Dendorfer, Jürgen; Deutinger, Roman (Hrsg.): Das Lehnswesen im Hochmittelalter. Forschungskonstrukte – Quellenbefunde – Deutungsrelevanz. Ostfildern : Jan Thorbecke Verlag  2010 ISBN 978-3-7995-4286-9, 488 S. € 54,00.

: Das Lehnswesen. München : C.H. Beck Verlag  2012 ISBN 978-3-406-63235-8, 128 S. € 8,95.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Wittkamp, Graduiertenkolleg 1288: „Freunde, Gönner, Getreue“, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

Über fünfzehn Jahre nach Susan Reynolds' Generalangriff auf das mediävistische Konzept von Lehen und Vasallität widmet sich nun auch die deutsche Forschung mit einem ganzen Sammelband dem Lehnswesen im Hochmittelalter. Ausgehend von vereinzelten neueren Untersuchungen der letzten anderthalb Jahrzehnte soll der Sammelband die Forschung auf eine neue Grundlage stellen. Zu diesem Zweck sorgen die Herausgeber für eine klare analytische Trennung von Forschungsgeschichte, Quellenbefunden und Deutungsversuchen. Diese Dreiteilung ist äußerst sinnvoll, da ein Hauptvorwurf gegen das Modell vom Lehnswesen gerade die Vermischung von Quellenbefunden mit deren Interpretation ohne Berücksichtigung der forschungsgeschichtlichen Altlasten war.

Nach einer längeren, die neuere Diskussion und die Beiträge des Bandes vorstellenden Einführung von Jürgen Dendorfer folgen die drei Sektionen. Den Anfang machen zwei Aufsätze von Werner Hechberger und Hans-Henning Kortüm über die zeithistorischen Hintergründe der rechts- und verfassungsgeschichtlichen Konstruktion des Lehnswesens im 19. und 20. Jahrhundert. Sie zeigen, dass wesentliche Debatten der älteren Forschung nicht ohne die damals aktuellen politischen Strömungen nachzuvollziehen sind und wie abhängig die spätere Forschung davon blieb. Vor diesem Hintergrund sind die Quellen im hochmittelalterlichen Reich erneut zu betrachten. Dazu haben die Herausgeber fünf Leitfragen (Jürgen Dendorfer, S. 26) formuliert, die die zentralen Kritikpunkte von Susan Reynolds aufgreifen und die Quellenanalyse lenken.

In der zweiten Sektion werden zunächst verschiedene Quellen wie Königsurkunden (Rudolf Schieffer), Lehnsverzeichnisse (Karl-Heinz Spieß), Klosterchroniken (Steffen Patzold) und die volkssprachliche Epik (Jan-Dirk Müller) gesichtet. Anschließend folgen sieben Beiträge zu den Privaturkunden in den unterschiedlichen Regionen des hochmittelalterlichen Reiches. Angeführt von Bayern (Hubertus Seibert), geraten mit Schwaben (Thomas Zotz), den Hochstiften Mainz und Köln (Stefan Burkhardt) und dem Nordosten (Oliver Auge) zunächst die nördlich der Alpen gelegenen Gebiete in den Blick. Der Befund fällt ernüchternd aus. Trotz zahlreicher Lehen und einiger weniger Vasallen lässt sich ein regelrechtes Lehnswesen, bestehend aus einem zwingenden Zusammenhang von Lehen, Vasallität und militärischen Dienstleistungen, vor dem Ende des zwölften Jahrhunderts nicht erkennen. Das gilt grundsätzlich auch für die aus deutscher Sicht peripheren Regionen im Westen und Süden des Reiches. Allerdings sind in Flandern (Dirk Heirbaut), der Provence (Florian Mazel) und der Mark Verona (Daniela Rando) Lehen, Eide und auch Mannschaftsleistungen bereits weit häufiger auch schriftlich erhalten und deutlich stärker aufeinander bezogen. Trotz dieser für das zwölfte Jahrhundert fortschrittlichen Entwicklung ist aber auch in diesen Regionen noch kein systematisches Lehnswesen nachzuweisen.

Angesichts dieser enttäuschenden Befunde gewinnt die Suche nach alternativen Interpretationsangeboten an Stelle des Modells vom Lehnswesen umso mehr Bedeutung. Diese Aufgabe übernehmen die Autor/innen im dritten Teil des Buchs. Vom Wormser Konkordat (Jürgen Dendorfer) über die Beziehungen zwischen Kaiser und Papst (Roman Deutinger) und die lehnsrechtlichen Symbolhandlungen (Philippe Depreux) bis zu den Treueiden (Stefan Weinfurter) stehen dabei die Folgen des Investiturstreits eindeutig im Vordergrund. Einen zweiten Schwerpunkt bildet in dieser Sektion die herrschaftliche Rolle des Lehnswesens. Sie wird anhand der Ministerialität (Jan Keupp), der Grundherrschaft (Gertrud Thoma), des Verhältnisses der Vasallität zu anderen Formen personaler Bindung (Klaus van Eickels) und nicht zuletzt der Herzogtümer (Gerhard Lubich) diskutiert. Insgesamt stellt sich heraus, dass bessere Alternativen zur lehnsrechtlichen Deutung nicht nur möglich, sondern notwendig sind. Mehr noch, viele der etablierten lehnsrechtlichen Deutungen waren schlichtweg fehlerhaft oder ungenau. Daher können von den Beitragenden wichtige Details der Geschichte des 12. Jahrhunderts entscheidend korrigiert werden. Die weiteren Ergebnisse der Beiträge fasst am Ende Roman Deutinger zusammen, bevor der Band von einem Register beschlossen wird.

Dank der klugen Aufteilung durch die Organisatoren, der einheitlichen Fragestellung und der erfreulich engen Orientierung der Autor/innen an den Leitfragen lassen sich die Ergebnisse der zahlreichen Beiträge leicht zusammenfassen. Drei Punkte fallen ins Gewicht: Erstens die enorme Vielfalt und regionale Verschiedenheit der Elemente des Lehnswesens. Von einem einheitlichen Lehnswesen im mittelalterlichen Reich kann niemand mehr glaubwürdig sprechen. Zweitens die Veränderungen um die Mitte des zwölften Jahrhunderts. Tatsächlich lassen sich in dieser Zeit starke Tendenzen zur Verrechtlichung, Verschriftlichung und Systematisierung von Lehen, Eiden und Mannschaftsleistungen in der Praxis wie im zeitgenössischen Denken nachweisen. Die Konjunktur des Begriffs feudum, der zunehmend das ältere beneficium verdrängt, ist dafür genauso ein Symptom wie die erstaunliche „Renaissance“ des Begriffs vasallus (Hubertus Seibert, S. 156, Roman Deutinger, S. 468). Drittens zeigen die Deutungsversuche, dass alternative Interpretationen vieles weit plausibler erklären können als lehnsrechtliche Argumentationsgänge.

Damit ist die Bedeutung lehnsrechtlicher Elemente zumindest vor dem Jahr 1200 stark relativiert. Die Untersuchungen bestätigen also im Wesentlichen Susan Reynolds' Zweifel an der Reichweite des Lehnswesens und ihre These von dessen Entstehung ab dem zwölften Jahrhundert.

Dennoch ergibt sich ein zwiespältiger Befund. Während von einem regelrechten Lehnswesen vor dem dreizehnten Jahrhundert kaum etwas übrig bleibt, waren die einzelnen Elemente des Lehnswesens schon vorher quicklebendig, vielleicht lebendiger als manchem Rechts- und Verfassungshistoriker alter Schule lieb sein kann. Bisweilen gewinnt der Leser den Eindruck, dass man im Lehnswesen nach einer Art Gespenst sucht, dass sich immer wieder in seinen einzelnen Elementen in den Quellen zu zeigen scheint, aber jedes Mal erneut den Augen der kritischen Historiker entzieht. Hieraus ergeben sich ganz grundsätzliche Zweifel an der zugrunde gelegten Fragestellung. Vielleicht sollte weniger nach dem von der älteren Rechts- und Verfassungsgeschichte definierten Lehnswesen und dessen Beginn geforscht werden. Denn ausgehend von dieser Suche nach dem Lehnswesen der Forschung schleichen sich immer wieder lehnsrechtliche Zuschreibungen in einige der Beiträge ein. Lehen, Vasallität, Handgang, Militärdienst, Eid und miles werden gelegentlich noch einfach aufeinander bezogen oder auseinander erschlossen, obwohl die Quellen das nicht hergeben. Gerade dieses unbefangene Mitdenken anderer lehnsrechtlicher Elemente hat Susan Reynolds zu Recht angeprangert. Insofern bleibt zweifelhaft, ob mit dem Ersetzen von „lehnrechtlich“ durch „belehnungssymbolisch“ oder „belehnungsrituell“ (Stefan Weinfurter S. 457) tatsächlich etwas gewonnen ist.

Stattdessen müsste noch viel intensiver nach der Rolle und Funktion der einzelnen Elemente des Lehnswesens und deren Gewichtung im Vergleich zu anderen Elementen der sozialen, ökonomischen und politischen Ordnung gefragt werden. Im Grunde ist dieser Weg in vielen Beiträgen des vorliegenden Bandes schon beschritten worden. So wird etwa die bekräftigende und anerkennende Funktion der Mannschaftsleistung vorgestellt (Jürgen Dendorfer, Klaus van Eickels), die wirtschaftliche Flexibilität der Lehen thematisiert (Daniela Rando, Gertrud Thoma) und die hierarchisierende Wirkung des hominium angesprochen (Klaus van Eickels, Gerhard Lubich). Weitere Anknüpfungspunkte ergeben sich aus dem Potential der Lehen und Eide für Konfliktlösungen und Kompromisse (Steffen Patzold, Steffen Burkhardt, Florian Mazel) oder der vertrauensbildenden Funktion des Eides (Stefan Weinfurter).

Besonders wichtig sind die in einigen Beiträgen diskutierten zeitgenössischen Rangabstufungen (Steffen Patzold, Thomas Zotz, Jan Keupp, Stefan Weinfurter) und die Vorstellungen der mittelalterlichen Autoren über den Sinn oder Nutzen von Lehen (Steffen Patzold, Thomas Zotz, Florian Mazel, Jan Keupp). Mit Hilfe solcher zeitgenössischer Reflexionen lassen sich nämlich die Diskurse um Huld, Pflichten, Ehre, Ansprüche, Verdienste, Hierarchien, Rangordnungen und Großzügigkeit, die beispielsweise in literarischen Quellen (Jan-Dirk Müller, Jan Keupp) mitschwingen, einbeziehen. Als Beispiel hierfür seien nur die Forschungen von Stephen D. White genannt, der übrigens äußerst patente Antworten auf Susan Reynolds' Herausforderung hat.[1]

Die Forschung sollte Lehen und Vasallität wie Stephen D. White mehr als Teile von Klientelbeziehungen, eines Gabentausches oder politischer Loyalität betrachten, um ein weniger starres Verständnis der dynamischen Phänomene zu gewinnen. Die stärkere Berücksichtigung des jeweiligen Kontextes würde dazu entscheidend beitragen. Insofern ist eine weitere Diskussion und Interpretation der äußerst spannenden Befunde wünschenswert. Besonders die Rollen und Eigenschaften von Lehen, Handgängen und den anderen Elementen, die die Forschung lange unter dem Lehnswesen subsumiert hat, sind weiter zu verfolgen. Die Forschung sollte sich dazu verstärkt dem frühen und späten Mittelalter, sowie der frühen Neuzeit zuwenden (Roman Deutinger, S. 470). Für diese Zeiträume sind ergänzende und womöglich überraschende Erkenntnisse zu erwarten.

Diesen Schritt kann und darf man von einer grundsätzlich neuen Bestandsaufnahme des Lehnswesens im hochmittelalterlichen Reich allerdings noch nicht erwarten. Stattdessen hat der vorliegende Band als Ausgangsbasis für weitere Untersuchungen und Neuinterpretationen eine enorm wichtige Grundlage geschaffen. Das zeigte sich spätestens im Frühjahr 2011 auf der einschlägigen Reichenauer Tagung des Konstanzer Arbeitskreises zum Lehnswesen im hochmittelalterlichen Reich und in Italien.[2] Dort waren der Sammelband von 2010 und seine Herausgeber verständlicherweise in aller Munde.

Dieselbe Diskussion um das Lehnswesen ist die Grundlage und auch der Anlass für das Buch von Steffen Patzold. Allerdings verfolgt der Autor ein anderes Anliegen. Er schreibt für die gerade bei Studenten beliebte Beck-Wissen-Reihe, die schnelle und wissenschaftlich gesicherte Informationen über einzelne Sachgebiete bereitstellt, ohne den Leser mit Fußnoten vom Inhalt abzulenken. Diese Ansprüche der Reihe, so darf bereits gesagt werden, meistert Patzold mit Bravour. Das gilt umso mehr, wenn man die Sperrigkeit des Themas berücksichtigt, das durch die neuere Diskussion noch unübersichtlicher geworden ist, als es vorher schon war. Es gelingt Patzold auf rund 120 Seiten einen umfassenden Überblick vom Frühmittelalter bis zur frühen Neuzeit zu geben. Insofern bietet Patzolds Buch trotz des geringeren Umfangs für diejenigen, die sich für das gesamte Mittelalter interessieren, mehr als der Sammelband.

Besonders die gute Gewichtung und die zeitliche wie räumliche Aufteilung überzeugen. Der Autor führt den Leser entlang wichtiger Quellenstellen durch drei klassisch definierte Zeitalter. Im Frühen Mittelalter konzentriert sich Patzold, ähnlich wie Susan Reynolds, auf das Frankenreich. Auf dem Weg durch das Hochmittelalter werden auch die Peripherie des Kaiserreichs und sogar Katalonien Stationen der Reise. Zusätzlich wagt Patzold einen kurzen Abstecher nach England. Mehr als Susan Reynolds in ihrem ungleich längeren Buch ist Patzold allerdings gezwungen, sich auf Mittel-, West- und Südeuropa zu beschränken. Ab dem 13. Jahrhundert zwingt die reine Zahl der Quellen und die enorme regionale Variabilität den Autor zur Konzentration auf das Reich nördlich der Alpen. Und selbst dort kann Patzold nur stichprobenartig in die vielfältigen Quellen und Formen des Lehnswesens einführen.

Dennoch oder gerade deswegen erfüllt das Buch seinen Zweck als Einführung in das Thema perfekt. Das liegt auch daran, dass Patzold immer die aktuelle Forschungskontroverse mitdenkt. Seine Gegenüberstellung von mittelalterlichen Quellen und aktueller Forschungsdiskussion erweist sich als überaus sinnvoll. Denn selbst innerhalb der einschlägigen Forschung war die Unterscheidung zwischen Forschungskonstrukt und Quellenaussagen oft nicht deutlich genug, was Susan Reynolds und andere zu Recht kritisiert haben. So kann Patzold die einschlägigen Quellenstellen doppelt problematisieren, nachdem er sie in der deutschen Übersetzung vorgestellt hat. Dabei hält der Autor die klare Trennung zwischen Forschungs- und Quellenaussagen stets durch und beschließt jede Epoche mit einer Zusammenfassung der Ergebnisse.

Abgerundet wird das Büchlein durch ein Glossar der wichtigsten Begriffe. Dazu gesellen sich ein für so ein kleines Buch erfreulich umfassendes Literaturverzeichnis, ein Register und sogar eine Schautafel zum Lehnswesen. Diese Hilfsmittel erleichtern das Verständnis und den Überblick gerade für interessierte Laien ungemein. Besonders Schüler und Studenten dürften sich über diesen sehr guten Einstieg freuen, vor allem wegen des angenehm kurzen Umfangs. Aber auch für Wissenschaftler, die sich über die aktuelle Forschungskontroverse schnell und verlässlich informieren wollen, ist das Buch die erste Wahl. Als kritische Einführung in das Lehnswesen ersetzt Patzolds Buch somit endlich das lange Zeit einzige vergleichbare Werk von François Louis Ganshof.[3]

Als Fazit lässt sich festhalten: Wer sich neuerdings mit dem mittelalterlichen Lehnswesen beschäftigen möchte, ist mit den beiden vorgestellten Büchern bestens bedient.

Anmerkungen:
[1] Stephen D. White, The Politics of Exchange: Gifts, Fiefs, and Feudalism, in: Esther Cohen / Mayke de Jong (Hrsg.), Medieval Transformations. Texts, Power, and Gifts in Context, Leiden 2001, S.169–188.
[2] Immo Warntjes, Tagungsbericht: Ausbildung und Verbreitung des Lehnswesens im Reich und in Italien im 12. und 13. Jahrhundert. 12.04.2011–15.04.2011, Reichenau, in: H-Soz-u-Kult, 24.08.2011, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=3777> (30.06.2012).
[3] François Louis Ganshof, Was ist das Lehnswesen?, Darmstadt 1989.

Zitation
Thomas Wittkamp: Rezension zu: Dendorfer, Jürgen; Deutinger, Roman (Hrsg.): Das Lehnswesen im Hochmittelalter. Forschungskonstrukte – Quellenbefunde – Deutungsrelevanz. Ostfildern  2010 / : Das Lehnswesen. München  2012 , in: H-Soz-Kult, 01.08.2012, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-18637>.
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01.08.2012
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