K. Canis: Die bedrängte Großmacht

Cover
Titel
Die bedrängte Großmacht. Österreich-Ungarn und das europäische Mächtesystem 1866/67-1914


Autor(en)
Canis, Konrad
Erschienen
Paderborn 2016: Ferdinand Schöningh
Umfang
567 S., 3 Karten
Preis
€ 68,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Beate Althammer, IGK Work and Human Lifecycle in Global History, Humboldt Universität zu Berlin

Im Kontext des Gedenkens an den ein Jahrhundert zurückliegenden Ersten Weltkrieg hat das historiographische und öffentliche Interesse an seinen Ursprüngen eine bemerkenswerte Renaissance erlebt und damit auch das Interesse an der Großmachtrivalität des ausgehenden 19. Jahrhunderts – ein Klassiker unter den geschichtswissenschaftlichen Themen. Während der Fokus der Aufmerksamkeit nach wie vor primär auf die Rolle des deutschen Kaiserreichs, des Aufsteigers im europäischen Mächtesystem gerichtet ist, sind auch mehrere neue Studien zur Außenpolitik der abstiegsgefährdeten Habsburgermonarchie erschienen. Walter Rauscher hat ihr ein über tausendseitiges Werk mit dem Titel „Die fragile Großmacht“ gewidmet[1], und zwei Jahre später ist Konrad Canis mit immerhin fast 600 Seiten unter dem Titel „Die bedrängte Großmacht“ nachgefolgt. Fragil und bedrängt, so das Leitmotiv beider in Ansatz und Resultat ähnlichen Darstellungen, war der Großmachtstatus der Habsburgermonarchie lange bevor sie infolge des Weltkriegs auseinanderbrach.

Canis, dessen Buch hier zu besprechen ist, skizziert seine Kernbotschaft bereits im Vorwort: Er sieht die 1867 konstituierte österreichisch-ungarische Doppelmonarchie von Anfang an in der Defensive, in welcher sie ein doppelter Druck durch äußeren Machtverlust und innere Instabilität festhielt. Infolge des verlorenen Krieges von 1866 sei sie auf internationaler Ebene zu einer zweitrangigen Macht abgesunken, während zugleich die dualistische Staatskonstruktion zu unauflöslichen Widersprüchen zwischen den beiden Reichshälften und ihren diversen Nationalitäten führte, was wiederum lähmend auf die außenpolitische Handlungsfähigkeit zurückschlug. Obwohl Canis mehrfach betont, dass der Untergang nicht von Anfang an feststand, Geschichte stets offen ist und sich bisweilen auch neue Chancen auftaten, zeichnet er insgesamt doch ein von strukturellen Zwängen und mangelnden Bewegungsspielräumen beherrschtes Bild. Das grundlegende Problem, so seine Diagnose, war, dass der Habsburgermonarchie nach dem Verlust ihrer Vormachtstellungen in Italien und Deutschland nur noch der Balkan blieb, um ihren Großmachtstatus zu behaupten. Die Orientierung gen Südosten, wo das Osmanische Reich am wegbröckeln war, brachte sie indes zwangsläufig in Kollision mit dem überlegenen Russland. Zudem entwickelte sich dieser unruhige Raum mit seinen nach nationaler Selbstbestimmung strebenden Völkern immer mehr zum Sprengsatz für den ohnehin labilen Zusammenhalt des Vielvölkerreichs. Aus der allseitigen Gefährdung durch innere Spaltungen, eigensinnige junge Balkanstaaten und konkurrierende Ansprüche des Zarenreichs (sowie Italiens) konnte sich Österreich-Ungarn nie mehr befreien. Rückhalt suchte und fand es beim Deutschen Reich, doch um den Preis der Juniorpartnerrolle und schließlich einer sich verfestigenden Frontstellung zwischen dem Zweibund und der Triple Entente aus Russland, Frankreich und Großbritannien.

Nach dem Vorwort und einer Einleitung, welche die Ausgangskonstellation um 1866/67 absteckt, gliedert sich das Buch strikt chronologisch in fünfzehn Kapitel, die den Fortgang des Geschehens in Zeitsegmenten von je wenigen Jahren detailliert nachzeichnen. Obwohl Canis auch auf innere Entwicklungen im Habsburgerreich eingeht, liegt der Schwerpunkt auf den internationalen Beziehungen, und zwar verstanden als klassische Mächte-, Allianz- und Militärpolitik, mit gelegentlichen Exkursen zur Außenwirtschaftspolitik. Beginnend mit den Wiener Reaktionen auf die deutsche Reichsgründung, die die einstige deutsche Vormacht ins Abseits drängte, schreitet die Darstellung über die von Bismarck inspirierte Dreikaiserpolitik, die habsburgische Okkupation Bosniens und der Herzegowina im Gefolge der Orientkrise, die Konstituierung des Zweibundes 1879 und die wechselhafte außenpolitische Großwetterlage um die Jahrhundertwende bis zur Bosnischen Annexionskrise von 1908/09, den Balkankriegen von 1912/13 und den sich zuspitzenden Spannungen am Vorabend des Attentats von Sarajewo voran. Ein Schlusskapitel behandelt die Julikrise und den Kriegsbeginn im Sommer 1914, um darauf nochmals zusammenfassend auf die vorangegangenen fünf Jahrzehnte zurückzublicken. Am Ende des Buches folgen die Anmerkungen, deren summarische Gestaltung es allerdings nicht immer leicht macht, die zahlreichen Zitate konkreten Belegstellen zuzuordnen, ferner drei grobe Übersichtskarten, ein ausführliches Quellen- und Literaturverzeichnis sowie ein nützliches Personenregister.

Canis, ehemaliger Professor für Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin, ist seit langem ein führender Experte für das europäische Mächtesystem des ausgehenden 19. Jahrhunderts, wie er unter anderem mit seiner dreibändigen Geschichte der deutschen Außenpolitik von 1870 bis 1914 bewiesen hat.[2] Auch sein jüngstes Buch, das den Fokus von Berlin nach Wien verlagert, schöpft folglich aus einer umfassenden Kenntnis der einschlägigen Literatur und Quellen. Insbesondere hat Canis eine beeindruckende Menge an unpubliziertem Material aus dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amts Berlin und dem Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchiv ausgewertet. Seine intime Vertrautheit mit den Akten der Außenministerien macht die Stärke des Buchs aus, sie liegt aber zugleich seiner größten Schwäche zugrunde: Über weite Strecken bleibt Canis allzu eng diesen Akten verhaftet, referiert jede Windung von bündnispolitischen Erwägungen und diplomatischen Verhandlungen, tritt zu selten einen Schritt zurück, um das Beschriebene aus der Distanz zu reflektieren. Das penibel chronologische Vorgehen produziert viele ermüdende Wiederholungen, weil Problemlagen und Handlungsoptionen über längere Phasen mehr oder weniger dieselben blieben. Von neueren geschichtswissenschaftlichen Strömungen ist Canis gänzlich unberührt. Bei ihm machen große Männer große Politik, während Frauen, abgesehen von drei beiläufigen Erwähnungen von Prinzessinnen, überhaupt nicht existieren. Zwar verweist er gelegentlich auf die öffentliche Meinung und vor allem auf die Brisanz nationaler Emotionen; dennoch bleiben die gesellschaftlichen Triebkräfte, die im Zeitalter von Demokratisierung und Massenmedien auf die Außenpolitik einwirkten, ziemlich blass im Hintergrund. Das Buch ist weitestgehend eine sehr konventionelle Diplomatiegeschichte, die das habsburgische Ringen um Statuserhalt entlang der Zeugnisse und durch die Augen von Außenministern, Monarchen, Generälen und Diplomaten rekonstruiert.

Das heißt nicht, dass Canis seine Protagonisten nicht kritisieren würde. Vor allem mit der Unfähigkeit der Wiener und Budapester Politiker, den eigenen nationalen Minderheiten entgegenzukommen, sowie mit ihrer Arroganz gegenüber den Balkanstaaten geht er durchaus hart ins Gericht. Hier wurden, wie er mehrfach betont, Chancen auf Stabilisierung des Reichs vertan. Trotzdem dominiert letztlich ein Narrativ der Ausweglosigkeit, denn realistische und längerfristigen Erfolg versprechende alternative Politikkonzepte zeichneten sich nirgends ab. Angesichts der unüberwindlich erscheinenden Bedrohungen und Blockaden bringt Canis erstaunlich viel Verständnis sogar für Präventivkriegspläne auf, die auch in der habsburgischen Führungsriege schon lange vor 1914 kursierten. Wenn er den Wiener Verantwortlichen ein Fehlverhalten in der Julikrise vorwirft, dann in erster Linie, dass sie den Angriff auf Serbien nicht früher starteten: Durch zu langes Zaudern hätten sie die letzte Chance auf einen partiellen Befreiungsschlag mittel eines siegreichen lokalisierten Krieges verspielt. Als sie endlich doch zur Tat schritten, war aus dem Risiko einer Eskalation zum großen Krieg praktisch Gewissheit geworden.

Mit Canis’ methodischem Verfahren, eng den Akten und der Denklogik der zeitgenössischen Akteure zu folgen, geht einher, dass er sich so gut wie gar nicht auf eine Diskussion der Forschungsliteratur einlässt. Das ist bedauerlich: Was er an neuen Aspekten zutage gefördert hat und was altbekannt ist, was allgemein akzeptierte oder kontroverse Einschätzungen sind, wird Nichtspezialisten verborgen bleiben. Aber trotz allem, was man diesem Buch vorhalten mag: beim Lesen entfaltet es doch erhebliche Faszinationskraft, vor allem in den letzten Kapiteln. Es vermittelt tiefe Eindrücke davon, wie die außenpolitischen Protagonisten jener Epoche tickten, was sie hofften und fürchteten, wie sie taktierten, sich verkalkulierten und Entschlüsse trafen, deren Folgen sie nicht abschätzen konnten. Der Binnenperspektive ihrer Staatsräson bleibt noch der allerletzte Satz treu, der so tut, als ob wir nicht wüssten, wie das Wagnis des großen Krieges ausging.

Anmerkungen:
[1] Walter Rauscher, Die fragile Großmacht. Die Donaumonarchie und die europäische Staatenwelt 1866-1914, 2 Bde., Frankfurt am Main 2014.
[2] Conrad Canis, Bismarcks Außenpolitik 1870 bis 1890. Aufstieg und Gefährdung, Paderborn 2004; ders., Von Bismarck zur Weltpolitik. Deutsche Außenpolitik 1890 bis 1902, Berlin 1997; ders., Der Weg in den Abgrund. Deutsche Außenpolitik 1902-1914, Paderborn 2011.

Zitation
Beate Althammer: Rezension zu: : Die bedrängte Großmacht. Österreich-Ungarn und das europäische Mächtesystem 1866/67-1914. Paderborn  2016 , in: H-Soz-Kult, 26.10.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27022>.
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Veröffentlicht am
26.10.2018
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