H. Waibel: Der gescheiterte Anti-Faschismus der SED

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Titel
Der gescheiterte Anti-Faschismus der SED. Rassismus in der DDR


Autor(en)
Waibel, Harry
Erschienen
Frankfurt am Main 2014: Peter Lang/Frankfurt am Main
Umfang
293 S.
Preis
€ 39,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Enrico Heitzer, Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen, Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten

Vor den Sommerferien 1989 fanden sich mehrere „Russen raus!“-Schmierereien an der Erich-Mäder-Oberschule in Altenburg. Der damals 13-jährige Autor dieser Rezension, Schüler einer Russischklasse mit Kontakten zu sowjetischen Soldaten, fand den Hass auf „Russen“ unbegreiflich. Unter anderem diesem Thema wendet sich Harry Waibel in seiner Arbeit zu, auch wenn sie die genannten Vorfälle nicht erwähnt. Waibels zentrale These, dass der SED-Antifaschismus gescheitert sei, findet sich im Titel. Der Untertitel kündigt präzisierend eine Untersuchung zu „Rassismus in der DDR“ an, zu dem der Publizist sich bereits länglich eingelassen hat.[1] Dort habe es einen „speziellen und wirkungsmächtigen Rassismus“ gegeben, der bis heute fortwirke (S. 11). Die „gehäuften neo-nazistischen und rassistischen Vorkommnisse“ ließen den Schluss zu, „dass die Verarbeitung der Nazi-Vergangenheit auch in der DDR nicht bzw. nur unvollständig gelungen“ sei (S. 107). Waibel bezieht sich auf Ralph Giordanos Diktum vom großen Frieden mit den Tätern, zu dem es auch dort gekommen sei (S. 101).

Der Autor macht zudem darauf aufmerksam, dass es in der DDR offenkundig eine verbreitete Systemgegnerschaft von rechts gegeben habe. Leider wirft er dieses Problem mitten im Buch auf; er kann die Frage danach zudem nur als „Vorwurf“ an „die historische Forschung über die Opposition in der DDR“ formulieren. Dieser sei es „nicht gelungen […], den Neo-Nazismus bzw. Rassismus als Teil der Opposition zu berücksichtigen“ (S. 120). Dass auch Personen aus dem rechtsradikalen Spektrum im Feld von Opposition und Widerstand agierten, ist in der Tat kaum untersucht; dass es überhaupt nicht beachtet worden sei, ist aber falsch.[2]

Das Buch besteht aus zwei gleich großen Teilen, wobei Waibel diese Struktur immer wieder durchbricht. Im ersten Teil präsentiert er eigene Analysen zu den Rassismusursachen, die er in einem völkischen Nationalismus, der Militarisierung von Staat und Gesellschaft, einem fehlerhaften Antifaschismuskonzept, aber auch im Marxismus-Leninismus sowie einer fehlgeschlagenen Entnazifizierung sieht. Im zweiten Teil präsentiert er chronologisch und thematisch seine Archivfunde, die vorwiegend aus den Beständen des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) stammen. Unbestreitbar ist es ein Verdienst, die in ihrer Zahl beeindruckenden Vorfälle wie die beschriebenen aus der DDR-Endzeit ans Tageslicht zu holen.

Für die gesamte DDR-Zeit belegt Waibel Hunderte weitere Äußerungsformen rechtsradikalen und rassistischen Denkens und Handelns. Man erfährt von Manifestationen des Antisemitismus ebenso wie von einigen Hetzjagden in der Provinz gegen Menschen aus Kuba, Vietnam, arabischen oder afrikanischen Staaten. Dabei kam es seinen Erkenntnissen zufolge bis 1989 zu zehn Toten und Hunderten Verletzten. Waibel legt Teile einer Vorgeschichte der rassistischen Gewaltexzesse, der pogromartigen Ausschreitungen und Morde der frühen 1990er-Jahre offen, die in Ostdeutschland seit der Vereinigung massiver auftraten als in den von einer durchaus ähnlichen Welle überzogenen Altbundesländern. Die dokumentierten Fälle zeigen, dass es in der DDR durchgängig und flächendeckend zu rassistischen und antisemitischen Vorfällen kam. Sie zeigen aber auch, dass gerade Gewalttäter von den Sicherheitsorganen oft mit Härte bestraft und Versuche, nazistische Strukturen zu bilden, brachial verhindert wurden. Zu Recht weist Waibel kritisch darauf hin, dass Gegenstrategien neben dem Beschweigen verbunden mit rein polizeistaatlichen Maßnahmen weder diskutiert, noch entwickelt oder gar in Anwendung gebracht wurden.

Das Themenfeld ist unterbelichtet und wäre sachlich zu erforschen. Waibel erweist seinem Vorhaben jedoch teilweise einen Bärendienst. Bereits der Beginn des Buches steht pars pro toto für prägende Probleme: Als ob es keine neuere Literatur gäbe, stützt er der ersten Fußnote zufolge seine Deutung der DDR wesentlich auf einen Aufsatz aus dem Jahre 1994 (S. 9). Das Vorwort wiederum endet mit dem Dank an den leitenden Verlagslektor, garniert mit einer Stilblüte: Dieser habe geholfen, „die Klippen zu umschiffen, die ich alleine nicht hätte bewerkstelligen können“ (S. 7). Darüber ließe sich hinweggehen, wenn es nicht symptomatisch für viele Schludrigkeiten wäre. Diese werden exemplarisch deutlich, wenn Waibel wenige Seiten weiter sowohl den Namen Georgi Dimitrows in zwei Varianten anbietet als auch jenen von Sahra Wagenknecht falsch schreibt oder es schafft, den Historiker Louis Dupeux ausschließlich in entstellten Namensvarianten zu zitieren und ihn im Literaturverzeichnis zu vergessen (S. 11, 36, 40). Beim Lektorat hätte die Wiederkehr wortidentischer Passagen, zum Teil mit demselben Rechtschreibfehler, auffallen müssen (S. 14f., 41/48, 50/101). Aus Platzgründen kann man nicht auf die vielen Rechtschreib-, Grammatik- und Tempusfehler (Plusquamperfekt!), die Schwierigkeiten mit der indirekten Rede und die fatale Neigung zur hypertrophen Parataxe eingehen.

Wiederholt fallen eine argumentative Inkonsistenz sowie eine ungenaue Kenntnis von Forschungsständen auf: So überrascht es kaum, wenn Waibel die Darstellung auf Wikipedia oder das Portal DDR-wissen.de stützt, wo Autoren wie „Zonengabi“ oder „Hallunke“ schreiben (S. 56, 58, 106).[3] Waibels Analysen sind widersprüchlich und mitunter krude: Einerseits redet er von „ideologischen und politischen Übereinstimmungen der Nazi-Ideologie mit völkisch-nationalistischen Vorstellungen der KPD“, deren Gemeinsamkeiten „bis zum Hitler-Stalin-Pakt“ geführt hätten (S. 49). Andererseits sieht er Rassisten und Antisemiten im Lager der SED-Gegner. Einerseits pflegt er einen paternalistischen Blick auf die „Unterklassen“, deren Befreiung Sache der Linken sei (S. 122). Der Pazifismus der Nachkriegsbevölkerung habe unterdrückt werden müssen (S. 44). Andererseits hätten neben „Frauen und Männern (auch Kinder)“ [sic] in ihrer „übergroße[n] Mehrheit“ zu den „bis zum Schluss überzeugten“ Nazi-Anhängern gehört, waren demnach also nicht pazifistisch (S. 49). Ärgerlich wird es, wenn Waibel zu Formulierungen greift, die er anderen vorhalten würde: So verirrt er sich zu der Verallgemeinerung, dass „linke wie rechte deutsche Terrorgruppen“ in den Nahen Osten gegangen seien, um sich von „den Arabern“ im Judenmorden unterweisen zu lassen (S. 93).

Der Autor wäre wohlberaten gewesen, seine oft redundanten Analysen zu kürzen und die Darstellung der Archivfunde zu priorisieren. Doch selbst dabei fallen Unschärfen auf. Häufig fehlen Sensibilitäten. Waibel lässt zu oft jede Quellenkritik vermissen und übernimmt zum Teil direkt das Vokabular des MfS – etwa wenn er vom „Rädelsführer“ (S. 188, 212), von Zuführungen (S. 185f., 195) oder gar „die staatliche Ordnung der DDR herabwürdigende[n] Schmierereien“ redet (S. 205). Die Übernahme des MfS-Urteils lässt die „Wacht am Rhein“ und das „Deutschlandlied“ kurzerhand zu „faschistischen Lieder[n]“ werden (S. 185) und macht Proteste gegen Volkspolizisten zu rechtsradikalen Ausschreitungen: So wird im Absatz „Neo-nazistische, anti-semitische und rassistische Angriffe“ die Festnahme Jugendlicher geschildert, von denen einer die Polizisten als „Nazischweine“ bezeichnet habe (S. 185f.). Es folgt ein Bericht über den Streit mit Polizisten in Ost-Berlin 1984. Ein Mann habe sie als „Bullenschweine, Verbrecher, Nazis“ betitelt; es sei „wie ´45 bei Hitler“ (S. 186). Waibel stellt Parolen wie „Arier verrecke“ und „Rot Front“, „SS – DDR“ oder das angeschmierte Wort „Nazi“ auf einem Wahlplakat der Nationalen Front ebenfalls in diesen Kontext (S. 179, 183, 197). Die Darstellung wirft wiederholt Fragen auf: Unklar bleibt beispielsweise, was Kämpfe zwischen Algeriern, Äthiopiern, Mosambikanern, Sowjetbürgern, Kubanern, Polen und Ungarn sowie Einbrüche, Diebstähle, Vergewaltigungen, Verletzungen oder Tötungen von DDR-Bürgern durch Ausländer über den SED-Antifaschismus bzw. den DDR-Rassismus aussagen sollen (S. 132f., 214ff., 227, 230-233, 241f.).

Waibel stilisiert sich zum Rufer in der Wüste, der für seine unbequemen Resultate „von den akademischen Historikern und Politologen abgestraft“ worden sei (S. 12, 123). Er gibt sich zwar überzeugt, dass „auch das akademische Establishment der Geschichtswissenschaft“ diese irgendwann anerkenne (S. 120), tut allerdings wenig, um argumentativ zu überzeugen. Es scheint oft, dass er weniger an einer abgewogenen Argumentation, sondern an Vereindeutigungen und der Vergabe ideologischer Haltungsnoten interessiert sei. Waibel teilt aus und belegt dabei seine häufig steilen Behauptungen wenn überhaupt, dann mitunter mit Quellen, die eher der Widerlegung dienen. So schreibt er in einem der Rundumschläge, das „gesamte Fach“ der deutschen Geschichtswissenschaft nach 1945 sei „diskreditiert“, weil es für eine „anhaltende Verweigerung“ stehe, „den gesamten Komplex [des NS und seiner Nachwirkungen] aufzuklären“ (S. 111). Er attackiert die Publizistin Daniela Dahn als „prominente Leugnerin“ (S. 117). In dem als Beleg genannten Text heißt es jedoch, es sei angesichts des exzessiven Rassismus der NS-Zeit unmöglich, dass sich danach „in Teilen der deutschen Bevölkerung in Ost und West nicht ein latenter Antisemitismus erhalten hätte“.[4]

Es fällt nicht leicht, ein Urteil zu fällen. Um das Buch werden Forscher nicht herumkommen. Sie werden es wohl als Lexikon und thematischen Archivführer nutzen. Waibel polemisiert zu oft und bleibt konsistente Analysen weitgehend schuldig. Es verwundert, dass er die Potentiale seiner Funde nicht ansatzweise zu erschließen sucht, etwa zur geographischen Verteilung, Altersstruktur oder sozialen Herkunft der Akteure. Er postuliert zwar eine „rassistische Kontinuität“ (S. 11) und hebt den Gegenwartsbezug hervor, hat aber zur Frage, ob im Pegida-Kernland der SED-Antifaschismus am gründlichsten gescheitert sei, wenig beizutragen.

Anmerkungen:
[1] Harry Waibel, Rassisten in Deutschland, Frankfurt am Main 2012, enthält eine ca. 150-seitige „Chronologie rassistischer Ereignisse in der DDR“.
[2] Siehe etwa die Literatur über den „Bund Deutscher Jugend”, der vor seinem Verbot in Westdeutschland und West-Berlin 1952/53 sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR aktiv war: Bernd Stöver, Die Befreiung vom Kommunismus. Amerikanische Liberation Policy im Kalten Krieg 1947–1991, Köln 2002, v.a. S. 270–274 sowie S. 543–549.
[3] <http://www.ddr-wissen.de/wiki/ddr.pl?Autoren> (02.04.2016).
[4] Daniela Dahn, Tragödien sind nicht zu Ende, wenn der Vorhang fällt, in: Der Freitag, 20.07.2007, <https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/tragodien-sind-nicht-zu-ende-wenn-der-vorhang-fallt> (02.04.2016).

Zitation
Enrico Heitzer: Rezension zu: : Der gescheiterte Anti-Faschismus der SED. Rassismus in der DDR. Frankfurt am Main  2014 , in: H-Soz-Kult, 04.05.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22779>.
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Veröffentlicht am
04.05.2016
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