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Titel
Vom Schulmeister zum Menschen. Max Tepp – ein jugendbewegter Reformpädagoge, Schriftsteller und Verleger


Autor(en)
Dudek, Peter
Erschienen
Bad Heilbrunn 2014: Julius Klinkhardt Verlag
Umfang
314 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Elija Horn, Institut für Erziehungswissenschaft, Stiftung Universität Hildesheim

Der emeritierte Frankfurter Professor für Erziehungswissenschaft Peter Dudek ist ein ausgewiesener Kenner der deutschen Reformpädagogik zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Allein in den letzten drei Jahren hat er vier Monografien veröffentlicht, in denen er verschiedene Aspekte der deutschen Reformpädagogik während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts untersucht und darstellt.[1] In seiner jüngsten Veröffentlichung widmet er sich mit Max Tepp (1891–1975) einem Akteur an der Schnittstelle zwischen Reformpädagogik, Siedlungs- und Jugendbewegung, der bislang seltener im Fokus wissenschaftlicher Arbeiten stand. Diese Lücke war der Tatsache geschuldet, dass Quellen zu Leben und Werk Tepps nicht in einem Nachlass gebündelt, sondern weit verstreut und teils nur schwer zugänglich sind. Dudek hat die Mühen, die die Erschließungsarbeit angesichts einer solchen Quellenlage mit sich bringt, auf sich genommen, um in seiner Monografie eine umfassende Darstellung der Biografie Max Tepps sowie dessen Einordnung in reformpädagogisch-jugendbewegte Kontexte und Strömungen vorzulegen. Dabei konzentriert er sich vor allem auf den Hamburger „Wendekreis“, dessen Mitglieder neben Tepp unter anderem Kurt Zeidler, Fritz Jöde und Marie Buchhold waren. Der Autor nähert sich seinem Gegenstand in konzentrisch angelegten Kapiteln. Ausgehend von der ersten Lebenshälfte Max Tepps schildert er in den zentralen Kapiteln zunächst einen als Wendepunkt zu deutenden Einschnitt in seiner Biographie: die Weigerung Tepps, den Eid auf die Weimarer Verfassung abzulegen, woraufhin der jugendbewegte Pädagoge aus dem Schuldienst entlassen wurde. Anschließend erörtert Dudek ausführlich Tepps weltanschaulich-pädagogische Ansichten. Beschlossen wird das Buch mit Schilderungen der zweiten Lebenshälfte Tepps in Südamerika. Diese wurde, quasi spiegelgleich zur ersten, geprägt von Tepps erneuter Weigerung gegenüber einer nationalstaatlichen Autorität: er wollte 1943 die deutsche Flagge nicht „mit dem Hitlergruß […] ‚ehren‘“ (S. 208), was wiederholt zu seiner Entlassung als Lehrer führte. Eine endgültige Rehabilitation erfuhr Tepp 1963 durch die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes.

Der Lebensweg Max Tepps begann als Sohn einfacher Leute im streng protestantischen Milieu in Hamburg, führte über Wandervogel und die Teilnahme als Soldat am Ersten Weltkrieg zunächst zur Freideutschen Jugend, anschließend in die Kreise der Hamburger Schulreformer, wo Tepp den „Wendekreis“ mitbegründete, und in das Siedlungsprojekt „Wendehof“ einstieg. Nach mehrfachen Fehlschlägen, sowohl hinsichtlich der Siedlungsbemühungen aber auch bezüglich seiner Ansprüche an eine pädagogische Praxis, siedelte Tepp mit seiner Familie 1924 nach Südamerika über, wo er sein restliches Leben vorwiegend in pädagogischen Berufen verbrachte. Tepps Bedeutung liegt in dem von ihm formulierten, primär auf Leiblichkeit und Bewegung beruhenden Erziehungsideal, das er in einer radikal anti-institutionell gedachten Lebensgemeinschaft zu realisieren gedachte. Die „Überwindung der Schule“[2] mit dem Ziel einer gesellschaftlichen Erneuerung und der Schaffung des „neuen Menschen“ war für Tepp nicht nur ein Schlagwort, sondern eine bedingungslos anzustrebende Zukunft. Seine Ansichten, die konzeptionell eher vage blieben, publizierte er nicht nur in seiner eigenen Zeitschrift „Der Leib“, sondern auch in Büchern, die unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg eine breite Leserschaft fanden. Tepp, der auch Erzählungen und Gedichte veröffentlichte, griff dabei einen für die Zeit typischen expressionistischen Stil auf. Mit den von ihm vertretenen, von Dudek als „fundamentalistisch“ (S. 165) bezeichneten Positionen machte Tepp sich selbst in reformpädagogischen Kontexten, auch bei den Vertretern der Hamburger Schulreform, nicht nur Freunde. Als er 1924 nach Südamerika auswanderte, stand er relativ verloren auf seinem Posten und verließ Deutschland entsprechend resigniert. In Argentinien gründete er bald nach seiner Ankunft eine deutsche Schule, es folgten Stationen als Lehrer in Chile und Buenos Aires, wo er von 1948 bis 1956 Leiter der ebenfalls deutschen Pestalozzischule war. Tepp verfolgte so seine von Expressionismus und Jugendbewegung geprägten erzieherischen Ideale weitestgehend unbeirrt weiter. Dudek weist lediglich darauf hin, dass Tepp aus Rücksichtnahme auf den „anderen Kulturkreis“ (S. 231), in dem er sich nun befand, sich zwar weniger radikal ausdrückte, aber im Grunde dieselben Ideen weiter verfolgte. Während der Jahre in Südamerika arbeitete Tepp dauerhaft neben seiner Tätigkeit als Pädagoge auch als Schriftsteller, Publizist, Verleger und Industriearbeiter.

Dudek präsentiert in seiner Arbeit unzählige, bislang unbekannte Quellen, anhand derer er viele Lücken sowohl in der Biographie Max Tepps, der Geschichte des „Wendekreises“ und dessen Siedlungsprojekt, dem „Wendehof“, als auch einiger deutscher „Auslandsschulen“ Südamerikas und generell der dortigen deutschen „Auslandspädagogik“ schließen kann. Die dahinter stehende Recherche- und Auswertungsarbeit verdient angesichts der enormen publizistischen Tätigkeit Tepps höchsten Respekt, die gewonnenen Erkenntnisse über Tepps Denken und Wirken, nicht zuletzt im Kontext des Hamburger Wendekreises, dürften auf großes Interesse treffen.

Leider gelingt es Dudek jedoch nicht, herauszuarbeiten, warum man sich heute für Max Tepps Geschichte interessieren sollte. Dabei gibt es durchaus Anknüpfungspunkte zu aktuellen Diskussionen. Regelrecht ins Auge fällt die kaum erfolgte kritische Auseinandersetzung mit Tepps und Zeidlers Konzepten von Liebe und Eros als pädagogischen Prinzipien. Angesichts der oft ausschließlich skandalisierenden Berichterstattung zu Fällen sexueller Übergriffe in reformpädagogischen und jugendbewegten Settings wäre eine historisch fundierte Erörterung, ob und inwiefern hier Kontinuitäten zu verzeichnen sind, wünschenswert gewesen. Das ist umso erstaunlicher, als Dudek sich mit dem Thema der sexuellen Gewalt bereits ausführlich am Beispiel des Reformpädagogen Kurt-Lüder Freiherr von Lützow beschäftigt hat.[3] Anstatt jedoch eine kritische Analyse der Dokumente vorzunehmen, zitiert Dudek ausführlich aus dem hochinteressanten Quellenmaterial und lässt es, oft nur spärlich kommentiert, für sich stehen. Einerseits ist es zu begrüßen, dass das tatsächlich ausdrucksstarke Quellenmaterial keiner ständigen Bewertung unterzogen wird, andererseits erscheint es mir als vertane Chance, dass Dudek sich als Kenner der Materie derart zurückhält. Für alle kommenden Arbeiten zur Hamburger Schulreform und zum Wendekreis ist Peter Dudeks Werk dennoch eine unumgehbare Referenz und vor allem eine äußerst wertvoller Quelle historischer Informationen.

Anmerkungen:
[1] Neben der hier besprochenen Veröffentlichung sind das: Peter Dudek, „Wir wollen Krieger sein im Heere des Lichts“. Reformpädagogische Landerziehungsheime im hessischen Hochwaldhausen 1912–1927, Bad Heilbrunn 2013; ders., „Liebevolle Züchtigung“. Ein Mißbrauch der Autorität im Namen der Reformpädagogik, Bad Heilbrunn 2012 und ders., „Er war halt genialer als die anderen“. Biografische Annäherungen an Siegfried Bernfeld, Gießen 2012. Diesen Publikationen ist zudem 2009 eine Studie über Gustav Wyneken und die von ihm mitgegründete Freie Schulgemeinde Wickersdorf vorausgegangen: ders., „Versuchsacker für eine neue Jugend“. Die Freie Schulgemeinde Wickersdorf 1906–1945, Bad Heilbrunn 2009.
[2] Titel eines Buches des Reformpädagogen Wilhelm Paulsen von 1926: Wilhelm Paulsen, Die Überwindung der Schule. Begründung und Darstellung der Gemeinschaftschule, Leipzig 1926.
[3] Peter Dudek, Liebevolle Züchtigung.

Zitation
Elija Horn: Rezension zu: : Vom Schulmeister zum Menschen. Max Tepp – ein jugendbewegter Reformpädagoge, Schriftsteller und Verleger. Bad Heilbrunn  2014 , in: H-Soz-Kult, 13.11.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22397>.
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Veröffentlicht am
13.11.2014
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