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Titel
Der jüdische Mai '68. Pierre Goldman, Daniel Cohn-Bendit und André Glucksmann im Nachkriegsfrankreich


Autor(en)
Voigt, Sebastian
Erschienen
Göttingen 2015: Vandenhoeck & Ruprecht
Umfang
383 S.
Preis
€ 69,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Miriam Rürup, Institut für die Geschichte der deutschen Juden, Hamburg

Drei politische Intellektuelle stehen im Mittelpunkt der Studie, mit der Sebastian Voigt 2013 an der Universität Leipzig promoviert wurde. Dass der Autor sich für die Erfahrungen dieser drei Protagonisten der Demonstrationen und politischen Agitationen des Jahres 1968 vor allem als eine jüdische Erfahrung interessiert, wird bereits aus dem Titel des Buches deutlich: „Der jüdische Mai ‘68“. Der Mai 1968 selbst ist dabei letztlich eher der Aufhänger und längst nicht Thema der Arbeit. Vielmehr entfaltet Voigt von den Ereignissen in Paris im Mai 1968 rückwärts blickend ein historisches Panorama der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Beginnend führt er seine Leserschaft in die Familiengeschichte der drei Männer ein und skizziert damit fast so etwas wie eine jüdische Genealogie der französischen Protestbewegungen von 1968. Insbesondere nimmt er deren Schriften aus der Dekade vom „Mai 68“ bis Ende der 1970er-Jahre und damit die Hochzeit der französischen neuen Linken in den Blick. Es geht ihm um eine Verschränkung der familiären Vorgeschichte bedeutender Protagonisten des „Pariser Mai“ mit ihrer „Jüdisch-Werdung“ im Kontext der politischen Ernüchterungen, wenn nicht gar Enttäuschungen der drei Männer innerhalb der französischen Linken.

Die drei „Schlüsselfiguren“ (S. 20) sind Pierre Goldman, Daniel Cohn-Bendit und André Glucksmann. Pierre Goldman, als Sohn polnischer Zuwanderer 1944 geboren, ist vor allem durch seine im Gefängnis verfassten Schriften zu einem Wortführer der sozialen Bewegungen geworden. Zuvor war er in der KP Frankreichs aktiv und kämpfte im Jahr 1968 selbst als Guerillero in Südamerika, war in Frankreich fahnenflüchtig und geriet wiederholt mit dem Gesetz in Konflikt. Seine Wirkungszeit als linker Intellektueller fällt in das Jahrzehnt ab den Umbrüchen von 1968. Vor allem seine Ermordung auf offener Straße im Jahr 1979 ließ ihn zu einem Helden der französischen Linken werden und dient als zeitlicher Endpunkt der Untersuchung von Voigt.

Daniel Cohn-Bendit, bis heute Aktivist der europäischen Linken und aktives Parteimitglied der Grünen, dessen Geschichte im zweiten Kapitel erzählt wird, wurde 1945 in Frankreich als Sohn deutscher Eltern geboren und blieb bis zu seinem 13. Lebensjahr staatenlos. Er beschreibt sich als wesentlich durch die elterliche Erfahrung der Staatenlosigkeit geprägt. Voigt zeigt einige Verbindungslinien auf, in denen die politischen Themen Cohn-Bendits von dieser Prägung beeinflusst sind.

André Glucksmanns Wirkungszeit reicht ebenfalls über das Jahrzehnt von 1968 hinaus. 1937 geboren, aus einem kommunistischen Elternhaus rumänisch-tschechischer Herkunft stammend, war er zunächst Maoist, ging aber schließlich in einer sehr dezidierten und als Renegatentum rezipierten, antitotalitären Wendung mit dem Kommunismus hart ins Gericht.

Am Beispiel der drei Biographien und der familiären Vorgeschichten schreibt Voigt eine buchstäblich transnationale Geschichte der europäischen Nachkriegslinken – zwar am französischen Beispiel, doch immer mit Blick über die Grenzen Frankreichs und der französischen Geschichte hinaus. Mittels chronologisch in den Familiengeschichten platzierten Kurzkapiteln zu historischen Hintergrundinformationen wie beispielsweise zu Vichy oder dem Algerienkrieg gelingt es dem Autor, die Familienbiographien und das intellektuelle Profil der Protagonisten in größere historische Kontexte einzubetten. So verschränkt er kunstvoll historische Chronologie, familiäre Vorgeschichte und die jeweils prägendsten historischen Momente der drei Figuren. Vor allem die Elternhäuser aller drei Männer haben demnach, so gelingt es Voigt zu zeigen, die entscheidende Prägung für das jüdische Selbstverständnis der Protagonisten in der Dekade der „68er“ geliefert. Die Erfahrungen der Eltern als Staatenlose, Verfolgte und Migranten haben sich demnach, wenn auch zeitlich verzögert, auf die Söhne übertragen und sie nicht nur zu Wortführern der Linken, sondern zu jüdischen Wortführern der Linken gemacht. Mit „jüdisch“ ist hier die von den Eltern erlebte Ausgrenzung, die nachträglich Gemeinschaft stiftet, und weniger eine religiöse oder kulturelle Zugehörigkeit gemeint. Die Erfahrung der Eltern als Ausgestoßene findet ein Echo in dem Gefühl des Andersseins der Söhne innerhalb der französischen Linken. Fast schon einen Erweckungsmoment stellt Voigt dabei mit seiner Erzählung von der Demonstration vom 22. Mai 1968 in Paris dar. Deren Anlass waren die Proteste gegen die Ausweisung des Vertreters der Studentenbewegung Daniel Cohn-Bendit. Dieser war als Sohn vor dem Nationalsozialismus geflohener und ausgebürgerter deutscher Juden staatenlos in Frankreich geboren, hatte als Jugendlicher die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen und war somit nicht vor Ausweisung geschützt. Vor allem die Losung der Demonstranten: „Wir sind alle deutsche Juden“ betrachtet Voigt als zentral für die folgenden Auseinandersetzungen von Cohn-Bendit, Goldman und Glucksmann mit ihrem Jüdischsein: Was als Solidaritätsbekundung einer mehrheitlich nichtjüdischen Protestgemeinschaft gemeint war, empfanden sie als „Aneignung spezifischer Erinnerungen, die ihnen [den nichtjüdischen Demonstranten] nicht zustand“ (S. 11). An diesem Bruch macht Voigt die jüdische Erfahrung des Pariser Mai fest, denn gerade in der Vereinnahmung seitens der nichtjüdischen Genossinnen und Genossen habe sich hier für die jüdischen Linken der Eindruck einer Sonderrolle als Juden manifestiert – und diese Sonderrolle brachte sie zugleich ihrem eigenen Jüdischsein näher.

So bestechend das aufgefächerte historische Panorama und das auf die jüdische Erfahrung als zentraler Erfahrung des 20. Jahrhunderts zulaufende Narrativ der Studie ist, so sehr fehlt der Leserin zuweilen doch eine kritische Hinterfragung der bearbeiteten Quellen. Diese stammen fast durchweg von den Protagonisten selbst und sind damit gerade in ihrem intellektuellen Reflektionsgrad als bewusst konstruiert anzusehen. Dies macht sie zwar zu höchst aufschlussreichen zeithistorischen Dokumenten. Gleichwohl liefern sie dabei nicht so sehr Erkenntnisse zur Essenz jüdischer Erfahrung selbst, sondern lassen eher Aussagen darüber zu, welche Bedeutung die Bezugnahme auf „jüdische Werte“ (so z.B. Goldmann, S. 133) für die auf der besagten Demonstration sich-als-Juden-imaginierenden Nichtjuden ebenso wie für die anwesenden Juden selbst hatte. Die daran anschließende Frage könnte eher in die Richtung gestellt werden, in welchem diskursiven Feld diese Intellektuellen agierten, gegen welchen hegemonialen Diskurs sie möglicherweise anschrieben und was ihre Beweggründe dafür waren. Denn da die Texte der Protagonisten bereits zu einem Zeitpunkt der Enttäuschung über die nicht erreichten revolutionären Ziele der französischen Linken verfasst sind, lag es für die Zeitgenossen doch möglicherweise nahe, auch in anderen Bereichen nach Marginalisierungserfahrungen zu suchen und diese in der eigenen familiären Paria-Erfahrung zu finden.

Andererseits lässt Voigt wiederum die Stimme seiner Figuren gerade dann – so scheint es mir – nicht gelten, wenn es nicht in sein Gesamtnarrativ der alles überlagernden jüdischen Erfahrung passt. Als Beispiel sei genannt: Pierre Goldmans Vater, Alter Goldman, änderte einige Jahre nach seiner Einwanderung seinen Vornamen von Alter zu Albert. Als er später in der Résistance kämpfte, führte er obendrein den Namen Gerard. Voigt, der dies (sicher nicht zu Unrecht) als Abschluss der Assimilation wertet, nennt Pierre Goldmans Vater aber konsequent weiter bei seinem jüdischen Geburtsnamen (S. 39ff.) – mit anderen Worten: er lässt den primär französischen Selbstentwurf von Albert Goldman nicht gelten. Ähnlich verfährt er auch bei der Namenswahl der Mutter, die er trotz ihrer Namensänderung zu Jeanette weiterhin Sima nennt. Dieser Ambivalenz der Zuschreibungen, die auch eine Vielfalt der Zugehörigkeitsoptionen zeigt, ist Voigt zwar wiederholt und bei allen drei Denkern auf der Spur, doch verfolgt er diese jeweils nicht weiter, sondern sucht sie gleichsam im Masternarrativ der besonderen jüdischen Erfahrung aufgehen zu lassen. Es geht mir hier darum anzumerken, dass die Allgegenwärtigkeit dieser Erfahrung zuweilen unnötig überstrapaziert wirkt. Die Studie hätte auch ohne diese Verengung des Blickes zentrale Bedeutung für eine mögliche Neu-Interpretation der erfahrungsgeschichtlich geprägten sozialrevolutionären Neuen Linken gewonnen. Haben doch alle drei nicht nur über ihr Jüdischsein reflektiert, sondern darüber hinaus mit einer positiven Interpretation der Heimatlosigkeit als „Kosmopolitismus“ geliebäugelt. Diese universalistisch gewendete Konsequenz aus familiengeschichtlicher Verlusterfahrung gezogen zu haben, war ein weiteres Deutungsangebot der intellektuellen neuen Linken aus jüdischen Elternhäusern, das sich in einer Folgestudie am Beispiel aller drei hier im Zentrum stehenden Denker wunderbar nachvollziehen ließe.

Durch die Zuspitzung auf den Mai 68 als jüdische Erfahrung wird der sozialrevolutionäre Umwälzungsprozess, für den das Jahr 1968 steht und der verschiedene Ursachen und vor allem vielfältige Auswirkungen hatte, analytisch auf einen Erfahrungshorizont verengt. So wären die koloniale (Vor)Geschichte Frankreichs oder die Auseinandersetzung um die Rolle der Eltern anderer, nichtjüdischer Protagonisten des „Pariser Mai“ in der französischen Kollaboration nur zwei weitere mögliche Beispiele für historische Rahmungen der Erfahrungsgeschichte der französischen Nachkriegslinken. Diese historischen Rahmungen benennt Voigt selbstverständlich und erwähnt diesen Teil der „Verdrängungskultur“ (S. 16), liest ihn jedoch vor allem als Hintergrundfolie für die jüdische Marginalisierungserfahrung, was angesichts der Vielfalt der infolge „1968“ diskutierten historischen und politischen Themen möglicherweise doch zu kurz greift.

Letztlich werden umfassende Aussagen aus einer recht kurzen biographischen Zeitspanne im Leben der einzelnen Protagonisten abgeleitet und damit Rückschlüsse über eine entscheidende soziale Bewegung der europäischen Nachkriegszeit gezogen, deren Forderung nach gesellschaftlicher Aufklärungsarbeit mehr einforderte als die fehlende Auseinandersetzung mit der Vergangenheit im NS-besetzten Europa.

Und doch: Was Voigt in geradezu fulminanter Weise herausarbeiten kann, ist die zentrale Bedeutung, die die Erfahrung der Nichtzugehörigkeit – alle drei Protagonisten stammen aus Familien, die von Staatenlosigkeit, Pass-Entzug, Ausbürgerung, Flucht und Migration betroffen waren – als Antriebsfeder sozialen und intellektuellen Engagements entfalten kann. Selbstverständlich kann gerade dabei die spezifisch jüdische Erfahrungsgeschichte gar nicht genug betont werden und Voigts Studie kommt das Verdienst zu, die Besonderheit eben dieser Prägung in der europäischen Linken der Nachkriegszeit nachvollziehbar dargelegt zu haben.

Zitation
Miriam Rürup: Rezension zu: Voigt, Sebastian: Der jüdische Mai '68. Pierre Goldman, Daniel Cohn-Bendit und André Glucksmann im Nachkriegsfrankreich. Göttingen 2015 , in: H-Soz-Kult, 03.01.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24048>.