D. Allmeier u.a. (Hrsg.): Erinnerungsorte in Bewegung

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Titel
Erinnerungsorte in Bewegung. Zur Neugestaltung des Gedenkens an Orten nationalsozialistischer Verbrechen


Hrsg. v.
Allmeier, Daniela; Manka, Inge; Mörtenböck, Peter; Scheuvens, Rudolf
Umfang
390 S., zahlr. Abb.
Preis
€ 39,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Alexandra Klei, Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg / Ruhr-Universität Bochum

Die Auseinandersetzung mit der Gestaltung von Gedenkstätten an Orten ehemaliger Konzentrations- und Vernichtungslager war Bestandteil der Etablierung solcher Gedenkstätten und gehört zu jeder anschließenden Umgestaltung; sei es, weil sie in veränderten politischen Kontexten wie nach den politischen Umbrüchen 1989/90 stattfand, sei es, weil sie aufgrund überarbeiteter pädagogischer Konzepte oder neuer Forschungsergebnisse notwendig wurde. Der Prozess der noch bis 2018 andauernden grundlegenden Neugestaltung der österreichischen KZ-Gedenkstätte Mauthausen wird dabei unter anderem mit Hilfe publizierter Beiträge vergleichsweise transparent gehalten. Gleichzeitig wird er als Anlass und Möglichkeit verstanden, Gestaltungsansätze einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln, die bisherige Geschichte der Gedenkstätte zu untersuchen und Fragen nach den Bedeutungen des historischen Ortes erneut zu stellen. Der vorliegende Band, der aus einer im Wintersemester 2013/14 an der Technischen Universität Wien abgehaltenen gleichnamigen Vortragsreihe hervorgeht, versammelt eine Vielzahl ausgesprochen unterschiedlicher Beiträge, die nicht nur der Stand einer Debatte und der einschlägigen Forschung verdeutlichen, sondern auch hervorheben, dass das Thema längst nicht allein im Umfeld der Geschichtswissenschaften diskutiert wird.

Die sich bereits bei den Herausgeber/innen andeutenden interdisziplinären Zugänge – Raumplanung (Daniela Allmeier), Kunst und Gestaltung (Inge Manka), Visuelle Kultur (Peter Mörtenböck) sowie Raumplanung und Stadtentwicklung (Rudolf Scheuvens) – setzt sich konsequent mit den Beiträger/innen fort. Zu ihnen gehören nicht nur Mitarbeiter/innen von Gedenkstätten und Historiker/innen, sondern unter anderem auch eine Sprachwissenschaftlerin (Brigitta Busch) und eine Archäologin (Claudia Theune), Künstler/innen (das russische Kollektiv Chto Delat, Clemens von Wedemeyer und Eiko Grimberg) und (Landschafts-)Architekt/innen (A.W. Faust, Struber_Gruber). Als zentralen Aspekt ihrer Veröffentlichung und Auseinandersetzung formulieren die Herausgeber/innen die Frage, wie die Spannung „zwischen Politik und ihrem Management in unterschiedlichen Bereichen des Erinnerns – von der Sprache bis zur Architektur und von der Handlung bis zur Überlieferung – zum Ausdruck kommt“ (S. 11). Die insgesamt 17 Beiträge haben sie hierfür fünf eher assoziativen Oberbegriffen zugeordnet: „Verbindungen“, „Zugänge“, „(Un-)Sichtbarkeiten“, „Grenzen“ und „Bewegungen“. So haben sie Kategorien gebildet, die eine Annäherung an einzelne Gedenkstättengestaltungen ebenso ermöglichen wie eine generelle Diskussion gegenwärtiger Erinnerungskulturen.

Gleichzeitig enthalten die Beiträge einen räumlichen Schwerpunkt, der bei den Gedenkstätten bzw. den historischen Orten von Mauthausen und Gusen liegt. Das bedeutet nicht nur, dass ihnen die meisten Texte gewidmet sind, sondern auch, dass sie eine besonders vielschichtige Darstellung erfahren. Im Zentrum steht dabei wiederum der materielle Ort – sowohl in seiner Geschichte als auch in seiner Substanz. Dies reicht von einer „kurze[n] Geschichte über Infrastruktur“ (Irit Rogoff), mit der die infrastrukturellen Elemente des Ortes als Anlass genommen werden, über die Verbindungen des Lagers und seiner Umgebung nachzudenken, hin zu Beiträgen, die sich der Geschichte des Ortes widmen. Dazu zählen Texte zur Gedenkstätte als Palimpsest, das heißt, hinterlassene (In-)Schriften aus unterschiedlichen Phasen, die als Schichtungen, Medien der Aneignung, Annäherung und Ausstellung erläutert werden (Brigitta Busch), zur Archäologie (Claudia Theune) und natürlich zur Geschichte der Gedenkstätte, dabei speziell dem Umgang mit den baulichen Überresten nach 1945 (Bertrand Perz, Wolfgang Schmutz). Während Perz den Schwerpunkt auf die Transformationen nach der Befreiung des Lagers und die Debatten im Zeitraum der Gedenkstätten-Einweihung 1949 legt, stellt Schmutz Mauthausen in unterschiedlichen „erinnerungspolitischen Rahmen“ vor. Christian Dürr nimmt eine Einordnung der Nachgeschichte anhand der Konzepte von „Gedenkort“ (Mauthausen) und „traumatischer Ort“ (Gusen) vor, um am Ende von „verlassenen Konzentrationslagern“ als „polyvalenten Orten“ zu sprechen (S. 147). Schließlich stellt Brigitte Halbmayr ein ab 2011 durchgeführtes Beteiligungsprojekt vor, das eine Beschäftigung von Anwohner/innen der Region Mauthausen, Gusen und St. Georgen mit der Geschichte der eigenen Familien und der Region förderte.

Den zweiten Schwerpunkt des Buches bilden Auseinandersetzungen mit künstlerischen, ausstellungsdidaktischen und architektonischen Fragen – diese führen wiederum weg von Mauthausen (und Gusen). Hierzu zählt ein Beitrag von Jörg Skriebeleit, der die Nachnutzung des Lagers Flossenbürg und die Geschichte der Gedenkstätte bis in die Gegenwart auch mit Blick auf die Kritik des Flossenbürg-Komitees an der Neugestaltung vorstellt. Struber_Gruber erläutern ihren für die Gedenkstätte Maly Trostinec konzipierten Entwurf eines Denkmals für die aus Österreich deportierten und in Weißrussland ermordeten Menschen. A.W. Faust präsentiert die Projekte seines Büros sinai zu Erinnerungslandschaften in Flossenbürg und Bergen-Belsen sowie für die Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße und den Platz des 9. November 1989 (am ehemaligen Grenzübergang Bornholmer Straße). Unabhängig von ihrer jeweils höchst unterschiedlichen Geschichte definiert der Autor sie alle als „schwierige Orte“ (S. 57). Auch Ulrich Schwarz, der den Raum am Beispiel der Entwürfe seines Büros für Visuelle Kommunikation und Ausstellungsgestaltung – Bertron-Schwarz-Frey – als ein Mittel zur Wissensorganisation untersucht, richtet den Blick dabei nicht nur auf KZ-Erinnerungsstätten. Neben Ausstellungswettbewerben wie für den SS-Schießplatz Hebertshausen (Dachau) oder für die „Wiederentdeckung eines europäischen Erinnerungsortes“ (Flossenbürg) sind unter anderem auch gestalterische Beiträge für eine Ausstellung „Zwangsmigration in Mitteleuropa“ (Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung – Berlin) und einen Gedenkort für das Olympia-Attentat von 1972 (München) einbezogen.

Zudem verweist der Band auf filmische und bildkünstlerische Auseinandersetzungen: Clemens von Wedemeyer und Eiko Grimberg stellen ihren experimentellen Film „Muster“ (2012) vor, der drei Phasen des ehemaligen Benedikterklosters in Breitenau behandelt[1]: die Befreiung eines hier eingerichteten Konzentrationslagers im April 1945, den Filmdreh über ein Mädchenerziehungsheim (Ulrike Meinhof, „Bambule“, 1970) und den Gedenkstättenbesuch einer Schulklasse (1994). Dmitry Vilensky erläutert schließlich die Skulptur „Our Paper Soldier“ des Künstlerkollektivs Chto Delat (2014), das eine queere Nachbildung der Skulptur des Soldaten anfertigte, die Teil des Sowjetischen Ehrenmals am Schwarzenbergplatz in Wien ist.[2]

Den dritten Schwerpunkt bilden einige Beiträge, die zwar auch Beispiele in die Argumentation einbeziehen, sich der Erinnerung und ihrer Etablierung an Orten vor allem aber analytisch nähern. Hier sieht Nora Sternfeld Erinnerung als das „Ergebnis von Machtverhältnissen“ (S. 78) und dabei im Kontext einer Vermittlung von Geschichte als umstritten, aber nicht als beliebig an. Anhand der Konzepte von „Multidirectional Memories“ (Michael Rothberg) und „Gegenläufigen Gedächtnissen“ (Dan Diner) verfolgt sie die „Frage nach der Transnationalisierung des Holocaust-Erinnerns“ (ebd.). Suzana Milevska setzt sich mit den Paradoxien sogenannter kritischer Denkmäler auf der Grundlage einer Diskussion des Erhabenen und der Frage nach den (Un-)Möglichkeiten einer nicht-rassistischen Repräsentation auseinander. Cornelia Siebeck verfolgt schließlich die ambivalenten Prozesse einer Angleichung der Gedenkstätten in West- und Ostdeutschland nach 1990.

Der Band gibt also insgesamt nicht nur einen sehr guten Einblick in Fragen und Zugänge, die mit der Neugestaltung Mauthausens und der gegenwärtigen Erinnerungskultur verbunden sind. Er verweist zugleich auf eine neue Phase der Auseinandersetzung mit den Orten, ihrer Funktion und den Zuschreibungen von Bedeutung, die zwar nach wie vor konkrete Forschungen zur Geschichte und Nachgeschichte umfasst, dabei aber unterschiedlichen gestalterischen Annäherungen einen größeren Raum einräumt, als dies früher der Fall war. Gleichzeitig kann nun auf eine Phase der Umgestaltung seit den 1990er-Jahren zurückgeblickt werden, als deren Ergebnis nicht nur die erfolgreiche Etablierung der historischen Orte als Architektur und Raum in der Gedenkstättengestaltung erfolgte, sondern auch eine intensive Auseinandersetzung über ein „Gedächtnis der Orte“ (Aleida Assmann, Detlef Hoffmann u.a.) in unterschiedlichen Disziplinen geführt wurde.

Dabei überrascht insgesamt allerdings die fehlende kritische Annäherung an die Entwicklungen der letzten 25 Jahre. So wird das Konzept der „traumatischen Orte“ (Aleida Assmann) bei Christian Dürr ohne Verweise auf bereits erfolgte Einwände[3] unreflektiert übernommen. Die Behauptung Volkhard Knigges, dass „[d]ie Minimierung der Relikte [...] wortwörtlich den Raum für eine einheitliche, widerspruchsfreie, scheinbar allgemeingültige Interpretation der Geschichte des Konzentrationslagers [schafft]“ (u.a. bei Jörg Skriebeleit, S. 112), wird keiner Revision unterzogen. Und A.W. Fausts Definition „schwieriger Orte“ als „historische Orte, die Widerstände auslösen, wenn man sich mit ihnen befassen soll, die man nicht aus Neigung, sondern aus Abneigung betrachtet und die Aufgaben stellen, denen man sich nicht gewachsen fühlt“ (S. 57), verweist vor allem auch auf einen inhaltsleeren Jargon, der sich im Sprechen über solche Orte zunehmend etabliert hat. Schließlich ist eine Leerstelle besonders offenkundig: Nach wie vor fehlt weitgehend eine Reflexion über die Praktiken, die aus den Inhalten der Gestaltung resultieren. Gerade vor dem Hintergrund der Bedeutung, die den historischen Orten, ihren baulichen Resten und den Medien der Vermittlung gegeben wird – und die als „materielle Kultur“ auch von den Herausgeber/innen in ihrer Einführung explizit als eine „Leitebene des Erinnerns“ betont wird (S. 8) – verwundert es, wie wenig zwischen Intentionen von Gestalter/innen und Gedenkstättenmitarbeiter/innen sowie den tatsächlichen Aneignungen des hergestellten Erinnerungsraumes unterschieden wird. Diesen Raum in seiner Gegenwart zu analysieren und zu einem Gegenstand kritischer Auseinandersetzung zu machen steht auch nach diesem Sammelband noch aus.

Anmerkungen:
[1]https://vimeo.com/137250892 (09.10.2016).
[2] Siehe http://www.kow-berlin.info/exhibitions/chto_delat_1 (09.10.2016). Bei einer Ausstellung wurde die Skulptur im Juni 2014 vor dem Haus der Berliner Festspiele zerstört.
[3] So u.a. bei Dariuš Zifonun, Gedenken und Identität. Der deutsche Erinnerungsdiskurs, Frankfurt am Main 2004, S. 121, der darauf verweist, dass es sich bei diesen Orten „um politische Symbole, politische Orte handelt, deren Bedeutung diskursiv konstruiert ist, und dass auch ein ‚traumatischer Ort‘ zu positiver Sinnstiftung gebraucht werden kann“.

Zitation
Alexandra Klei: Rezension zu: Allmeier, Daniela; Manka, Inge; Mörtenböck, Peter; Scheuvens, Rudolf (Hrsg.): Erinnerungsorte in Bewegung. Zur Neugestaltung des Gedenkens an Orten nationalsozialistischer Verbrechen. Bielefeld  2016 , in: H-Soz-Kult, 28.10.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25195>.