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Titel
Cluny and the Muslims of La Garde-Freinet. Hagiography and the Problem of Islam in Medieval Europe


Autor(en)
Bruce, Scott G.
Erschienen
Ithaca, NY 2015: Cornell University Press
Umfang
176 S.
Preis
€ 46,84
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Daniel König, Exzellenzkluster Asia and Europe in a Global Context, Universität Heidelberg

Zentrales Thema dieser Studie ist die cluniazensische Traditionsbildung zur Entführung des Abtes Maiolus von Cluny durch Sarazenen von Fraxinetum im Jahre 972 und deren Einfluss auf den Abt Petrus Venerabilis (sed. 1122–1156). Letzterer zeichnet als Auftraggeber für die erste lateinische Übersetzung des Koran verantwortlich und legte damit das Fundament für eine systematische lateinisch-christliche Islampolemik. Diese betrieb er selbst aktiv, indem er um 1156 ein direkt an die Muslime gerichtetes lateinisches Traktat verfasste, das unter dem Titel Contra sectam Saracenorum bekannt ist.

In der Einleitung formuliert der Autor seine Hauptthese, dass zwischen der hagiographischen Tradition zur Entführung des Abtes Maiolus von Cluny durch Sarazenen von Fraxinetum und der Islampolemik des Petrus Venerabilis ein in der Forschung bisher vernachlässigter, enger Zusammenhang bestehe.

Kapitel 1 fokussiert auf diese für Bruce einschneidende Erfahrung Clunys mit dem Islam, die in einen weiteren regionalen Kontext gestellt wird. Bruce stellt dabei zunächst die Gefahren transalpinen Reisens dar, die er in leicht erratischer Chronologie und mit einer gewissen Fixierung auf angelsächsische Reisende anhand von Quellenstellen aus dem 4. bis 12. Jahrhundert darstellt. Daraufhin geht er auf Fraxinetum als Basis für Razzien und deren Wirkungsradius bis in die Alpen ein, der u.a. in einem nicht zitierten Aufsatz von Kees Versteegh behandelt wurde.[1] Diese Darstellung hebt zwar legitimerweise hervor, dass die von Fraxinetum ausgehenden Razzien u.a. der Erbeutung von Sklaven dienten. Sie ist in ihrer Darstellung aber etwas einseitig.

Zum einen suggeriert sie, dass der Export von Sklaven in den muslimisch geprägten Mittelmeerraum (und auch nach Byzanz!) eine reine Folge muslimischer Razzienaktivitäten gewesen sei. Damit wird vernachlässigt, dass der Export von Sklaven im Frühmittelalter durchaus und in ansehnlicher Masse von christlichen und jüdischen Akteuren betrieben wurde: Nicht umsonst kritisiert der Liber Pontificalis den venezianischen Sklavenhandel mit Nordafrika schon für das 8. Jahrhundert.[2] Gerade für das 10. Jahrhundert lassen sich zahlreiche Quellen hierzu anführen: Liutprand von Cremona verweist auf den Eunuchenexport der Sklavenhändler von Verdun[3], von denen einer Johannes, den ottonischen Gesandten und späteren Abt von Gorze, nach Spanien führte[4]; die Raffelstetter Zollordnung[5] und der arabisch-islamische Geograph Ibn Ḫurdāḏbah[6] befassen sich beide mit dem Sklavenhandel aus Europa in den Mittelmeerraum. Der von Bruce zitierte Michael McCormick hat eben nicht nur auf die Razzienökonomie muslimischer Basen auf dem europäischen Festland hingewiesen, sondern in einem nicht zitierten Aufsatz unter dem Titel „How the Slave Trade Fuelled the Carolingian Economy“ auf die aktive Beteiligung nichtmuslimischer Europäer an diesem Sklavenhandel hingewiesen.[7] Wenn man, dem Untertitel zufolge, über „das Problem des Islam im mittelalterlichen Europa“ spricht, dann darf Europa nicht allzu leicht eine reine Opferrolle zugewiesen werden: Der Umgang des romanisch-germanischen Europa mit dem slawischen Europa, der sich auch im mittellateinischen Neologismus „sclavus“ (anstatt klassisch lateinisch „servus“)[8] und im arabischen Sklavenbegriff „ṣaqlabī“ widerspiegelt[9], darf in einer solchen Darstellung nicht gänzlich ausgeblendet werden.

Zum anderen ist zu kritisieren, dass Bruce die Einbindung Fraxinetums in sein Umfeld stark vernachlässigt. Er beurteilt Fraxinetum vor allem aus der polemischen Perspektive Liutprands von Cremona und der cluniazensischen Hagiographie, vernachlässigt aber, dass Ekkehard von Aura auch auf Ehen zwischen diesen Sarazenen und lokalen Frauen hinweist[10], es außerdem zu mannigfachen Kooperationen zwischen diesen Sarazenen und lokalen Gewalten kam, die von Letzteren anscheinend nicht unbedingt als Transgression gedeutet wurden.[11] Dass es sich bei der Razzienbasis um einen destabilisierenden Faktor im Südfrankreich des 10. Jahrhunderts handelte, soll damit gewiss nicht angezweifelt werden. Dennoch soll hier deutlich gemacht werden, dass in den chaotischen Verhältnissen der westfränkisch-burgundischen Sphäre des 10. Jahrhunderts die Sarazenen von Fraxinetum auf eine Weise aktiv waren, wie sie in derselben Periode auch von Normannen und westfränkischen Lokal- und Regionalgewalten bekannt ist. Der religiöse Unterschied war hier wahrscheinlich nur einer von mehreren relevanten Faktoren.

Das Kapitel endet mit einer Darstellung der Entführung des Abtes Maiolus auf der Basis nichtcluniazensischer Historiographie sowie der Vita Maioli des Syrus aus dem frühen 11. Jahrhundert. Kapitel 2 widmet sich dann der Frage nach der frühesten Überlieferung, deren späterer Ausformung sowie der Entstehung einer innercluniazensischen hagiographischen Tradition zu diesem Thema. Bruce setzt sich zunächst mit der anonymen Vita breuior sancti Maioli aus dem späten 10. Jahrhundert, dann der Vita sancti Maioli des Syrus aus dem frühen 11. Jahrhundert, schließlich der Vita sancti Maioli des Abtes Odilo von Cluny (ca. 1033) und der historiographischen Darstellung des Entführungsfalles bei Rodulfus Glaber (ca. 1040er) auseinander. Bruce kommt zu dem Schluss: „From the cruel adversaries depicted in the earliest Life of Maiolus to the great wolves of the Provençal countryside to the sympathetic captors who populated Rodulphus Glaber’s narrative, the Muslims of La Garde-Freinet were protean antagonists in Cluniac hagiography. The diversity of their depiction resulted primarily from the fact that the Cluniacs did not have a polemical agenda in their representation of Islam in this period.“ (S. 61).

Ein Interludium, das sich mit dem Ausgreifen Clunys auf die Iberische Halbinsel befasst, leitet über zu Kapitel 3, in dem Petrus' Venerabilis Projekt der argumentativen Widerlegung des Islam durch die Waffen des Wortes ausführlich beschrieben wird. Bruce stellt dieses Projekt in den weiteren Kontext der polemischen Schriften dieses Abtes gegen die häretische Strömung der Petrobrusianer sowie gegen die Juden und betont dann vor allem die Originalität von Petrus‘ methodischem Zugriff auf das Judentum und den Islam: „Peter’s research into the truth claims of his adversaries involved the condemnation of religious texts from the sacred traditions of his opponents – the Talmud and the Qurʾān – that few other northern European Christians had ever read, let alone scrutinized for the purpose of a systematic refutation.“ (S. 81) Vor allem aber hebt Bruce hervor, dass Petrus‘ argumentatives Vorgehen gegen den Islam auch als Reaktion auf das Scheitern des zweiten Kreuzzuges, als einzig verbleibende Alternative im Umgang mit dem Islam, nicht als im Sinne der Toleranz zu verstehende Annäherung an den Islam zu verstehen sei. Auch wenn hier vollkommen zuzustimmen ist, fragt man sich, ob diese Erkenntnis wirklich so neu ist, wie sie von Bruce in der Einleitung dargestellt wird (S. 8), also wirklich eine Gegenposition zu den bisherigen Interpretationen von James Kritzeck, Norman Daniel, Richard Southern, Dominique Iogna-Prat, Benjamin Kedar, John Tolan und anderen darstellt. Der Rest des Kapitels ist dann einer Beschreibung der an die Muslime gerichteten Argumentationsstrategie von Petrus‘ um 1156 fertiggestellten Contra sectam Saracenorum gewidmet.

Kapitel 4 argumentiert schließlich für den, wie Bruce postuliert, starken Zusammenhang zwischen der hagiographischen Tradition zur Entführung des Abtes Maiolus von Cluny und dem von Petrus Venerabilis vertretenen antagonistischen, aber argumentativen Zugang zum Islam in Direktkommunikation mit „den Sarazenen“. Wichtig an diesem Kapitel ist, dass Bruce Petrus‘ Zugang zum Islam hier nicht nur mit Verweis auf die Stimmungslage nach dem gescheiterten zweiten Kreuzzug erklärt. Unter Abhandlung der Ideen von Petrus Damianus, Anselm von Canterbury, Petrus Alfonsi und Petrus Abaelard verweist er nun auch auf zeitgenössische scholastische Strömungen, die für den vernunftbasierten Dialog mit dem religiös Anderen plädierten. Ferner hebt er auch auf die Dialogform der Apologie des al-Kindī ab, eines der aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzten Werke des von Petrus Venerabilis in Auftrag gegebenen Corpus Toletanum, das für den Abt wichtige Argumente gegen den Islam enthält.

Bruce gibt sich aber nicht damit zufrieden, Petrus‘ Venerabilis direkte Argumentationsstrategie des Werkes Contra sectam Saracenorum als Ergebnis des militärischen Scheiterns im zweiten Kreuzzug sowie der Inspiration durch geistige Strömungen der vernunftbasierten Argumentation in der zeitgenössischen Intellektualität sowie in der übersetzten Apologie des al-Kindī zu interpretieren. Vielmehr beharrt er darauf, dass es Petrus‘ Auseinandersetzung mit dem hagiographisch stilisierten Vorbild Maiolus war, das ihn dazu ermunterte, sich mit theologischen Argumenten direkt an ein muslimisches Publikum zu wenden. Bruce schildert die Beweislage wie folgt: Zunächst verweist er auf Petrus‘ lebenslange intensive Lektüre hagiographischer Texte. Dann hebt er die innercluniazensische Heiligung des Abtes Maiolus sowohl vor als auch zu Petrus‘ Lebzeiten hervor. Schließlich zeigt er auf, dass Petrus als Auftraggeber selbst an der Formung und Kontrolle („shaping and controlling“, S. 122) einer cluniazensischen Tradition zu Maiolus beteiligt war. Die in diesem Zusammenhang entstandene Vita Maioli des Nalgod wird dabei von Bruce als ein in den 1140ern entstandener Text dargestellt, in der Abt Maiolus seine muslimischen Entführer durch ein Wunder zum christlichen Glauben bekehrt. Das Scheitern des zweiten Kreuzzuges, so Bruce, habe deutlich gemacht, dass solche Wunder nun nicht mehr zu erwarten seien: „in the dark days following the end of the Second Crusade in 1149, miracles like this one were in short supply.“ (S. 126). In der cluniazensischen Tradition zu Maiolus, genauer in der Vita des Syrus, habe Petrus dann die Inspiration gefunden, sich seinem islamischen Gegner auf neue Art zu widmen, indem er sich an der dort beschriebenen argumentativen Überzeugung der muslimischen Entführer durch den Abt Maiolus ein Vorbild nahm: „it was a work of Cluniac hagiography that provided Peter with an approach to Islam that was unprecedented in the Christian polemical tradition.“ (S. 131).

Das Fazit fasst diese ganze Argumentation nochmals zusammen und beleuchtet die Rezeption der von Petrus Venerabilis in Auftrag gegebenen Koranübersetzung wie auch spätere Formen der argumentbasierten Auseinandersetzung mit dem Islam, wie sie von Thomas Aquin, Ramon Llull, Nicolaus von Cues, Pius II. und Theodor Bibliander betrieben wurden. Deutlich fehlt in dieser Aufzählung Johannes von Segovia, dessen Projekt einer Neuübersetzung des Koran sich kritisch mit der Vorleistung des Petrus Venerabilis auseinandersetzte.[12]

In angloamerikanischer Manier der starken Thesenbildung argumentiert der Autor in der gesamten Monographie für die prägende, aktivitätstreibende Kraft eines innercluniazensischen hagiographischen Diskurses. Petrus‘ Venerabilis Entscheidung für den direkten argumentativen Dialog mit den Muslimen, die – nebenbei bemerkt – im Mittelalter von muslimischer Seite nie bemerkt wurde, wird dabei nicht nur an einer einzigen biographischen Episode eines zugegebenermaßen wichtigen cluniazensischen Abtes, sondern letztlich an einer einzigen Interpretation dieser Episode durch den Hagiographen Syrus aufgehängt. Diese lineare Thesenführung erscheint stark überzeichnet, zumal Bruce selbst durch den Hinweis auf das Scheitern des zweiten Kreuzzuges, ein intellektuelles Klima der vernunftbasierten Argumentation sowie ein enorm großes Interesse an arabischen Texten auf die unverzichtbaren Koordinaten hinweist, die eine solche Entscheidung überhaupt möglich machten.

Anmerkungen:
[1] Kees Versteegh, The Arab Presence in France and Switzerland in the 10th Century, in: Arabica 37,3 (1990), S. 359–388.
[2] Liber pontificalis, ed. Louis Duchesne, 3 Bde., Paris 1955-1957, Bd. 1, cap. XCIII (Zacharias, sed. 741–52), § 222 (§ XXII), S. 433.
[3] Liudprandus, Antapodosis, ed. Joseph Becker (MGH SS rer. Germ. in us. schol. 41), Hannover 1915, lib. VI, cap. 6, S. 155f.
[4] Iohannis abbas sancti Arnulfi, Vita Iohannis, ed. Georg Heinrich Pertz (MGH SS in folio 4), Hannover 1841, § 116, S. 370.
[5] Inquisitio de theloneis Raffelstettensis, ed. Alfred Boretius (MGH Capitularia regum Francorum 2), Hannover 1897, Nr. 253, S. 249–252.
[6] Ibn Ḫurdāḏbah, Kitāb al-masālik wa-l-mamālik, ed. Michael de Goeje, Leiden 1889, S. 92.
[7] Michael McCormick, New Light on the “Dark Ages”: How the Slave Trade Fueled the Carolingian Economy, in: Past Present 177,1 (2002), S. 17–54.
[8] Charles Verlinden, L‘origine de sclavus=esclave, in: Archivum latinitatis medii aevi 17 (1942), S. 97–128; Joachim Henning, Gefangenenfesseln im slawischen Siedlungsraum und der europäische Sklavenhandel im 6. bis 12. Jahrhundert. Archäologisches zum Bedeutungswandel von „sklabos – sakaliba – sclavus“, in: Germania 70 (1992), S. 403–426; zuletzt: Didier Bondue, De „servus“ à „sclavus“: la fin de l’esclavage antique (371–918), Paris 2011, S. 473–490.
[9] Peter Benjamin Golden / Pierre Guichard / Mohamed Meouak, Art. "al-Ṣaḳāliba", in: Clifford Edmund Bosworth u.a. (Hrsg.), Encyclopaedia of Islam 2, Bd. 8, Leiden 1995, S. 872.
[10] Ekkehard IV., Casus S. Galli. St Galler Klostergeschichten, hrsg. und übersetzt von Hans F. Haefele (Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters 10), Darmstadt 1980, casus 65, S. 138–141.
[11] Vgl. Christian Vogel, Produkt unorganisierter Expansion? Die Berber-Enklave Fraxinetum, in: Netzwerk Transkulturelle Verflechtung, Transkulturelle Verflechtung. Mediävistische Perspektiven, Göttingen 2016, open access: http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?univerlag-isbn-978-3-86395-277-8 (03.04.2017), S. 198f.: „anders als zu den Provenzalen hatten die Klöster keinen Zugang zu den Sarazenen, die ihnen nur als Plünderer gegenübertraten. Bündnisse schlossen die Sarazenen mit Laien, und der Einfluss, den kirchliche Autoritäten auf die christliche Bevölkerung ausüben konnten, versagte gegenüber Nichtchristen. Das trennende Element des anderen Glaubens wurde zudem von geistlichen Autoren überbetont, deren Sichtweise nur eingeschränkt als repräsentativ für die zeitgenössische Gesellschaft angesehen werden kann.“
[12] Johannes von Segovia, De gladio divini spiritus in corda mittendo Sarracenorum, hrsg., übersetzt und kommentiert von Ulli Roth (Corpus Islamo-Christianum 7), 2 Bde., Wiesbaden 2012.

Zitation
Daniel König: Rezension zu: : Cluny and the Muslims of La Garde-Freinet. Hagiography and the Problem of Islam in Medieval Europe. Ithaca, NY  2015 , in: H-Soz-Kult, 26.04.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26136>.
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26.04.2017
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