G. Hurm u.a. (Hrsg.): The Family of Man Revisited

Cover
Titel
The Family of Man Revisited. Photography in a Global Age


Hrsg. v.
Hurm, Gerd; Reitz, Anke; Zamir, Shamoon
Erschienen
London 2018: I.B. Tauris
Umfang
XIV, 304 S., 70 SW-Abb.
Preis
£ 17.99; $ 27.50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Evelyn Runge, Martin Buber Society of Fellows in the Humanities and Social Sciences, The Hebrew University of Jerusalem

Eine der wichtigsten Ausstellungen in der Geschichte der Fotografie ist „The Family of Man“. Sie wurde nach vierjähriger Vorbereitung 1955 im Museum of Modern Art (MoMA) in New York City eröffnet und tourte danach ein Jahrzehnt lang durch die ganze Welt – dabei wurde sie von mehr als neun Millionen Menschen gesehen (S. 1). Kurator Edward Steichen wollte mit seiner Ausstellung ein Zeichen setzen für die Menschlichkeit, gegen den Kalten Krieg und gegen die Gefahr eines Atomkriegs. Seit 1994 ist „The Family of Man“ in Clervaux (Luxemburg) dauerhaft zugänglich; Steichen hatte diese Version der Wanderausstellung seinem Geburtsland Luxemburg vermacht (siehe den Beitrag von Anke Reitz im vorliegenden Band).

Der Diskurs über „The Family of Man“ war seit 1955 vor allem von Kritik geprägt. Die jüngsten Veröffentlichungen jedoch zeigen einen anderen, wertschätzenden Umgang mit Steichens Ansatz und dem Potential humanistischer Fotografie. Großen Anteil an dieser positiven Neu-Lektüre haben Gerd Hurm, Universität Trier, Shamoon Zamir, New York University Abu Dhabi, und Anke Reitz, Kuratorin des Centre National de l’Audiovisuel (CNA) in Luxemburg. Ihrem Sammelband „The Family of Man Revisited“ liegen Vorträge zugrunde, die 2015 auf einer von Hurm, Reitz und Zamir organisierten Tagung in Clervaux gehalten wurden.[1] In 15 Beiträgen diskutieren die Autorinnen und Autoren die Ausstellung. Sie nutzen dafür bisher unbekanntes Material, etwa Max Horkheimers Rede zur Ausstellungseröffnung 1958 in Frankfurt am Main. In der bisherigen Literatur ist die Ausstellung vor allem im amerikanischen Kontext besprochen worden. Hurm, Reitz und Zamir stärken europäische Perspektiven auf „The Family of Man“, unter anderem durch Zamirs dezidierte Darstellung der Reaktionen von Besuchern auf die Münchener Ausstellung, die Zeitzeugen-Erinnerungen von Werner Sollors an die Frankfurter Präsentation sowie den Abdruck von Texten Wolfgang Koeppens und August Sanders.

Die im Buch enthaltenen Originaltexte Horkheimers und Koeppens erscheinen hier zum ersten Mal auf Englisch. Horkheimer bezog sich in seiner Frankfurter Eröffnungsrede auf europäische, deutsche und amerikanische Philosophie und deren Gemeinsamkeiten: „[…] that is respect for the individual, no matter under what sun, in what latitude, into what social class or religious faith he may have been born.“ (S. 49) Was in der Philosophie abstrakt bleibe, werde in der Fotografie real und konkret: „It is a fact that because of our involvement with the many forms of motorized mobility, we are becoming more and more dependent on signs and images, and so consequently the mind tends to adapt to what can be experienced immediately, to pursue what is presented in an evocative manner and to get out of the habit of following longwinded intellectual processes. No one could possibly say how many people make the link from the pictures on show here to the idea of man or mankind, which, according to the philosophers, the individual should act in accordance with.“ (S. 50) Horkheimer betonte die „Selbigkeit“ des Menschen (S. 111), im Englischen mit „identity“ übersetzt: „[…] the picture achieves something that theory alone cannot: it allows the viewer to identify with.“ (S. 51)

Zamir und Hurm heben in ihrem Vorwort hervor, dass es kaum Berichte von Augenzeugen der Ausstellungen gibt – etwa in Kabul, Johannesburg, Djakarta oder Caracas (S. 11). Trotzdem kann man versuchen, diese Forschungslücke zu füllen: So gründet Sollors seinen Beitrag „The Family of Man. Looking at the Photographs Now and Remembering a Visit in the 1950s“ auf seine persönlichen Erinnerungen an die Ausstellung 1958 in Frankfurt. Sollors war damals 14 Jahre alt, und „The Family of Man“ war eine der ersten Fotoausstellungen überhaupt, die er besuchte. Eines der Bilder, die starken Eindruck auf ihn gemacht haben, ist Wayne Millers Aufnahme von der Geburt seines Sohnes David (S. 106) – der Säugling wird kopfunter von einem Arzt gehalten, die Nabelschnur noch intakt. In den 1950er-Jahren berührte diese öffentliche Darstellung einer Geburt ein Tabu. Die Reaktionen der Ausstellungsbesucher im Münchener Lenbachhaus (Beitrag von Zamir) verdeutlichen, dass Bilder, die Intimität zeigten, mehr Unbehagen hervorriefen als Fotos zur Politik: „When asked if there were pictures that they thought should have been excluded from the exhibition, almost one fifth of those interviewed singled out ‚pictures touching traditional taboos, such as childbirth, pregnancy, sex, and love‘.“ (S. 85) In München wurden 770 Besucher im Zeitraum der Ausstellung befragt – teilweise direkt nach ihrem Besuch, teilweise wenige Tage später (S. 80).

„The Family of Man Revisited“ reflektiert auch den bisherigen Diskurs über Steichens erfolgreichste Ausstellung. Seit 1956 wird dieser Diskurs durch die Kritik Roland Barthes geprägt: Er befand, „The Family of Man“ folge einem sentimentalen Mythos der Gleichheit aller Menschen. Hurm setzt sich in einem eigenen Aufsatz mit Barthes’ Kritik auseinander. Wahrscheinlich sah Barthes die Ausstellung nicht im Original, sondern formulierte seine Kritik anhand der Broschüre oder des Katalogs der Pariser Ausstellung. Weil „The Family of Man“ zwischen 1965 und 1994 für die Öffentlichkeit unzugänglich war, ist zudem anzunehmen, dass die prominenten Kritiker/innen nach Barthes – unter anderem auch Susan Sontag (S. 25) – die Ausstellung im Original nicht kannten, sondern ebenfalls allein auf Basis des Katalogs urteilten.

Seit 1994 hat „The Family of Man“ ihren Ort nun im Schloss Clervaux in Luxemburg. Anke Reitz, Kuratorin der dortigen Steichen-Sammlungen, diskutiert in ihrem Beitrag „Re-exhibiting The Family of Man: Luxemburg 2013“ die kuratorische Praxis der Gegenwart im Kontext der Geschichte des Ausstellungsdesigns: „Taking into account the complex visual and spatial strategies employed by The Family of Man and their physical and psychological impact on the viewer, the adaptation to a permanent gallery was not only guided by matters of design and historical coherence, but also had to consider issues regarding the changing context and status of the exhibition over the years.“ (S. 178) Raumpläne der MoMA-Ausstellung und des Schlosses Clervaux verdeutlichen Unterschiede: „Presenting The Family of Man in a space in which care has been taken to employ a ‚neutral‘ design language in keeping with contemporary museology and the conception of the ‚white cube‘ helps to anchor the reconceptualization of the collection into an object of study within the scenography.“ (S. 179)

Der Sammelband „The Family of Man Revisited“ ist mit vielen Abbildungen versehen, die Details der Ausstellungen von 1955 und der gegenwärtigen Präsentation zeigen, aber auch historische Poster und Briefe. Es ist ein großes Verdienst der Herausgeber/innen und Autor/innen, mit diesem Sammelband bislang übersehene Aspekte der Ausstellung und ihrer Rezeption zu veröffentlichen. Nicht zuletzt ruft das Buch eindrucksvoll ins Gedächtnis, dass die Ausstellung im Schloss Clervaux für jeden zugänglich ist und Besuche dort sehr zu empfehlen sind. Der Band eignet sich über das wissenschaftliche Interesse hinaus auch hervorragend für den universitären Unterricht: Für eine Beschäftigung mit „The Family of Man“ ist dies ein Standardwerk. Wer bisher in Seminaren auf einzelne ältere Artikel zurückgreifen musste, findet in dem Sammelband nun konzise und detailreiche Analysen.[2] Die Beiträge sind ansprechend geschrieben – in ihnen zeigt sich die Begeisterung der Herausgeber/innen und Autor/innen für ihr Sujet. Zudem ist eine neue Beschäftigung mit humanistischer Fotografie angesichts der gegenwärtigen Krisen auf der Welt vielleicht wichtiger denn je.

Anmerkungen:
[1] Videos der Vorträge stehen online zur Verfügung: http://steichencollections-cna.lu/eng/documentations/1_the-family-of-man-in-the-21st-century (15.07.2018). Siehe auch den Bericht der Rezensentin: Fotografie als „universale Sprache“: Edward Steichens Humanismus in der Gegenwart. Zur Tagung „The Family of Man in the 21st Century. Reassessing an Epochal Exhibition“ am Centre National de l’Audiovisuel in Clervaux, Luxemburg, 19. und 20. Juni 2015, in: Rundbrief Fotografie 23 (2016), Heft 1 (N.F. 89), S. 44–50.
[2] Die Rezensentin hat 2013 und 2015 Seminare und praktische Übungen zu „The Family of Man“ gehalten sowie mit Studierenden Exkursionen nach Clervaux veranstaltet.

Zitation
Evelyn Runge: Rezension zu: Hurm, Gerd; Reitz, Anke; Zamir, Shamoon (Hrsg.): The Family of Man Revisited. Photography in a Global Age. London  2018 , in: H-Soz-Kult, 26.07.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27964>.