Cover
Titel
Socialist Fun. Youth, Consumption, & State-Sponsored Popular Culture in the Soviet Union 1945–1970


Autor(en)
Tsipursky, Gleb
Erschienen
Umfang
X, 366 S.
Preis
€ 31,21
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Michel Abeßer, Historisches Seminar, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Der Sozialismus lebte nicht nur durch, sondern auch für die Jugend. Themen wie Mobilisierung, ideologische Vereinnahmung, Kontrolle, Gängelung oder Repression Heranwachsender in sozialistischen Staaten sind in zahlreichen Länderstudien bereits präsent.[1] Die Frage, wie der sozialistische Staat und seine Jugendorganisationen Jugendliche über positive Mechanismen für das sozialistische Projekt gewinnen wollten, erhält mit Ende des Kalten Krieges wachsende Aufmerksamkeit.[2] Das vorliegende Buch versucht sich an einer Synthese beider Aspekte und dies weitestgehend mit Erfolg.

Der Autor Gleb Tsipursky fragt danach, welchen Einfluss die turbulente politische Entwicklung in der Sowjetunion zwischen 1945 und 1970 auf die Jugendpolitik hatte und wie sich die sowjetische Jugend innerhalb der offiziellen Strukturen des Komsomol und der Gewerkschaften sozialisierte, bildete, unterhielt oder zerstreute. Damit füllt der Autor eine Forschungslücke zwischen den wegweisenden Studien von Juliane Fürst zur Jugend im Spätstalinismus und Sergej Zhuks Regionalstudie zu Dnjepropetrovsk in den 1970er-Jahren.[3]

Tsipursky untersucht zahlreiche Konflikte und Aushandlungsprozesse, die aus der Spannung von Kontrolle und Disziplinierung der Jugend von oben und Mobilisierung durch das Fördern von Initiative von unten resultierten. Im Zentrum stehen die zahlreichen kulturellen Aktivitäten für die Jugend innerhalb der von Gewerkschaften und Komsomol betriebenen Klubs, die Tsipursky als „state-sponsored popular culture“ (S. 3) definiert und zu deren Ausgestaltung nach 1953 Jugendliche verstärkt herangezogen wurden. Damit avisiert der Autor nicht politisch oder kulturell renitente Jugendgruppen am Rande der sowjetischen Gesellschaft, sondern besonders jene durchschnittliche Jugend, die die Angebote konformer kultureller Praktiken des Staates wie Vorträge, Diskussionsrunden, Laienkonzerte und Tanzabende annahm. Der (eher kontrastierende als systematische) Vergleich zwischen Moskau und der Provinzstadt Saratov setzt zusätzliche Akzente.

Dass das vorliegende Buch mehr beansprucht, als eine Binnengeschichte sowjetischer Jugend(politik) zu liefern, wird durch dessen Fokus auf die Wechselwirkungen zur sowjetischen Kultur und den Kontext des Kalten Krieges deutlich. Gerade die Jugendpolitik der Chruščev-Zeit, so Tsipursky, lässt erkennen, dass mit der partiellen Integration westlicher Populärkultur, wie dem Jazz, versucht wurde, die Sowjetunion als „Modell für die Staaten zu etablieren, die nach einer Alternative zur westlichen Moderne suchten“ (S. 7). Für seine Untersuchung greift der Autor auf einen imposanten Fundus an Quellen zurück, die von umfangreichen Akten zentraler, regionaler und lokaler Komsomol- und Gewerkschaftsorganisationen über Presseartikel bis hin zu 60 Zeitzeugeninterviews und zahlreichen Memoiren reichen. Der chronologische Aufbau der Arbeit in acht Kapiteln folgt dem Ziel, Anspruch, Grenzen und Wechselwirkungen zwischen zentral formulierter Politik und praktischer Ausgestaltung vor Ort offen zu legen.

Zu Beginn arbeitet Tsipursky den Konflikt zwischen Initiative von unten und Kontrolle von oben als Grundkonstante der Organisation sozialistischer Öffentlichkeit seit der Revolution heraus. Jugendpolitik im Spätstalinismus folgte dem Paradigma scharfer Kontrolle von oben, zielte auf Mobilisierung und ideologische Erziehung. Gleichzeitig beobachtet der Autor ein massives Wachstum an kultureller Infrastruktur und jugendlichen Teilnehmern, deren teils aktives Engagement für eine partielle Deckungsgleichheit zwischen Regime und Bevölkerung sprechen (S. 50). Die Grenzen der politischen Einflussnahme lagen dort, wo Klubleiter zwischen ideologischen Anforderungen und notwendigen Besucherzahlen manövrierten und Laienzirkelmitglieder engagiert politische Stücke inszenierten, ohne damit automatisch deren ideologische Werte zu internalisieren. Am Beispiel von Jazz und westlichen Tänzen zeigt Tsipursky, dass die staatliche Kampagne gegen westliche Einflüsse weniger an der subversiven Kraft westlicher Kultur, als vielmehr an den Binnenwidersprüchen des sowjetischen Systems selbst scheiterte und somit den Raum für die Wirkung der westlichen Soft-Power in der Sowjetunion schuf (S. 72).

Mit dem Tod Stalins änderten sich politischer Diskurs, ideologische Ziele und damit die jugendpolitischen Prämissen, nach denen nun der Unterhaltung und Initiative von unten bei der Ausgestaltung der Jugendpolitik immer mehr Raum gegeben wurde. Jugendpolitik blieb dennoch politisch instrumental, galt sie doch als Werkzeug zur Schaffung des neuen Menschen und Aktiva der Partei im Kampf gegen Jugendkriminalität und Devianz. Entgegen zahlreicher institutioneller und ideologischer Widerstände, die der Autor überzeugend herausarbeitet, erreichte der letztlich sehr erfolgreiche Zugang zu Jugendpolitik seinen Höhepunkt zu Beginn der 1960er-Jahre. Die massenhafte Entstehung von Jugendinitiativ- und Interessenklubs erhöhte die Attraktivität des Komsomol auch für Nicht-Mitglieder deutlich und wirkte, wie die Konstituierung einer sowjetischen Jazzszene zeigt, auf die sowjetische Kultur nach innen und im Systemkonflikt nach außen.

Während der Tod Stalins 1953 und eine zeitweilige konservative Wende seit 1957 dem Leser als klassische Zäsuren spätsowjetischer Geschichte vertraut sind, spielen das Jahr 1962 und die Entmachtung Chruščevs für die Jugendpolitik kaum eine Rolle. Erst Ende der 1970er-Jahre konnten sich jene Kräfte langsam durchsetzen, die politische Stabilität nicht mehr durch westliche Kultur, sondern durch Selbstverwaltung und Autonomie von unten gefährdet sahen.

Tsipursky gelingt es, mit seiner Studie, ein differenzierteres Bild von Faktoren wie dem Kalten Krieg, sozialen Entwicklungen und wirtschaftlichen Interessen zu zeichnen, die auf die Jugendpolitik einwirkten. Er diskutiert die ambivalenten Folgen dieser Politik, die sich häufig nicht in Begriffen wie „liberal“ und „restriktiv“ auflösen lassen. Seine Untersuchung ist ein starkes Plädoyer dafür, institutionelle Konflikte innerhalb der sowjetischen Politik ernster zu nehmen, wie dem Leser am Beispiel des Komsomol und der Gewerkschaften und deren Ringen um Zuschauerzahlen, Programme und Infrastruktur verdeutlicht wird. Noch wichtiger ist möglicherweise die Funktion des Komsomol als unterschätztem kulturellem Akteur, die erst zunehmend die nötige Beachtung von Seiten der Forschung findet.[4] Die Organisation bot nicht nur ein Dach für westliche Populärkultur, sondern erscheint in seiner Struktur nach 1953 als Transmitter kultureller Impulse von unten, die langfristig sowjetisiert wurden.

Problematischer ist die soziale Reichweite der Untersuchung, die laut dem Autor auf alle Schichten der städtischen Jugend angelegt ist (S. 3). Dass dabei die Jugend aus dem Milieu der Arbeiter im Gesamtpanorama jedoch eher schwach bleibt, ist letztlich auch dem Fokus der Arbeit auf Enthusiasmus und Initiative von unten geschuldet. Es geht um die Jugend, die die Angebote des Komsomol annimmt und damit Spuren in den Quellen hinterlässt. Der prominente Platz, den die studentische Jugend in den umfangreichsten Fallbeispielen einnimmt, erklärt sich dadurch, dass diese Gruppe als soziale Aufsteiger und zukünftige Elite nicht nur im Fokus der Organisation standen, sondern eben auch ihre Bildung erst Enthusiasmus, Anspruchshaltung und Verhandlungsgeschick ermöglichten. Ein zukünftiges Gesamtbild dessen, was sowjetische Jugend zwischen 1945 und 1970 konstituierte, berücksichtigt neben dem sozialistischen Spaß auch den Spaß der Hinterhöfe, aber auch die repressiven Elemente der Epoche, den Konformitätsdruck und die Jugendgewalt, wie Juliane Fürst und Brian LaPierre untersucht haben und die Tsipursky eher am Rande diskutiert.[5]

Aus dem sozialen Profil seiner Untersuchungsgruppe und dem biografischen Hintergrund vieler der befragten Zeitzeugen ergibt sich zudem eine sehr optimistische Deutung und Homogenisierung zu einer „post-Stalin Generation“, deren teils romantische Verklärung des Tauwetters als guter sozialistischer Zeit etwas überstrapaziert wirkt. Wo die Trennlinie zwischen Enthusiasmus als Teil des sowjetischen „emotional regime“ der 1950er-Jahre und als Merkmal der jugendlichen „emotional communities“ aus dieser Retrospektive zu ziehen sein soll, ist nicht immer klar. Tsipursky lässt den Leser zudem mit eher kursorischen Verweisen auf psychologische Forschung manchmal etwas ratlos zurück, wenn er beispielsweise schreibt, dass „sowjetische Autoritäten die Jugendlichen mit Möglichkeiten zum Aufbau jener tiefen sozialen Bindungen versorgte, die nach modernen neurowissenschaftlichen Forschungen viel für das mentale Wohl und die physische Gesundheit“ tun würden (S. 118).

Diese vereinzelten Kritikpunkte weisen jedoch eher auf die Herausforderungen zukünftiger Arbeiten, für die das vorliegende Buch zahlreiche inhaltliche und methodische Anknüpfungspunkte bietet. Für Historiker, die sich mit der Sowjetunion nach 1945, mit sozialistischer Jugend im Allgemeinen oder einer ernst gemeinten Globalgeschichte des Kalten Krieg beschäftigen, hat Tsipursky deutlich gemacht, dass „sozialistischer Spaß eine ernsthafte Sache war“ (S. 221).

Anmerkungen:
[1] Allen Kassof, The Soviet Youth Program. Regimentation and Rebellion, Cambridge 1965; Jim Riordan (Hrsg.), Soviet Youth Culture, Bloomington 1989; Hilary Pilkington, Russia’s Youth and Its Culture. A Nation’s Constructors and Constructed, New York 1994; Marc-Dietrich Ohse, Jugend nach dem Mauerbau. Anpassung, Protest und Eigensinn 1961–1974 , Berlin 2003.
[2] Emmanuel Droit, Vorwärts zum neuen Menschen? Die sozialistische Erziehung in der DDR (1949–1989), Köln 2014.
[3] Juliane Fürst, Stalins Last Generation. Soviet Post War Youth and the Emergence of Mature Socialism, Oxford 2012; Sergej Zhuk, Rock’n Roll in the Rocket City. The West, Identity, and Ideology in Soviet Dnepropetrovsk 1960–1985, Washington 2010.
[4] Peter Kaiser, Das Schachbrett der Macht. Die Handlungsspielräume eines sowjetischen Funktionärs unter Stalin am Beispiel des Generalsekretärs des Komsomol Aleksandr Kosarev (1929–1938), Stuttgart 2017.
[5] Brian LaPierre, Hooligans in Khrushchev’s Russia. Defining, policing and producing deviance during the thaw, Madison 2012.

Zitation
Michel Abeßer: Rezension zu: : Socialist Fun. Youth, Consumption, & State-Sponsored Popular Culture in the Soviet Union 1945–1970. Pittsburgh  2016 , in: H-Soz-Kult, 04.04.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26133>.