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Titel
Synagogen im Geschichtsunterricht. Erbaut – zerstört – vergessen?


Autor(en)
Kroll, Markus
Erschienen
Schwalbach am Taunus 2017: Wochenschau-Verlag
Umfang
111 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Heike Wolter, Didaktik der Geschichte, Universität Regensburg

„Synagogen als steingewordene Manifestationen“ (Klappentext) jüdischen Lebens spielen im Geschichtsunterricht bisher – abgesehen vom Thema „Reichspogromnacht“ – kaum eine oder keine Rolle. Diese Leerstelle möchte Markus Kroll mit seiner Publikation füllen und Synagogen umfänglicher erfahrbar machen.

Markus Kroll war wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehr- und Forschungsgebiet Didaktik der Gesellschaftswissenschaften bei Christian Kuchler an der RHTW Aachen und ist nun an der Fernuniversität Hagen beschäftigt. Er hat sich bisher mit Kirchengeschichte befasst und in der Fachdidaktik unter anderem zu außerschulischen Lernorten gearbeitet.

Markus Krolls vorliegende Publikation, die 2017 in der Reihe „Geschichte unterrichten“ des Wochenschau Verlags erschienen ist, beginnt mit einem Vorwort von Christian Kuchler, das den Mehrwert des Buches als vertiefend gegenüber Exkursionen beschreibt. Gleichwohl werden darin Exkursionen – eigentümlich geringschätzend – als „flüchtiger Eindruck“ (S. 5) der Synagogen, in denen Schülerinnen und Schüler „nur selten auf Gläubige“ treffen, abgewertet. Dies ist umso verwunderlicher, als auch die Materialsammlung die Geschicke von Menschen nur in Ansätzen in den Blick nimmt.

Im Vorwort wird anschließend eine nützliche Kategorisierung der Untersuchungsgegenstände vorgenommen: wiederhergestellte Synagogen werden unterteilt in solche, deren Wiederaufbau recht bald nach 1945 geschah, und jene, deren Neubau lange Zeit auf sich warten ließ. Als dritte Gruppe werden Synagogen genannt, die nicht wiederaufgebaut wurden, und schließlich werden viertens jene Synagogen in den Blick genommen, die nach 1945 abgerissen wurden. Diese Synagogengeschichte(n) zu betrachten hat laut Christian Kuchler positive Effekte auf die Entwicklung von Geschichtsbewusstsein, ein wesentliches didaktisches Argument.

Inhaltlich überschneidet sich die Publikation dadurch mit den „Synagogen-Gedenkbüchern – Deutschland und deutschsprachige Gebiete“[1], die aber eine fachwissenschaftliche Abhandlung des Themas ohne didaktische Hinweise darstellen und somit ein größeres / anderes Zielpublikum haben. Die Geschichte von Synagogen im unterrichtlichen Kontext wurde zuvor nur vereinzelt geleistet, insbesondere durch Fallbeispiele in wenigen Geschichtsschulbüchern. In der vorliegenden Sammlung gelingt dies komprimiert.

Die Publikation widmet sich in sieben Kapiteln der Geschichte laut Vorwort und Klappentext deutschen Synagogen. Tatsächlich aber werden – nicht ganz nachvollziehbar – Einzelbeispiele auch aus Polen (Krakow, Wroczław), Tschechien (Plzeň), Österreich (Wien) und den Niederlanden (Amsterdam) behandelt. Das erste und zweite Kapitel widmen sich dabei allgemeinen religiösen, kulturellen und religionshistorischen Aspekten. Sie verorten die Synagoge im Zusammenhang mit dem Jerusalemer Tempel sowie als architektonischen Ausdruck religiöser und kultureller Zusammengehörigkeit. Warum hier sephardische Synagogen mitbehandelt werden, die in Deutschland kaum eine Rolle spielen, und in diesem Zusammenhang die entsprechende Berliner Synagoge nicht erwähnt ist, bleibt unerklärt. In den folgenden drei Kapiteln spannt Markus Kroll einen Bogen von deutsch-jüdischer Geschichte vom Mittelalter über die Frühe Neuzeit und das 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Für die Entwicklung nach der Shoah wäre es hier wünschenswert gewesen eine Unterteilung in eine Phase vor ca. 1990/91 (Ende des Kalten Krieges, Wiedervereinigung, Zusammenbruch der Sowjetunion) und eine danach zu schaffen. Schließlich hat sich ein großer Teil der jüdischen Gemeinden in ihren Zusammensetzungen durch den Zuzug russischer Juden entscheidend verändert, und viele dieser Gemeinden haben erst seit dieser Zeit eine bedeutende Mitgliederzahl. Auffällig ist, dass der Nationalsozialismus und seine Folgen für die Synagogen ausgelassen werden. Dieser Aspekt rückt erst im sechsten Kapitel mit in den Fokus, wenn es um „Synagogen als Kristallisationspunkt für Judenfeindschaft“ (S. 64) geht. Den Schluss bilden zwei Fallbeispiele: Aachen und Dortmund. Dort wiederum ist – im Gegensatz zum Rest des Buches – der Pogrom 1938 zentral. Ein ordnendes Fazit fehlt der offensichtlich als Materialsammlung mit vielfältigen schriftlichen und bildlichen Quellen und begleitenden didaktischen Informationen angelegten Publikation.

Insgesamt wird die Geschichte von 29 Synagogen, wie erwähnt nicht nur aus Deutschland, mehr oder weniger ausführlich thematisiert. Über die Auswahl gerade dieser 29 aus den mehr als 100 deutschen Synagogen gibt das Buch keine Auskunft.

Die beiden Fallbeispiele werden jeweils durch eine Einführung historisch kontextualisiert. Hier sind viele Hintergrundinformationen verfügbar, die für die Lehrperson hilfreich sein können, vor allem sicher, wenn es sich um eine nahegelegene Synagoge handelt, die einen unmittelbaren Bezug zur Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler aufweist. Diese kontextualisierenden Angaben sind jedoch für Lernende vom Schwierigkeitsgrad zu hoch. Für sie sind hingegen die Quellenmaterialien aufschlussreich, die zumeist in guter Qualität vorliegen und oft bisher wenig oder nicht publiziertes Material darstellen. Eine Ausnahme bilden die recht schlecht erkennbare Luftaufnahme Jerusalems, deren Bezeichnung „zeitgenössisch“ zudem ungenau bis irreführend ist, und die unnötige Einschränkung der Wahrnehmung der Karte Jerusalems aus dem späten 16. Jahrhundert durch Schwarzweißdruck. Hier wäre ein Link zu einer farbigen Abbildung hilfreich gewesen. Gleiches gilt für die Geschichtskarte zur Emanzipation der Juden in Deutschland im 19. Jahrhundert, die in Grautönen unübersichtlich wirkt.

Viele kleinere Nachlässigkeiten oder ungenügende didaktische und historische Einordnungen sind für die Lesenden ärgerlich. So werden die „zeitgenössischen“ Fotografien Jerusalems (S. 12/13) zeitlich nicht eingeordnet. Die Angabe, 90% der deutschen Juden seien Orthodoxe und Juden machten insgesamt weniger als 0,5% der Menschen in Deutschland aus (S. 17), ist erstens nicht belegt und letzteres erscheint im Vergleich zu den Zahlen der Bundesstatistik (0,23% in Gemeinden organisierte und nicht in Gemeinden organisierte Juden im Jahr 2016) ungenau. Die Bezeichnung „Judenkrawall“ für die Ereignisse 1819 (S. 42) wurde zwar im frühen 19. Jahrhundert teilweise verwendet, ist aber aus heutiger Sicht unglücklich gewählt. Warum Synagogen im 19. Jahrhundert oft als „israelitischer Tempel“ (S. 44) bezeichnet werden, wird nicht deutlich gemacht. Die Plzeňer Synagoge von 1893 wird unter dem Formenkanon der Synagogen (S. 50) in einer Reihe mit den dezidiert als im Deutschen Kaiserreich befindlichen Synagogen München, Hannover, Breslau genannt, obwohl die Stadt damals zu Österreich-Ungarn gehörte. Die Entwicklung der Gemeindemitglieder dreier jüdischer Gemeinden (Dortmund, Düsseldorf, Köln) wird nur in zwei Fällen in eine Grafik überführt. Die Fotografie einer Fußballmannschaft eines Berliner DP-Camps (S. 59/62) bleibt zusammenhanglos hinsichtlich des Themas Synagogen. Der Artikel aus dem „Limburgisch Dagblat“ (S. 82f.) wird bedauerlicherweise nicht aus dem Holländischen übersetzt und bleibt daher als Quelle für Schülerinnen und Schüler überwiegend nicht nutzbar.

Insgesamt entsteht der Eindruck eines Materials, das eine wichtige Forderung erfüllen will: jüdische Geschichte in Deutschland nicht nur als Opfergeschichte erfahrbar zu machen, sondern die Vielfalt jüdischen Lebens und den Beitrag – auch jüdischer Architektur – zur Gesellschafts-und Kulturgeschichte Deutschlands über mehr als ein Jahrtausend deutlich zu machen. Leider wird dieses erfreuliche Ansinnen durch ungenaues Arbeiten in seinem Wert geschmälert. Gleichwohl handelt es sich um eine für Lehrende nützliche Materialsammlung, wenn es um die Geschichte jüdischer Synagogen gehen soll.

Anmerkung:
[1] Mehrbändige Reihe: Meier Schwarz (Hrsg.), Synagogen-Gedenkbücher Deutschland und deutschsprachige Gebiete [bis Bd. 4: Gedenkbuch der Synagogen Deutschland 1938], Lindenberg im Allgäu, 1999ff.

Zitation
Heike Wolter: Rezension zu: : Synagogen im Geschichtsunterricht. Erbaut – zerstört – vergessen?. Schwalbach am Taunus  2017 , in: H-Soz-Kult, 23.02.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28040>.
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23.02.2018
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