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Titel
Bündische Jugend. Eine neue Geschichte 1918–1933


Autor(en)
Ahrens, Rüdiger
Erschienen
Göttingen 2015: Wallstein Verlag
Umfang
477 S.
Preis
€ 46,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Franziska Meier, Historisches Seminar, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Die Bündische Jugend und die Frage nach ihrem Beitrag zum Aufstieg der nationalsozialistischen Bewegung wurden seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges häufig und kontrovers diskutiert. Damals als Vorzug gesehen, wurde die Forschung lange Zeit von der Erlebnisgeneration angeführt, was auf einen Widerstreit zwischen Schuldzuweisung und apologetischer Haltung hinauslief. Davon kann sich Rüdiger Ahrens’ hier als Veröffentlichung vorliegende Dissertation emanzipieren. In Bezug auf die Historiographie weist auch Ahrens auf den nun zu bemerkenden Generationenwechsel in der Forschung hin; das selbst Erlebte tritt zurück gegenüber quellenbasierten Untersuchungen. Ausführliche Betrachtung erfährt das viel diskutierte Themenfeld der national-völkischen Ausrichtung der bündischen Jugend zur Zeit der Weimarer Republik. Dabei fordert Ahrens, der nationalistischen Grundhaltung der Bünde sei deutlich mehr Bedeutung zuzuweisen als bisher. So zeichnet sich denn seine Studie durch den Rückgriff auf weitreichendes, vielfältiges Quellenmaterial unterschiedlicher Provenienzen aus: Einmal kommt ein Bundesführer durch seine Berichte, das nächste Mal ein unbestimmter Fahrtenbuch-führender Junge zu Wort. Darüber hinaus zitiert Ahrens aus den zahlreichen (über-)bündischen Periodika.

Das Buch ist in folgende Kapitel gegliedert: Vorläufer; Formierung: 1914/18–1923; Konsolidierung und Opposition: 1923–1928; Offensive und Defensive: 1928–1933; Nachleben. Dieser Periodisierungsvorschlag weitet den Blick auf die Entwicklungen des Phänomens der Bündischen Jugend, da Ahrens nicht der verbreiteten Einteilung der Jugendbewegung in Wandervogel-, Kriegs- und Nachkriegs- und Bündische Phase folgt. Vielmehr korreliert die gewählte Gliederung mit der üblichen Einteilung der Phasen der Weimarer Republik. Grund dafür sei, so Ahrens, dass dieselben Ereignisse von Bündischer Jugend und den Trägern des Weimarer Liberalismus unterschiedlich gedeutet wurden und andere Reaktionen hervorriefen. Lediglich das Jahr 1928 als Beginn der deutlichen Radikalisierung der Bündischen und ihrem Geltungskampf innerhalb des „nationalen Lagers“ setzt Ahrens früher an als den durch Wirtschaftskrise und permanente Notstandsgesetzregierung evozierten Beginn der Endphase der Weimarer Republik 1929/30. Innerhalb der chronologisch aufeinanderfolgenden Kapitel, geht Ahrens thematisch vor und zeigt die ideologische Entwicklung der Bünde auf. Eine hilfreiche Handreichung stellt dabei die jedem der drei Phasenkapitel vorangestellte tabellarische Zusammenschau existierender Bünde dar. Dies verleiht dem untersuchten Milieu klarere Konturen, was ob der häufigen Neugründungen, Abspaltungen und Zusammenschlüsse die sich differenzierenden Organisationsstrukturen zu verstehen hilft.

Auch wenn Ahrens ausschließlich die Bündische Jugend in den Blick nimmt, bleibt ein Seitenblick auf andere Jugendorganisationen – Arbeiterjugend, konfessionelle Gruppen oder Wandervogel und Pfadfinder als Vorläufer – nicht aus. Diese fanden trotz ihrer unterschiedlichen ideologischen Grundhaltungen häufig ähnliche Formen der praktischen Betätigung wie Lager, Fahrten, regelmäßige Ortsgruppentreffen und das Singen. Der Bündischen Jugend galten diese Ausdrucksformen als Praxen der Selbsterziehung: Das Erwandern der Heimat, die Einordnung in eine größere Gruppe, Fertigkeiten zum Lagerbau und die körperliche Widerstandsfähigkeit waren hochgehaltene Ziele. Wehrsport und Geländespiele sollten die Jungen zudem zur „Wehrhaftigkeit“ erziehen und sie auf den „unbedingten Einsatz für das deutsche Volk“ vorbereiten.

Die Phase der allmählichen Formierung der bündischen Jugend zeichnete sich, so Ahrens, durch neue Konzepte und Ideen von „Jugend“, „Volk“, „Nation“ und „Führertum“ aus, die vor allem in ihrer emotionalen Dimension in die Bewegung aufgenommen wurden. Als besonders prägend galt dabei die Kriegs- und Nachkriegserfahrung, in der sich ein Generationenkonflikt zwischen Frontsoldaten, Kriegsjugend und Kriegskindern einerseits und alten „Wilhelminern“ andererseits spiegelte. Hierin findet sich auch der Hinweis auf die Paradoxien der in den Bünden vorherrschenden Ideen, die gegen den von Vertretern der älteren Generation getragenen Weimarer Liberalismus, gegen Demokratie und somit gegen das Bürgertum gerichtet waren, während sie sich fast ausschließlich aus bürgerlichen Kreisen zusammensetzten. Genauso paradox sei, gibt Ahrens zu bedenken, die Ausrichtung auf eine Elite bzw. Auslese der charakterlich am wertvollsten jungen Menschen und die Proklamation eines seienden, nicht werdenden „Führertums“, da doch die Idee eines „einigen Volkes“ und des „Deutschtums“ grundsätzlich gedankliche Richtschnur waren. In dieser Formierungsphase verortet Ahrens auch allgemein die Politisierung der Bündischen Jugend, die besonders durch die Vernetzung der Bünde voranschritt. Befördernd waren vor allem Mitgliedschaften der Bündischen in anderen Organisationen der deutschen Rechten und die Existenz überbündischer Periodika.

Mit dem Treffen im Fichtelgebirge 1923, bei dem sich viele der bedeutenden Bünde als Zeichen einer ähnlichen politischen Profilierung und Organisationsform zusammenfanden, trat die Bündische Jugend in die Phase der Konsolidierung und Opposition gegen die Weimarer Gesellschaftsordnung, gegen Individualismus und Uneinheitlichkeit der deutschen Jugend ein. Das Balkenkreuz, das schon ein Jahr zuvor von dem Neupfadfinder Martin Voelkel als Symbol der Zusammengehörigkeit vorgeschlagen worden war, wurde nun vermehrt in Anlehnung an den Deutschen Ritterorden des Mittelalters vor allem für die Mission der Bünde „im Osten“ angenommen. Die Grenzlandarbeit sollte Mitte der 1920er-Jahre zur bestimmenden Aufgabe der Bünde werden. Die emotionsgeladenen Begriffe des „Volkes“ bzw. des „Deutschtums“ wurden durch die Praxis von Grenzfeuern und Grenzlandfahrten erfahrbar

Mit der zunehmend in Erscheinung tretenden Hitlerjugend, dem Ende des Redeverbots Hitlers und den deutschlandweiten Protesten gegen den Young-Plan lässt sich ein erneuter Wandel der Bündischen Jugend vermerken. Diese Zeit kann als Offensive und Defensive zugleich gelten, da die Bündische Jugend als elitäre Jugendorganisation für zukünftiges Führertum gegenüber der massenbewegenden Hitlerjugend sich nun zu legitimieren hatte. Gleichzeitig weist Ahrens deutlich auf die politisch völkisch-nationale Haltung der Bünde hin und widerspricht damit vehement dem apologetischen Argumentationsstrang der Forschung, die der Bündischen Jugend eine apolitische Haltung oder zumindest eine politische Differenziertheit zuweisen will. Auch ihrer allgemeinen Verortung in der deutschen Rechten geht Ahrens intensiv nach und bedient sich des Modells des „Nationalen Lagers“ mit einem gemeinsamen Wertehorizont und der Ablehnung der parlamentarischen Gesellschaftsordnung. In dieses Lager kann sowohl die „Bündische Szene“ mit ihren geteilten ästhetischen, stilistischen und kommunikativen Elementen als auch die NS-Bewegung eingeordnet werden. Ahrens macht jedoch zwei zentrale Unterschiede aus: Propaganda und Massenmobilisierung versus charakterliche Selbsterziehung für eine deutsche Elite.

Ein besonderes Augenmerk legt Ahrens auf die Verquickung von emotionalem Erleben und der oft deutlich hierarchischen Organisationsstrukturen mit der ideologischen Richtungsbestimmung der Bündischen Jugend, die ihren Ausdruck in Handlungen und Äußerungen einzelner Personen findet. Das Lernen durch Erleben auf Arbeitslagern, Fahrten, durch Wehrsport oder Ähnliches war Ziel der Bündischen. Die in Periodika und feierlichen Ansprachen z.B. auf Bundestagen verbreiteten inhaltlichen Grundlegungen riefen zur Selbsterziehung in diesem Sinne auf. Dagegen tritt die Betätigung der durch die Bünde geprägten wissenschaftlichen Elite auf dem Terrain der „Ostforschung“ wie auch der „Rassenhygiene“ zurück, deren Wechselwirkungen zu untersuchen lohnenswert erscheinen.

Letzten Endes zieht Ahrens das Fazit, dass „[d]ie bündische Jugend als eine Art Opfer der Nationalsozialisten zu deuten, […] auf Basis dieser Befunde abwegig [ist]. Gleichwohl greift auch eine gegenläufige Charakterisierung, etwa als ‚Wegbereiter’ des Nationalsozialismus, zu kurz, denn das vergrößert erstens das Gewicht der Bündischen gegenüber anderen Formationen, die ebenfalls an dem Prozess beteiligt waren, und unterstellt zweitens eine Intentionalität, die zwar aus der ex-post-Perspektive konstruiert werden kann, die Motivation der Zeitgenossen aber nicht angemessen wiedergibt.“ (S. 384f.) Ahrens leistet mit seiner Untersuchung umfassende und kritische Quellenarbeit und legt ein rundweg lesenswertes Buch vor. Er unterfüttert die weithin emotional geführte Kontroverse um die Verortung der Bündischen Jugend in der deutschen Rechten dadurch mit schlüssigen Argumenten.

Zitation
Franziska Meier: Rezension zu: : Bündische Jugend. Eine neue Geschichte 1918–1933. Göttingen  2015 , in: H-Soz-Kult, 26.01.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24605>.
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Veröffentlicht am
26.01.2016
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