G. Hitze: Oberschlesien zwischen den Weltkriegen

Cover
Titel
Carl Ulitzka (1873-1953). Oberschlesien zwischen den Weltkriegen


Autor(en)
Hitze, Guido
Erschienen
Düsseldorf 2002: Droste Verlag
Umfang
1439 S.
Preis
€ 64,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Juliane Haubold-Stoll, Berlin-Brandenburgisches Institut für deutsch-französische Zusammenarbeit in Europa e.V.

Nur wenige Kenner der Geschichte der Zentrumspartei oder Oberschlesiens verbinden etwas mit dem Namen Carl Ulitzka. Und wer sich bisher über Ulitzka informieren wollte, war auf Kurzbiographien schlesischer Regionalhistoriker angewiesen.[1] Guido Hitze hat in seinem umfangreichen Werk nicht nur die Lebensgeschichte Ulitzkas vom Priester hin zu dem katholischen Politiker in Oberschlesien während der Weimarer Republik dargestellt, sondern gleich dazu eine kenntnis- und detailreiche Arbeit über die Geschichte des oberschlesischen Zentrums und Oberschlesiens zwischen den Weltkriegen geschrieben und damit zwei historiographische Lücken geschlossen.[2] Durch Verwendung von vielfach bisher unveröffentlichten Quellenmaterialien gelingt es Hitze zum einen, die europäische Dimension des oberschlesischen Konfliktes herauszuarbeiten und zum anderen die innen- und außenpolitische Gradwanderung des oberschlesischen Zentrums zwischen oberschlesischem Regionalgefühl und deutschem Nationalismus detailliert darzustellen.
Trotz seiner insgesamt 1310 Seiten lässt sich Hitzes Buch gut lesen. Es ist dabei lobenswert, dass er versucht, Carl Ulitzkas Leben in die politische und soziale Geschichte Deutschlands einzuordnen, um den Fallen eines rein biographischen Ansatzes zu entgehen. Leider neigt Hitze zu großer Ausführlichkeit, etwa dort, wo er die Geschichte Oberschlesiens bei den Germanen beginnend nacherzählt (S. 56).[3]

Angesichts des grundlegenden und detailreichen Werkes von Guido Hitze bieten jedoch zwei Punkte Anlass zu Kritik. Die Geschichtsschreibung über Oberschlesien war lange Zeit sowohl in Polen als auch Deutschland stark durch den jeweiligen territorialen Anspruch auf Oberschlesien geprägt. Inzwischen gibt es jedoch Ansätze, gemeinsam über Oberschlesien nachzudenken. [4] Guido Hitzes Ulitzka-Biographie fällt aber leider auf eine deutsche Sichtweise zurück. Wenn er auch vereinzelt versucht, andere Standpunkte ebenfalls zu erklären (z.B. den französischen auf S.483), so kann er sich nicht von seiner deutschen Perspektive trennen. Das wäre weniger zu kritisieren, wenn er die Geprägtheit seines eigenen Standpunktes stärker reflektieren würde. Auch dann bliebe jedoch einzuwenden, dass „limiter ses sympathies aux souffrances d’un seul peuple, c’est passer à côté de la vérité“ (Norman Davies). [5] Hitzes Sympathien sind eindeutig verteilt; das wird schon an Formulierungen deutlich. So bezeichnet er Ulitzka als deutschen „Patrioten“ – während Korfanty ein „Nationalist“ ist (S. 438), „tönt“ (S. 309) und „Brandreden“ (S.355) hält (um nur einige Formulierungen zu nennen). Außerdem stützt Hitze sich auf Aussagen der deutschgesinnten Oberschlesier, während er die Überlieferung der Polen sehr viel kritischer sieht. So verlässt er sich z.B. auf einen deutschgesinnten Oberschlesier (Hans Lukaschek) als Zeugen dafür, dass deutschgesinnte Priester nicht im Abstimmungskampf agitierten (S. 331).
Hitze ist den deutschen handelnden Personen, besonders den Katholiken und Ulitzka gegenüber sehr nachsichtig und ihr Handeln aus den historischen Bedingungen erklärt und offen Verständnis für sie fordert (S. 485). Das gilt besonders für Ulitzkas Nationalismus und Revisionismus (S. 865, 873,985) oder das Abstimmungsverhalten des Zentrums zum Ermächtigungsgesetz erklärt (S. 1102).

Den Polen (siehe Wertung Locarnos, S. 884) und Franzosen gegenüber ist Guido Hitze nicht so nachsichtig und kritisiert sie, ohne die historische Bedingtheit ihrer Positionen entschuldigend heranzuziehen. Besonders deutlich wird das an einer der Hauptthesen Hitzes, mit der er Frankreich die Verantwortung für die blutigen Kämpfe 1921 in Oberschlesien während der Abstimmungszeit zuweist.[6] Ihm ist zuzustimmen, dass Frankreich versuchte, durch seine Oberschlesienpolitik Deutschland zu schwächen und Polen zu stärken, und dass dabei die Menschen in Oberschlesien kaum eine Rolle spielten. Es ist jedoch übertrieben, diese Politik als „Hegemonialpolitik“ zu bezeichnen (S.483); auch kann man wohl kaum Frankreichs Sicherheitsbestreben angesichts der tiefen Wunden, die der erste Weltkrieg geschlagen hatte, als „überdehnt“ verurteilen, (S.440).[7] Wenn Guido Hitze Verständnis für die Deutschen einfordert, sollte er es auch in Bezug auf Frankreich oder Polen aufbringen.
Auch unabhängig davon spielt Hitzes Wertung des deutschen Revisionismus – den man nicht wie Hitze mit den vereinzelten Stimmen in Polen, die eine Ausdehnung Polens bis an die Oder forderten, gleichsetzen sollte (S.874) – die Bedeutung des „Revisionssyndroms“ (M. Salewski) für das Scheitern der Weimarer Republik herunter und übersieht, dass die Revisionssehnsüchte, die Republikaner wie Ulitzka mit ihren Reden über die „blutende Grenze“ schürten, die Republik destabilisierten.[8] Außerdem setzt Hitze sich nicht ausreichend mit den Forschungen zur Konstruktion von deutschen, polnischem und oberschlesischen Gruppenbewusstsein in Oberschlesien auseinander. So kann es passieren, dass er seine eigene Darstellung der Oberschlesier als einem eigenen „Ethnikum“ (S. 63) stellenweise aufgibt, (z.B. S. 673), und eine der interessantesten Fragen, wieso Ulitzka sich selbst als Deutschen sah, nur am Rande streift. [9] Dennoch ist die Biographie Carl Ulitzkas ein informatives, quellenreiches und fundiertes Stück Oberschlesiengeschichte, das trotz der genannten Kritikpunkte offene Fragen klären kann und neue Ergebnisse liefert.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Abmeier, Hans-Ludwig, Carl Ulitzka, in: Menzel, Josef Joachim/Petry, Ludwig (Hg.), Schlesier des 15. –20. Jahrhunderts (Schlesische Lebensbilder 6), Sigmaringen 1990, S. 197-205; Gottschalk, Joseph, Karl Ulitzka (1873-1936), in: Ders. (Hg.), Schlesische Priesterbilder Bd. 5, Aalen 1967, S.59-63 und Webersinn, Gerhard, Prälat Carl Ulitzka. Politiker und Priester, in: Jahrbuch der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Breslau 15 (1970), S.146-205.
[2] Eine neuere deutschsprachige Darstellung dazu gab es bisher nicht. Auch in den großen Werken zur schlesischen Geschichte kam Oberschlesien kaum vor, vgl. dazu Fuchs, Konrad, Vom deutschen Krieg zur deutschen Katastrophe 1866-1945, in: Norbert Conrads (Hg.), Deutsche Geschichte im Osten Europas. Schlesien, Berlin 1994, S. 553-692, ders., Politische Geschichte 1918-1945, in: Josef Joachim Menzel (Hg.), Geschichte Schlesiens. Band 3: Preußisch-Schlesien 1740-1945/Österreichisch Schlesien 1740-1918/45, Stuttgart 1999, S.81-104, auch die neue polnischsprachige Geschichte Schlesiens informiert wenig über Oberschlesien, vgl. Marek Czaplinski (Hg.), Historia Sląska, Wroław 2002.
[3] Weitere Beispiele: die Schilderung der Autonomiediskussion (S.499f.); auch die des Abstimmungskampfes (S.165-441), besonders da die deutschen Bemühungen schon von Tooley dargestellt wurden. Vgl. Tooley, T.Hunt, National Identity and Weimar Germany. Upper Silesia and the Eastern Border 1918-1922, Lincoln 1997.
[4] Siehe z.B. Linek, Bernard /Struve, Kai (Hg.), Nationalismus und nationale Identität in Ostmitteleuropa im 19. und 20. Jahrhundert, Opole und Marburg 2000. und Struve, Kai /Ther, Philipp (Hrsg.), Die Grenzen der Nationen. Identitätenwandel in Oberschlesien in der Neuzeit (Tagungen zur Ostmitteleuropa-Forschung Band 15), Marburg 2002; oder auch Ruchniewicz, Krzysztof (Hg.), Dzieje Sląska w XX w. w świetle badań młodych historyków z Polski, Czech i Niemiec, Wrocław 1998.
[5] „seine Sympathien für die Leiden eines Volkes zu reservieren, heißt, an der Wahrheit vorbeizugehen“ (eigene Übersetzung), Norman Davies, Commentaire, No 77, (Hiver 1995-1996), zitiert nach Benjamin Stora, Imaginaires de guerre. Algérie, Viêt-nam en France et aux Etats-Unis, Paris 1997, S.11.
[6] Wie Guido Hitze selbst einräumt (S.33), hätte diese These jedoch auch anhand der französischen Überlieferung überprüft werden sollen.
[7] Vgl. zu der französischen Deutschlandpolitik, ihren Fehlern und Schwächen, aber auch ihren Gründen Jacques Bariéty, Les relations franco-allemandes après la première guerre mondiale, Paris 1980; Georges Soutou, L’Allemagne et la France en 1919, in: Jacques Bariéty / A. Guth u.a.(Hg.), La France et l’Allemagne entre les deux guerres mondiales, Paris 1987; Jean-Jacques Becker/Serge Bernstein (Hg.), Victoire et Frustrations 1914-1929, Paris 1990; Maurice Baumont, Die französische Sicherheitspolitik, ihre Träger und ihre Konsequenzen, in: Hellmuth Rössler (Hg.), Die Folgen von Versailles, 1919-1924, Göttingen 1969 und Karl J. Mayer, Die Weimarer Republik und das Problem der Sicherheit in den deutsch-französischen Beziehungen 1918-1925, Frankfurt 1990.
[8] Vgl. Michael Salewski, Das Weimarer Revisionssyndrom, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 2 (1980), S. 14-25.

Zitation
Juliane Haubold-Stolle: Rezension zu: : Carl Ulitzka (1873-1953). Oberschlesien zwischen den Weltkriegen. Düsseldorf  2002 , in: H-Soz-Kult, 17.03.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-2782>.
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Veröffentlicht am
17.03.2004
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