C. Krüger: Dienstethos, Abenteuerlust, Bürgerpflicht

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Titel
Dienstethos, Abenteuerlust, Bürgerpflicht. Jugendfreiwilligendienste in Deutschland und Großbritannien im 20. Jahrhundert


Autor(en)
Krüger, Christine G.
Erschienen
Göttingen 2016: Vandenhoeck & Ruprecht
Umfang
386 S., 12 Abb.
Preis
€ 70,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
David Templin, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg

Aktivitäten und Vergemeinschaftungsformen von Jugendlichen im 20. Jahrhundert sind sowohl in ihrer informellen Spielart als auch bezüglich der „organisierten Jugend“ in den Blick der zeithistorischen Forschung geraten. Christine G. Krüger untersucht in ihrer Oldenburger Habilitationsschrift, die nun in Buchform vorliegt, Jugendfreiwilligendienste in (West-)Deutschland und Großbritannien. Diese Dienste sind als Angebote spezifischer Trägerorganisationen an Jugendliche einzuordnen und aufgrund ihres freiwilligen, in der Regel unbezahlten oder nur geringfügig vergüteten Charakters von anderen Formen wie dem Zivildienst abzugrenzen. Krüger verortet die Entstehung und Entwicklung solcher Freiwilligendienste in gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen; sie fragt insbesondere nach dem Wandel von Staats- und Gesellschaftskonzeptionen, der in ihnen zum Ausdruck kam. Die Quellenbasis bilden neben zeitgenössischen Veröffentlichungen vor allem Dokumente aus den Archiven mehrerer Trägerorganisationen.

Krügers Studie umfasst vier größere, chronologisch gegliederte Abschnitte. Diese behandeln die Zeit vor 1945, das erste Nachkriegsjahrzehnt, die „Wirtschaftswunderzeit“ bis etwa 1968 und schließlich die Phase von 1968 bis zum Ende der 1980er-Jahre. In den letzten drei Abschnitten steht neben Großbritannien die Bundesrepublik (und nicht beide deutsche Staaten, wie der Buchtitel suggerieren könnte) im Fokus der Untersuchung. Mitunter werden beide Untersuchungsländer in separaten Kapiteln gegenübergestellt, mitunter thematisieren Kapitel aber auch die Entwicklungen in beiden Ländern oder überwiegend den westdeutschen Fall. Letzteres kann Krüger mit der stärkeren Verbreitung der Dienste in der Bundesrepublik begründen (S. 14), für den Leser ist dieser Aufbau jedoch streckenweise irritierend.

Im ersten Abschnitt widmet sich die Autorin auf Basis bisheriger Forschungsliteratur der Vorgeschichte der Jugendfreiwilligendienste, deren Ursprünge sie in der Debatte um verpflichtende Arbeitsdienste seit dem späten 19. Jahrhundert ausmacht. So wurde unter anderem in der bürgerlichen Frauenbewegung diskutiert, analog zum Militärdienst einen weiblichen Arbeitsdienst einzuführen, um die Anerkennung von Frauen als Staatsbürgerinnen zu stärken, sie aber auch auf ihre Hausfrauen- und Mutterrolle vorzubereiten – Pläne, die letztlich unverwirklicht blieben. Demgegenüber hatten Arbeitsdienste für junge Männer, die in den 1920er-Jahren aufkamen, ihren Ursprung einerseits in pazifistischen Strömungen, andererseits in der Debatte um eine staatlich verordnete Arbeitspflicht. Die „Erziehung zur Gemeinschaft“ (S. 75) stand dabei im Vordergrund. Erst während der Weltwirtschaftskrise kam es im deutschen Fall zur reichsweiten Umsetzung: Als Maßnahme gegen die Erwerbslosigkeit schuf der Staat 1931 einen „Freiwilligen Arbeitsdienst“ für Jugendliche. Dessen Charakter als „Dienst an der Nation“ wurde vom NS-Regime mit dem 1935 eingeführten verpflichtenden „Reichsarbeitsdienst“ aufgegriffen. In Großbritannien waren Arbeitsdienst-Ideen auch, aber weit weniger verbreitet. Hervorgehoben wurde dabei im Unterschied zum deutschen Pflichtdiskurs der „voluntary spirit“. Aus Krügers Sicht lag der Hauptgrund für die schwächere Ausprägung von Arbeitsdienstvorstellungen in Großbritannien darin, dass dort in der Zwischenkriegszeit keine Wehrpflicht bestand. Hinzu kam, dass sich entsprechende Ideen seit 1933 einer immer stärkeren Kritik ausgesetzt sahen, da sie mit NS-Deutschland in Verbindung gebracht wurden.

Im ersten Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg waren Arbeitsdienste eng mit dem Wiederaufbau verknüpft. Während in Großbritannien keine Freiwilligendienste entstanden, unterscheidet Krüger für die Bundesrepublik „Workcamps“, die international angelegt waren und zumeist nur wenige Wochen dauerten, von längerfristigen Arbeitsdiensten. Die Workcamp-Bewegung, deren Trägerorganisationen wie „Service Civil International“ (SCI) zum Teil auf die frühen 1930er-Jahre zurückgingen, war pazifistisch geprägt; sie orientierte sich an Leitbildern der internationalen Verständigung und „Versöhnung“. Zur größten deutschen Workcamp-Organisation entwickelten sich die 1948 ins Leben gerufenen „Internationalen Jugendgemeinschaftsdienste“ (IJGD). Parallel zum Aufschwung der Workcamps kam es in Westdeutschland angesichts der hohen Erwerbslosigkeit in den Nachkriegsjahren zu einer Debatte um die Wiedereinführung von Arbeitsdiensten, in denen man ein Mittel gegen den angeblichen Mangel an jugendlichem Idealismus sah.

Der dritte Abschnitt, in dem sich Krüger den 1950er- und 1960er-Jahren zuwendet, bildet das Kernstück der Arbeit. Als unmittelbaren Anstoß für die Neukonzeption von (weiblichen) Jugendfreiwilligendiensten macht sie den Mangel an Pflegepersonal aus. Dem 1954 ausgerufenen „Diakonischen Jahr“ folgte in der Bundesrepublik 1964 die gesetzliche Einführung des „Freiwilligen Sozialen Jahres“ (FSJ). Krüger arbeitet dabei anschaulich heraus, wie die Dienste als erzieherische Maßnahme gegen den einsetzenden Wertewandel fungieren sollten und von einem konservativen Frauenbild geprägt waren. Gleichzeitig bestätigt ihre Untersuchung die These der „dynamischen“ 1960er-Jahre. So ließ sich nicht nur bei den Freiwilligen ein Motivwandel feststellen – von „idealistischen“ hin zu pragmatischen Begründungen –, sondern auch bei den Trägerorganisationen, vor allem den Kirchen. Neben gesellschaftlichen Umbrüchen macht Krüger die Konkurrenz zwischen den FSJ-Anbietern als Grund dafür aus, dass kulturpessimistische Argumentationsmuster verschwanden, die Berufsfindung als jugendliches Motiv anerkannt wurde, sich ein pädagogisches Begleitprogramm etablieren konnte und parallel zur wachsenden Frauenerwerbstätigkeit auch eine „langsame Liberalisierung der Geschlechterrollen“ einsetzte (S. 164). Freiwilligendienste konnten vermehrt im Ausland absolviert werden, und die Rekrutierungsstrategie der Träger wandelte sich hin zur expliziten Werbung über Imagekampagnen.

Neben dem auf junge Frauen zielenden FSJ etablierten sich an der Wende zu den 1960er-Jahren in beiden Ländern neue Freiwilligendienste, die sich primär an männliche Jugendliche richteten. Als friedensorientierter Langzeitdienst, der vor allem eine vergangenheitspolitische Zielsetzung verfolgte, wurde 1958 die „Aktion Sühnezeichen“ ins Leben gerufen. Jugendliche sollten im Ausland arbeiten, um einen „nationalen Sühnedienst“ zu leisten. Geprägt von traditionellen Arbeitsvorstellungen und einer patriotisch fundierten Vergangenheitskritik, wurde die Aktion Sühnezeichen rasch zur „Erfolgsgeschichte“ (S. 190). Im Unterschied zur Bundesrepublik gab es in Großbritannien kein staatliches Förderprogramm wie das FSJ, seit den späten 1950er-Jahren etablierten sich aber auch dort große Trägerorganisationen. Während der „Voluntary Service Overseas“ (VSO) Auslandseinsätze jugendlicher Freiwilliger organisierte, ging es bei den „Community Service Volunteers“ (CSV) um innerbritische Dienste in sozialen Einrichtungen. Alec Dickson, der Gründer beider Organisationen, argumentierte mit dem Nutzen des freiwilligen Engagements für die Volkswirtschaft. Er sah in den Diensten auch ein Mittel gegen Konsumismus und andere Gefahren der Wohlstandsgesellschaft. Der VSO wurde als Herausforderung und Abenteuer beworben und sollte im Kontext der Dekolonisation das britische Image im Ausland verbessern. Demgegenüber ging es bei den CSV um die Stärkung sozialer Kohäsion und die Überwindung von Klassengegensätzen, auch wenn sich das Programm faktisch vor allem an Studierende richtete.

In einem gesonderten Kapitel untersucht Krüger die Motive und Perspektiven der jugendlichen Freiwilligen, die sie vor allem aus Korrespondenzen rekonstruiert. Dabei macht sie für beide Länder große Ähnlichkeiten aus und sieht weniger zeitliche Brüche, als die These vom Wertewandel es vermuten ließe. Das Sammeln praktischer Erfahrungen spielte für viele Jugendliche eine zentrale Rolle. Wichtig waren aber auch die Berufsfindung und der Gedanke, eine „sinnvolle Arbeit“ zu leisten. Krüger betont, dass die Angebote seit den 1960er-Jahren attraktiver wurden. Der Erfolg bei den Freiwilligen lag ihr zufolge in der Verknüpfung von persönlichem Nutzen und der Vorstellung, einen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten. Im Unterschied zur positiven Rezeption in den Medien und bei den Freiwilligen selbst hielten sich in der breiteren Bevölkerung lange Zeit Vorbehalte gegen Arbeitsdienste, die mitunter als Strafdienste galten.

Mit der Kritik der „68er“-Bewegung an den Freiwilligendiensten beginnt der letzte große Abschnitt der Studie. Dabei betrachtet Krüger „1968“ als „tiefe[n] Einschnitt“ (S. 265), der angesichts der massiven Kritik und eines drastischen Rückgangs der Teilnehmerzahlen zu einer Neukonzeption der Angebote geführt habe. Bemühungen, die politisierte Jugend zu erreichen, schlugen sich etwa in einem gesellschaftskritischeren Duktus der Träger und der Proklamation neuer Leitbilder nieder. In Großbritannien blieb die Kritik schwächer und weniger wirksam. Im Zuge von Wirtschaftskrise und steigender Arbeitslosigkeit kam es dann Mitte der 1970er-Jahre zu einem erneuten Einschnitt: Das Interesse und die Teilnehmerzahlen stiegen in beiden Ländern rasant an. Ein Ausblick auf aktuelle Entwicklungen beschließt das Buch.

Mit ihrer Studie zu westdeutschen und britischen Jugendfreiwilligendiensten legt Krüger einen fundierten Überblick zur Genese, zum Charakter und Wandel dieses Phänomens im 20. Jahrhundert vor. Jugendfreiwilligendienste entstanden, so lässt sich das Buch zusammenfassen, als jugendpolitisches Projekt „von oben“, das unter anderem arbeitsmarktpolitischen und pädagogischen Zwecken diente, unter den adressierten Jugendlichen jedoch zunehmend an Attraktivität gewann. Dabei liegt eine große Stärke der Studie darin, dass Krüger ihren Untersuchungsgegenstand immer wieder in Bezug zu gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen setzt – vom Militärdienst über die Arbeitsmarktlage, die Sozialpolitik und Pädagogik bis hin zur Prägekraft der Geschlechterverhältnisse. Im Vordergrund stehen die „großen Linien“, die Funktionen der Dienste und deren öffentliche Aushandlung. Blass bleibt dagegen der Aspekt der praktischen Arbeiten, die im Rahmen der Freiwilligendienste geleistet wurden und die nur am Rande erwähnt werden, etwa mit dem Verweis auf Bauprojekte oder soziale Tätigkeiten. Nichtsdestotrotz hat Christine G. Krüger einen wertvollen Beitrag zur Geschichte organisierter Jugendaktivitäten im 20. Jahrhundert geleistet.

Zitation
David Templin: Rezension zu: : Dienstethos, Abenteuerlust, Bürgerpflicht. Jugendfreiwilligendienste in Deutschland und Großbritannien im 20. Jahrhundert. Göttingen  2016 , in: H-Soz-Kult, 31.01.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26435>.