J. Bähr u.a.: Munich Re. Die Geschichte der Münchener Rück 1880–1980

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Titel
Munich Re. Die Geschichte der Münchener Rück 1880–1980


Autor(en)
Bähr, Johannes; Kopper, Christopher
Erschienen
München 2015: C.H. Beck Verlag
Umfang
463 S., 38 Abb., 2 Graf., 10 Tab.
Preis
€ 39,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Luca Froelicher, Institut für Geschichte, Eidgenössische Technische Hochschule Zürich

Man sei etwas spät dran, ließ der Vorstandsvorsitzende der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft bei der Präsentation dieser Studie verlauten. Knapp 15 Jahre nach Gerald D. Feldmans Studie zur Allianz und der deutschen Versicherungswirtschaft während den Jahren 1933 bis 1945[1] scheint auch in München die Zeit reif geworden zu sein, die eigene Geschichte während des Dritten Reichs von unabhängigen Historikern lückenlos aufarbeiten zu lassen. Herausgekommen ist dabei nicht nur eine sehr tiefe und umfassende Analyse dieser dunklen Epoche, sondern eine für die Fachwelt äußerst erhellende Langzeitstudie von bleibendem Wert. Johannes Bähr und Christopher Kopper präsentieren in sehr dichter Beschreibung die Geschichte der Münchener Rück, die trotz harter Rückschläge immer wieder an die Weltspitze fand. Bähr und Kopper gelingt dabei nicht nur eine der Fachwelt noch wenig bekannte Geschichte dieses Global Players, sondern auch eine wichtige Unternehmensgeschichte auf der Höhe der Zeit. Globalisierung, Finanzmärkte, Risiko-Management und Corporate Governance sind zentrale Themen dieses Buches. Zusammen mit dem 2014 erschienenen Buch zur Geschichte der Schweizerischen Rückversicherungsgesellschaft[2] stehen der Forschungsgemeinschaft nun zwei Standardwerke zur Verfügung, die jedoch auch dem interessierten Leser zugänglich bleiben.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert, welche sich die Autoren gleichmäßig teilen. Johannes Bähr beschreibt in einem ersten Teil den Aufstieg, die Bewährungsproben und die Rückschläge von der Gründung bis 1932. Den zweiten Abschnitt über die Münchner Rück während der nationalsozialistischen Herrschaft teilen sich Bähr und Kopper je hälftig. Im letzten Teil schildert Kopper die schnelle Rückkehr des Münchener Rückversicherers an die Spitze des Weltmarkts. Die nicht minder spannende Geschichte seit 1980 bleibt zukünftigen Autoren vorbehalten, da „die Geschichte der Restrukturierung in den 1990er-Jahren […] nicht auf der Grundlage von Unternehmensakten und mit der nötigen zeitlichen Distanz“ (S. 11f.) habe geschrieben werden können.

Im ersten Teil werden nicht nur die Entwicklungen geschildert, die zur Gründung der Münchener Rück führten, sondern auch die Gründe für die rasche Internationalisierung des Rückversicherers erhellend aufgezeigt. Dass sich die neue Gesellschaft auf das Rückversicherungsgeschäft beschränkte, war einem Kompromiss geschuldet. Dennoch war genau diese Beschränkung das entscheidende Erfolgsmodell für die rasante Geschäftsentwicklung in den bedeutenden Märkten Großbritanniens und der USA. Johannes Bähr sieht weiter die Geschäftspolitik Carl Thiemes als entscheidenden Faktor für den frühen Erfolg. Thieme streute das Risiko sehr früh über möglichst viele Kunden, internationalisierte das Geschäft bis zur Jahrhundertwende über zwei Kontinente und schaffte es, Globalverträge durchzusetzen. Damit konnte er die bisher problematische Informationsasymmetrie zwischen Erst- und Rückversicherer minimieren. Zudem führte er die damals neuartige Gewinnbeteiligung ein. Schließlich legte er mit der Gründung der Allianz in den 1880er-Jahren das entscheidende Fundament für den Fortbestand des Münchener Konzerns während des gesamten 20. Jahrhunderts.

Das umfangreiche Auslandgeschäft und insbesondere das prestigeträchtige und gewinnbringende amerikanische Geschäft – vor dem Ersten Weltkrieg betrug der ausländische Prämienanteil 70 Prozent – brach mit dem Kriegseintritt der USA 1917 weg. Zusammen mit den Krisen der Nachkriegszeit brachte dieser Sturz der Münchener Rück eine dauerhafte Veränderung der Wettbewerbsposition, indem die Schweizer Rück zur größten Rückversicherin aufstieg. Es zeigte sich für die gesamte Geschichte des Unternehmens exemplarisch, dass die größten Herausforderungen nicht etwa hohe Schadenssummen aus dem technischen Geschäft oder Rezessionen waren, welche die Münchener Rück nie vor finanzielle Probleme stellten, sondern Währungsschwankungen und Geldentwertungen. Johannes Bähr gelingt es, nah an den Quellen und dennoch in die großen wirtschaftshistorischen Fragen eingebettet, den erstaunlichen Erfolg der Münchener Rück in der Zwischenkriegszeit zu erklären. Er sieht die Gründe hauptsächlich in der Partnerschaft mit der Allianz und in strategischen Entscheidungen unter Wilhelm Kisskalt, der das Unternehmen seit 1922 leitete. Überzeugend gelingt es Bähr die Herausbildung der spezifischen Unternehmenskultur und Corporate Governance aufzuzeigen, welche der Münchener Rück bis in die 1980er-Jahre ein überraschendes Maß an Robustheit und Stabilität brachten. Während die Konkurrentin aus Zürich zu Beginn der 1930er-Jahre aufgrund einer spekulativen Anlagestrategie hohe Verluste verbuchen musste, verschrieb sich die Münchener Rück einer konservativen Finanz- und Unternehmenspolitik. Langfristige Verträge, enge Überkreuzungsverflechtungen mit der Allianz, vorsichtige Bewertung der Beteiligungen an Erst- und Rückversicherern, eine äußerst konservative Unternehmenskultur und das System der Hauskarriere waren Charakteristika dieses Geschäftsmodells bis in die 1980er-Jahre.

Die Rolle der Münchener Rück und ihrer Führungskräfte während der Zeit des Nationalsozialismus, der Hauptgrund hinter dem unternehmenshistorischen Auftragswerk, wird im zweiten Teil ausführlich beleuchtet. Die Autoren kommen nach sorgfältiger Abwägung zum Schluss, dass die Münchener Rück „zwar an der Ausraubung jüdischer Versicherungsnehmer und an SS-Geschäften nicht direkt beteiligt [war], wohl aber indirekt, als Rückversicherer“ (S. 366). Der Vorstand ist allen Erwartungen der NS-Machthaber nachgekommen und die Vorstandmitglieder Wilhelm Kisskalt und Alois Alzheimer traten aus freien Stücken bereits zu einem frühen Zeitpunkt der NSDAP bei. Die beiden Autoren zeichnen dabei ein Bild des Vorstandsvorsitzenden Kurt Schmitt, der zwar gegen die Ermordung der Juden war, mit den Tätern, von denen er beispielsweise Göring bewunderte, gleichwohl an einem Tisch saß. Schmitts Verbindungen und sein Einsatz für die privatwirtschaftlichen Versicherungsgesellschaften, die sich durch die politisch protegierten öffentlich-rechtlichen Versicherer bedroht fühlten, nützten der Münchener Rück im In- und annektierten Ausland. Im Gegensatz zu anderen Unternehmen nutzte die Münchener Rück die Besatzung Europas kaum für Übernahmen, da sie in fast allen besetzen Gebieten bereits vorher enge Geschäftspartner hatte.

Im dritten Teil zeichnet Christopher Kopper nach, wie der Münchener Rück die Rückkehr auf den Weltmarkt gelang. Einen zentralen Teil der Untersuchung bilden die Entnazifizierungsverfahren, die Selbstrechtfertigungen und mitunter abenteuerlichen Umdeutungen der Geschichte während der Nachkriegszeit. Wie in der Zwischenkriegszeit bildeten der mit Geldwertstabilität, Konjunktur, sozialpolitischen Maßnahmen (dritte Säule) und Motorisierung (KfZ-Versicherung) wachsende Heimmarkt und die Bindung zur Allianz das Fundament des Wiederaufstiegs. Bereits Ende der 1950er-Jahre gelang der Wiedereinstieg in den amerikanischen Markt. In der Ära von Alois Alzheimer wurde das Unternehmen durch Großtechnologien (Atomreaktoren, Bohrinseln, Flugzeuge) sowie Terror, Produkthaftpflicht und höhere Schadenssummen infolge von Naturkatastrophen versicherungstechnisch herausgefordert. In das von Juristen bemannten Unternehmen kamen zunehmend Ingenieure, Volkswirte sowie Chemiker und Physiker. Dennoch blieb das höchst internationale Unternehmen in der Zusammensetzung der Führungsschicht bis Ende der 1970er-Jahre sehr homogen und die Hauskarriere blieb das Maß aller Dinge. Das Buch endet mit den Krisen der 1970er-Jahre, welche die Münchener Rück gut überlebte. Aus finanzieller Sicht bot die Heimat in einem Hartwährungsland gegenüber Konkurrenten einen nicht zu unterschätzenden Wettbewerbsvorteil. Nach dem Wegfall des Währungsregimes von Bretton Woods war das Unternehmen vermehrt dem Wechselkurs-Risiko ausgesetzt, doch es hielt sich weiterhin an das konservative Prinzip der Währungskongruenz und spekulierte nur wenig auf Kursgewinne.

Insgesamt bietet das Werk einen guten Überblick über die Geschichte der Münchener Rück. Allerdings hätte man da und dort durchaus analytische Gesichtspunkte stärker in den Vordergrund schieben können. Eine etwas übersichtlichere und kompaktere Gliederung innerhalb der Zeitabschnitte in thematisch besser voneinander getrennte Blöcke hätte dem Buch den Charakter eines Standardwerks gegeben. Schließlich ist die Zahl der Tabellen und Grafiken für die Menge an Informationen sehr bescheiden ausgefallen, insbesondere im Vergleich zum Buch zur Schweizer Rück. Für den Fachkollegen fehlt ferner ein statistischer Anhang, um die vorzügliche Arbeit auch quantitativ in seine eigenen Untersuchungen einbeziehen zu können.

Es ist zu hoffen, dass den nun vorliegenden beiden Werken zur Schweizer Rück und Münchener Rück weitere Forschungen folgen, die darauf aufbauen. Vergleicht man nämlich die beiden Konkurrenten, ergeben sich zahlreiche neue Fragen, die darauf warten, beantwortet zu werden. Und wenn man sich der Feststellung der beiden Autoren vergewissert, dass Finanzmärkte und Währungsfragen die größten Herausforderungen darstellten, folgen daraus zwangsläufig ganz aktuelle Fragen.

Anmerkungen:
[1] Gerald D. Feldman, Die Allianz und die deutsche Versicherungswirtschaft, München 2001.
[2] Peter Borscheid / David Gugerli / Harold James / Tobias Straumann, Swiss Re und die Welt der Risikomärkte. Eine Geschichte, München 2013.

Zitation
Luca Froelicher: Rezension zu: : Munich Re. Die Geschichte der Münchener Rück 1880–1980. München  2015 , in: H-Soz-Kult, 24.03.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25154>.
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Veröffentlicht am
24.03.2016
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