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Titel
The Cold War. A World History


Autor(en)
Westad, Odd Arne
Erschienen
London 2017: Allen Lane
Umfang
VI, 710 S.
Preis
€ 23,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jost Dülffer, Historisches Institut, Universität zu Köln

Es gibt kaum einen besseren Experten zum so genannten Kalten Krieg als Odd Arne Westad. Der norwegische Historiker, der lange an der London School of Economics lehrte und nun in Harvard angekommen ist, begann seine Karriere mit mehreren Publikationen zur jüngeren chinesischen Geschichte, einem Thema, dem er bis heute treu geblieben ist. Sein allseits gelobtes „The Global Cold War“ von 2005 wurde bahnbrechend, weil es erstmals die Auswirkungen des Kalten Krieges im globalen Süden weitreichend erfasste. Die dreibändige, von ihm und Melvyn Leffler verantwortete Edition der Cambridge History of the Cold War ließ an Perspektiven, Vielseitigkeit der Autoren und Methoden gleichfalls kaum Wünsche offen – und nun diese Gesamtdarstellung. Geht es noch globaler?

„A World History“ ist in der Tat anders angelegt. Während es im Buch von 2005 ganz auf die Auswirkungen des Kalten Krieges auf den Süden ankam, ist hier „die globalisierte Welt“ (ein Buchtitel der Beck/Harvard-Reihe zur Geschichte der Welt) in den Blick genommen. Es ist müßig, über die begriffliche Unterscheidung von Welt- oder Globalgeschichte und damit den Ansatz Westads zu räsonieren. Der stattliche Band präsentiert eine moderne internationale Geschichte mit Ausweitungen in sehr viele Sachbereiche, die vor allem Wirtschaft und Kultur umfassen, aber diese auch im weitesten Sinne als Lebensweisen und deren Veränderungen bestimmt. Es sei wichtig, die Intensität des wirtschaftlichen, sozialen und technologischen Wandels während des Kalten Krieges zu erkennen (S. 5). Gerade die allgemeineren Beobachtungen stammen häufig aus diesen Perspektiven, doch dominieren eindeutig die Interaktionen der Staaten und Staatspersonen.

Unzählige Reaktionen in englischsprachigen Zeitungen und Medien waren sich gleich nach dem Erscheinen einig: die bisher beste Darstellung zum Thema, und auch die vier Autoren eines H-Diplo Roundtable zweifelten allesamt nicht an der herausragenden Qualität der Arbeit.[1] Diesem Urteil schließe ich mich ausdrücklich an.

Die 25 Kapitel umfassen alles, was man sich wünschen kann. Einige titeln nach Personen, andere betonen die Art der Transformation in einer bestimmten Zeit, wieder andere widmen sich bestimmten Weltregionen wie etwa dem neuen Asien nach 1945, der „Korean Tragedy“, „China's Scourge“, „Encountering Vietnam“, „The Cold War and India“, „...and Latin America“ oder „Nixon in Beijing“. Mehrere Kapitel sind zentral Europa gewidmet. Allerdings entsteht so keine additive Geschichte der Weltregionen, sondern die Querverbindungen des Gleichzeitigen werden zumeist knapp und klar benannt. Alle großen Krisen und Kriege kommen vor, aber auch etliche weniger spektakuläre Entwicklungen. Westad besitzt die Fähigkeit, oft mit wenigen Worten meist zu Anfang der Kapitel, ein Thema auf den Punkt zu bringen, neugierig zu machen und dann narrativ zu differenzieren. Er liebt die Anschauung und hat von der Popmusik über Gedichte bis zu sprechenden Zitaten aus öffentlichen Politiker-Reden oder -statements ein breites Spektrum zu bieten. Westad hat aber auch Dutzende von Archiven überall auf der Welt aufgesucht und berichtet so manch neues sprechendes Zitat. Durchgängig narrative Teile und in ihnen eingebettete Zitate geben so nicht das wieder, was man eh schon kennt, sondern bieten oft locker dahingeworfen neue Einsichten. Diesen wiederum merkt man an, dass kaum jemand die internationale Forschung in mindestens einem halben Dutzend Sprachen so gut kennt wie Westad, der immer mal wieder eine Nuance einbaut, ohne sich zu verlieren. 38 Seiten Endnoten bieten eigentlich nur Zitatnachweise; ein ausführliches Quellen- und Literaturverzeichnis hätte das Buchformat gesprengt (allerdings kann man so etwas heute auch online stellen...). Es ist müßig, Auslassungen oder zu knappe Darlegungen zu bemängeln – ein Rezensent fand ein Kapitel Lateinamerika zu wenig, ein anderer vermisste Finnland; es ist immer lohnend und erkenntnisfördernd, speziell Westads Linie zu folgen, der manchmal gekonnt gleichsam mit der Türe ins Haus fällt, wo sich der Rezensent eine viel längere Hinführung gewünscht hätte.

Westad formuliert gleich zu Anfang eine große These: „The Cold War was a confrontation between capitalism and socialism [...]. The Cold War did not decide everything, but it influenced most things.“ (S. 1f.) Damit holt er weit bis ins 19. Jahrhundert aus und gibt im Übrigen über das Epochenjahr 1989/90 hinaus einen Ausblick bis in die Gegenwart. Aber stimmt das auch? Westad identifiziert Kapitalismus nach 1945 eindeutig mit den USA und Sozialismus mit der Sowjetunion. Immer wieder werden Wirtschaftsproduktionen, umgerechnet nach heutiger Kaufkraft, erhellend einbezogen. Auf diese grundlegende Dichotomie ist zurückzukommen. Nicht alles, was geschah, erachtet Westad als notwendig. Den Ersten Weltkrieg hält er für einen Selbstmord Europas, gerade die amerikanischen Kriege nach 1945 waren unnötig, Vietnam eine „fallacy from the beginning“; das ist erfrischend. Der Kalte Krieg war für ihn jedoch der Sache nach unvermeidlich. Er endete mehr oder weniger mit einem Sieg der USA. Das schreibt er ohne triumphalistischen Unterton und gerade in den Tagen, als US-Präsident Trump gewählt wurde. Die in der Einleitung wiederholt betonte ungeheure Dynamik der Entwicklung wird im Narrativ eher zum Hintergrundgeräusch. Es sei möglich, dass künftig ganz andere Stränge der Weltgeschichte wichtig würden – der Aufstieg Asiens, die Raumfahrt, die Ausrottung von Pocken.

Von den geschilderten Voraussetzungen her, aber auch angesichts der möglichen Entwicklung in die Zukunft hin fragt man sich jedoch, ob die Dichotomie Sozialismus und Kapitalismus so durchschlagend ist. Die Kritik am US-Kapitalismus greift ja einen Zug auf, den William A. Williams schon 1959 als Leitbegriff verwandte und damit den ersten „Revisionismus“ in Gang setzte, der damals als marxistischer Blick heftig bekämpft wurde. Angesichts dessen verwundert es ein wenig, dass die Verwerfungen der globalen Finanzkrise seit dem letzten Jahrzehnt und deren Folgen im Ausblick nicht stärker argumentationsleitend sind. Es lässt sich sicher vertreten, dass die Rivalität der Supermächte in alle Erdgegenden abstrahlte; im „global cold war“ hatte Westad die beiden Ideologien noch als Empire of Justice und Empire of Liberty gekennzeichnet. Davon ist nicht mehr die Rede. Jetzt sind es explizit die sozioökonomischen Ordnungsprinzipien; socialism und capitalism werden im neuen Buch immer wieder programmatisch reifiziert und tauchen damit nicht mehr als politische Integrationsideologien mit Machtanspruch auf. Westad ist viel zu klug, um solche Einwände nicht selbst zu kennen. Und so gibt es bei ihm ganze Kapitel und in den meisten Kapiteln lange Passagen, die einfach die traditionellen, ganz unabhängig von seinen Leitgrößen entstandenen und ausgetragenen Konflikte darlegen – zumal in und um die „Third World“ (einen Begriff, den Westad gegenüber dem gängig werdenden „Global South“ bevorzugt), die als Kolonisierung und Dekolonisierung mit langem Vorlauf ganz anderen Logiken unterlagen und vielleicht in längerer Sicht wichtiger erscheinen könnten. Ich habe seit langem gerade von Westad viel über diese zentrale Grundbewegung gelernt, die parallel zum Kalten Krieg lief, älter war und erst recht heute nachwirkt,– gewiss aufgeladen durch den argumentativen Systemgegensatz. Was heißt es aber, wenn einmal Polen und Vietnam „subscribed to a Soviet ideal for development“ (meine Hervorhebung, S. 8)? Welche Zwänge und Abhängigkeiten führten zu solchen „Unterschriften“? Vergleichsweise wenig Gewicht legt der Autor auf die west- und dann gesamteuropäische Integration, die ihm u.a. zeigt, dass die vormaligen Kolonialmächte dem US-Kapitalismus letztlich nichts entgegengesetzt hätten; dem China-Kenner Westad vorzuhalten, das chinesische Modell des Sozialismus habe sich zunehmend vom sowjetischen – auch international – unterschieden, klingt fast schon komisch. Kurz: die Dichotomie von Kapitalismus (den es ja weiterhin gibt) und Sozialismus verwischt zu sehr die macht- und weltpolitischen Ansätze der beiden Supermächte, die der Autor durchgehend klug analysiert.

Überraschend wenig Beachtung schenkt Westad dem nuklearen Wettrüsten und den insgesamt strukturierenden Annahmen eines drohenden großen Krieges; die Hinweise auf einige Fast-Weltkriege (er nennt nur Kuba und Able Archer 1983) hätten eine stärkere Betonung dieser Ressourcenverschwendung nahegelegt. Ebenso findet sich zur UNO nach der knappen Gründungsgeschichte nicht mehr viel. Explizite Auseinandersetzungen und Abwägungen unterschiedlicher Ansätze kann sich Westad in seinem lesbaren Buch nicht leisten. Der Kalte Krieg begann für ihn in Polen – andere Autoren haben von Ostasien 1945, Iran Januar 1946 oder von Triest 1945 gesprochen.

Bestreiten lassen sich viele Aussagen, das schulden wir unserer wissenschaftlichen Sozialisation. Aber dass François Mitterrand im Jahr 1989 immer das deutsche Selbstbestimmungsrecht hochgehalten habe, wird ganz ausnahmsweise mit einer französischen Monographie (Frédéric Bozo) und nicht mit einem Quellenzitat belegt und bleibt heftig bestreitbar.

Wie viele andere ähnliche Arbeiten zeigen, ist ein Springen von Thema zu Thema bis zu einem gewissen Grade erforderlich. Ein Kapitel ist ausdrücklich „The Age of Brezhnev“ tituliert und Westad selbst wägt das gegenüber anderen prägenden Persönlichkeiten dieser Jahre ab – von US-Präsidenten über Willy Brandt, die Feministin Betty Friedan bis zu Julius Nyerere, beharrt jedoch auf dem Generalsekretär: „Cautious, reactive, formulatic, and technocratic“ (S. 365). Das kann man nachvollziehen, doch es folgen in dem Abschnitt neben der Entwicklung im Ostblock insgesamt (Prager Frühling!) auch de Gaulle und die Studentenproteste jener Jahre sowie der Eurokommunismus. In einem späteren Kapitel (S. 475) werden uns gänzlich andere Züge des sowjetischen Politikers benannt – auch einleuchtend.

Doch das sind in der Summe Kleinigkeiten. Was bleibt, sind die Bewunderung für eine ungeheure Leistung an Forschungsintegration, jedoch auch Zweifel an der Dichotomie und die Beobachtung, dass die Verbindung von einer modernen internationalen Geschichte mit dem Schwerpunkt auf Interaktion der zentralen Akteure und strukturellen Fragen nach wie vor eine methodisch anspruchsvolle, immer wieder neu zu leistende Aufgabe ist, für die es kein Patentrezept gibt.

Anmerkung:
[1] H-Diplo, Roundtable Review XIX, 31 (2018): https://networks.h-net.org/system/files/contributed-files/roundtable-xix-31.pdf (30.04.2018).

Zitation
Jost Dülffer: Rezension zu: : The Cold War. A World History. London  2017 , in: H-Soz-Kult, 28.06.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28223>.