diese Dissertation betreut hat, und der Bochumer DFG-Forschergruppe „Transformation der Religion in der Moderne“.[1]

Ausgangspunkt von Hannigs eigenen Überlegungen ist die Annahme einer „Religion der Öffentlichkeit“. Darunter versteht er die „Präsenz einer medienöffentlichen Deutungskultur von Religion“ (S. 9), wobei der Fokus der Arbeit auf das Christentum gerichtet ist. Dieser Definition entsprechend verweist der Autor zu Recht darauf, dass Medien bereits seit dem 19. Jahrhundert nicht nur Informationen über Religion und deren Wandel vermittelten. Indem sie über Religion berichteten, deren Rolle in der Gesellschaft interpretierten und einen eigenen Erwartungshorizont von deren Funktion aufbauten, wurden die Medien zu einer eigenständigen Deutungsmacht des Religiösen. Dieser Prozess wurde nach 1945 durch verschiedene Faktoren beschleunigt. Dazu zählen auf der einen Seite die gesellschaftliche Öffnung und strukturelle Transformation der katholischen und evangelischen Kirchen sowie die Entstehung neuer religiöser Bewegungen. Auf der anderen Seite beförderten das Aufkommen neuer Medien wie des Fernsehens und die Herausbildung eines eigenständigen, kirchenkritischen „Religionsjournalismus“ (S. 389) die Entwicklung.

Um dem komplexen Wechselspiel zwischen Medien und Religion gerecht zu werden, wählt Hannig eine diskursanalytische Herangehensweise, die er jedoch ganz bewusst mit akteursorientierten und strukturgeschichtlichen Elementen anreichert. Als Quellen dienen ihm dabei thematisch ausgewählte publizistische Texte, Akten aus verschiedenen Rundfunk-, Verlags- und Kirchenarchiven sowie „persönliche Medienaneignungen“ (S. 30f.) wie Leser- und Hörerbriefe. Davon ausgehend verfolgt er in seiner Studie vier grundsätzliche Leitfragen: Erstens differenziert Hannig beim Blick auf die unterschiedlichen Akteure zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung, wobei er dezidiert von möglichen Grenzverschiebungen ausgeht. Zweitens beobachtet er öffentliche und redaktionsinterne Bereiche des Sagbaren und fragt auch hier nach möglichen Grenzüberschreitungen. Drittens wird das bewährte Schema von Inklusion und Exklusion angewandt, um die jeweils zeit- und akteursbedingte Situation von Religion in der Gesellschaft zu beschreiben. Viertens nimmt die Studie schließlich die verschiedenen zeitgenössischen Transzendenzentwürfe in den Blick und fragt nach deren Bedeutung in der Beschreibung von religiösen Phänomenen.

Auf diese Weise theoretisch und methodisch gerüstet, widmet sich Hannig in vier zentralen Kapiteln, die zwischen chronologischen und systematischen Zugängen alternieren, der Medialisierung von Religion in der Bundesrepublik. Ein erster Teil, der die Besatzungszeit einschließt, setzt sich mit den Jahren von 1945 bis circa 1958 auseinander, für die eine weitgehend uneingeschränkte Verankerung von Religion in der Gesellschaft charakteristisch war. Diese spiegelt sich einerseits in der beträchtlichen Rolle wider, die die Kirchen beim Aufbau des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und bei dessen Programmauswahl spielten. Zum anderen bekräftigten nicht-kirchliche Massenmedien die Bedeutung der Religion, indem sie fortwährend über deren immanente Grundlagen wie christliche Werte und biblisches Wissen berichteten. Während einer zweiten Phase, die Hannig um 1960 ansiedelt, wurde dieser Konsens gebrochen. Von zentraler Bedeutung war dabei die Herausbildung eines eigenständigen, kirchenkritischen Religionsjournalismus. Den Wandel von einer „Bestätigungsrhetorik“ zu einer „Aufklärungssemantik“ (S. 161f.) zeichnet Hannig anhand verschiedener Print-, Rundfunk- und Fernsehmedien eindrucksvoll nach.

Diese Entstehung eines autonomen Religionsjournalismus bildet zugleich den Auftakt für eine entscheidende dritte Phase, in der sich während der Jahre 1958 bis 1972/73 das Verhältnis zwischen Medien und Religion grundlegend wandelte. Für diesen Zeitraum schildert Hannig eine zutiefst paradoxe Gemengelage. Während sich die Kirchen semantisch und strukturell gesellschaftlichen Entwicklungen und insbesondere auch der Medialisierung öffneten, unternahmen die Medien mehr und mehr den Versuch, Religion aus gesellschaftlichen Verantwortungsbereichen zu drängen. Dazu wurde einerseits die Plausibilität religiöser Argumente bei der Bewertung politischer Themenkomplexe wie der Bildungspolitik in Frage gestellt. Andererseits wurde die moralische Glaubwürdigkeit der Kirchen in Zweifel gezogen. Hannig analysiert diesen Vorgang, der die katholische Kirche weit mehr betraf als den Protestantismus, anhand ausgewählter Skandale zu den Themen Nationalsozialismus und Sexualmoral in sehr lesenswerter Weise.

Nicht weniger detailreich widmet sich die Untersuchung schließlich einer vierten Phase der Medialisierung von Religion während der 1970er-Jahre. Deren Eigenart umschreibt Hannig zurückhaltend als eine „Öffnung des religiösen Feldes“ (S. 305). Für eine nähere Umschreibung des Phänomens untersucht er die Aussagekraft dreier klassischer Erklärungsmuster der religionssoziologischen und -geschichtlichen Forschung. Hannig macht dabei sehr eindrucksvoll Möglichkeiten und Grenzen der Konzepte Individualisierung, Politisierung und Pluralisierung sichtbar. So unterstützte der Religionsjournalismus zwar durch Umfragereportagen individuelle Glaubensbildung, begrenzte sie jedoch zugleich durch eine vorgegebene, vereinheitlichte Religionsdeutung. Deren Fundament bildete noch immer ein sehr traditionelles Religionsverständnis, wie Hannig anhand der Ablehnung von Politisierungstendenzen kirchlicher Reformkreise durch weite Teile der kirchenkritischen Religionsjournalisten verdeutlicht. Diese Einsicht gelte schließlich auch mit Blick auf Pluralisierungstendenzen im religiösen Feld. Neue religiöse Phänomene wie New Age und esoterische Gruppen seien weitgehend im Abgleich zu traditionellen Religionsmustern beurteilt worden.

Damit kommt Hannigs Gang durch vier Jahrzehnte der Medialisierung von Religion in der Bundesrepublik Deutschland zu einem Ende. Es gelingt ihm trotz des gewaltigen Unterfangens, eine sehr lesenswerte Darstellung zu liefern, deren „dichte Beschreibung“ sehr anschaulich verschiedenstes Quellenmaterial, Kontextinformationen und wissenschaftliche Einordnung miteinander verbindet. Gleichzeitig verliert Hannig seine Leitfragen nicht aus dem Blick, sondern greift auf sie zurück, um dem Leser immer wieder verschiedene Perspektiven auf das Geschehen zu ermöglichen. Darüber hinaus bietet er aufschlussreiche Sprachanalysen und stellt sie eindrucksvoll zu verschiedenen Akteurs- und Strukturebenen in Beziehung. Leider ist dabei in den ersten Kapiteln nicht immer klar erkennbar, inwiefern es sich bei den Bezeichnungen „religiös“, „kirchlich“, „säkular“ um zeitgenössische Begriffe oder aber um begriffliche Festlegungen des Autors handelt. Solche kleinen Schwächen ändern aber nichts daran, dass Hannigs Untersuchung für die zeitgeschichtliche Religionsforschung in der Bundesrepublik einen Meilenstein darstellt. Theoretisch fundiert und detailreich zeigt er die „Verzahnung von Medialisierung und religiösem Formwandel“ (S. 397); er belegt, wie dieser Prozess Religion aus der Deutungsmacht der Kirchen hinausführte in den Raum medialer Eigenlogik.

Anmerkung:
[1] <http://www.fg-religion.de> (01.12.2010).

Zitation
Daniel Gerster: Rezension zu: : Die Religion der Öffentlichkeit. Kirche, Religion und Medien in der Bundesrepublik 1945-1980. Göttingen  2010 , in: H-Soz-Kult, 22.12.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-14906>.
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Veröffentlicht am
22.12.2010
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