Cover
Titel
AIDS. Autopsie einer Bedrohung im geteilten Deutschland


Autor(en)
Tümmers, Henning
Erschienen
Göttingen 2017: Wallstein Verlag
Umfang
374 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Zülfukar Çetin, Departement Geschichte, Universität Basel

Als 1981 durch einen Bericht der US-Seuchenschutzbehörde über fünf junge Männer eine mysteriöse Immunschwächekrankheit bekannt wurde, verbreitete sich rasch eine „Moral Panic“, die den mann-männlichen Sex als Bedrohung für die Gesundheit der „allgemeinen“ Bevölkerung ansah. Homosexuelle Männer wurden zu einer der Hauptrisikogruppen der Krankheit gezählt. Man sprach damals von „Gay Plague“ bzw. von einer „Seuche“, die aufgrund „lustbedingter“ Verhaltensweisen wie Sex und Drogenkonsum entstehe. Auch andere Marginalisierte wurden wegen ihrer vermeintlichen Abweichung von Normen und Werten der „Allgemeinheit“ stigmatisiert: Sexarbeiter/innen, Junkies und Migrant/innen aus kolonisierten Ländern wurden zu bedrohlichen Körpern erklärt. Diese Diskurse über „Ursachen“ von Aids (Acquired Immunodeficiency Syndrome) erreichten schnell den „Rest“ der Welt, sogar bevor die „Epidemie“ dort verbreitet war.

In seinem Buch „AIDS. Autopsie einer Bedrohung im geteilten Deutschland“, das aus seiner Tübinger Habilitationsschrift hervorgegangen ist, setzt sich Henning Tümmers mit der Geschichte der Aidspolitik in der DDR und der Bundesrepublik der 1980er-Jahre auseinander. Da in der Geschichtsschreibung zu Homophobie, Rassismus und Migration sowie zu Drogen- und Sexarbeitspolitik in der DDR noch viele Forschungslücken existieren, stellt das Buch eine Pionierarbeit dar. Es nimmt eine Gesellschaftspolitik unter die Lupe, die zum Teil auf der Diskriminierung von Queers, Junkies, Sexarbeiter/innen, Schwarzen und People of Color basierte. Auf Grundlage dieser Geschichten der DDR zieht der Autor mehrere Parallelen zwischen beiden Staaten. Während Tümmers bezüglich der epidemiologischen und gesundheitspolitischen Erklärungsansätze Ähnlichkeiten aufzeigt, weist er zugleich auf die Differenzen in den beiden Staaten hin, die systembedingt unterschiedliche Präventionsmaßnahmen gegen die Ausbreitung von Aids ergriffen (S. 19).

Das Buch besteht aus vier Hauptkapiteln. Einleitend macht Tümmers deutlich, dass panische Reaktionen auf die Verdachtsfälle in den 1980er-Jahren keine Seltenheit darstellten (S. 8). Die als Risikogruppen konstruierten Menschen, wie Schwule und Junkies, waren häufig ohnehin Opfer von Gewalt und Diskriminierung. Ob die Ängste vor Aids und vor Menschen mit Aids begründet waren, wird in der Einleitung allerdings nicht ausreichend erklärt. Es wäre notwendig, auf die theoretischen Grundlagen der Diskriminierung und der Gewalt einzugehen: Denn Homophobie, Sexfeindlichkeit, Diskriminierung von Drogenkonsumierenden und Rassismus basieren nicht (nur) auf der vermeintlichen Angst, sondern stellen ein Geflecht gesellschaftlicher Dominanzverhältnisse dar, in denen die als Hauptrisikogruppen markierten Menschen Stigma, Isolation, Ausschluss und Demütigung erfahren. Der Diskurs um Aids hätte hier als eine Projektionsfläche von Rassismus, Homophobie, Sexismus und asymmetrischen Klassenverhältnissen im postkolonialen Westen eingebettet werden können. Stattdessen wird in der Einleitung die Konstruktion der Hauptrisikogruppen mit Verweis auf Globalisierung, Individualisierung, Liberalisierung und Pluralisierung der Gesellschaft sehr knapp erläutert (vgl. S. 10). Diskurstheoretisch wären jedoch vor allem der Dominanzanspruch der christlichen Morallehre und die Kontinuitäten des (Post-)Kolonialismus hervorzuheben. Beide privilegieren den heterosexuellen, erwerbstätigen, christlichen weißen Mann, der eine „gesunde“ und „funktionierende“ Gesellschaft verkörpern soll. Was nicht diesem Bild des weißen Mannes bzw. der „gesunden Gesellschaft“ entspricht, wird zum „Anderen“ gemacht. Schon in der kolonialen Zeit wurde besonders den als Migrant/innen markierten Menschen die Rolle des Seuchenbringers zugeschrieben.

Im ersten Kapitel schreibt Tümmers über „Anomalie- und Katastrophendiskurse um 1981“. Hier erläutert er, wie Aids zuerst in den USA aufkam, welche staatlichen Präventionsmaßnahmen dort entwickelt, welche Erklärungsansätze konzipiert und wie die Gesellschaft als von Aids bedroht inszeniert wurde. Er stellt dar, wie vor allem Homosexuelle als Sündenböcke einer allgemeinen moralischen (Gesundheits- und Gesellschafts-)Politik stigmatisiert wurden. Auch die Auseinandersetzung mit den medialen, medizinischen und politischen Diskursen in der DDR und der Bundesrepublik ist in diesem Kapitel lesenswert. Tümmers veranschaulicht die Übernahme der diskriminierenden US-amerikanischen Aids-Politiken durch die Bundesrepublik. Im Unterkapitel „Importierte Angst“ macht er deutlich, dass die westdeutsche Berichterstattung am Anfang der Aids-Krise den US-Medien folgte (S. 62f.). So belegt er, dass die Erklärungsversuche und ein Bedrohungsszenario direkt aus den US-amerikanischen Diskursen übernommen wurden. Er zeigt aber auch, dass sich manche westdeutschen Journalist/innen und Ärzt/innen gegenüber derartigen Szenarien kritisch äußerten: „Müsse Aids – provozierte der verantwortliche Journalist – nun als eine ‚Seuche‘ begriffen werden, […] oder doch eher als eine bloße Sammlung von Einzelfällen?“ (S. 66) Es wäre an dieser Stelle sinnvoll gewesen, auf die Erklärungsansätze in der DDR ebenfalls einzugehen und die Parallelen zwischen beiden deutschen Staaten bezüglich des Importes dieser Ängste hervorzuheben. Tümmers betont stärker die „Unterschiede […] in der Informationspolitik“ beider deutscher Staaten (S. 88) – die DDR-Regierung setzte anfangs auf „Beschweigen“ (S. 92).

Das zweite Kapitel „Innere Bedrohung und staatlicher Zugzwang“ hebt besonders die „Normierungsdebatten“ (S. 96) sehr gut hervor. Am Beispiel der gesetzlichen Präventionsmaßnahmen zwischen 1984 und 1986 in der Bundesrepublik zeigt Tümmers die Konsequenzen dieser Präventionspolitik sowohl für die Homosexuellen, die immer noch zu einer der Hauptrisikogruppen zählten, als auch ihre Bedeutung für die Etablierung der ersten Selbsthilfegruppen. In dieser Phase herrschten in der Bundesrepublik kontroverse Diskussionen über die HIV-Prävention durch das Bundesseuchengesetz oder das Geschlechtskrankheitengesetz vor. Ein Gesetzentwurf des Bundesgesundheitsministeriums von 1984 klassifizierte die männlichen Homosexuellen als Hochrisikogruppe, sah Meldepflicht vor, machte eine Infektion durch eine/n HIV-Positive/n zum Straftatbestand und legitimierte die Isolation und Tätigkeitsverbote von Menschen mit Aids. Dies wurde letztlich nicht umgesetzt, legte aber „die Parameter jenes Diskussionsfeldes offen“ (S. 105).

Das Kapitel „Aidspolitik im geteilten Deutschland“ handelt von den staatlichen Strategien des Umgangs mit sexuell übertragbaren Krankheiten in West- und Ostdeutschland während der Hochphase von Aids um 1987. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden in der Bundesrepublik zwei konträre Strategien verfolgt: zum einen Prävention durch Kontrolle und Repression, zum anderen Prävention durch Aufklärung, gesellschaftliches Lernen und Selbst-Verantwortung des Individuums. Manche der verwendeten Begriffe wie „Epidemie“, „Stigma“, „soziale Isolation“ oder „künftige Kranke“ zementierten einerseits gesellschaftliche Ängste vor Aids (S. 143). Andererseits verstärkten sie die Idee der Umsetzung von konservativen Präventionsmaßnahmen, die außerdem einen Verstoß gegen bürgerliche Rechte in der Bundesrepublik darstellten (S. 137). Diesbezüglich referiert Tümmers in einem Unterkapitel „Die ‚bayerische Linie‘ und ihre Folgen“. Er zeigt die Politik der Angsterzeugung durch die Moralisierung der Infektion auf: Zu viel Sex, zu viel Drogen, zu fremd und vor allem homosexuell – anhand derartiger Markierungen wurde bestimmten Gruppen ein bestimmtes Risikopotenzial zugeschrieben, weshalb auch ihre Kriminalisierung möglich sein sollte. Selbst wenn die CDU/CSU-FDP-Regierung 1987 eine Koalitionsvereinbarung für eine auf Vertrauen basierende Anti-Aids-Strategie erzielte, stieß sie auf Widerstände seitens des CSU-Politikers Peter Gauweiler, der (s)eine bayerische Linie im Kampf gegen Aids durchsetzen wollte. Zum einen wurde dieses Präventionskonzept aufgrund seines restriktiven seuchenpolitischen Ansatzes sowohl in der damaligen Bundesrepublik als auch international heftig kritisiert. Zum anderen führten aber einige europäische Staaten, etwa Italien, schon früher eine Meldepflicht für HIV-Positive ein (S. 225). Die unterschiedlichen, mitunter überraschenden Verbindungen zwischen verschiedenen europäischen Staaten im Kampf gegen Aids zeigt Tümmers weiterhin anhand einer Kooperationsvereinbarung zwischen der bayerischen Regierung und der DDR auf (S. 225).

Während in diesem Kapitel Parallelen zwischen beiden Staaten gezogen und Transferprozesse erläutert werden, verdeutlicht der Autor in seiner Studie generell, dass die Geschichte von Aids im Grunde eine neue Geschichte der alten „Moral Panic“, der Stigmata, der Marginalisierung und einer exkludierenden Präventions- bzw. Seuchenbekämpfungspolitik ist. In diesen Aids-Politiken wurden die sogenannten Hauptrisikogruppen kontinuierlich reproduziert. Dagegen wehrten sich zwar einige Vertreter der westdeutschen Schwulenbewegung. Andere Vertreter übernahmen aber staatlich geförderte Auftragsstudien, die das schwule Leben und das schwule Sexualverhalten in Bezug auf Aids erforschen sollten. Durch die Fokussierung der Forschungen auf den schwulen Sex und Aids trugen sie zur Bestätigung entsprechender Vorannahmen bei. Tümmers setzt sich zwar mit den diesbezüglichen Studien von Martin Dannecker und Michael Bochow auseinander, er übersieht jedoch ihren Beitrag zur Konstruktion der Hauptrisikogruppen im Allgemeinen und im Besonderen zur Markierung der Schwulen als potenzieller Aids-Körper (S. 209).

Mit seiner Studie leistet Henning Tümmers eine umfassende vergleichende und verflechtungsgeschichtliche Analyse der Aids-Politik in der Bundesrepublik und der DDR während der 1980er-Jahre. Das vierte und letzte Hauptkapitel beleuchtet staatliche und zivilgesellschaftliche Transferprozesse und Präventionsstrategien unmittelbar vor dem Fall der Mauer sowie in Reaktion auf den politischen Umbruch. Die Schlussfolgerung „Der Bundesregierung und dem westdeutschen System war es gelungen, die Ausbreitung von Aids einzudämmen und die Gesellschaft zu stabilisieren“ (S. 341), wirft jedoch neue Forschungsfragen auf. Kann tatsächlich von einer Aids-Erfolgsgeschichte in der Bundesrepublik gesprochen werden, wenn immer noch alte Kontrollmechanismen wie das Prostituiertenschutzgesetz eingesetzt, wenn Homosexuelle weiterhin zu sogenannten Hauptrisikogruppen gezählt und neue Fragen der „Volksgesundheit“ in Bezug auf Fluchtbewegungen aus Kriegsgebieten latent zur Diskussion gestellt werden? Trotz der fehlenden gegenwartskritischen Vertiefung im Hinblick auf „vorherrschende Ordnungsvorstellungen“ (S. 24) lädt die Studie dazu ein, das Buch zweimal zu lesen: Zum ersten gilt es, einen bisher noch nicht existierenden umfassenden Überblick zu „anderen“ Geschichten der DDR zu gewinnen. Zum zweiten ist die Geschichtsschreibung über Ausschlusspraktiken nicht nur der konservativen, sondern auch der liberalen Gesundheitspolitiken in der Bundesrepublik kritisch zu prüfen. Das selbstgesteckte Ziel, „eine Brücke zwischen Zeit- und Medizingeschichte [zu] schlagen“ (S. 16), hat der Autor jedenfalls auf eindrückliche und anregende Weise erreicht.

Zitation
Zülfukar Çetin: Rezension zu: : AIDS. Autopsie einer Bedrohung im geteilten Deutschland. Göttingen  2017 , in: H-Soz-Kult, 29.05.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27106>.