J. S. P. Walsh: Consumerism in the Ancient World

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Titel
Consumerism in the Ancient World. Imports and Identity Construction


Autor(en)
S. P. Walsh, Justin
Erschienen
Umfang
XX, 218 S.
Preis
€ 147,91; $ 140.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Matthias Hoernes, Forschungsschwerpunkt „Kulturelle Begegnungen – Kulturelle Konflikte“, Leopold-Franzens-Universität Innsbruck

Konsum ist kein Phänomen, das die globalen Warenströme der (Spät)moderne zur Voraussetzung hätte und daher den gegenwartsbezogenen Kultur- und Sozialwissenschaften vorbehalten bliebe. Längst hat sich Konsumforschung als ein weites Feld innerhalb der auch historisch arbeitenden material culture studies etabliert und ist mit den wegweisenden Studien Michael Dietlers zu einem theoretischen Dreh- und Angelpunkt der altertumswissenschaftlichen Kulturkontaktforschung geworden.[1] In diese Tradition stellt sich Justin Walsh, der eine schmale Monographie mit einem umso ambitionierteren Anspruch vorgelegt hat: Auf der stupenden Datengrundlage von knapp 24.000 Fragmenten griechischer Keramik von 233 Fundorten im heutigen Portugal, Spanien, Frankreich, Deutschland und der Schweiz möchte Walsh lokal-regionale Konsummuster im antiken Westmittelmeerraum und transalpinen Europa zwischen dem 8. und 4. Jahrhundert v. Chr. herausarbeiten. Konkret will Walsh ermessen, welche Gründe nicht-griechische Akteure dazu bewogen, griechische Keramik zu erwerben, und welche Bedeutung diesen Importen in den lokalen Sozialgefügen – etwa für die Ausbildung und Kommunikation von Identitäten – zukam.

Ausgangspunkt der Studie ist das mittelsizilische Morgantina, zu dem Walsh verschiedentlich publiziert hat:[2] Um die in ihrem jeweiligen Formen- und Typenspektrum signifikant divergierenden Ensembles griechischen Importgeschirrs aus den beiden Siedlungen von Morgantina zu erklären, diskutiert Walsh ökonomische, topographische und chronologische Faktoren. Diese schließt er zugunsten der These aus, in den Befundmustern den Niederschlag spezifischer Konsumentscheidungen und -präferenzen zu sehen. Im zweiten Kapitel ordnet Walsh diese Kernthese seiner Monographie in den weiteren Horizont der Kulturkontaktforschung zum archaisch-klassischen Mittelmeerraum ein (S. 14–33). Nach einem chronologischen Abriss der Gründung griechischer und phönizischer Niederlassungen im westlichen Mittelmeerraum, der im Wesentlichen auf Bekanntem aufbaut, skizziert Walsh in diesem insgesamt etwas blassen Kapitel den Kenntnisstand zu den ‚indigenen‘ Bevölkerungen im nordalpinen Mitteleuropa, im Languedoc und auf der Iberischen Halbinsel. Komplementär dazu führt das dritte Kapitel anhand ausgewählter Fundorte in die materielle Kultur des Westmittelmeerraumes und transalpinen Europa ein (S. 34–64). Die Gliederung des Abschnitts unter dem Gesichtspunkt dessen, was gemeinhin unter archäologischen „Kulturen“ verstanden wird, trennt etwa die griechischen Gründungen in Südfrankreich und auf der Iberischen Halbinsel von den ‚indigenen‘ Siedlungen im jeweiligen Um- und Hinterland und hätte, wie eine Rezensentin zu Recht anmerkte,[3] von einem eher themen- oder problemorientierten Zugriff profitiert, der quer zu solchen konventionellen Kategorisierungen liegt.

Nach dieser historisch-archäologischen Kontextualisierung verortet sich Walsh im folgenden Kapitel in der Forschungslandschaft zu antiken Kulturkontakten, um hieraus seinen eigenen theoretischen Rahmen und das nötige methodische Instrumentarium zu entwickeln (S. 65–93). Die tour d’horizon durch den gegenwärtigen Theoriekanon eröffnet ein mit einer Seite etwas knapper Abschnitt zu Identitätskonzepten, in dem Walsh ausgehend von der Definition von Identität als Gruppenzugehörigkeit die Erkenntnisse der jüngeren Ethnizitätsforschung referiert; zur Prämisse, dass Identität über Konsum in materieller Kultur artikuliert wird, hätte der Rezensent in heuristischer wie epistemologischer Hinsicht gerne etwas mehr erfahren. Wie in der konsumtheoretisch angeleiteten Kulturkontaktforschung üblich setzt sich Walsh von kolonialistischen Narrativen und Akkulturationsmodellen ab. Eine Absage erteilt er auch der Weltsystem-Theorie und der neueren Netzwerktheorie, der er geringe Erklärungskraft zubilligt und die er in Irad Malkins Verquickung mit Theorien des middle ground als implizit hellenozentrisch kritisiert.[4] Seine eigene postkoloniale Position konturiert Walsh mit Referenz auf Hybriditätskonzepte und fächert im Anschluss an Arjun Appadurai auf, wie Objekte in unterschiedlichen kulturellen Kontexten mit Bedeutung belegt sein können.[5] Um solchen lokalen Bedeutungszuschreibungen auf die Spur zu kommen, sieht Walsh im Konsum von Objekten den Schlüssel. Diesen versteht er als einen sozialen Kommunikationsakt, in dem auf gruppenspezifisch codierte Bedeutungen rekurriert und die eigene Gruppenzugehörigkeit demonstriert wird. Eine erfrischende Alternative zur gängigen Rede von „elitären Prestigegüter“ bieten dabei Konzepte des kompetitiven Geltungskonsums und der Signaling-Theorien, wie sie in der Wirtschaftswissenschaft und Verhaltensbiologie Anwendung finden, um scheinbar irrationale Ausgaben trotz kostengünstigerer Alternativen zu erklären.

Aus dieser breiten Palette theoretischer Zugriffe leiten sich drei quantitative Auswertungsmethoden für den empirischen Teil der Arbeit ab, die im fünften Kapitel ausgebreitet werden (S. 94–124): Ein grobkörniges Bild des jeweiligen lokal-regionalen Interesses an griechischer Keramik bieten erstens die Gesamtzahlen von Fragmenten und Gefäßen. Um die vielfältigen Unwägbarkeiten der Überlieferung, Grabung und Publikation auszugleichen, bedient sich Walsh zweitens einer Präsenz-Absenz-Analyse nach fünf funktionalen Typen (Trinken, Essen, Haushalt, Lagerung, Transport), denen konventionelle Formtypen untergeordnet werden. Diese Ergebnisse werden drittens mittels des aus der Biostatistik entlehnten Simpson-Index verfeinert, der Diversität in Abhängigkeit von der Anzahl vorhandener Typen und der Zahl an Individuen innerhalb dieser Typen bemisst. Dieser dreifache Zugriff verspricht vergleichend Aufschluss darüber zu geben, wo im Westmittelmeerraum und im transalpinen Europa Interesse an und Zugang zu griechischer Keramik bestand, in welcher Größenordnung und welcher Bandbreite Importe in die betreffenden Regionen flossen und in welchen Lebensbereichen diese begehrt waren. Die solcherart vermessenen „Konsumlandschaften“[6] visualisiert Walsh über das geostatistische Verfahren des Kriging, das es erlaubt, Werte für Orte ohne Stichprobe anhand der umliegenden Messwerte zu interpolieren. Die Ergebnisse sind in Form farbiger Karten ebenso frei über die Verlagsseite verfügbar wie die zugrunde liegende Datenbank – ein für künftige Publikationen sicherlich vorbildliches Angebot.[7]

Aus den vielfältigen Ergebnissen, die der Analyseabschnitt aufgeschlüsselt nach Chronologie, Region, Gefäßfunktionen, Einzelformen und Fundkontexten präsentiert (S. 125–170), können hier nur Kostproben geboten werden. Die ersten Resultate erstaunen zunächst nicht unbedingt (S. 136): Importe fallen im Umland griechischer Gründungen am zahlreichsten aus. Sowohl in diesen Regionen als auch in Gebieten mit geringerem Absatz lassen sich keine übergreifenden Muster erkennen. Vielmehr ist dieser Konsumraum griechischer Keramik in zahlreiche „Mikroregionen“[8] fragmentiert, die nicht mit kulturellen Gruppen korrespondieren. Mit einem massiven Anstieg in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts findet griechische Importkeramik verstärkt ihren Weg in das Languedoc und das restliche Frankreich, in die Schweiz und nach Südwestdeutschland. Demgegenüber lässt sich über weite Teile des Untersuchungszeitraums eine sehr geringe Verbreitung in Spanien jenseits von Ullastret und Huelva sowie an der Küstenlinie zwischen Barcelona und Valencia feststellen. Interessant ist etwa auch der Nachweis, dass sich Importe auf einige wenige Zentren im Languedoc-Roussillon und in Nordostkatalonien konzentrieren, während unmittelbar benachbarte Siedlungen keine nennenswerten Nachweise bieten. Zu differenzierten Ergebnissen gelangt Walsh bei Trinkgeschirr (S. 146–152), das als Exportschlager lange Zeit im Fokus der Forschung stand und als angeblicher Ausweis griechischer Symposionskultur galt. So können Regionen mit niedrigeren, aber vielfältigeren Importen von solchen mit höheren Importquoten, jedoch geringerer Produktvarianz abgegrenzt werden. Für die frühkeltischen „Fürstensitze“ etwa weist Walsh ein fast ausschließliches Interesse an Trinkgeschirr nach, das zwar in geringen Zahlen die Alpen überquerte, aber in der vollen Bandbreite beschafft werden konnte (S. 146–149). Schließlich vermag die breite Datengrundlage auch alte Annahmen empirisch zu fundieren und zu verfeinern, wie etwa jene, dass Cástulo-Schalen primär für den Export gefertigt wurden und in den westlichen griechischen Gründungen wenig Anklang fanden (S. 160f.).

Ein kurzes Schlusskapitel fasst die zentralen Ergebnisse unter Rückgriff auf den theoretischen Dreischritt aus Konsum, Objektbedeutungen und Identitätsbildung zusammen (S. 171–182). Das Buch beschließen ein Appendix mit einer Fundstatistik nach (modernen) Orten und Funktionstypen, eine umfangreiche Bibliographie sowie ein knapper Index.

Insgesamt ist Walsh für ein anregendes und methodisch innovatives Buch zu danken, dessen Verdienst insbesondere in der Etablierung quantitativer Auswertungsverfahren liegt. Dennoch hätte sich der Rezensent stärker kontextuell orientierte Analysen gewünscht, die sich durchaus auch statistisch niederschlagen können. So rechnet Walsh etwa mit Medianwerten der Produktionszeiten griechischer Keramikerzeugnisse (S. 137) und lässt retardierende Momente im Transport und längere Nutzungszeiten im Binnenland unberücksichtigt, für die der Euthymides-Krater aus Morgantina nur ein warnendes Beispiel ist. Breiter hätte auch die – grundsätzlich innovative – Einteilung nach funktionalen Gefäßtypen diskutiert werden können, bei der Walsh zwar einräumt, dass die Nutzung im ‚indigenen‘ Bereich von jener im griechischen Kontext abweichen kann (S. 115f. und S. 175), letztlich aber doch die mutmaßlich intendierte Gefäßfunktion mit Gebrauchs- und Umgangspraktiken gleichgesetzt.[9] Und auch wenn diagnostiziert wird, dass griechische Weinmischgefäße nur selten in das ‚indigene‘ Hinterland importiert, dann aber häufig ‚neuen‘ Nutzungen zugeführt wurden (S. 162f.), können nur kontextuelle Befunde und der Fokus auf Formen „kultureller Aneignung“[10] weiteren Aufschluss geben.[11] Dessen ungeachtet schlägt Walsh mit seinem Makrobild westmediterraner und transalpiner Konsumlandschaften gleichermaßen eine Schneise für Mikrountersuchungen zu lokalen Konsummustern[12] wie auch für Studien, die Kulturkontakte im Mittelmeerraum in seiner Gesamtheit in den Blick nehmen.

Anmerkungen:
[1] Einführend: Michael Dietler, Consumption, in: Dan Hicks / Mary C. Beaudry (Hrsg.), Material Culture Studies, Oxford 2010, S. 209–228; Daniel Miller, Consumption, in: Chris Tilley / Webb Keane / Susanne Küchler / Mike Rowlands / Patricia Spyer (Hrsg.), Handbook of Material Culture, London 2006, S. 341–354; Hans Peter Hahn, Konsum, in: Stefanie Samida / Manfred K. H. Eggert / Hans Peter Hahn (Hrsg.), Handbuch Materielle Kultur, Stuttgart 2014, S. 97–104.
[2] Als Ergänzung zur Monographie vgl. bes. Justin St. P. Walsh, Consumption and Choice in Ancient Sicily, in: Franco De Angelis (Hrsg.), Regionalism and Globalism in Antiquity. Exploring Their Limits, Colloquia Antiqua 7, Leuven 2013, S. 229–245.
[3] S. Rebecca Martin: Rezension in: Bryn Mawr Classical Review 2014.06.50, <http://bmcr.brynmawr.edu/2014/2014-06-50.html> (18.01.2015).
[4] Irad Malkin, A Small Greek World. Networks in the Ancient Mediterranean, Oxford 2011.
[5] Arjun Appadurai (Hrsg.), The social life of things. Commodities in cultural perspective, Cambridge 1986.
[6] Güliz Ger / Russell W. Belk, I’d Like to Buy the World a Coke: Consumptionscapes of the “Less Affluent World”, in: Journal of Consumer Policy 19 (1996), S. 271–304.
[7] <http://www.routledge.com/books/details/9780415893794/> (18.01.2015). Leider erschweren Abweichungen zwischen den Verweisen im Buch und den Dateinamen die Arbeit mit dem digitalen Kartenmaterial.
[8] Peregrine Horden / Nicholas Purcell, The Corrupting Sea. A Study of Mediterranean History, Oxford 2000.
[9] Zu Dingen und ihren Funktionen pointiert: Beth Preston, The Function of Things: A Philosophical Perspective on Material Culture, in: Paul M. Graves-Brown (Hrsg.), Matter, Materiality and Modern Culture, London 2000, S. 22–49. Für ein illustratives Beispiel: Jeremy Hayne, Entangled Identities on Iron Age Sardinia?, in: Peter van Dommelen / A. Bernard Knapp (Hrsg.), Material Connections in the Ancient Mediterranean. Mobility, Materiality and Mediterranean Identities, London 2010, S. 147–169, hier: S. 156.
[10] Stefan Schreiber, Archäologie der Aneignung. Zum Umgang mit Dingen aus kulturfremden Kontexten, Forum Kritische Archäologie 2 (2013), S. 48–123, <http://www.kritischearchaeologie.de/fka/article/view/30/33> (18.01.2015).
[11] Einschlägig relevant, aber leider unberücksichtigt: Friederike Fless, Rotfigurige Keramik als Handelsware. Erwerb und Gebrauch attischer Vasen im mediterranen und pontischen Raum während des 4. Jhs. v. Chr., Internationale Archäologie 71, Rahden/Westf. 2002.
[12] Exemplarisch: Erich Kistler / Martin Mohr, Monte Iato I: Two Late Archaic Feasting Places between the Local and Global, in: Erich Kistler / Birgit Öhlinger / Martin Mohr / Matthias Hoernes (Hrsg.), Sanctuaries and the Power of Consumption. Networking and the Formation of Elites in the Archaic Western Mediterranean World. Proceedings of the International Congress in Innsbruck, 20–23 March 2012 (im Druck).

Zitation
Matthias Hoernes: Rezension zu: : Consumerism in the Ancient World. Imports and Identity Construction. New York  2014 , in: H-Soz-Kult, 23.02.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23648>.
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23.02.2015
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