F. Berger u. a. (Hrsg.): La "condition féminine"

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Titel
La "condition féminine". Feminismus und Frauenbewegung im 19. und 20. Jahrhundert / Féminismes et mouvements de femmes aux XIXe–XXe siècles


Hrsg. v.
Berger, Francoise; Kwaschik, Anne
Erschienen
Stuttgart 2016: Franz Steiner Verlag
Umfang
345 S.
Preis
€ 57,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sarah Haßdenteufel, Internationales Graduiertenkolleg "Politische Kommunikation", Goethe-Universität Frankfurt

Der Sammelband aus der Schriftenreihe des deutsch-französischen Historikerkomitees verfolgt eine dreifache Zielsetzung, die die Herausgeberinnen in der Einleitung umreißen. Zunächst soll er einen Beitrag leisten zur Aktualisierung der Erforschung von Feminismus und Gender, da in den letzten Jahren der Ruf nach Erneuerung dieser Felder sowohl in Frankreich als auch in Deutschland laut geworden ist.[1] Zweitens soll dies explizit in einer transnationalen Perspektive erfolgen. Denn obwohl die geschichtswissenschaftliche Geschlechterforschung von Anfang an um eine komparative Perspektive bemüht war[2], dominieren in vielen Themenbereichen doch die nationalen Fallstudien, und nur wenige Werke nehmen die Perspektive des Vergleichs oder der histoire croisée ein. Das vorliegende Buch will dazu einen Beitrag leisten, ausgehend vom deutsch-französischen Vergleich. Drittens fokussiert der Sammelband die „condition féminine“. Anne Kwaschik und Françoise Berger definieren diesen Terminus als „l’ensemble des lieux et des positions des femmes dans l’organisation sociale ainsi que leur signification au niveau du discours, de l‘idéologie, des mentalités“ (S. 13). Die Herausgeberinnen machen damit deutlich, dass es ihnen um ein sehr breites Verständnis ihres Gegenstandes geht, das sowohl die Situation der Frauen in allen Bereichen der Gesellschaft umfasst als auch den Diskurs und die ideologische Auseinandersetzung über die Verhältnisse der Geschlechter.

Der Band enthält 22 in deutscher, französischer oder englischer Sprache verfasste Aufsätze von AutorInnen aus Frankreich, Deutschland, Italien und den USA. Strukturiert ist er weitgehend chronologisch. Der erste Teil befasst sich mit der Frauenbewegung und dem Feminismus des 19. Jahrhunderts, während der zweite Teil den Einfluss der beiden Weltkriege auf die Situation der Frau untersucht. Im dritten Teil steht die Zeit nach 1970 im Fokus. Nur der vierte und letzte Teil verlässt die Chronologie, um sich zeitübergreifend mit Fragen der Bildungs- und Berufssituation der Frau zu beschäftigen.

Eingeleitet wird der erste Teil von einem Beitrag von Ute Gerhard, in dem diese die Frage erörtert, warum gerade die Französinnen, die sich seit der Revolution als besonders radikale Verfechterinnen der Frauenrechte hervorgetan hatten, so lange auf das Frauenwahlrecht und die rechtliche Gleichstellung mit den Männern warten mussten. Die bisherige Forschung hat diese Frage bereits unter dem Schlagwort des „retard français“ viel diskutiert und unter anderem philosophische Erklärungsmuster dafür herangezogen[3], Gerhard dagegen wählt den Zugang über das Recht. Sie arbeitet heraus, dass die Beteiligung der Frau an der französischen Revolution auch scharfe Reaktionen und Repressionen provozierte, die sich dann in rigiden frauenrechtlichen Bestimmungen des Code civil von 1804 niederschlugen. Die dort fixierte familienrechtliche Unterwerfung der Frau unter den Mann bestimmte die Politik der französischen Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts, die vom Kampf der Frauen für die rechtliche Gleichstellung geprägt war. Nach 1789 stellte die Juli-Revolution von 1830 eine weitere Wegmarke der Frauenbewegung dar, weil französische Frauen auch im Zuge dieser Revolution wieder verstärkt für ihre Rechte kämpften. Für die Situation in Deutschland unterstreicht Gerhard, dass der Vergleich der Rechtssituation schwierig ist, da es bis 1900 kein einheitliches deutsches Zivilgesetzbuch gab. Sie wählt für den Vergleich daher eines der regional geltenden Rechte, das Allgemeine Preußische Landrecht, aus und kommt zu dem Ergebnis, dass dieses in Bezug auf die Rechte der Frau verhältnismäßig frauenfreundlich war. Später als in Frankreich organisierte sich in Deutschland auch die Frauenbewegung – nämlich laut Gerhard erst im Zuge der 1848er Revolution. Wie Gerhard zeigt, war die bürgerliche Frauenbewegung dort aber dennoch lange bemüht, explizite politische Forderungen zu vermeiden. Insofern schuf die unterschiedliche rechtliche Situation der Frauen in beiden Ländern ganz unterschiedliche Voraussetzungen für die Frauenbewegung – die entsprechend auch in Deutschland und Frankreich im 19. Jahrhundert sich in ganz unterschiedlichen Zeitlichkeiten entwickelte, wie Gerhard zeigt. Ein weiterer Beitrag zum 19. Jahrhundert konzentriert sich ebenfalls auf die rechtliche Stellung der Frau, allerdings in einem anderen Bereich. Anne-Laure Briatte-Peters und Yannik Ripa analysieren den Ausschluss der Prostituierten vom allgemeinen Recht in Frankreich, England und Deutschland. Dieser erfolgte in allen drei Ländern als Reaktion auf die rapide Zunahme der Prostitution, rief aber auch unterschiedlich geprägte Gegenbewegungen aus.

Der Titel des zweiten Teils kündigt die Analyse der Rolle der beiden Weltkriege an, jedoch legen die folgenden Beiträge eindeutig einen Schwerpunkt auf den Ersten Weltkrieg. Vier der fünf Aufsätze beschäftigen sich damit – und unterstreichen alle den Zäsurcharakter des Ersten Weltkriegs für von ihnen untersuchten Themen. Françoise Thébaud skizziert in einem Synthesebeitrag wie der Krieg nicht nur den Alltag der Frauen, sondern auch die Entwicklung der Frauenbewegung nachdrücklich veränderte. Sie erklärt, dass vor 1914 in Europa und den USA eine international organisierte Frauenbewegung existierte, dass der Krieg diese internationale Vernetzung aber beendete, weil die Frauen nach 1914 Frauen aus anderen Ländern nicht mehr als Verbündete, sondern als Frauen des Feinds ansahen. Auch Christina Stange-Fayos bestätigt dies in ihrem Beitrag über die feministische Internationale im Ersten Weltkrieg und weist darauf hin, dass die deutsche und die französische Frauenbewegung sich in dieser Zeit ironischerweise gerade in ihrer Ablehnung des Internationalismus ähnelten. Der Beitrag von Agathe Bernier-Monod zeigt schließlich, dass diese internationale Solidarität zwischen den Frauen auch nach 1918 noch nicht wiederhergestellt war. Bernier-Monod analysiert eine kurze, aber sehr interessante Korrespondenz zwischen französischen Suffragetten und deutschen Abgeordneten über die Lieferverzögerung von Milchkühen im Rahmen der Kriegsreparationen im Winter 1920/21. Der Briefwechsel zeigt auf, wie der Appell an internationale Solidarität zwischen Frauen ins Leere lief und stattdessen nationalen Interessen der Vorzug gegeben wurde.

Im dritten Teil steht die Zeit nach 1970 im Fokus. Die ersten Beiträge von Ludivine Bantigny, Anne Kwaschik, Monica Fioravanzo und Gilles Leroux befassen sich mit eher traditionellen Themen der historischen Forschung, nämlich mit der Beteiligung der Frauen an der 68er-Bewegung und der im Laufe der 1970er-Jahre erstarkenden Frauenbewegung. Ein anderes und für die historische Forschung neues Thema nimmt Valérie Dubslaff in den Blick, der sich mit dem Antifeminismus der extremen Rechten seit 1970 befasst. Dubslaff arbeitet darin unter anderem heraus, dass die 1970er-Jahre auch einen bedeutenden Aufschwung des Antifeminismus mit sich brachten. Sie zeigt weiter, dass in den folgenden Jahrzehnten die Intensität des Antifeminismus vor allem von der Aktualität des Feminismus abhing, und dass sich in den 2000er-Jahren der Kampf gegen Gender mit der Bekämpfung des Feminismus vermischte.

Der letzte Teil des Bandes wirft schließlich einen zeitübergreifenden Blick auf die Erziehung, Ausbildung und die Berufe von Frauen. Die Beiträge behandeln ganz unterschiedliche Themen: Claudia Schweitzer befasst sich beispielsweise mit dem Beruf der Klavierlehrerin im 19. Jahrhundert, Françoise Bergers Beitrag thematisiert die Rolle von weiblichen Arbeitskräften in der Schwerindustrie im 20. Jahrhundert, Stefanie van de Kerkhof widmet sich deutschen Unternehmerinnen in der Nachkriegszeit. Gemeinsam ist diesen Beiträgen, dass sie die Frage nach der Zugänglichkeit von – oft zunächst verschlossenen – Arbeitswelten für Frauen stellen. Allerdings bleibt eine gemeinsame Antwort auf diese Frage aus.

Diese Kritik des fehlenden gemeinsamen Fazits lässt sich auf den ganzen Band ausdehnen. Denn er besteht ohne Zweifel aus einer Fülle von exzellenten Aufsätzen, die die Forschung um neue Ergebnisse bereichern. Die transnationale Perspektive ist außerdem in den einzelnen Aufsätzen schon enthalten, denn alle sind bereits vergleichend angelegt. Jedoch bleibt am Ende die Frage offen, welches gemeinsame Ergebnis aus den vielen Einzelstudien gezogen werden kann. Dass dies am Ende unklar bleibt, liegt möglicherweise daran, dass die Frage nach der „condition féminine“ (der Begriff bleibt im Werk übrigens unübersetzt) als gemeinsame Leitfrage zu breit gefasst war und eine thematische Einengung gutgetan hätte. Denn so versammelt der Band 22 Aufsätze, die sich mit so unterschiedlichen Themen wie der Situation von Klavierlehrerinnen im 19. Jahrhundert und der Analyse der 2014 in Frankreich um das „ABCD der Gleichheit“ geführten Debatte befassen, ohne am Ende zu sagen, was diese Themen verbindet und was daraus über die Situation der Frauen in Frankreich und Deutschland gelernt werden kann.

Abgesehen von diesem fehlenden verbindenden Bogen aber lösen die AutorInnen die komplexe Aufgabe, die sie sich selbst gestellt haben, ein. Denn der transnationale Ansatz, um den sie die Forschung bereichern wollten, ist schon in jedem einzelnen der Aufsätze vorhanden und geht auch dank Vergleichen mit unter anderem Spanien, Italien und England weit über den dem Band zugrundeliegenden deutsch-französischen Vergleich hinaus. Außerdem bearbeiten die AutorInnen in ihren Beiträgen einige für die historische Forschung bisher neue Themen, analysieren teilweise unerforschte Quellen, werfen neue Fragen auf oder auch neues Licht auf viel diskutierte Fragen. Sie leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Erforschung des Feminismus – und stellen außerdem eindrücklich unter Beweis, wie der deutsch-französische Vergleich zum Ausgangspunkt für europäisch vergleichende Studien werden kann.

Anmerkungen:
[1] Für Frankreich vgl. z.B. Geneviève Fraisse, Les excès du genre. Concept, image, nudité, Paris 2014; für Deutschland das Themenheft « Was ist und wozu heute noch feministische Theorie“ der Zeitschrift Feministische Studien 1 (2013).
[2] Die Herausgeberinnen verweisen auf die Werke von Duby und Perrot, die diese Perspektive schon zu Beginn der 1990er-Jahre eingenommen haben, vgl. Georges Duby / Michelle Perrot, L’histoire des femmes en Occident, Paris 1992.
[3] Vgl. Pierre Rosanvallon, Le sacre du citoyen, Paris 1992.

Zitation
Sarah Haßdenteufel: Rezension zu: Berger, Francoise; Kwaschik, Anne (Hrsg.): La "condition féminine". Feminismus und Frauenbewegung im 19. und 20. Jahrhundert / Féminismes et mouvements de femmes aux XIXe–XXe siècles. Stuttgart  2016 , in: H-Soz-Kult, 31.01.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27172>.
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31.01.2018
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