O. Kistenmacher: Arbeit und »jüdisches Kapital«

Titel
Arbeit und »jüdisches Kapital«. Antisemitische Aussagen in der KPD-Tageszeitung Die Rote Fahne während der Weimarer Republik


Autor(en)
Kistenmacher, Olaf
Erschienen
Bremen 2016: Edition Lumière
Umfang
356 S.
Preis
€ 44,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stephanie Seul, Deutsche Presseforschung, Universität Bremen

Ursula Büttner bilanzierte 2008, es fehle „eine Gesamtgeschichte des Antisemitismus in der Weimarer Republik, die sich nicht nur auf die aktenkundig gewordenen [...] Delikte konzentriert, sondern die in der Gesellschaft verbreiteten offenen und latenten antijüdischen Vorurteile und Ressentiments beleuchtet und ihre Tragweite für die verschiedenen sozialen Gruppen ergründet.“[1] An historischen Zeugnissen zur Erforschung antisemitischer Vorurteile mangelt es nicht. Gerade Zeitungen sind eine wichtige Quelle, um den gesellschaftlichen Stellenwert von Judenfeindschaft zu bemessen.[2] Die Presse der Weimarer Republik führt in der historischen Forschung jedoch ein Schattendasein[3]; insbesondere der Zusammenhang von Presse und Antisemitismus ist erst ansatzweise untersucht.[4] Die Weimarer Republik war einerseits geprägt von einer bisher unerreichten Gleichstellung der Juden im politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben. Andererseits griff ein latenter bis offen gewalttätiger Antisemitismus um sich, der mit dem Aufstieg der NSDAP stark zunahm. Judenfeindliches Gedankengut fand sich dabei nicht nur in konservativen, kirchennahen oder rechtsextremen Zeitungen. Im linken politischen Spektrum zog namentlich die Rote Fahne gegen „jüdische Kapitalisten“ zu Felde.[5]

Olaf Kistenmacher untersucht in seiner Bremer Dissertation erstmals systematisch die judenfeindlichen Aussagen im Zentralorgan der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Gegründet am 9. November 1918 und anfänglich nur aus wenigen Seiten bestehend, entwickelte sich die Rote Fahne zu einer Tageszeitung mit politischer Berichterstattung, Feuilleton, Sportteil und Sonderseiten. Schätzungen zufolge betrug die Auflage Mitte der 1920er-Jahre 30.000, gegen Ende der Weimarer Republik 70.000 Exemplare, die überwiegend von Parteimitgliedern abonniert wurden (S. 24). Damit führte das Blatt keineswegs ein Nischendasein in der Presselandschaft. Auch die KPD entwickelte sich von einer Splittergruppe zu einer Massenpartei, die bei den Reichstagswahlen 1930, 1932 und 1933 jeweils drittstärkste Kraft wurde. Aufgrund ihrer politischen Orientierung würde man von der Roten Fahne gemeinhin keine antisemitischen Äußerungen erwarten. Antisemitismus war nie Bestandteil des Parteiprogramms; aufgrund der jüdischen Herkunft führender Parteimitglieder wurde die KPD von den Rechten als „Judenpartei“ diffamiert. Auch berichtete die Rote Fahne regelmäßig und kritisch über antisemitische Vorkommnisse (S. 11, 45–46, 321). Dennoch finden sich in allen Phasen der Weimarer Republik auch judenfeindliche Äußerungen in dem Blatt (S. 20, 22).

Ausgehend von Shulamit Volkovs These vom Antisemitismus als „kulturellem Code“, der seit den 1870er-Jahren zum Bestandteil einer ganzen Kultur geworden sei [6], unterzieht Kistenmacher die Rote Fahne einer an Michel Foucault orientierten Diskursanalyse, um die versteckten, „selbstverständlichen“ judenfeindlichen Äußerungen aufzudecken. Die zentrale Frage lautet, „inwieweit die Rote Fahne judenfeindliche Vorstellungen (re-)produzierte und so [...] dazu beitrug, antisemitische Vorstellungen zu bestätigen“ (S. 29). Des Weiteren wird gefragt, ob sich „aus der unreflektierten Übernahme antisemitischer Ausdrücke etwas Eigenes entwickelte, das man als Ansätze eines Antisemitismus von links bezeichnen könnte.“ (S. 37) Als Ursache für judenfeindliche Aussagen macht Kistenmacher mehrere Faktoren aus. Neben der unbewussten Reproduktion traditioneller antisemitischer Stereotype waren dies erstens ein spezifischer Nationalismus (die Begriffe „Arbeiterklasse“, „deutsches Proletariat“ und „Volk“ wurden synonym verwendet und den „ausländischen“, „antinationalen“ Kapitalisten gegenüber gestellt, S. 95, 315); zweitens ein personifizierter Antikapitalismus (Juden galten als Personifikation der internationalen Herrschaft des Kapitals; die kapitalistischen Herrschaftsverhältnisse würden sich nur durch die Beseitigung von Kapitalisten und „Parasiten“ überwinden lassen, S. 15, 95); und drittens der Antiintellektualismus der KPD.

Die Studie ist in drei Hauptteile gegliedert. Der erste untersucht antisemitische Ausdrücke und Argumentationsweisen, insbesondere die Konstruktion des Gegensatzes zwischen „Arbeit“ und „jüdischem Kapital“. In der nach-revolutionären Phase der Weimarer Republik (1918–1923) berichtete die Rote Fahne wiederholt über Pogrome in Osteuropa und kritisierte die antisemitische Hetze völkischer Parteien in Deutschland. Andererseits spiegelte die Berichterstattung auch antisemitische Stereotype wider. 1923 erreichten die antisemitischen Aussagen während des kurzen nationalistischen Schlageter-Kurses der KPD ihren Höhepunkt, als das Blatt die dominante Stellung des „jüdischen Kapitals“ in der deutschen Wirtschaft anprangerte und die deutschen Arbeiter zum Sturz der „Judenkapitalisten“ aufrief (S. 39–42, 95). Während der Stabilisierungsphase (1924–1928) veränderte sich die Sprache der Roten Fahne; antisemitische Aussagen nahmen deutlich ab, verschwanden aber nie ganz. In den letzten Jahren der Republik, als sich die Rote Fahne intensiv mit der NSDAP auseinandersetzte (1928–1933), schreckte das Blatt auch nicht vor Widersprüchen zurück. Der NSDAP wurde vorgeworfen, mit dem „jüdischen Kapital“ zusammenzuarbeiten und „reiche Juden“ zu schützen. Die Rote Fahne verharmloste dabei den Antisemitismus der Nationalsozialisten und leugnete, dass von diesen eine Gefahr für die Juden ausgehe (S. 211, 317–318).

Der knappe zweite Teil untersucht den Zusammenhang zwischen den intellektuellenfeindlichen und antisemitischen Vorstellungen der KPD. Allerdings stellte die Rote Fahne diesen Zusammenhang nicht explizit her, so dass Kistenmacher seinen erklärten methodischen Ansatz, die Parteizeitung „auf der Ebene des geschriebenen Wortes“ zu analysieren (S. 12), aufgeben und stattdessen andere Quellen heranziehen muss, namentlich innerparteiliche Stellungnahmen der KPD (S. 213, 246). Das Kapitel fällt daher aus der Gesamtargumentation der Studie heraus; Kistenmacher räumt selbst ein, „nur zu einem vorläufigen Ergebnis“ gekommen zu sein (S. 318).

Der dritte Teil analysiert den Antizionismus der Roten Fahne. Während bisherige Forschungen davon ausgingen, dass die Zionismus-Kritik vieler Linker erst nach 1945 antisemitische Formen annahm, zeigt Kistenmacher, dass sich bereits Ende der 1920er-Jahre ein antizionistischer Antisemitismus in der Roten Fahne herausbildete. Das Blatt sprach den Zionismus schuldig, ein Agent des britischen Imperialismus zu sein. Angriffe der „werktätigen“ arabischen Bevölkerung gegen die Juden (Zionisten) im britischen Mandatsgebiet Palästina wurden zum „antiimperialistischen Aufstand“ verklärt und offen unterstützt (S. 16–17, 251, 271–272, 319–320). Der linke Antisemitismus der Nachkriegszeit, so Kistenmacher, sei daher nicht alleine mit der Gründung des Staates Israel, den Konflikten im Nahen Osten sowie der Schuldabwehr nach dem Holocaust zu erklären; seine ideologischen Wurzeln seien vielmehr im Antizionismus der Weimarer KPD begründet.

Abgerundet wird die Studie durch 16 Schwarz-Weiß- Abbildungen (Karikaturen und Artikel aus der Roten Fahne), ein umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis sowie ein Personenregister. Ein zusätzliches Sachregister wäre hier von großem Nutzen gewesen.

Kistenmachers akribische Quellenauswertung belegt, dass in allen Phasen der Weimarer Republik antisemitische Aussagen im publizistischen Organ einer Partei auftauchten, die den Antisemitismus der radikalen Rechten ausdrücklich ablehnte. Ein zentrales Argument der Pressediskurse war „die Vorstellung, ‚Juden‘ stünden tendenziell auf der Seite des Kapitals und der Macht und damit in Opposition zur Arbeit und zum Proletariat, und dies mache ihre ‚jüdische‘ Identität aus.“ (S. 313) Dass die Rote Fahne judenfeindliche Aussagen druckte, deute darauf hin, so Kistenmacher, dass antisemitische Vorstellungen in der deutschen Gesellschaft zu einer „Selbstverständlichkeit“ geworden seien und oftmals unreflektiert Eingang in die Berichterstattung gefunden hätten (S. 313, 321–322). Auch im KPD-Organ schlugen sich trotz seiner radikalen Gesellschaftskritik die weitverbreiteten antijüdischen Ressentiments nieder. Die Rote Fahne übernahm jedoch nicht nur die vorherrschenden antisemitischen Vorstellungen, sondern „integrierte diese Stereotype in die eigene Gesellschaftskritik und bildete dabei eine spezifische Form der Judenfeindschaft heraus“ (S. 322), resümiert Kistenmacher.

Die Studie leistet einen wichtigen Beitrag zu der von Büttner angemahnten Gesamtgeschichte des Antisemitismus in der Weimarer Republik. Sie zeigt, dass nicht nur die radikal-antisemitischen Periodika aus dem rechten politischen Spektrum den Antisemitismus beförderten, sondern dass auch linke Blätter der Akzeptanz judenfeindlicher Einstellungen den Weg ebneten. Eine Gesamtschau zum Verhältnis von Presse und Antisemitismus in den Jahren 1918–1933 bleibt ein Forschungsdesiderat; es ist daher zu hoffen, dass weitere ebenso sorgfältig recherchierte Studien zu einzelnen Zeitungen – vor allem aus dem liberalen und linken politischen Spektrum – folgen. Als erster Schritt hierzu ist die Volltext-Digitalisierung historischer Zeitungen zu begrüßen, die in Deutschland immer noch recht zögerlich voranschreitet. Positive Beispiele sind etwa die liberale Vossische Zeitung und das SPD-Organ Vorwärts.

Anmerkungen
[1] Ursula Büttner, Weimar. Die überforderte Republik 1918–1933. Leistung und Versagen in Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur, Bonn 2008, S. 16–17.
[2] Michael Nagel / Moshe Zimmermann (Hrsg.), Judenfeindschaft und Antisemitismus in der deutschen Presse über fünf Jahrhunderte. Erscheinungsformen, Rezeption, Debatte und Gegenwehr, 2 Bde., Bremen 2013 (hier Bd. 1, S. XIV–XV).
[3] Konrad Dussel, Deutsche Tagespresse im 19. und 20. Jahrhundert, 2., erw. Aufl., Münster 2011, S. 158.
[4] Vgl. das Forschungsprojekt German Anti-Semitism and the Press during the Weimar Republic, 1918–1933, http://www.presseforschung.uni-bremen.de/antisem/doku.php?id=startseite (07.03.2018).
[5] Die Rote Fahne ist auf dem Online-Zeitungsportal der Staatsbibliothek zu Berlin verfügbar. Während für 1918–1921 und 1928–1933 die Digitalisierung lückenhaft ist, fehlen die Jahrgänge 1922–1927 ganz. Eine Volltextsuche ist nicht möglich. http://zefys.staatsbibliothek-berlin.de/list/title/zdb/24352111/ (07.03.2018).
[6] Shulamit Volkov, Antisemitismus als kultureller Code. Zehn Essays, 2., durch ein Reg. erw. Aufl., München 2000.

Zitation
Stephanie Seul: Rezension zu: : Arbeit und »jüdisches Kapital«. Antisemitische Aussagen in der KPD-Tageszeitung Die Rote Fahne während der Weimarer Republik. Bremen  2016 , in: H-Soz-Kult, 29.03.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25463>.
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Veröffentlicht am
29.03.2018
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