Titel
Die literarische Werkausgabe des Hamburger Friedenspädagogen Wilhelm Lamszus (1881–1965).


Hrsg. v.
Pehnke, Andreas
Erschienen
Markkleeberg 2016: Sax-Verlag
Umfang
748 S.
Preis
€ 45,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Gunnar Bengt Zimmermann, Arbeitsstelle für Universitätsgeschichte, Universität Hamburg

Auf das der Reformpädagogik und dem Pazifismus verpflichtete literarische Wirken des Hamburger Volksschullehrers Wilhelm Lamszus (1881–1965) hat Andreas Pehnke, Professor für Allgemeine Pädagogik an der Ernst Moritz Arndt Universität Greifswald, erstmals 1987 in einer Publikation aufmerksam gemacht.[1] Seitdem hat er durch die Neuherausgabe verschiedener Lamszus-Titel das beeindruckend konsequente, nach 1945 aber weitgehend in Vergessenheit geratene Engagement des in den 1910er- und 1920er-Jahren international anerkannten Friedensaktivisten und -pädagogen wieder zurück ins öffentliche Bewusstsein gebracht.[2]

Der 1881 als Sohn eines Schuhmachermeisters im damals preußischen Altona geborene Lamszus war bereits im Elternhaus mit den Folgen von Krieg konfrontiert worden, da sein am Deutsch-Französischen Krieg von 1870/1871 teilnehmender Vater mit einer Kriegsneurose ins zivile Leben zurückkehrte. An reformpädagogischen Ansätzen orientiert, setzte sich Lamszus nach Eintritt in den Hamburger Schuldienst ab 1902 gemeinsam mit seinen renommierten Kollegen Adolf Jensen (1878–1965) und Wilhelm Paulsen (1875–1943) unter anderem für eine Pädagogik „vom Kinde aus“, für gezielte Begabungsförderung und Koedukation ein. Er selbst veröffentlichte in den 1910er-Jahren weithin rezipierte Vorschläge zur Reform des Deutschunterrichts[3] – und er konnte diese Ansätze in den Weimarer Jahren an einer der Hamburger Versuchsschulen in der Realität erproben. Daneben engagierte sich Lamszus unter anderem in der von ihm mitbegründeten Hamburger Ortsgruppe des Deutschen Monistenbundes und trat als Referent auf internationalen Friedenskongressen auf. Politisch stand der Volksschullehrer zunächst der SPD nahe, trat nach dem Ersten Weltkrieg aber der KPD bei, von der er sich einen Beitrag zum Frieden in Europa erhoffte. Da dieses Ziel im Zuge der autoritär ausgerichteten Stalinisierung in der UdSSR sowie aufgrund der allmählichen Aufgabe einer gemeinsamen Strategie der kommunistischen Bewegungen in Europa in weite Ferne rückte, kehrte Lamszus der Partei 1927 wieder den Rücken. Von den Nationalsozialisten, die 1930 bereits seine Berufung an die Technische Hochschule Braunschweig verhindert hatten, wurde Lamszus nach der Machtübernahme umgehend in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Seine Antikriegsliteratur gehörte zu den Titeln, die im Mai 1933 Opfer der Hamburger Bücherverbrennung am Kaiser-Friedrich-Ufer wurden. Lamszus zog sich daraufhin zurück, konnte sich und seine Familie aber unter Benutzung eines Pseudonyms durch journalistische Arbeiten über Wasser halten (S. 539–563). Nach 1945 kehrt er nicht mehr in den Schuldienst zurück, setzte sich aber weiter für seine pazifistischen (zum Beispiel in der Deutschen Friedensgesellschaft) und pädagogischen Ziele mit Schriften und im Rundfunk ein. Die beantragte Wiedergutmachung für im Nationalsozialismus erlittenes Unrecht lehnte der Hamburger Staat 1956 ab. Hintergrund dafür und für Lamszus nachlassende öffentliche Präsenz war seine fortgesetzt vorgetragene Friedensbotschaft und sein Einsatz für Völkerverständigung, die im Zuge des Ost-West-Konflikts nicht mehr mehrheitsfähig und opportun waren – zumal auch seine Kontakte in die DDR kritisch beäugt wurden.[4]

Mit seiner fiktiven Erzählung „Das Menschenschlachthaus“ (S. 115–132) erlangte Wilhelm Lamszus 1912 über Nacht internationale Bekanntheit.[5] Er erzählte darin die Erlebnisse eines einfachen Soldaten in einem industrialisierten und anonymisierten Massenkrieg. Damit nahm er ebenso die Schrecken des Ersten Weltkriegs auf visionäre Weise vorweg, wie er in seiner eindringlichen Sprache und Art der Beschreibung einen Stil vorgab, der sich in der späteren Antikriegsliteratur der Kriegserlebnisgeneration wiederfinden lässt. Das vom deutschen Militarismus heftig angefeindete Werk wurde schnell in verschiedene Sprachen übersetzt und erreichte weltweit über 80 Auflagen.[6] Die Fortsetzung „Das Irrenhaus“ (S. 133–152) stand 1914 vor Kriegsbeginn kurz vor dem Druck, konnte aber erst 1919 erscheinen – nun mit einem Vorwort von Carl von Ossietzky.[7]

Auf publizistische Weise setzte sich Wilhelm Lamszus auch in den Folgejahrzehnten für Frieden und Völkerverständigung ein, und warnte vor den Folgen von Militarismus und Krieg. So erschien unter anderem bereits 1914 mit „Der verlorene Sohn“ (S. 185–229) eine Dekuvrierung des Mythos der französischen Fremdenlegion.[8] In den Weimarer Jahren engagierte sich Lamszus für die Ächtung von Giftgas (S. 476–518) und kritisierte 1924 mit der Schrift „Der Genius am Galgen“ (S. 431–452) die Todesstrafe.[9] Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg erschien 1946 in Reaktion auf die beiden US-amerikanischen Atombombenabwürfe auf Japan mit „Der Forscher und der Tod“ (S. 590f.) eine der ersten Auseinandersetzungen mit den Gefahren nuklearer Massenvernichtungswaffen. Das Werk fand im selben Jahr Eingang in die Lamszus-Anthologie „Der große Totentanz“ (S. 574–593), mit der er eine persönliche Abrechnung mit der NS-Diktatur vorlegte.[10]

Die nun vorliegende Werkausgabe vereint erstmals alle der bislang bekannten und in rund fünf Jahrzehnten erschienenen Antikriegsschriften Lamszus’, die neben den sonst üblichen Prosatexten auch in lyrischer Form oder als Theaterstücke erschienen sind. Hinzu kommt eine kleine Auswahl von Lamszus’ pädagogischen Schriften (S. 323–422). Andreas Pehnke ordnet das Œuvre des Hamburger Pädagogen in sechs Kapitel, die sich am Wechselspiel deutscher Staatlichkeit im 20. Jahrhundert vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik orientieren. Die einzelnen Abschnitte werden mit kenntnisreichen Ausführungen eingeleitet, die aufzeigen, in welchem politischen und soziokulturellen Diskursfeld sich Lamszus mit den von ihm behandelten Themen in der jeweiligen Zeitphase bewegte. Seine Schriften werden dabei mehrfach von Texten der zeitgenössischen Rezeption – in Form von Rezensionen, der Reaktionen öffentlich-staatlicher Akteure und durch Vorworte zu fremdsprachigen Auflagen seiner Publikationen – flankiert. Ergänzt wird dies durch Lamszus’ autobiografische Aufzeichnungen, in denen er sowohl über seine Handlungsmotive und Reaktionen auf äußere Einflüsse Auskunft gibt, als auch seine Weggefährten und Vorbilder porträtiert. Ein siebtes Kapitel bietet schließlich ein von Pehnke mitgestaltetes Konzept zur filmischen Umsetzung des „Menschenschlachthaus“ (S. 691–703).

Mit dieser innovativen Komposition unterschiedlicher Textsorten legt Andreas Pehnke eine Art dichte Beschreibung vor, die das Leben und Wirken von Lamszus auf breiter Basis nachvollziehbar macht und damit nicht nur deutlich über den Erkenntniswert einer reinen Werkausgabe hinausgeht, sondern auch wertvolle Einblicke in Entwicklung und Gedankenwelt der sich zwischen Jahrhundertwende und den 1960er-Jahren in Deutschland und Mitteleuropa für Frieden einsetzenden gesellschaftlichen Kräfte und ihren Widersachern gewährt.

In Sachen Ausstattung der Werkausgabe ist das umfangreiche, mit Lebensdaten versehene sowie zwischen Erwähnung in Fließtext oder Anmerkungsapparat differenzierende Personenregister (S. 743–748) positiv hervorzuheben. Nützlich ist zudem eine informative Zeittafel mit Lamszus’ wichtigsten biografischen Lebensetappen (S. 705f.). Angesichts des großen Buchformats (Quart-Band) fördert zudem die zweispaltige Darstellung die Lesbarkeit. In Verbindung mit dem gewählten Format sind aber auch wenige Monita anzusprechen: Die Entscheidung für Endnoten und ihre Platzierung am Ende des Bandes erscheint zumindest zur wissenschaftlichen Benutzung nicht zielführend – zumal bei 655 Anmerkungen für rund 700 Textseiten auch Fußnoten das grafisch ansprechende Erscheinungsbild des Bandes nicht negativ beeinflusst hätten. Angesichts der Endnoten und aufgrund der in die einzelnen Kapitel eingefügten Zusatztexte wäre es zudem wünschenswert, der Werkausgabe bei einer Neuauflage zwei Lesebändchen beizugeben, um zwischen den einzelnen Abschnitten schneller und zielgerichteter hin- und herwechseln zu können.

Anmerkungen:
[1] Andreas Pehnke, Der Volksschullehrer Wilhelm Lamszus im Kampf gegen den Imperialistischen Krieg, in: Pädagogik. Zeitschrift für Theorie und Praxis der sozialistischen Erziehung 42 (1987), S. 417–424.
[2] Wilhelm Lamszus, Antikrieg. Die literarische Stimme des Hamburger Schulreformers gegen Massenvernichtungswaffen, neu hrsg. von Andreas Pehnke, Frankfurt am Main 2003; Andreas Pehnke, Der Hamburger Schulreformer Wilhelm Lamszus (1881–1965) und seine Antikriegsschrift „Giftgas über uns“. Erstveröffentlichung eines verschollen geglaubten Manuskripts von 1932, Beucha 2006; Wilhelm Lamszus, „Begrabt die lächerliche Zwietracht unter euch!“. Erinnerungen eines Schulreformers und Antikriegsschriftstellers (1881–1965), hrsg. von Andreas Pehnke, Markkleeberg 2014; ders., Das Menschenschlachthaus. Visionen vom Krieg. Erster und Zweiter Teil, hrsg. von Andreas Pehnke, Bremen 2014.
[3] Beispielhaft die 1910 gemeinsam mit Adolf Jensen herausgegebene Schrift „Unser Schulaufsatz ein verkappter Schundliterat“.
[4] Lamszus erhielt 1960 von der Pädagogischen Fakultät der Ost-Berliner Humboldt-Universität die Ehrendoktorwürde verliehen.
[5] Wilhelm Lamszus, Das Menschenschlachthaus – Bilder vom kommenden Kriege, Hamburg 1912.
[6] Die 1913 erschienene englischsprachige Ausgabe hatte eine Auflage von 100.000 Exemplaren. Weitere Übersetzungen erfolgten unter anderem ins Dänische, Finnische, Französische, Japanische, Polnische, Russische, Tschechische und Ungarische sowie in die Weltsprache Esperanto. Vorworte zu einzelnen Ausgaben stammten unter anderem von Henri Barbusse und dem Friedensnobelpreisträger Alfred Hermann Fried.
[7] Wilhelm Lamszus, Das Irrenhaus – Visionen vom Krieg, Hamburg 1919.
[8] Wilhelm Lamszus, Der verlorene Sohn – Eine Geschichte aus der Fremdenlegion, Hamburg 1914.
[9] Wilhelm Lamszus, Der Genius am Galgen – Gesichte der letzten Nacht, Leipzig 1924; das Manuskript zu „Giftgas über uns“ war 1932 fertig, konnte aber nicht mehr erscheinen. Während der NS-Jahre mauerte Lamszus die Erzählung aus Sicherheitsgründen in seinem Haus ein, wo sie 2005 wiederentdeckt wurde.
[10] Wilhelm Lamszus, Der große Totentanz – Gesichte und Gedichte vom Krieg, Hamburg 1946.

Zitation
Gunnar B. Zimmermann: Rezension zu: Pehnke, Andreas (Hrsg.): Die literarische Werkausgabe des Hamburger Friedenspädagogen Wilhelm Lamszus (1881–1965). Markkleeberg  2016 , in: H-Soz-Kult, 14.12.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26271>.
Redaktion
Veröffentlicht am
14.12.2017
Redaktionell betreut durch