Sammelrezension: Niederlande und Deutschland seit 1989/90

: Neue Nachbarschaft. Deutschland und die Niederlande, Bildformung und Beziehungen seit 1990. Münster : Agenda Verlag  2013 ISBN 978-3-89688-510-4, 168 S. € 18,00.

: Na de val. Nederland na 1989. Nijmegen : Vantilt  2014 ISBN 978-94-6004-193-8, 207 S. € 19,89.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kristian Mennen, Freie Universität Berlin

Die beiden hier vorzustellenden Werke passen zur gegenwärtigen Hochkonjunktur des Niederlande-Interesses in der Bundesrepublik. Auch wenn die Niederlande aus deutscher Perspektive als Nachbarland mitunter wenig beachtet werden, sind die deutsch-niederländischen Beziehungen in letzter Zeit deutlich enger und intensiver geworden. Die wirtschaftliche Verwobenheit der beiden Länder erreicht ein Volumen, das weltweit nur durch die Verflechtung zwischen den Vereinigten Staaten und Kanada übertroffen wird. In aktuellen Krisensituationen wie der Finanz- und Eurokrise ziehen Deutschland und die Niederlande fast immer an einem Strang. Diese Entwicklung wird in den aktuellen Werken von Hanco Jürgens und Jacco Pekelder betrachtet; die beiden Bücher können ihrerseits als Folgeerscheinung der blühenden deutsch-niederländischen Beziehungen betrachtet werden.

Jürgens, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Duitsland Instituut Amsterdam, präsentiert mit „Na de val“ eine Geschichte der Niederlande nach 1989. Er bedauert zu Recht, dass die Entwicklungen in den Niederlanden häufig isoliert dargestellt und interpretiert wurden, losgelöst von ihrem internationalen Kontext. In den Mittelpunkt stellt sein Buch deshalb die Wechselwirkungen zwischen Entwicklungen und Ereignissen im Ausland, zuallererst dem Fall der Berliner Mauer, und deren Perzeption und Einfluss in den Niederlanden. Außerdem verbindet Jürgens dies punktuell mit der internationalen Theoriebildung, etwa über die Ursachen des Mauerfalls, den Neoliberalismus oder die Zukunft des Sozialstaates.

Dem Buch liegt die These zugrunde, dass die Änderungen im Selbstbild der Niederlande, gerade auch mit Blick auf die Position des Landes in der Europäischen Union und in der Welt, und das veränderte niederländische Deutschlandbild sich seit 1989 gegenseitig bedingt haben. Bis 2001 konnten sich, so Jürgens, die Niederlande als tolerantes, fortschrittliches und wirtschaftlich erfolgreiches Land präsentieren, das dank des Poldermodells (der konsensorientierten Zusammenarbeit wirtschaftlicher Akteure, geprägt durch Wirtschaftswachstum und Einbindung der Zivilgesellschaft) internationale Ausstrahlung genoss und weltweit für Frieden, internationale Rechtsordnung und Menschenrechte eintreten konnte. Deutschland galt dagegen als das konservative, langweilige Nachbarland mit wirtschaftlichen Strukturproblemen und gelegentlichen Ausbrüchen von Fremdenhass. Es ist plausibel, einen Wandel um das Jahr 2002 zu erkennen, obwohl Jürgens zu Recht darauf hinweist, dass das Unbehagen etwa über die Migrations- und Integrationsproblematik oder über die Missstände im Pflegebereich eine längere Vorgeschichte hatte. Der im April 2002 erschienene Srebrenica-Bericht zeigte, wie niederländische UN-Soldaten 1995 die Kriegsverbrechen im bosnischen Srebrenica nicht verhindern konnten. Am 6. Mai 2002 wurde der Politiker Pim Fortuyn, am 2. November 2004 der Filmregisseur Theo van Gogh umgebracht. Gerade die Niederlande wurden stark durch die internationale Finanz- und Wirtschaftskrise, durch die Migrations- und Integrationsproblematik sowie durch das Phänomen Rechtspopulismus getroffen. Infolge solch harter Konfrontationen mit der Außenwelt habe Deutschland plötzlich viel besser, ruhiger und erfolgreicher dagestanden. Das positivere Deutschlandbild habe dazu geführt, dass die Niederlande vor allem im EU-Verband häufiger den Schulterschluss mit dem Nachbarland suchten. Ministerpräsident Mark Rutte (seit 2010), der traditionell angelsächsisch orientiert war und sich als Freund David Camerons profilierte, fand allmählich zur Wertschätzung der EU-Strukturen und zur engen Zusammenarbeit mit Angela Merkel.

Die zentrale These wirkt plausibel, vermag aber nicht vollends zu überzeugen. Jürgens unternimmt eine Art kollektivpsychologische Tiefenanalyse der Niederländer, aus der in der Tat ihr Selbst- und ihr Deutschlandbild klar hervortreten. Als Erklärung für den außen- und europapolitischen Kurs der Niederlande ist dieser Ansatz allerdings weniger geeignet, zumal die harte außen- und sicherheitspolitische Interessenlage weitgehend ausgeblendet wird. Es fehlen deutliche Belege für die zentrale These – etwa in der Form offizieller Dokumente, Grundsatzpapiere, Erklärungen führender Politiker oder Intellektueller –, die zeigen könnten, dass die Niederlande aufgrund eines geschrumpften Selbstbewusstseins leiser auf Berlin oder Brüssel zugehen müssten. Dass Jürgens diese Belege nicht anführt, bedeutet allerdings keineswegs, dass seine Interpretation nicht stimmen würde; vielleicht wird die erforderliche Quellenlage den Historikern erst in 20 oder 30 Jahren zur Verfügung stehen.

Die Periodisierung des Buches ist auf die geschichtliche Entwicklung in Europa zugeschnitten. Deshalb starten die Darlegung und die Argumentation am europäischen Wendepunkt 1989. Gleichwohl betont Jürgens selbst, dass dieses Jahr in den Niederlanden mit der Ablösung des zweiten durch das dritte Kabinett Lubbers eher von Kontinuität geprägt war. Für die niederländische Außenpolitik dagegen habe die deutsche Einheit durchaus zu einer grundlegenden Neuorientierung geführt. Der Ausschluss der Niederlande vom Verhandlungstisch in den Zwei-plus-vier-Gesprächen 1990, die Ablehnung des niederländischen Konzepts für den bevorstehenden Vertrag von Maastricht am „schwarzen Montag“, dem 30. September 1991, und das Scheitern von Lubbers’ Kandidatur für den Vorsitz der Europäischen Kommission 1994 seien „Lehren in Bescheidenheit“ (S. 89) gewesen. Die Folgen für das niederländische Selbst- und Europabild sowie für die grundsätzlich europafreundliche Politik der Niederlande bleiben allerdings unklar. Die „Lehren“ waren anscheinend wenig effektiv, wenn erst das „nee“ im Referendum zum europäischen Verfassungsvertrag 2005 (übrigens obwohl die Regierung und die meisten politischen Parteien den Vertrag befürworteten), eine Wende in der niederländischen Europapolitik herbeigeführt habe.

Das Buch ist sehr „niederländisch“ geschrieben, und das bezieht sich nicht nur auf die Sprache. Häufig verweist Jürgens auf Personen, Ereignisse oder Begriffe, die für Ausländer mit Niederländisch-Kenntnissen oder auch für Niederländer, die diese Periode nicht mehr selbst erlebt haben, eher schwer durchschaubar sind. „Srebrenica“ (S. 94ff.) und „Poldermodell“ (S. 65) werden erklärt, nicht hingegen „violettes Kabinett“ (passim), „DSB-Bank“ (S. 73) oder „VOC-Mentalität“ (S. 145). Positiv muss jedoch betrachtet werden, dass die Debatte mit der aktuellen niederländischen Historiographie, gerade zu den großen Themen der Geschichte der letzten 25 Jahre, aktiv gesucht wird. Das Werk kann eine hervorragende Einführung in die Politik- und Kulturgeschichte der Niederlande seit 1989 sein, vorausgesetzt, der Leser ist bereit, regelmäßig Begriffe, Personen oder Ereignisse nachzuschlagen.

Jacco Pekelder war zur Zeit der Veröffentlichung seines Buches „Neue Nachbarschaft“ Gastprofessor im Rahmen des Zertifikatsprogramms „Europaicum“ an der Universität des Saarlandes. Er entstammt dem Fachgebiet Internationale Beziehungen und positioniert auch den vorliegenden Band in der Tradition von Friso Wielengas Standardwerk „Vom Feind zum Partner“[1], indem er die Bestandsaufnahme der deutsch-niederländischen Beziehungen über das Jahr 1995 hinaus fortsetzt – wo Wielengas Werk aufhört.

Der Kontrast zwischen dem Anfang der 1990er-Jahre, als die Umfrage des Clingendael-Instituts unter niederländischen Jugendlichen und der „Spiegel“-Artikel „Frau Antje in den Wechseljahren“[2] einen Tiefpunkt der deutsch-niederländischen gegenseitigen Bildformung markierten, und der heutigen Situation, wo Deutschland und die Niederlande „best of friends“ (S. 9) sind, bildet den Ausgangspunkt des Buches. Pekelder relativiert sofort diese angebliche „Krise“ um 1993 als eine „Momentaufnahme“ (S. 24), weist aber darauf hin, dass die Clingendael-Studie „eine beeindruckende Dynamik“ (S. 132) in den deutsch-niederländischen Beziehungen verursacht habe.

Anschließend betrachtet der Autor die aktiven Maßnahmen zur Verbesserung der deutsch-niederländischen Beziehungen und des niederländischen Deutschlandbildes. Dazu gehören erstens die Staatsbesuche deutscher Bundeskanzler und Bundespräsidenten in den Niederlanden, die seit 1995 viel „normaler“ (S. 41) und alltäglicher geworden seien. Zweitens geht es um institutionalisierte Austauschformen: die Deutsch-Niederländischen Konferenzen, das Journalistenstipendium und die deutsch-niederländischen Regierungskonsultationen, die seit 2013 nach dem Muster der bestehenden deutsch-französischen, deutsch-israelischen und deutsch-polnischen Konsultationen stattfinden. Die wirtschaftlichen Beziehungen und soziale Aspekte der deutsch-niederländischen Nachbarschaft, wie Tourismus, Migration und Studierendenaustausch, werden erst relativ spät im Buch behandelt (S. 92–111). Richtig fesselnd wird die Analyse, wo Pekelder neue Akteure vorstellt, wie das Duitsland Instituut in Amsterdam, das zum Dreh- und Angelpunkt vieler Austausch- und Kommunikationsinstrumente geworden ist. Ein anderer wichtiger Akteur ist das Land Nordrhein-Westfalen. Die Leitbilder der NRW-Landesregierung und deren Bemühungen, mit den Nachbarländern auf der Ebene des Benelux-Bündnisses ins Gespräch zu kommen, eröffnen neue Forschungsperspektiven zur „Grenzregion“.

Pekelder kann sein Versprechen, auch das Verhältnis zwischen den deutsch-niederländischen Beziehungen, der gegenseitigen Bildformung in beiden Ländern und den jeweiligen Selbstbildern zu behandeln, leider nicht einlösen. Das niederländische Deutschlandbild wird recht plastisch anhand von Umfrageergebnissen verfolgt, auch wenn die abnehmenden Zahlen der Schüler, die sich für das Fach Deutsch entscheiden, den allgemeinen Trend zuwiderzulaufen scheinen. Bei der Analyse des Niederlande-Bildes in Deutschland kann Pekelder auf überraschende Beispiele hinweisen, wo die Entwicklung in den Niederlanden das große Nachbarland beeinflusst habe. In den 1990er-Jahren galten die Niederlande mit ihrem Poldermodell und ihren sozioökonomischen Erfolgen angeblich als Vorbild für die Bundesrepublik und als Inspirationsquelle der ersten rot-grünen Bundesregierung. Ab 2002 wurde das deutsche Niederlande-Bild durch Entwicklungen wie politische Morde, Rechtspopulismus und Euroskepsis aber „gehörig auf die Probe gestellt“ (S. 89). Wie lässt sich die veränderte Wahrnehmung des ‚Anderen‘ mit den ausführlich behandelten politischen Maßnahmen oder gar mit dem Selbstbild der Niederlande oder Deutschlands verbinden? Pekelder gesteht selbst ein, dass sich der Effekt der Staatsbesuche und Austauschprogramme kaum messen lässt. Auf die Frage, warum Deutschland in den Niederlanden viel positiver betrachtet wird als noch vor 25 Jahren, schlägt er drei mögliche Antworten vor: die Ausstrahlung Berlins als hippe und moderne Hauptstadt; die EU-Erweiterung 2004, in deren Folge neue ‚Andere‘ wie Polen erschienen und Deutsche entsprechend weniger ‚fremd‘ geworden seien; zuletzt die niederländische Unsicherheit bezüglich der eigenen Rolle in Europa und in der Welt.

Obwohl die beiden Bücher unabhängig voneinander geschrieben sind, nicht aufeinander verweisen und unterschiedlichen wissenschaftlichen Kontexten entstammen, ergänzen sie sich hervorragend. Jürgens bietet eine kulturhistorisch geprägte, kollektivpsychologische Tiefenanalyse der Niederlande seit 1989 und weiß dies auch mit der veränderten niederländischen Perzeption der EU oder Deutschlands zu verbinden; die Untermauerung seiner Argumentation durch konkrete Quellen oder Fakten der deutsch-niederländischen Beziehungen bleibt aber ziemlich mager. Pekelder malt umgekehrt ein reiches Bild dieser zwischenstaatlichen Beziehungen in all ihren Facetten und speziell der Bemühungen, das deutsch-niederländische Verhältnis nach der „Krise“ der frühen 1990er-Jahre wieder ins Lot zu rücken; bei ihm fehlen aber die Ursachen und kulturellen Hintergründe der veränderten Selbst- und Fremdbilder. Dementsprechend kann Jürgens’ Buch allen empfohlen werden, die ein besseres Verständnis der niederländischen Entwicklungen seit 1989 im internationalen Kontext suchen. Pekelders Werk ist eher für diejenigen geeignet, die jetzt oder in Zukunft ein Standardwerk zu den deutsch-niederländischen Beziehungen im behandelten Zeitraum benötigen.

Im deutsch-niederländischen Verhältnis gibt es auch heute noch viele Schwierigkeiten. Sowohl das fortdauernde niederländische Unbehagen über die eigene Position in der EU und in der Welt als auch die abnehmenden Zahlen der Germanistik-Studierenden in den Niederlanden können Besorgnis erregen. Trotzdem schließen beide Autoren mit positiven Ausblicken: Jürgens betont, dass auch der angelsächsisch orientierte Ministerpräsident Rutte zum politischen Freund Merkels avancieren konnte. Pekelder weist darauf hin, dass in vielen Gremien Beamte und Spezialisten von beiden Seiten der Grenze an Lösungen für konkrete alltägliche Probleme arbeiten. Wiewohl „unspektakulär“ (S. 140), sei dies doch ein gutes Zeichen für eine nachhaltige „neue Nachbarschaft“ zwischen Deutschland und den Niederlanden.

Anmerkungen:
[1] Friso Wielenga, Vom Feind zum Partner. Die Niederlande und Deutschland seit 1945, Münster 2000; rezensiert von Joes Segal, in: H-Soz-Kult, 14.09.2001, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-821> (13.08.2015).
[2] Verstärkt durch den Slogan „Der seltsame Nachbar / Holland in Not“ auf dem „Spiegel“-Cover vom 28.02.1994, <http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13685150.html> (13.08.2015).

Zitation
Kristian Mennen: Rezension zu: : Neue Nachbarschaft. Deutschland und die Niederlande, Bildformung und Beziehungen seit 1990. Münster  2013 / : Na de val. Nederland na 1989. Nijmegen  2014 , in: H-Soz-Kult, 21.09.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24299>.