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Titel
Kleiderwechsel. Frauen-, Männer- und Kinderkleidung des 18. bis 20. Jahrhunderts


Autor(en)
Jutta, Zander-Seidel
Erschienen
Umfang
271 S.
Preis
€ 34,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Lüttenberg, Fakultät für Geschichte,

Im Herbst des Jahres 2002 eröffnete die neue Schauausstellung der Abteilung Textilien, Kleidung, Schmuck des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg (GNM). Im ehemaligen „Trachtensaal“, der bis dahin vor allem den Objekten der Trachtensammlung von Oskar Kling vorbehalten war, treffen jetzt bürgerliche Mode des 18. bis 20. Jahrhunderts und Trachten aufeinander. Warum diese Zusammenführung? Ziel der neuen Präsentation, so die Kuratorin Jutta Zander-Seidel, war im Wesentlichen eine den heutigen Forschungszielen und -ergebnissen angepasste Darstellung der historischen Beziehungen zwischen beiden Kleidungsformen. Die Trachten sind jetzt sowohl historisch als auch thematisch einzelnen Stationen zugeordnet. Sie stehen damit im Kontext der Epoche verortet, in der sich ein dezidiertes Interesse an Trachten entfaltete, was nicht ohne Folgen für die zeitgenössische bürgerliche Kultur blieb (s. unten). Die beiden seit fast hundert Jahren getrennten Teile der Sammlung finden sich so wieder vereint, womit man im Übrigen der ursprünglichen Idee der Museumsgründer nahe kommt. Möglich wurde das auch dank der verdienstvollen Aufarbeitung der Trachtensammlung von Oskar Kling durch Claudia Selheim.[1]

Zur neuen Ausstellung erschien der hier zu besprechende Katalog von Zander-Seidel, mit dem das GNM eine neue Reihe beginnt. Der Bezeichnung „Schausammlung“ entsprechend, handelt es sich bei dem Buch nicht um einen Bestandskatalog für Spezialisten, sondern um einen ausführlichen Kommentar zu den rund 300 in der Ausstellung präsentierten Objekten, der sich durchweg gut liest, deshalb gut geeignet ist für ein breiteres Publikum und an manchen Stellen Spannendes zu Tage fördert. Die Besonderheiten der Nürnberger Sammlung historischer Textilien, eine einmalige Kombination aus bürgerlicher Mode einerseits und Trachten andererseits, kommen jedenfalls ausreichend zur Geltung. Der Katalog ist in zwei „Rundgänge“ durch die Ausstellung eingeteilt. Unter dem Titel „Leitmotive der Kleidung 1700-1970“ (die wenigen Sammlungsstücke aus dem 16. und 17. Jahrhundert bleiben aus konservatorischen Gründen im Depot) unternimmt der erste einen historischen Streifzug durch die Geschichte der Kleidung, wobei die Trachten im Zusammenhang mit dem 19. Jahrhundert besprochen werden, während der zweite eine lange Reihe von „Kleiderthemen“ behandelt. In diesem umfangreicheren Abschnitt, der ungefähr zwei Drittel des Textes ausmacht, geht es um einen breiten Fächer unterschiedlicher Themen wie Kinderkleidung (kleine Erwachsene, Bleyle, Knabenkleid und Russenkittel), Trachtenkleidung (Faszination Tirol, Trachtenbilder, Tracht und Ideologie) oder Accessoires (Hüte, Schuhe, Taschen).

Sowohl der historische als auch der systematische Teil sind gelungene Einführungen in die Geschichte der europäischen Kleiderkultur seit dem 18. Jahrhundert. Die Texte zu den einzelnen Ausstellungsstationen sind kenntnisreich, sie kontextualisieren die Stücke klug und vermitteln manch amüsantes historisches Detail, ohne in reine Anekdotenhaftigkeit abzugleiten. Technische Details werden anschaulich erläutert, die historische Sprache der Mode wird durch Bezugnahme auf zeitgenössische Enzyklopädien und Fachbücher immer wieder allgemeinverständlich gemacht und so an den Horizont des Ausstellungsbesuchers zurückgebunden. Der erfährt nicht nur, dass Motten Wolle lieber mögen als Seide, weshalb aus der höfischen Epoche eben hauptsächlich Seidenstoffe überliefert sind, sondern anhand der Geschichte der Herrenoberbekleidung auch eine Menge über Standardisierung und Mechanisierung in der Textilproduktion. Manche lieb gewonnene Gewissheit löst Zander-Seidel wieder auf, etwa wenn sie auf die große Kontinuität verweist, die man zwischen dem 18. und dem 19. Jahrhundert in puncto Künstlichkeit der Mode feststellen kann, wo sich das 19. Jahrhundert landläufiger Vorstellung zufolge doch durch bürgerliche Einfachheit auszeichnen sollte.

Das Verhältnis zwischen Mode und Tracht ist im Allgemeinen durch die Vorstellung einer starken Opposition zwischen Wandel und Beharrung, Identitätsverlust und -bewahrung bzw. Raffinesse und naiver Verspieltheit geprägt. Der Katalog leistet hier Aufklärungsarbeit im besten Sinne, indem er der Ausdifferenzierung von modischer Kleidung einerseits und der bürgerlichen „Erfindung“ der Tracht als Projektionsfläche des Bedürfnisses nach idyllischer Identität andererseits geht. Trachten sind, das zeigt die Autorin sehr klar, eine Form der invention of tradition (Hobsbawm) par excellence. Zander-Seidel führt das am Beispiel der „Folklorisierung Tirols“ blendend vor, wo eine früh entstandene Urlaubsregion ihre Markenqualität in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem mit Hilfe alpenländischer Kleidungssymbolik schärfte. Vom wild-urwüchsigen Südtiroler Original ging eine publikumswirksame Binnenexotik aus, die jedoch weniger der Realität entsprach als vielmehr den Vorstellungen der Reisebuchschreiber. Hier gelingt der Autorin besonders deutlich, das Dauer- und Echtheitsversprechen der Tracht als Konstruktion zu entlarven. Zander-Seidel führt auch vor, wie sich solche Trachtenkonstruktionen über die Jahrzehnte hinweg entwickelten; man nehme nur das Beispiel der im 19. Jahrhundert äußerst beliebten Bilder der Betzinger Tracht. Betzingen liegt bei Reutlingen, und die Nähe von Stadt und Land erlaubte es den städtischen Künstlern, das Landleben zum zeitlosen bäuerlichen Idyll zu stilisieren („heiteres Betzinger Leben“), während nebenan die Industrialisierung zügig voranschritt. Trachtenbilder waren in den vorwiegend von bürgerlichem Publikum konsumierten Familienzeitschriften ein beliebtes Motiv, weil sie als Ikone einer allenthalben geschönten Vorstellung vom Landleben dienten. Dass dieses Landleben in seiner Harmlosigkeit und Friedfertigkeit erst durch den Beitrag der Maler entstanden war, wurde verdrängt, wie überhaupt der konstruierte Charakter der Betzinger Tracht, die eine bemerkenswerte Vermengung von „Fund und Erfindung“ erkennen lässt, erfolgreich ausgeblendet wurde.[2]

Halten wir fest: Die Besonderheit der neuen Nürnberger Präsentation besteht in der Kombination aus bürgerlicher Mode und Trachten. Dank der Aufarbeitung der Trachtensammlung Kling konnten beide Sammlungsteile wieder angemessen zueinander in Beziehung gesetzt werden. Die Künstlichkeit der Trachten als einer Traditionserfindung des Bürgertums im 19. Jahrhundert tritt dabei deutlich zu Tage. Der Katalog stellt dem Leser und dem Ausstellungsbesucher durch die Zusammenschau der beiden Sammlungsteile ein hohes kritisch-emanzipatorisches Potential zur Verfügung. Dieses Potential kann sich auch deshalb gut entfalten, weil sowohl Ausstellung als auch Katalog von wohltuender Nüchternheit geprägt sind. Zander-Seidel präsentiert die Objekte ohne Schnörkel und fern von jeder Versuchung der Event-Kultur. Dass dabei außerdem immer wieder deutlich wird, wie sehr die Kleidung eine umfassende Erschließungsmöglichkeit der gesamten europäischen Kulturgeschichte darstellt, nimmt sich daneben fast wie ein sekundärer Erkenntnisgewinn aus.

Anmerkungen:
[1] Noch in diesem Jahr erscheint Claudia Selheim, Die Entdeckung der Tracht um 1900. Die Sammlung Oskar Kling zur ländlichen Kleidung im Germanischen Nationalmuseum, Nürnberg 2005.
[2] Vgl. hierzu Lioba Keller-Drescher, Die Ordnung der Kleider. Ländliche Mode in Württemberg 1750-1850, Tübingen 2003.

Zitation
Thomas Lüttenberg: Rezension zu: : Kleiderwechsel. Frauen-, Männer- und Kinderkleidung des 18. bis 20. Jahrhunderts. Nürnberg  2002 , in: H-Soz-Kult, 16.11.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-2707>.
Redaktion
Veröffentlicht am
16.11.2005
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