T. Huff: Natur und Industrie im Sozialismus

Cover
Titel
Natur und Industrie im Sozialismus. Eine Umweltgeschichte der DDR


Autor(en)
Huff, Tobias
Erschienen
Göttingen 2015: Vandenhoeck & Ruprecht
Umfang
470 S., 9 Abb., 4 Kart., 1 Tab.
Preis
€ 49,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Arnost Stanzel, Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien, München / Regensburg

Ausgangspunkt von Tobias Huffs „Umweltgeschichte der DDR“, so der Untertitel dieser im Jahr 2015 erschienen Monografie, sind die heftigen Debatten über das Waldsterben in den 1980er-Jahren in Westdeutschland und anderenorts. Diese gelten als bedeutender Wendepunkt in der Entwicklung des westdeutschen Umweltbewusstseins. Zur Historisierung dieser Debatten hat unter anderem das DFG-Projekt „Waldsterben“ an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg beigetragen, in dessen Rahmen die vorliegende Monographie als Dissertation im Jahr 2012 erfolgreich verteidigt wurde.

Tobias Huff kritisiert an den bislang vorliegenden umwelthistorischen Arbeiten zur DDR, dass deren Untergang aus einer sehr westdeutschen Perspektive betrachtet würde: So sei zum einen die teils übertriebene Debatte über das Waldsterben in der BRD auf die DDR übertragen worden. Zum anderen sei nach dem Zusammenbruch des Staatssozialismus aus einer Position der vermeintlichen Überlegenheit der (westdeutschen) freien Marktwirtschaft die umweltpolitische Bilanz der DDR-Planwirtschaft sehr negativ und einseitig dargestellt worden. Die DDR werde in diesem Sinne gemeinhin als Opfer ihrer vermeintlich nicht vorhandenen Umweltpolitik gesehen – Stichwort „Ökozid“.[1] Konsequenz dieser Sichtweise, so Huff, ist die Behauptung, in der DDR habe sich niemand mit Umweltpolitik beschäftigt, sodass ein strukturelles Desinteresse über alle Akteursgruppen hinweg bestanden habe.

Genau an diesem Punkt setzt Huff mit seiner Arbeit an. Er möchte die bestehenden Deutungen vom ökologischen Musterstaat BRD auf der einen und der ignoranten, vertuschenden DDR auf der anderen Seite aufbrechen (S. 9). Hierfür blickt der Autor auf die gesamte Existenzdauer der DDR von 1949 bis 1989 und begibt sich auf die Suche nach den Akteuren, die anhand ihrer Schlüsselpositionen in Politik, Wissenschaft und Gesellschaft umweltpolitische Vorstellungen beeinflussen konnten. Anhand dieser möchte er die strukturellen Gegebenheiten der DDR-Umweltpolitik herausarbeiten und die Handlungsspielräume der Akteure definieren (S. 20). Zudem fragt er, ob ökologisches Desinteresse ein Strukturmerkmal der DDR gewesen sei, welchen Stellenwert die Umweltpolitik in der DDR allgemein hatte und welche Rolle die internationale Dimension spielte.

Die Arbeit ist in vier Hauptkapitel gegliedert, die deckungsgleich mit den vier Jahrzehnten der DDR-Geschichte sind. Die Unterteilung ergibt sich anhand nachvollziehbarer Zäsuren wie dem Bau der Mauer 1961 und der darauf einsetzenden Reformpolitik oder dem Machtantritt Erich Honeckers 1972. In den ersten beiden Kapiteln, die die 1950er- und 1960er-Jahre abdecken, konzentriert sich der Autor auf Wissenschaftler und deren Möglichkeiten, Einfluss auf die Führungselite der SED auszuüben. Anhand von Erich Zieger und Hans-Günther Däßler, die an der Forstwissenschaftlichen Fakultät der Technischen Universität Dresden in den 1950er- und 1960er-Jahren maßgeblich an der Rauchschadenforschung der DDR beteiligt waren, zeigt Huff, dass der Einfluss der Wissenschaft auf die Politik anfangs noch recht groß war. Insbesondere mit Walter Ulbrichts „Neuem Ökonomischen System der Planung und Leitung“ wurde wissenschaftliche Expertise für die wirtschaftliche Leitung der DDR stark nachgefragt.

Neben den Möglichkeiten und Grenzen der Wissenschaft macht Huff im ersten Kapitel auf einen Fakt aufmerksam, welcher für die weitere Umweltpolitik der DDR bestimmend sein sollte: Bereits im Jahre 1953 konnte sich der Raumplaner und Marxist Reinhold Lingner mit seinen Ideen zur Großraumdiagnose, die eine wirtschaftliche Entwicklung im Einklang mit dem Gleichgewicht der Natur vorsahen, vor dem Zentralkomitee der SED nicht durchsetzen, da der schnellen Ausweitung der industriellen Produktion der Vortritt gewährt wurde. Schnelles Wirtschaftswachstum sollte die Konsumwünsche der Bevölkerung befriedigen und so die Legitimation des SED-Regimes insbesondere nach dem 17. Juni 1953 stärken. Daneben bieten das erste und zweite Kapitel sehr tiefgreifende Einblicke in die Kaderpolitik der SED in der akademischen Welt. Zwar war diese durchaus von Belang für die Entwicklung der Umweltpolitik, eine konzisere Darstellung hätte die Wirkung der beiden Abschnitte aber erhöht.

Im dritten Kapitel beschreibt Huff eine dreifache Funktionalisierung der Umweltpolitik: Ulbrichts Reformpolitik zielte auf eine erhöhte Nutzungseffizienz begrenzter Ressourcen ab. Vor diesem Hintergrund wurden nun, und dies ist die erste Funktionalisierung, Umweltschutzgedanken in der neuen Verfassung von 1968 sowie in dem Landeskulturgesetz von 1970 verankert. Zweitens erfüllte die Umweltpolitik nach Huff auch auf dem Feld der Außenpolitik eine politische Funktion: Die DDR sah in diesem Politikfeld ein Instrument, sich auf internationaler Ebene gegenüber der BRD zu profilieren. Mit der Anerkennung der DDR in Folge des Grundlagenvertrages von 1972 habe Erich Honecker aber das Interesse an der Umweltpolitik verloren. So wurde, drittens, nach 1972 der Umweltschutz abermals den Interessen der Industrie untergeordnet. Exemplarisch ist dies zu sehen an der Stellung des Ministeriums für Umwelt und Wasserwirtschaft: Noch unter Ulbricht entworfen, wurde die politische Anleitung an den für Wirtschaftsfragen zuständigen Sekretär des Zentralkomitees der SED übertragen, ab 1976 war das Günter Mittag. Dieser sicherte vor allem Erich Honeckers Strategie ab, das politische System durch verstärkte Konsummöglichkeiten zu legitimieren, also weiterhin auf Wachstum zu setzen, wodurch umweltpolitische Maßnahmen nur zweitrangig behandelt wurden. Diesen Bruch bezeichnet Tobias Huff als den gewichtigsten in 40 Jahren DDR-Umweltpolitik.

Im letzten Kapitel, welches die 1980er-Jahre umfasst, geht es vor allem um die neu entstehenden Umweltgruppen, deren Rolle für die Revolution von 1989 der Autor zurechtrücken möchte. Anhand von Beispielen wie Hans-Peter Gensichens Kirchlichem Forschungsheim in Wittenberg oder der Umweltbibliothek in Berlin sieht Huff zwei wichtige Funktionen: Die Bereitstellung unabhängiger Informationen und die Schaffung einer Gegenöffentlichkeit. Diese beiden Aspekte hätten der Revolution von 1989 den Boden bereitet, indem sie für unabhängige Kommunikationsstrukturen gesorgt hätten. Inhaltlich aber hätten sich die Gruppen in einer Minderheitenposition mit ihren Forderungen nach Umweltschutz befunden. Huff zitiert hierzu Gensichen, der von einer „ökologischen Unmotiviertheit“ der Gesamtbevölkerung sprach. Die Umweltgruppen wären somit, anders als oft behauptet, nicht ursächlich für die Ereignisse von 1989 verantwortlich gewesen.

In seinem Fazit kommt Huff zu dem Befund, dass in den 1960er- und 1970er-Jahren in beiden deutschen Staaten ähnliche Ansätze in der Umweltpolitik vorhanden gewesen seien, die sich dann aber unterschiedlich ausdifferenziert hätten. Auch habe es in der DDR kein strukturelles Desinteresse an Umweltthemen gegeben, vielmehr hätten sich die Probleme aus der sozio-ökonomischen Struktur der DDR ergeben. Mit der Kapazitätentheorie Volker von Prittwitzs[2] argumentiert der Autor, dass der DDR die Kapazitäten fehlten, dem Problem technisch, ökonomisch, aber auch sozio-kulturell zu begegnen. Weder waren die Mittel vorhanden, die Umweltprobleme anzugehen, noch wurden diese von einem Großteil der DDR-Bürger als solche erkannt. Für letztere standen vor allem Konsummöglichkeiten im Mittelpunkt des alltäglichen Denkens. So sei auch der Wettstreit der Systeme nicht über die Luft- und Gewässerreinheit entschieden worden, sondern über das Warensortiment im Kaufhaus (S. 412). Dennoch habe es über die 40 Jahre hinweg stets Akteure aus den Bereichen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft gegeben, die sich mit Umweltpolitik befasst haben und auf diese aktiv Einfluss nahmen.

Die sehr detaillierte Studie räumt mit festgefahrenen Vorstellungen über die Umweltpolitik der DDR auf und liefert ein differenzierteres Bild ihrer Umweltgeschichte, indem sie die Handlungsmöglichkeiten einzelner Akteure aufzeigt. Dabei überzeugt vor allem die These von der Wachstumsfixierung als Grund für das Scheitern der DDR-Umweltpolitik – in der DDR bestand zwar kein strukturelles Desinteresse am Umweltschutz, allerdings blieb dieser gegenüber dem Ziel einer expandierenden Wirtschaft stets zweitrangig. Ähnliches zeigt sich auch in der Forschung zur Umweltgeschichte des Staatssozialismus in Osteuropa, für welche die Arbeit von Huff sicherlich eine willkommene Vergleichsfolie sein wird.

Der Umfang der vielfältigen Quellenmaterialien aus verschiedenen Archiven ist beeindruckend. Er hat an manchen Stellen aber zur Folge, dass die Ausführungen länger sind als nötig. Teilweise wäre eine konzisere Darstellung möglich gewesen, etwa bei der Beschreibung der universitären Kaderpolitik oder der einzelnen Umweltgruppen. Auch wäre es von Interesse gewesen, neben der Luftreinhaltung zumindest kursorisch auf andere Aspekte des Umweltschutzes einzugehen, etwa den Gewässerschutz, wie es auch der Titel „Umwelt und Industrie“ nahelegen würde. Leider fehlten hier bei der Erstellung noch die entsprechenden Arbeiten. Allerdings zeigt die Monografie selbst oder der lesenswerte Artikel Astrid M. Eckerts über den Gewässerschutz[3], dass die deutsch-deutsche Geschichte langsam auch umwelthistorisch aufgearbeitet wird. Für Debatten zu dieser wird Tobias Huffs gehaltvolles und sehr gut lesbares Werk trotz der genannten Abstriche sicherlich ein Referenzpunkt werden.

Anmerkungen:
[1] Vgl. zur Ökozid-Debatte zum Beispiel: Julia Obertreis, Von der Naturbeherrschung zum Ökozid? Aktuelle Fragen einer Umweltzeitgeschichte Ost- und Ostmitteleuropas, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 9 (2012), S. 115-122, URL: <http://www.zeithistorische-forschungen.de/1-2012/id=4621> (24.08.2015).
[2] Volker von Prittwitz, Katastrophenparadox und Handlungskapazität. Theoretische Orientierung der Politikanalyse, in: Adrienne Windhoff-Héritier (Hrsg.), Policy-Analyse, Opladen 1993, S. 328–355.
[3] Astrid M. Eckert, Geteilt, aber nicht unverbunden. Grenzgewässer als deutsch-deutsches Umweltproblem, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 62 (2014), S. 69–99.

Zitation
Arnost Stanzel: Rezension zu: : Natur und Industrie im Sozialismus. Eine Umweltgeschichte der DDR. Göttingen  2015 , in: H-Soz-Kult, 15.09.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24433>.
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15.09.2015
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