S. Leistenschneider: Auftragstaktik im preußisch-deutschen Heer

Titel
Auftragstaktik im preußisch-deutschen Heer 1871 bis 1914.


Autor(en)
Leistenschneider, Stephan
Erschienen
Umfang
179 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Th. Müller, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Als Begründung für frühere operative und taktische Erfolge deutscher Armeen wird immer wieder gern auf die herausragende Bedeutung der so genannten Auftragstaktik verwiesen. Neben der Inneren Führung gilt sie heute als das Markenzeichen der Bundeswehr, weshalb deutsche Offiziere z.B. in den USA immer wieder Vorträge über dieses „typisch deutsche“ Phänomen halten müssen. Problematisch ist dabei lediglich, dass man auf die Frage, was Auftragstaktik eigentlich ist und wie sie entstanden ist, in der Regel nur sehr unbefriedigende Antworten erhält (S. 1). Die bisher verfügbare Literatur ließ viele Fragen offen und die Praxis in der Bundeswehr erweckt nicht selten den Eindruck, es handele sich lediglich um ein modisches Schlagwort. Nicht ohne Grund dürfte Helmut Schmidt in den 1960er Jahren im Offizierskorps der Bundeswehr „Verwaltungsdenken“ und die Tendenz zu „Absicherungsbefehlen“ gerügt haben, während der ehemalige Generalinspekteur Ulrich de Maiziere Ende der 1970er Jahre „Zentralisierungsstreben“ und ein „System bürokratischer Reglementierungen“ beklagte. Plastisch wird dies belegt durch die sage und schreibe 27,44 laufenden Meter Dienstvorschriften, die 1977 in einer Nachschubkompanie der Bundeswehr zu beachten waren (S. 5). Unter diesen Umständen verwundert es kaum, wenn Generalleutnant a.D. Franz Uhle-Wettler die Auffassung vertritt, mit Ende des Zweiten Weltkrieges sei die Auftragstaktik erloschen und müsse künftig wieder belebt werden (S. 6).

Stephan Leistenschneider, Jahrgang 1965, Major i.G., hat sich in seiner bereits 1992 an der Universität der Bundeswehr München entstandenen Diplomarbeit die Aufgabe gestellt, das Wesen der Auftragstaktik zu erfassen sowie ihre Elemente in der Phase der Entstehung und Konsolidierung herauszuarbeiten (S. 7).

Bei der Auftragstaktik handelt es sich um eine in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im preußisch-deutschen Heer entwickelte Führungskonzeption, deren Entstehung eng mit der Ablösung der traditionellen Treffentaktik durch das Gefecht der Kommandoeinheiten verbunden ist. Ihre wesentlichen Elemente sind zum einen die „Freiheit der Form“, also die Freiheit in der Wahl der Mittel zur Erreichung des taktischen Zwecks, und die Selbsttätigkeit als taktisches Prinzip zur „Ausfüllung“ gewährter Freiräume. Dem steht zum anderen eine zweckmäßige Befehlsgebung mit klarer Abgrenzung der Kampfaufgaben bei unmissverständlicher Formulierung des Gefechtszwecks durch die Vorgesetzten gegenüber. Diesen fällt außerdem die Aufgabe zu, ihre Unterstellten zum selbständigen Handeln zu befähigen und mit einer „zeitgemäßen Menschenführung“ zur Eigeninitiative zu ermuntern (S. 76).

Nach einem kurzem Überblick zum legendären Ruf der Auftragstaktik und der weniger legendären Praxis in der Bundeswehr sowie dem bisher eher dürftigen Forschungsstand, gibt Leistenschneider eine kenntnisreiche Einführung in die von ihm verwendeten Quellen - Militärzeitschriften, zeitgenössische Militärpublizistik sowie Vorschriften und Verordnungen - die auch wertvolle Einblicke in Leben und Werk der Protagonisten bietet.

Dem schließt sich ein Kapitel zur Vorgeschichte zwischen 1806 und 1871 an. Darin schildert er die von den preußischen Heeresreformern um Scharnhorst ausgehenden Impulse für die Selbsttätigkeit aller militärischen Führer und gegen eine Schematisierung der Gefechtsführung. Nach 1815 in der Restaurationsphase feierten jedoch Revuetaktik und Treffengliederung fröhliche Urständ und prägten das Exerzierreglement für die Infanterie von 1847 noch weitgehend. Erst mit der Roonschen Heeresreorganisation und der Allerhöchsten Kabinettsorder vom 16. Dezember 1858, der sogenannten „Magna Charta der Selbständigkeit“, welche die „Ausbildung zur Selbstständigkeit und Entwickelung der Individualitäten“ (S. 41) propagierte, setzte eine Entwicklung ein, die sich angesichts der Umwälzung der Infanterietaktik in den preußisch-deutschen Kriegen als zweckmäßig erwies. Der durch den massenhaften Einsatz von Hinterladegewehren erzwungene Übergang von der Kolonne zum Schützenschwarm ermöglichte und erforderte ein bis dahin nicht da gewesenes Maß an Selbständigkeit auf nahezu allen Kommandoebenen.

In eine geschlossene Führungskonzeption konnte diese am taktischen Zweck ausgerichtete Selbsttätigkeit der Kommandeure jedoch erst zwischen 1871 und 1900 eingebettet werden, wie Leistenschneider im dritten Kapitel darlegt. Helmuth von Moltke d.Ä., bekannt für sein Führen mit Direktiven, fungierte dabei als Wegbereiter, während Sigismund von Schlichting die oben genannten Prinzipien der Auftragstaktik ausformulierte und damit den Charakter des Exerzierreglements für die Infanterie von 1888 maßgeblich prägte. Doch alsbald meldeten sich die „Normaltaktiker“ um Wilhelm von Scherff und Albert von Boguslawski als Kritiker zu Wort. Sie plädierten dafür, die im Reglement ihrer Ansicht nach viel zu weit gefassten Ermessenspielräume massiv zu beschneiden und statt der Freiheit der Form ein reglementarisches Normalangriffsverfahren, am besten unter Wiederbelebung der Treffentaktik für verbindlich zu erklären. Die daraus entstehende publizistische Auseinandersetzung, in der durch die „Normaltaktiker“ der Begriff „Auftragstaktik“ bzw. „Auftragsverfahren“ erst geprägt wurde, dauerte bis zur Jahrhundertwende unvermindert an.

Erst mit den Erfahrungen des Burenkrieges und des Russisch-Japanischen Krieges setzte sich die Auftragstaktik dann – wie der Leser im vierten Kapitel erfährt – in der militärwissenschaftlichen Debatte endgültig durch und wurde mit dem Exerzierreglement für die Infanterie von 1906 fortgeschrieben.

Leistenschneiders Arbeit besticht durch profunde Kenntnis der zeitgenössischen Militärpublizistik. So räumt er mit verbreiteten Vereinfachungen und Missverständnissen hinsichtlich der bisher zumeist auf ihre angebliche Gegnerschaft zur aufgelösten Gefechtsordnung reduzierten „Normaltaktiker“ gründlich auf (S. 106-111). Dabei arbeitet er die elementaren Konsequenzen des Übergangs von der Treffentaktik zur flügelweisen Aufstellung der Truppen und der Führung des Gefechts der Kommandoeinheiten, die in der bisherigen Forschung zur Entwicklung des Kriegsbildes im preußisch-deutschen Heer nahezu unberücksichtigt geblieben sind, klar heraus. In diesem Zusammenhang muss man sich jedoch fragen, inwieweit die Aufnahme der flügelweisen Aufstellung der Regimenter in die „Verordnungen für die höheren Truppenführer“ tatsächlich die „entscheidende Grundlage“ (S. 59) der Auftragstaktik gewesen ist oder was die Einführung der Kompaniekolonne als Normalformation 1873 zu einem „wesentlichen Schritt zur Auftragstaktik“ (S. 63) gemacht hat. Hier wird die Auftragstaktik zu sehr an spezifische taktische Formen gebunden. Leistenschneiders Arbeit beschreibt die Entwicklung der Auftragstaktik auch ausschließlich vor dem Hintergrund der Entwicklung der Infanterietaktik, um schließlich lapidar zu konstatieren, daß Kavallerie und Artillerie nach der Jahrhundertwende diese Konzeption übernommen hätten (S. 137). Da die taktischen Formen jedoch eine wesentliche Basis seiner Argumentation darstellen, hätte man gern gewusst, wie sich dies in den anderen Waffengattungen gestaltet hat. Darüber hinaus stellt sich die Frage, in welchem Maße die Auftragstaktik tatsächlich in der Truppe praktiziert wurde. Zweifelsohne erschwert die Quellenlage eine fundierte Beantwortung dieser Frage. Die von Leistenschneider herangezogenen Schriften tragen jedoch primär normativen Charakter, so dass direkte Rückschlüsse auf die Truppenpraxis die Gefahr der Mythenbildung in sich tragen. Hilfreich wäre es dabei auch gewesen, den relationalen Charakter der geforderten „Selbsttätigkeit der Unterführer“ stärker herauszuarbeiten. 1873, als die Kompaniekolonne zur Normalformation erklärt wurde, ging es eben noch nicht um die Selbsttätigkeit von Zug- oder Gruppenführern, geschweige denn einfachen Soldaten, sondern zunächst einmal um erweiterte Entscheidungsspielräume für die Kommandeure vom Kompaniechef aufwärts. Damit verbunden ist die kardinale Frage, nach dem „zulässige(n) Maß an Selbständigkeit und Selbsttätigkeit“ (S. 109) der Unterstellten, die bereits die Debatte zwischen Auftrags- und Normaltaktikern durchzog. Hier findet Leistenschneider eine ebenso eindeutige wie zeitlose Antwort. Der postulierte „selbständig denkende Gehorsam“ ist kein selektiver Gehorsam, wo jeder macht, was er will (S. 96). Statt dessen soll das selbständige Handeln stets in den Dienst des taktischen Zwecks gestellt werden. Mit anderen Worten: „Es geht nicht um Selbsttätigkeit oder Eigeninitiative an sich, sondern um ihre sinnvolle Verbindung mit ihrem scheinbaren Widerpart, dem militärischen Gehorsam und der militärischen Disziplin, zum Wohle des Ganzen: […]“ (S. 83f.).

Stephan Leistenschneider hat eine nach zehn Jahren immer noch innovative und lesenswerte Arbeit vorgelegt, die durch den Verlag sowie die Schriftleitung des MGFA mit Bildern und Schemata beinahe liebevoll gestaltet worden ist. Nachdem über Entstehung und Wesen der Auftragstaktik hinlängliche Klarheit geschaffen worden ist, wäre es nun an der Zeit, auch die Praxis der Auftragstaktik in Vergangenheit und Gegenwart sowie deren zukünftige Perspektiven am MGFA bzw. Sozialwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr näher zu untersuchen.

Zitation
Christian Th. Müller: Rezension zu: : Auftragstaktik im preußisch-deutschen Heer 1871 bis 1914. Hamburg  2002 , in: H-Soz-Kult, 17.02.2003, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-2225>.
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17.02.2003
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