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Titel
Ernest Jouhy. Zur Aktualität eines leidenschaftlichen Pädagogen


Hrsg. v.
Heyl, Bernd; Voigt, Sebastian; Weick, Edgar
Erschienen
Frankfurt a. M. 2017: Brandes & Apsel Verlag
Umfang
264 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Micha Brumlik, Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg

Den bedeutenden Erziehungswissenschaftler, von dem das zu rezensierende Buch handelt, habe ich selbst noch als Student vor etwa fünfundvierzig Jahren in einer Prüfung an der Frankfurter Goethe Universität erleben können. Ernest Jouhy galt damals als ein „linker“ Professor, von dem freilich bekannt war, dass er dem als orthodox und dogmatisch verschrienen Parteikommunismus abhold war und er sich vor allem den Fragen der damals sogenannten „Dritten Welt“ und ihrer Bedeutung für die Pädagogik zuwandte.

Zu Leben und Werk dieser außerordentlichen, politisch mutigen, wissenschaftlich produktiven sowie künstlerisch begabten Persönlichkeit haben nun Weggefährten und jüngere Historiker einen Sammelband publiziert, der Leben und Werk dieses undogmatischen Kommunisten, leidenschaftlichen Lehrers sowie exzellenten Erziehungswissenschaftlers in insgesamt neun Beiträgen sowie verschiedenen, vom Autor selbst verfassten Aufsätzen, Kurzgeschichten und Gedichten dokumentiert. Von den neun Beiträgen sind sieben eigens für diesen Band verfasst, während zwei kürzere Beiträge älteren Festschriften entnommen sind.

Der Beitrag des Historikers Sebastian Voigt, dem wir eine „Geschichte des jüdischen Mai 1968“[1] verdanken, eröffnet den Band mit einer biographischen Studie zu „Widerspruch und Widerstand. Zum Lebensweg und zur politischen Entwicklung Ernest Jouhys“. Dieser Beitrag legt präzise dar, wie aus dem einer jüdischen Familie entstammenden jungen Berliner Kommunisten in der französischen Emigration ein zunächst gejagter jüdischer Flüchtling, sodann ein Pädagoge, ein Heimleiter, dann aber ein Kämpfer im bewaffneten Widerstand gegen die kollaborierende Vichy Regierung wurde, und wie schließlich dieser Ernst Jablonski, der sich nach dem Krieg Ernest Jouhy nannte, ein Lehrer für Geschichte an dem reformpädagogisch orientierten Internat „Odenwaldschule“ wurde; ein Lehrer, der dort bald Pädagogischer Leiter werden sollte. In den frühen 1950er-Jahren, den Jahren von Stalinismus und Kaltem Krieg, verließ Jouhy schließlich den „Parti Communiste“, deren Mitglied er geworden war. In dieser Phase seines Lebens wandte er sich zudem der Tiefenpsychologie, der Psychoanalyse zu – speziell in der Variante Alfred Adlers, der sogenannten „Individualpsychologie“ – die, anders als die freudianische Psychoanalyse, nicht den Sexual-, sondern den Geltungstrieb als basal ansah. In dieser Disziplin wurde denn Ernest Jouhy auch Lehranalytiker. Seit den späten 1960er-Jahren lehrte er an der AfE („Abteilung für Erziehung“) der genannten Pädagogischen Hochschule Frankfurt/Main, um kurze Zeit später zum Professor für Sozialpädagogik an der Goethe Universität ernannt zu werden. Sebastian Voigt widmet sich in seinem Beitrag nicht zuletzt dem in der Tat wieder zu entdeckenden Dichter Jouhy, von dem er eine den ganzen Menschen treffend charakterisierende Aussage wiedergibt: „Heimat existiert nicht im privaten Glück. Heimat beginnt im öffentlichen Engagement.“

Dass allen politischen Widrigkeiten zum Trotz Jouhy ein auch privat glückliches Leben geführt haben dürfte, ist der autobiographischen Vorbemerkung seines Sohnes Andre Jablonski zu entnehmen. Edgar Weick, langjähriger Leiter der zentralen Arbeitsstelle für wissenschaftliche Weiterbildung an der FH Wiesbaden, widmet den normativen, den pädagogischen und politischen Prinzipien von Jouhys Variante einer emanzipatorischen Erziehung eine ebenso klare wie überzeugende Darstellung. Er zeigt, dass und wie Jouhy „Vernünftiges Vertrauen“ als Bildungsziel postuliert und dabei gegen Gesellschaftsentwürfe polemisiert, die die Selbstverantwortung individueller Existenz vernachlässigen.

Praktisch wurde dieses Programm Jouhys in jener „Pädagogik der Dritten Welt“, die Jouhy lange vor den Moden der postkolonialen Theorie etablierte und die er auch in individueller Verantwortung durch weite Reisen etwa nach Indonesien Wirklichkeit werden ließ. Diesem Teil seines Wirkens geht Bernd Heyl nach, der Jouhy nicht nur aus der Zusammenarbeit am erziehungswissenschaftlichen Fachbereich der Goethe Universität gut kannte. Persönliche Erinnerungen der pädagogischen Avantgarde wie Heinrich Kupffer und Otto Herz rahmen die Darstellung, die in der Sache mit weiteren Beiträgen von Sebastian Voigt und Edgar Weick zu dem noch viel zu wenig bekannten, durchaus wiederzuentdeckenden dichterischen Werk von Jouhy schließt.

Eines seiner Gedichte – 1985 in PÄD.extra (2/1985) veröffentlicht, schließt mit den Zeilen: „So dient ich nur / als notgebaute Brücke, / auf der ein Erbe, / das ich stolz gekannt, / zu Euch zerfetzt und frierend / über Gräber, / den Abgrund der Verworfenen / fliehend, kam. / Weil Ihr am andern Ufer / es empfangen, / gabt Ihr dem Notbau Wert“.[2]
Noch immer ist der Beitrag jüdischer Remigranten beim Auf- und Ausbau der westdeutschen Demokratie noch nicht genügend im Zusammenhang und im Kontext gewürdigt worden – doch steht dies auf einem anderen Blatt.

Das besprochene Buch jedenfalls erfüllt alle Anforderungen an eine solche Perspektive für den Fall einer einzelnen Person. Übersichtlich gegliedert, mit zureichendem Bildmaterial sowie einer biographischen Zeittafel versehen, eröffnet es Leserinnen und Lesern schnell die Möglichkeit, Leben und Werk eines zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Pädagogen kennenzulernen, eines Mannes, der von der Politik kommend wohl mit biographischen Brüchen, nicht aber aus sachlichen Kurswechseln zu einem der bedeutendsten Pädagogen der Bundesrepublik werden sollte. Die von den Herausgebern beabsichtigte Mischung aus systematischen Darstellungen hier und Zeitzeugenberichten dort führt zwangsläufig zu einer gelegentlichen Redundanz an biographischer Information, was aber deshalb kein Schaden ist, weil dieselben Informationen aus den Perspektiven ganz verschiedener Personen stammen und somit ein anschauliches Bild dessen ergeben, wie Jouhy von seiner fachlichen und persönlichen Umwelt gekannt, in der Regel geschätzt, aber auch durchaus kritisch zur Kenntnis genommen wurde.

Anmerkungen:
[1] Sebastian Voigt, Der jüdische Mai ’68: Pierre Goldman, Daniel Cohn-Bendit und André Glucksmann im Nachkriegsfrankreich, Göttingen 2015.
[2] So zitiert in B. Heyl u.a. (Hrsg.), Ernst Jouhy. Zur Aktualität eines leidenschaftlichen Pädagogen, Frankfurt/Main 2016, S. 233.

Zitation
Micha Brumlik: Rezension zu: Heyl, Bernd; Voigt, Sebastian; Weick, Edgar (Hrsg.): Ernest Jouhy. Zur Aktualität eines leidenschaftlichen Pädagogen. Frankfurt a. M.  2017 , in: H-Soz-Kult, 26.02.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28326>.
Redaktion
Veröffentlicht am
26.02.2018
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). http://www.fachportal-paedagogik.de/hbo/