M. März: Linker Protest nach dem Deutschen Herbst

Cover
Titel
Linker Protest nach dem Deutschen Herbst. Eine Geschichte des linken Spektrums im Schatten des 'starken Staates', 1977-1979


Autor(en)
März, Michael
Umfang
416 S.
Preis
€ 32,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Uwe Sonnenberg, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Ausgehend von den Revolten um 1968 beinhaltet eine – zugegebenermaßen – überspitzte Kurzversion der Protestgeschichte der alten Bundesrepublik den medial omnipräsenten Terrorismus[1], die Aktivitäten des erstarkten (links)alternativen Milieus[2] und in Verbindung damit ab Mitte der 1970er-Jahre das Aufkommen neuer sozialer Bewegungen[3], die sich später unter anderem in der Gründung der Partei „Die Grünen“ bündelten[4], während um 1980 zugleich die große Zeit der Friedensbewegung anbrach.[5] Abgesehen von wenigen Spurensuchen und autobiographisch unterlegten Rückblenden bisher kaum behandelt sind die vielfältig-verschlungenen, explizit politischen und mehr oder weniger undogmatisch linken Gruppierungen jenseits von Parteien und Terrorismus.[6] Eine empirisch gesättigte Gesamtdarstellung ihrer Entstehung, ihres Wirkens und ihres Wandels in den 1970er-Jahren steht noch aus. Die am Erfurter Max-Weber-Kolleg entstandene Dissertation von Michael März leistet für diese Aufgabe einen beachtlichen Beitrag.

Den Ausgangspunkt der Studie bildet der tiefgreifende Einschnitt jener „44 Tage ohne Opposition“ (Wolfgang Kraushaar) im Herbst 1977. März beschäftigt sich weniger mit den Verschiebungen zwischen den verschiedenen Fraktionen innerhalb des linken Spektrums, die daraus resultierten. Vielmehr versucht er „der damaligen Denk- und Fühlweise von Linken“ im Umgang mit dem „Deutschen Herbst“ „auf den Grund“ zu gehen (S. 18) und fragt nach ihrem Verhältnis zum Staat in den späten 1970er-Jahren. Sehr aufschlussreich ist, wie März in diesem Zusammenhang die Ursprünge und die verschiedenen Verständnisebenen der Begriffe „Repression“ und „Modell Deutschland“ eingangs herleitet und sie quellenkritisch fundiert im weiteren Verlauf seiner Arbeit immer wieder facettenreich durchscheinen lässt. Ihn interessiert, ob es unmittelbar nach der einschneidenden Ereigniskette „zu einer Rückbesinnung Linker auf die Grundwerte der Demokratie“ gekommen sei (S. 29)[7], oder ob sich Linke – ihrem „Verfolgungs- und Dissoziationsdruck“ entfliehend – auf der Suche nach mehr Autonomie tatsächlich in eine „Absatz-Bewegung vom Staat“ begeben hätten.[8]

Um in einem repräsentativen Querschnitt die parallelen Entwicklungen des linken Spektrums einzufangen, betrachtet der Autor vier markante „Protestphänomene“ (S. 387) der Jahre 1978/79: die Gefangeneninitiativen nach dem Zerfall der „Komitees gegen Isolationshaft“, den TUNIX-Kongress, das „3. Internationale Russell-Tribunal zur Situation der Menschenrechte in der BRD“ sowie die Kampagnen zur Freilassung des im Sommer 1977 in der DDR inhaftierten Philosophen Rudolf Bahro.

Diese Auswahl ist plausibel. So repräsentierten die Gefangeneninitiativen und neu gebildeten „Antifa“-Gruppen Aktionsformen wie zentrale Diskussionsprozesse der radikalen Linken über den weiteren Umgang mit (politischen) Gefangenen in den westdeutschen Gefängnissen. Bei ihnen blieb „Stammheim in den Köpfen“ (S. 135-202), was sie mit der Zeit auch zunehmend von anderen Linken isolierte. Federführend koordiniert durch das Sozialistische Büro standen Organisation und Durchführung des Russell-Tribunals vor der Frage: Wie weiter im Kampf gegen „Zensur“ und „Berufsverbote“? Verschärfungen des Strafrechts und der „Extremistenbeschluss“ hatten seit 1972 ganz unabhängig vom „Deutschen Herbst“ staatskritische und antistaatliche Gruppen gleichermaßen mobilisieren können und sie miteinander auf die Ebene eines neuen Menschenrechtsdiskurses gebracht. Der TUNIX-Kongress holte „Spontis“ und „Alternativbewegung“ in einer erneuten Aufbruchsituation (Januar 1978) just dabei ab, als sie – ihrer eigenen Veranstaltungsankündigung folgend – aus dem in mehrfacher Hinsicht als repressiv empfundenen „Modell Deutschland“ auszuziehen gedachten. Der Solidaritätskongress für Bahro in West-Berlin acht Monate später schließlich befasste sich, prominent besetzt, mit Formen der Unterdrückung politisch-oppositionellen Handelns auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs.

Der vom Autor aus Berichten, Aufsätzen, Zirkularen und persönlichen Gesprächen gewonnene mikrohistorische Zugang erlaubt differenzierte Antworten. So erscheint der „Deutsche Herbst“ eher als ein „zuspitzendes Moment“ denn als „konkreter Anlass“ für das linke Spektrum, „endlich aktiv werden“ zu müssen, „wenn es aus seiner längst absehbaren politischen und moralischen Defensive herausfinden wollte“ (S. 390). Zu einer einheitlichen Protestpolitik oder Repressionskritik rückten die einzelnen Fraktionen dennoch nicht zusammen. Insbesondere im Kreis der Initiatoren des Russell-Tribunals erkennt März in ihrer Verteidigung der „freiheitlich-demokratischen Grundordnung“ vermittelnde Bestrebungen sowohl gegen einen weiter ausgebauten „starken Staat“ als auch gegen den Staat als alleinigen Adressaten für politische und gesellschaftliche Veränderungsprozesse. Sachlich und materialreich vermag er unterschiedliche Absetzbewegungen vom Staat aufzuzeigen. So konzentrierte sich die überwiegende Mehrzahl der Teilnehmer des TUNIX-Kongresses darauf, ihr eigenes Leben sofort vor Ort zu ändern und damit ganz praktische Auswege in eine „Alternativbewegung“ hinein zu eröffnen, die sich vermehrt erst ab Anfang der 1980er-Jahre für den Erhalt ihrer „Projekte“ (wieder) an staatliche Institutionen wandte. Weitere Absetzbewegungen entdeckt März in der „räumlichen Umorientierung“ (S. 389) einzelner Protestgruppen nach 1977: Um den außenpolitischen Druck auf die Bundesrepublik zu erhöhen, verlagerten Gefangeneninitiativen ihren Aktionsradius auf West- und Südeuropa. Die Jury des Russell-Tribunals war von vornherein international besetzt, und beim Bahro-Kongress nahmen die Unterstützergruppen den Dialog mit linken Oppositionellen in einer Ost und West integrierenden Perspektive über reformulierte Sozialismuskonzepte auf. Ungebrochen stritten sie weiter für die Erringung eines anderen „Systems“.

Für sich besehen können die einzelnen Beobachtungen wenig überraschen. Dass sie zusammengenommen ein teils widersprüchliches und durchaus neues Bild linker Diskurse und Praktiken im Ausgang der 1970er-Jahre ergeben, hat mit Spezifika linker Geisteshaltung und Geschichte zu tun, ist aber auch der hier zugrundegelegten Breite des Spektrums geschuldet. So hat März aus nachvollziehbaren methodischen Gründen alle aufgenommen, die sich zeitgenössisch selbst als „links“ verstanden, selbst wenn sie sich dieses Attribut gegenseitig wahrscheinlich abgesprochen hätten: von Sozialdemokraten und Sozialrevolutionären bis hin zu Mitgliedern der K-Gruppen. Wo sollte die Grenze gezogen werden? Vor diesem fundamentalen Problem steht ebenso, wer versucht, das unübersichtliche und sich beständig wandelnde linke Protestlager der 1970er-Jahre mit kulturwissenschaftlichen Theorieapparaten im (links)alternativen Milieu anzusiedeln oder es in Bezug zu den neuen sozialen Bewegungen zu setzen, von denen sich manche bei genauerer Betrachtung gar nicht als so neu erweisen.

Im Sinne des oben skizzierten Desiderats einer Gesamtdarstellung des linken Spektrums der 1970er- und 1980er-Jahre wünschte man sich zukünftig noch weitere dieser dichten Beschreibungen über Hintergründe, Abläufe, Akteure und Rezeptionen ausgewählter Protestereignisse, wie Michael März sie überzeugend vorgelegt hat.

Anmerkungen:
[1] Wolfgang Kraushaar (Hrsg.), Die RAF und der linke Terrorismus, 2 Bde., Hamburg 2006.
[2] Sven Reichardt / Detlef Siegfried (Hrsg.), Das Alternative Milieu. Antibürgerlicher Lebensstil und linke Politik in der Bundesrepublik Deutschland und Europa 1968–1983, Göttingen 2010; Cordia Baumann / Sebastian Gehrig / Nicolas Büchse (Hrsg.), Linksalternative Milieus und Neue Soziale Bewegungen in den 1970er Jahren, Heidelberg 2011.
[3] Zusammenfassende Darstellung bei Roland Roth / Dieter Rucht (Hrsg.), Die sozialen Bewegungen in Deutschland seit 1945. Ein Handbuch, Frankfurt am Main 2007.
[4] Silke Mende: „Nicht rechts, nicht links, sondern vorn“. Eine Geschichte der Gründungsgrünen, München 2011.
[5] Susanne Schregel, Der Atomkrieg vor der Wohnungstür. Eine Politikgeschichte der neuen Friedensbewegung in der Bundesrepublik 1970–1985, Frankfurt am Main 2011.
[6] Vgl. etwa Gottfried Oy, Spurensuche Neue Linke. Das Beispiel des Sozialistischen Büros und seiner Zeitschrift ‚links‘ – Sozialistische Zeitung (1969–1997), Berlin 2007; ; auch online unter <http://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Papers_Spurensuche.pdf> (13.4.12).
[7] In Anlehnung an Nikolas Büchse, Von Staatsbürgern und Protestbürgern. Der Deutsche Herbst und die Veränderung der politischen Kultur in der Bundesrepublik, in: Habbo Knoch (Hrsg.), Bürgersinn mit Weltgefühl. Politische Moral und solidarischer Protest in den sechziger und siebziger Jahren, Göttingen 2007, S. 311-332; auch online unter <http://www.zeitgeschichte-online.de/portals/_rainbow/documents/pdf/raf/buechse_buergersinn.pdf> (13.4.2012).
[8] So Hanno Balz, Von Terroristen, Sympathisanten und dem starken Staat. Die öffentliche Debatte über die RAF in den 70er Jahren, Frankfurt am Main 2008, hier S. 322.

Zitation
Uwe Sonnenberg: Rezension zu: : Linker Protest nach dem Deutschen Herbst. Eine Geschichte des linken Spektrums im Schatten des 'starken Staates', 1977-1979. Bielefeld  2012 , in: H-Soz-Kult, 10.05.2012, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-18717>.