U. Bretschneider: „Vom Ich zum Wir“?

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Titel
„Vom Ich zum Wir“?. Flüchtlinge und Vertriebene als Neubauern in der LPG


Autor(en)
Bretschneider, Uta
Erschienen
Umfang
586 S.
Preis
€ 79,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian König, Historisches Institut, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Flüchtlinge und Vertriebene wurden in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und der späteren DDR euphemistisch als „Umsiedler“ bezeichnet. Ihr Schicksal und ihre Traumata wurden aus der Öffentlichkeit verbannt, ihr Leben staatsoffiziell im Modus einer Erfolgsgeschichte der Integration und des Mitwirkens am Aufbau des Sozialismus stilisiert. Flüchtlinge und Vertriebene sollten sich „als praktisch geschichtslose Wesen, denen offiziell das Wachhalten der Erinnerung an die Heimat, die Pflege des historischen und geistig-kulturellen Erbes, von Brauchtum und Traditionen verwehrt wurden, […] in die Aufnahmegesellschaft einfügen“[1], wie Johannes Hoffmann, Manfred Wille und Wolfgang Meinicke 1993 in einer Überblicksdarstellung konstatierten. Seitdem ist ein erfreuliches Anwachsen der wissenschaftlichen Forschung zum Themenkomplex der Flüchtlinge und Vertriebenen in SBZ und DDR zu verzeichnen, der Uta Bretschneider mit ihrer Studie einen weiteren Baustein hinzufügt.

Bei Bretschneiders Untersuchung handelt es sich um die überarbeitete Fassung ihrer 2014 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena eingereichten Dissertationsschrift. Ihr Untersuchungszeitraum reicht von 1945 bis in die 1960er-Jahre und folgt einer thematisch-chronologischen Gliederung. Nach Vorstellung der Fragestellungen, des Forschungsstandes und der Methode (Teil A) folgen drei thematische Hauptteile zur Ankunft der Flüchtlinge und Vertriebenen (Teil B), zur Bodenreform und der Entstehung der Neubauernwirtschaften (Teil C) sowie zur Kollektivierung der Landwirtschaft (Teil D). Zusammengeführt werden die Themenfelder in einem Ausblick und Resümee. Bretschneider will der Frage nachgehen, ob die Kollektivierung der Landwirtschaft „einen (weiteren) Schritt zur ‚Integration‘ der ‚Umsiedler‘ [darstellte] oder ihre Position als Außenstehende nach der LPG-Gründung [fortbestand]“ (S. 13). Ihre volkskundlich-historische Untersuchung ist als „mikrohistorische Analyse“ (S. 11) angelegt und orientiert sich an dem von Ulrich Tolksdorf für die Flüchtlinge und Vertriebenen in der Bundesrepublik Deutschland entworfenen Stufenmodell der kulturellen Integration (S. 152f.).[2]

Als Untersuchungsort hat Bretschneider die Gemeinde Kloster Veßra im Süden Thüringens gewählt, was zunächst überrascht, da diese Region wenig agrarisch geprägt war. Die Bewohner des Orts betrieben Landwirtschaft vor allem als Nebenerwerb. Die vor 1945 landwirtschaftlich genutzte Domäne wurde im Zuge der Bodenreform in zehn Neubauernstellen aufgeteilt, von denen vier an „Umsiedler“ übergeben wurden. Kloster Veßra ist also hinsichtlich Vorgeschichte, Sozialstruktur und Dimension kein typisches Beispiel für den Einfluss von Bodenreform und Kollektivierung auf die Integration von Flüchtlingen bzw. Vertriebenen. Die Wahl des Ortes scheint vor allem in der Infrastruktur begründet, die das seit 1975 bestehende heutige Hennebergische Museum[3] für den Zugriff auf Sammlungsbestände und Akten sowie durch Kontakte zu Zeitzeuginnen und Zeitzeugen bietet. Erweitert wird die lokale Untersuchung zu Kloster Veßra um den südöstlich von Leipzig gelegenen Ort Altenhain. Allerdings führt Bretschneider keinen systematischen Vergleich durch, sondern ergänzt bzw. kontrastiert Ihre Ausführungen lediglich durch einzelne Befunde aus dieser sächsischen Gemeinde.

Bretschneider hat für ihre Studie Überlieferungen aus lokalen Archiven (Archiv des Hennebergischen Museums Kloster Veßra, Gemeindearchiv Kloster Veßra/Neuhof), regionalen Archiven (Kreisarchiv Hildburghausen, Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar, Stadtarchiv Trebsen) sowie die zentralstaatliche Überlieferung im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde ausgewertet. Zusätzlich bezieht sie zeitgenössische Presseberichte und Belletristik mit ein. Im Kern stützt die Autorin ihre Studie auf biographische Interviews mit 37 Personen der Jahrgänge 1921 bis 1956 und konzentriert sich damit auf die Kinder der eigentlichen Erlebnisgeneration. Das Sample besteht aus drei Gruppen von Interviewten: Erstens alteingesessene Dorfbewohner und Bewohner aus Nachbarorten. Zweitens Nachfahren von „Neubauern“ mit und ohne Flucht-/Vertreibungserfahrung. Drittens Flüchtlinge oder Vertriebene ohne Neubauernstelle, die Mitglieder einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) wurden. Die Autorin versucht auf diese Weise, verschiedene Perspektiven einzufangen. Dem Leser muss jedoch klar sein, dass die Interviews keine Wiedergabe der originären Erfahrung der Erlebnisgeneration liefern, sondern als retrospektive Deutungsvariante der Nachgeborenen zu betrachten sind. Gleichwohl kann die Analyse durchaus Erkenntnisse zur „Weltdeutung“, zu familiärer Tradierung und Identifikationsmustern liefern, wenngleich diese primäre Aussagekraft für die Generation der Nachgeborenen besitzt. Die Lebensgeschichten der „Umsiedler“-Neubauern erscheinen hier als Konstruktionselemente der Erfahrungsgeschichte der Kindergeneration. Über die Archivüberlieferung, Publizistik und Literatur erschließt Bretschneider eine die Analyse der mündlichen Quellen ergänzende, zum Teil korrigierende und kontrastierende Ebene.

Bretschneider untersucht die Transformationsprozesse im ländlichen Raum und in der dörflichen Gemeinschaft. Zum einen hebt sie auf die strukturelle Ebene ab und untersucht direkte und indirekte staatliche Eingriffe bzw. Flucht und Vertreibung als Folgen staatlichen Handelns. Zum anderen stehen die individuell-personalen wie gesellschaftlich-kollektiven Beziehungen in der Dorfgemeinschaft im Zentrum der Analyse.

Ausgangspunkt für die Studie ist eine mit der Ankunft und Einquartierung der Flüchtlinge und Vertriebenen evidente Fremdheit, die sich in wechselseitigen Abgrenzungsprozessen und Konflikten zeigte. Diese Fremdheit galt es, im Zuge einer (staatlich forcierten) „Integration“ (und Beheimatung) zu überwinden. Bretschneider arbeitet für die Phase der späten 1940er-Jahre die Ansätze der SED-„Umsiedlerpolitik“ und der Bodenreform klar heraus. Die Arbeit der Flüchtlinge und Vertriebenen auf dem übereigneten Neubauernhof war aus staatlicher wie individueller Perspektive ein wichtiges Integrationsmoment: „Pragmatisches Zupacken half demnach zum einen der Existenzsicherung, zum anderen der Ablenkung vom Zurückblicken und der Trauer“ (S. 192). Aber gerade jene „Umsiedler“-Neubauern, die ihre Wirtschaft durch beharrliches Arbeiten hatten stabilisieren können, widersetzten sich lange Zeit dem in den 1950er-Jahren wachsenden Kollektivierungsdruck des SED-Staates. Der erzwungene Eintritt in die LPG während des „Sozialistischen Frühlings“ 1960 wurde daher von vielen als „zweite Enteignung“ (S. 362) empfunden. Dagegen stellte der Beitritt zur LPG für jene Neubauern eine Chance der Existenzsicherung dar, deren Wirtschaften nicht genügend Ertrag zum Leben der Familie abwarfen. Bretschneider kann zeigen, dass die politisch verordneten Transformationsprozesse alle Bewohner der Landgemeinden – Alteingesessene wie Flüchtlinge und Vertriebene – erfassten. Dementsprechend verliefen die Bruchlinien pro und contra Kollektivierung in der dörflichen Gemeinschaft nicht entlang einer Trennlinie zwischen Einheimischen und „Umsiedlern“, sondern waren von verschiedenen Faktoren wie dem Erfolg selbständigen Wirtschaftens, dem sozialen Kapital aber auch politischen Positionierungen abhängig.

Bretschneider präsentiert in ihrer Darstellung die DDR nicht als zentralistisch-homogenen Staat. Sie charakterisiert verschiedene Akteure und definiert Handlungsspielräume, Partizipationsmöglichkeiten sowie Strategien zwischen Anpassung und Widerstand. Sowohl die Bodenreform als auch die LPG-Gründungen wurden als „Initiativen ‚von unten‘ inszeniert“ (S. 454). Die positiven staatlich-propagandistischen Deutungen der Bodenreform und der Kollektivierung kontrastiert sie anhand ihrer Quellen mit den Auswirkungen der Maßnahmen auf Einzelpersonen, Familien und die dörfliche Gesellschaft. Bretschneider charakterisiert push- und pull-Faktoren der Kollektivierung zwischen Anreizen, Abschreckung und Zwang. Hierzu gehörte etwa die gezielte agitatorische „Bearbeitung“ derjenigen Bauern, die einen LPG-Beitritt ablehnten. Dieses Vorgehen expliziert sie am Beispiel der Familie Moor aus den verschiedenen Perspektiven der Familie, der Dorfbewohner wie auch der „Werber“ (S. 389 ff.). Selbst Kinder wurden zum Mittel des staatlichen Kollektivierungsdrucks, wenn die Kinder der Einzelbauern von Freizeitaktivitäten der LPG ausgeschlossen wurden.

Hilfreich für den Leser wären längere Porträts einzelner Personen gewesen, um deren Entwicklung und eben jene mit Flucht, Vertreibung, Bodenreform oder Kollektivierung verbundenen biographischen Brüche in einer Lebensgeschichte greifbar zu machen. In der Darstellung verschwimmen die Biographien der Personen in der Vielzahl der aus den Interviews herausgegriffenen narrativen Bruchstücke. Hier stößt die Untersuchung auch an die Grenze der mündlichen Quellen, da nicht mehr die „Umsiedler“-Neubauern selbst, sondern deren Nachfahren befragt werden konnten. Valide Aussagen über die Integration der „Umsiedler“-Neubauern und ihre eigene Wahrnehmung der Kollektivierung sind anhand der „second hand-stories“ (Lehmann) der Nachfahren nur begrenzt möglich.

Was Bretschneider aber mit Blick auf ihre Leitfrage zeigen kann, ist, dass Bodenreform und (Zwangs-)Kollektivierung auch für die Generation der Nachgeborenen zu bestimmenden Wegmarken der eigenen Biographie wurden. Wenn Bretschneider insbesondere dieser zweiten Generation eine weitgehende Integration in die DDR-Gesellschaft attestiert, dann wäre es angemessen gewesen, das von Thomas Ahbe und Rainer Gries entworfene Generationenmodell der DDR[4], auf das Bretschneider in ihrer Untersuchung nur kurz eingeht, für eine systematische Analyse heranzuziehen. Darüber hinaus hätte eine Diskussion des von Bretschneider zu Beginn vorgestellten Heimatbegriffs als Topos der Identitätskonstruktion in Beziehung zum Konzept der „sozialistischen Heimat“[5], welches Heimat vom Geburtsort trennte und als progressiven Sozialisationsprozess innerhalb der Klasse definierte, möglicherweise weitere Erkenntnisse hinsichtlich der Integrationsfrage liefern können.

Insgesamt legt Uta Bretschneider mit ihrer Untersuchung ein gut lesbares und lesenswertes Buch vor. Die Darstellung verknüpft kontinuierlich die lokale Mikroebene mit der gesellschaftlichen Metaebene und kann bisherige Forschungsbefunde bestätigen. Das Buch beeindruckt besonders durch die dichte Beschreibung und die zahlreichen Abbildungen zur Lebenswelt im Neubauernhaus sowie der Dorfgemeinschaft in den Transformationsprozessen nach Flucht und Vertreibung, der Bodenreform sowie der Kollektivierung. Bretschneider verdeutlicht in ihrer differenzierenden Analyse, dass Integration, Eingliederung bzw. Assimilation als individuelle und gruppendynamische Prozesse durch „Brechungen und Verwerfungen, Konflikt[e] und Widersprüch[e] geprägt“ waren (S. 478). Objektiv messbare Integrationsmarker (Wohnung, Arbeit, etc.) waren nicht zwangsläufig kongruent mit der subjektiven Integrationswahrnehmung. Sie zeigt am Beispiel der Gemeinde Kloster Veßra, dass durch Bodenreform und Kollektivierung mit bestehenden sozialen Hierarchien gebrochen wurde und tiefgreifende „Wandlungen des Alltags, des Lebens und Wirtschaftens auf dem Lande“ (S. 482) angestoßen wurden. „Eine integrative Wirkung der Kollektivierung basierte auf der umfassenden Desintegration der gesamten Dorfbevölkerung im neuen System“, so Bretschneider (S. 457). Der formalen äußeren Vergemeinschaftung im sozialistischen „Wir“ stand – gerade bei älteren Flüchtlingen und Vertriebenen (Jahrgänge 1900–1920) – eine (lebenslange) innere Distanz zur verordneten sozialistischen Gemeinschaft gegenüber. Von den Egalisierungstendenzen der (erzwungenen) Kollektivierung konnten längerfristig erst die Kinder der „Umsiedler“-Neubauern durch Partizipation an Entwicklungschancen und Aufstiegsmöglichkeiten gerade außerhalb landwirtschaftlicher Berufstätigkeit profitieren.

Anmerkungen:
[1] Johannes Hoffmann / Manfred Wille / Wolfgang Meinicke, Flüchtlinge und Vertriebene im Spannungsfeld der SBZ-Nachkriegspolitik, in: dies. (Hrsg.), Sie hatten alles verloren. Flüchtlinge und Vertriebene in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands, Studien der Forschungsstelle Ostmitteleuropa an der Universität Dortmund, Bd. 13, Wiesbaden 1993, S. 12–26, hier S. 18.
[2] Ulrich Tolksdorf, Phasen der kulturellen Integration bei Flüchtlingen und Aussiedlern, in: Klaus J. Bade (Hrsg.), Neue Heimat im Westen. Vertriebene, Flüchtlinge, Aussiedler, Münster 1990, S. 106–127.
[3] Vgl. https://museumklostervessra.de/ (05.12.2018).
[4] Thomas Ahbe / Rainer Gries, Gesellschaftsgeschichte als Generationengeschichte. Theoretische und methodologische Überlegungen am Beispiel der DDR, in: Annegret Schüle / dies. (Hrsg.), Die DDR aus generationengeschichtlicher Perspektive. Eine Inventur, Leipzig 2006, S. 475–571.
[5] Jan Palmowski, Building an East German Nation. The Construction of a Socialist Heimat, 1945–1961, in: Central European History 37 (2004), S. 365–399; ders., Inventing a Socialist Nation. Heimat and the Politics of Everyday Life in the GDR, 1945–1990, Cambridge 2009; ders., Die Erfindung der sozialistischen Nation. Heimat und Politik im DDR-Alltag, Kommunismus und Gesellschaft, Bd. 4, Berlin 2016.

Zitation
Christian König: Rezension zu: : „Vom Ich zum Wir“?. Flüchtlinge und Vertriebene als Neubauern in der LPG. Leipzig  2016 , in: H-Soz-Kult, 19.12.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27002>.