Sammelrezension: Globalgeschichte des Ersten Weltkriegs

: Latin America and the First World War. Cambridge : Cambridge University Press  2017 ISBN 978-1-107-56606-4, XI, 302 S. £ 18.99.

: World War One in Southeast Asia. Colonialism and Anticolonialism in an Era of Global Conflict. Cambridge : Cambridge University Press  2017 ISBN 9781316501092, XII, 236 S. £ 23.99.

Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Daniel Marc Segesser, Historisches Institut, Universität Bern

Die Fokussierung auf globale und transnationale Zusammenhänge ist für die Geschichtswissenschaft generell, aber speziell mit Blick auf die Historiographie zum Ersten Weltkrieg ein relativ junges Phänomen. Zwar gab es schon immer Lehre und Forschung, die sich nicht nur mit Europa oder Nordamerika beschäftigte. Deren Fokus lag allerdings entweder auf lokalen und nationalen Aspekten oder war von einer auf Europa bzw. auf imperiale Zusammenhänge ausgerichteten Perspektive geprägt. In der allgemeinen Geschichte begann sich dies ab dem Beginn der 1980er-Jahre zu verändern[1] und ab dem ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts gab es auch entsprechende Ansätze in der Weltkriegshistoriographie.[2] Lag der Fokus anfänglich auf Überblicksdarstellungen [3], so rückten mit der Zeit mehr Regionen ins Zentrum des Interesses, die bis dahin nur am Rand in übergreifende Darstellungen der Geschichte des Ersten Weltkrieges eingeflossen waren.[4]

In diesem Kontext stehen auch die beiden an dieser Stelle besprochenen Bücher von Stefan Rinke, bei dem es sich um eine Übersetzung eines 2015 in deutscher Sprache erschienenen Buches handelt[5], sowie von Heather Streets-Salter. Beide legen in ihren Studien großen Wert darauf, die von ihnen untersuchten Teile der Welt – Lateinamerika und Südostasien – nicht aus einer regionalen Perspektive zu thematisieren, sondern in einen globalen Zusammenhang zu stellen und globale Verflechtungen aufzuzeigen. Für Rinke stehen dabei ähnlich wie kürzlich für Xu Guoqi[6] die gemeinsamen Erfahrungen im Sinne einer Shared History im Vordergrund, während Streets-Salter sich ihrem Gegenstand aus der Perspektive der Imperialgeschichte nähert und versucht, diese mit der Historiographie des Ersten Weltkrieges zu verknüpfen. Dass sie dabei mit der Aussage einsteigt, dass „[w]hen we think about World War I, most of us picture the horrors of trench warfare in Western Europe“ (S. 1), so mag dies für ein breiteres Publikum speziell in den USA noch so sein, in der Forschung ist die Globalität des Ersten Weltkrieges unterdessen aber längst angekommen. Letzteres erkennt Rinke im Gegensatz dazu gut, beklagt allerdings – und dies nicht ganz zu Unrecht, wie der Rezensent, der selber eine Geschichte des Ersten Weltkrieges in globaler Perspektive verfasst hat[7], selber offen zugeben muss –, dass Lateinamerika bisher nur sehr am Rand Thema war, obwohl der Weltenbrand diesen Kontinent, wenn auch nicht militärisch, ebenfalls bereits im August 1914 erfasste und dort von Beginn weg als Konflikt mit globalen Auswirkungen wahrgenommen wurde.

In seinen Ausführungen folgt Rinke einer klassischen Struktur, die sich zuerst mit der Vorgeschichte beschäftigt und dann auf die einzelnen Phasen des Krieges eingeht. Ihm ist es dabei sehr wichtig, die Longue Durée anhand exemplarischer Beispiele zu betonen und Aspekte der politischen Ideengeschichte, der Migration und der wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen Lateinamerika und der übrigen Welt herauszuarbeiten. Er verweist in diesem Zusammenhang auch auf den Beitrag lateinamerikanischer Rechtswissenschaftler im Rahmen der Völkerrechtsdebatten des 19. Jahrhunderts sowie auf die Bemühungen dieser Männer gegen Interventionen der Großmächte (Calvo-Klausel; Drago-Doktrin). Das zweite Kapitel ist der Zeitspanne der Neutralität gewidmet, das dritte der Beteiligung bzw. Nicht-Beteiligung lateinamerikanischer Staaten am Krieg im Jahr 1917, das vierte dem Umbruch der Jahre 1918/19, das fünfte den medialen Kriegserfahrungen in Lateinamerika und das sechste den Entwicklungen des Nationalismus auf dem Kontinent in transnationaler Perspektive.

Streets-Salter wählt demgegenüber ein völlig anderes Vorgehen. Der Überblick ist ihr nicht so wichtig wie Rinke. Sie konzentriert sich – auch angesichts der Vorwürfe mangelnder Empirie an die Globalgeschichte – auf exemplarische Beispiele wie die von ihr schon früher in einem Aufsatz thematisierte Meuterei in Singapur[8] sowie auf die Analyse von Aspekten des Krieges in Niederländisch-Ostindien, Siam und Französisch-Indochina. Sie legt dazu eine dichte und empirisch fundierte Untersuchung der globalen Verflechtungen Südostasiens mit dem Weltkrieg vor. Streets-Salter thematisiert dabei nicht nur Verflechtungen mit kriegführenden Staaten, sondern blickt auch immer wieder vertieft auf das Thema der Neutralität, welches vor allem für die holländischen Kolonialbehörden in Ostindien, aber auch für die Regierungen der beiden unabhängigen Staaten China und Siam von erheblicher Bedeutung war.

Die Neutralität ist auch ein wichtiges Thema bei Rinke. Ihr widmet er wie bereits erwähnt sein zweites Kapitel und zeigt dabei über weite Strecken außerordentlich differenziert auf, mit welchen Herausforderungen politischer, militärischer, wirtschaftlicher und propagandistischer Art die lateinamerikanischen Länder in den Jahren des Weltkrieges und besonders bis 1917 konfrontiert waren. Virtuos wechselt er dabei immer wieder von einem Land zum anderen und vermag aufzuzeigen, wie einzelne Wirtschaftszweige zu profitieren vermochten (Lebensmittelproduzenten, Lieferanten kriegswichtiger Rohstoffe), während die bereits seit 1912 bestehenden Investitionsrückgänge zumindest zu Beginn des Krieges für etliche Länder zu einem erheblichen Problem wurden und die Produzenten von Luxusgütern wie Kaffee oder Tabak mit erheblichen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten. Zu Recht verweist Rinke dabei darauf, dass besonders Argentinien 1915 mit Blick auf seine Getreideexporte von einer schlechten Ernte in Australien zu profitieren vermochte. Auf die Probleme mit den Heuschreckenplagen, die denselben Effekt zwei Jahre später umkehrten[9], geht er leider hingegen nicht ein. Ganz generell dominiert bei Rinke eine behördliche Perspektive, die durch einen kulturgeschichtlichen Blick auf die Presse ergänzt wird.

Der Fokus von Streets-Salter liegt stärker auf der Rolle antikolonialer Aktivisten wie der Ghadar-Bewegung, wobei auch sie, zumindest was ihre Quellen betrifft, einen starken Fokus auf solche der örtlichen (kolonialen) Behörden hat. Der Autorin gelingt es dabei ähnlich wie schon Maia Ramnath[10], auf deren Werk sie immer wieder Bezug nimmt, sehr überzeugend, die sehr komplexen Verwicklungen einzelner Personen mit größeren Zusammenhängen und insbesondere mit den Entwicklungen des Krieges aufzuzeigen. Leider übernimmt sie dann aber – trotz selbst vorgebrachter Warnungen (S. 122, 128, 193 oder 195) – die Diktion der Quellen und spricht immer wieder von einer deutsch-indischen Verschwörung (S. 112, 116, 132 oder 215). Dass sie dabei dann die vorhandene deutschsprachige Literatur zu Bemühungen der deutschen Behörden zur Destabilisierung der britischen und französischen Kolonialherrschaft[11] weitestgehend ausblendet und auch weitgehend darauf verzichtet, deutsche Quellen heranzuziehen[12], ist ein doch erhebliches Manko dieser Studie. Besonders deutlich wird dies, als sie auf die Rolle der beiden Brüder Emil und Theodor Helfferich zu sprechen kommt, die eine zentrale Rolle beim Versuch spielten, Waffen zugunsten der Ghadar-Bewegung in Indien über die Philippinen und Niederländisch Ostindien von den USA nach Südasien zu verschiffen. Obwohl die Autorin erkennt, dass es sich bei diesen beiden um Brüder des einflussreichen deutschen Finanzpolitikers und zeitweisen stellvertretenden Reichskanzlers Karl Helfferich handelte (S. 120), geht sie den sich daraus ergebenden Verflechtungen leider nicht auf den Grund und kann daher ihre Aussage einer deutsch-indischen Verschwörung nicht wirklich belegen.

Die Gefahr, dass er die deutschsprachige Forschung ignorieren könnte, gibt es bei Stefan Rinke nicht, da er selbst aus diesem Forschungsraum stammt. Er zeigt in seinem Buch auf, wie befruchtend es sein kann, verschiedene Forschungstraditionen miteinander zu verknüpfen. Neben der deutsch- und englischsprachigen ist es natürlich auch die lokale spanisch- und portugiesischsprachige Literatur, die der Autor sehr gekonnt in seine Darstellung einfließen lässt. Bei Streets-Salter fehlen hingegen neben der weitgehenden Nichtberücksichtigung deutscher Quellen und Literatur auch in vielen Teilen die lokalen Stimmen, wobei natürlich zu berücksichtigen ist, dass die Sprachenvielfalt in Südostasien weit größer ist als in Lateinamerika und die Autorin eine für die USA schon hohe Sprachkompetenz aufweist. So lässt sie neben englischsprachigen Quellen auch solche holländischer und französischer Provenienz in ihre Arbeit einfließen. Letzteres nutzt sie sehr geschickt in ihrer Darstellung zu den Bemühungen zur Destabilisierung der Kolonialherrschaft in Französisch-Indochina, wo sie aufzuzeigen vermag, wie die dortigen Kolonialbehörden den Krieg auch dazu nutzten, verstärkt gegen schon vor dem Krieg bestehende antikoloniale Widerstände vorzugehen. Nicht nur antikoloniale Aktivisten suchten also den Krieg abseits der zentralen militärischen Front für ihre Interessen zu nutzen, sondern auch die lokalen Kolonialbehörden und dies in einem Ausmaß, das bisher noch nicht so deutlich herausgearbeitet worden ist.

Insgesamt handelt es sich bei den beiden Studien um zwei sehr wichtige und über weite Strecken auch sehr gelungene Werke, die den globalen Charakter des Ersten Weltkrieges immer besser verständlich machen und trotz bzw. gerade wegen ihrer unterschiedlichen Ansätze beide einen wichtigen Beitrag zu einer global ausgerichteten Historiographie des Ersten Weltkrieges leisten. Während Rinke dabei im Gegensatz zu Olivier Compagnon und Philip A. Dehne[13] den transformativen und revolutionären Charakter des Ersten Weltkrieges betont, dabei allerdings leider nicht an Lawrence Sondhaus anknüpft[14], stellt Streets-Salter primär die globalen Netzwerke antikolonialer Aktivisten sowie die globale Bedeutung von Konsulaten für die transnationale Kommunikation ins Zentrum ihres Fazits. In jedem Fall unterstreichen sie damit, wie wichtig eine regional bis kontinental ausgerichtete Forschung zum Ersten Weltkrieg für das Erfassen von dessen globalem Ausmaß sind und wie wichtig es ist, diese Studien in Lehre und Forschung immer weiter zu verknüpfen, wie dies beispielsweise die Internetenzyklopädie 1914-1918-Online in vorzüglicher Weise seit 2014 tut.[15]

Anmerkungen:
[1] Sebastian Conrad, Globalgeschichte. Eine Einführung, München 2013, S. 29–86.
[2] Erste Hinweise finden sich in Gerhard Hirschfeld / Gerd Krumeich / Irina Renz (Hrsg.), Enzyklopädie Erster Weltkrieg, Paderborn 2003.
[3] Erste entsprechende Studien waren Michael Neiberg, Fighting the Great War. A Global History, Cambridge 2005; Daniel Marc Segesser, Der Erste Weltkrieg in globaler Perspektive, Wiesbaden 2010 oder Lawrence Sondhaus, World War One. The Global Revolution, Cambridge 2011.
[4] Eine erste wichtige Studie in diesem Zusammenhang war sicherlich Xu Guoqi, China and the Great War. China’s Pursuit of a New National Identity and Internationalization, Cambridge 2005. Jay Winter (Hrsg.), Global War, Cambridge 2014 verfolgte mit den Beiträgen von Xu Guoqi zu Asien sowie Olivier Compagnon zu Lateinamerika erstmals übergreifend eine solche Strategie.
[5] Stefan Rinke, Im Sog der Katastrophe. Lateinamerika und der Erste Weltkrieg, Frankfurt am Main 2015.
[6] Xu Guoqi, Asia and the Great War. A Shared History, Oxford 2017.
[7] Segesser, Weltkrieg.
[8] Heather Streets-Salter, The Local Was Global. The Singapore Mutiny of 1915, in: Journal of World History 24 (2013), S. 539–576.
[9] Daniel Marc Segesser, Saving the Australian War Effort in 1916? Global Climatic Conditions, Pests and William Morris Hughes’s Negotiations with the British Government, in: Michael J. K. Walsh / Andrekos Varnava (Hrsg.), Australia and the Great War. Identity, Memory and Mythology, Melbourne 2016, S. 94–109, hier S. 102–105.
[10] Maia Ramnath, Haj to Utopia. How the Ghadar Movement Charted Global Radicalism and Attempted to Overthrow the British Empire, Berkeley 2011.
[11] Beispiele sind Wilfried Loth / Marc Hanisch (Hrsg.), Erster Weltkrieg und Dschihad. Die Deutschen und die Revolutionierung des Orients, München 2014; Rudolf A. Mark, Krieg an fernen Fronten. Die Deutschen in Russisch-Turkestan und am Hindukusch 1914-1924, Paderborn 2013; Carl Alexander Krethlow, Generalfeldmarschall Colmar Freiherr von der Goltz Pascha. Eine Biographie, Paderborn 2012 oder Renate Vogel, Die Persien- und Afghanistanexpedition Oskar Ritter v. Niedermayers 1915/16, Osnabrück 1976.
[12] Einzig indirekt über den Artikel von Thomas G. Faser, Germany and Indian Revolution, 1914-1918, in: Journal of Contemporary History 12/2 (1977), S. 255–272 werden einige Quellen aus dem Auswärtigen Amt berücksichtigt.
[13] Bspw. Olivier Compagnon, Latin America, in: Winter, Global War, S. 533–555 oder Philip A. Dehne, On the Far Western Front. Britain’s First World War in South America, Manchester 2009.
[14] Sondhaus, World War One.
[15]https://encyclopedia.1914-1918-online.net/home.html (07.05.2018).

Zitation
Daniel Marc Segesser: Rezension zu: : Latin America and the First World War. Cambridge  2017 / : World War One in Southeast Asia. Colonialism and Anticolonialism in an Era of Global Conflict. Cambridge  2017 , in: H-Soz-Kult, 22.05.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27895>.
Redaktion
Veröffentlicht am
22.05.2018
Redaktionell betreut durch
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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