P. Eiden-Offe: Poesie der Klasse

Cover
Titel
Die Poesie der Klasse. Romantischer Antikapitalismus und die Erfindung des Proletariats


Autor(en)
Eiden-Offe, Patrick
Erschienen
Berlin 2017: Matthes & Seitz
Umfang
460 S.
Preis
€ 30.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stephan Gregory, Fakultät Medien, Bauhaus-Universität Weimar

Patrick Eiden-Offes Untersuchung zur literarischen Hervorbringung des Vormärz-Proletariats hat eine bemerkenswerte feuilletonistische Resonanz erfahren. Dies ist angesichts der literarischen Qualität und der politischen Relevanz des Buchs nur gerecht, bleibt aber erklärungsbedürftig. Denn zunächst scheint sich das Buch bruchlos in eine Tradition marxistischer Geschichtsschreibung einzufügen, die ihre besten Zeiten schon hinter sich hat. Seit Edward P. Thompsons bahnbrechendem Buch „The Making of the English Working Class“ (1963)[1] hat es dutzende (weltweit vermutlich hunderte) von Untersuchungen gegeben, in denen gezeigt wurde, wie eine bestimmte Klasse oder Klassenfraktion „gemacht“ wurde. Diese konstruktivistisch informierten Arbeiten dienten allerdings nicht dazu, die Klasse in ein bloßes Spiel leerer Signifikanten aufzulösen; den Historikern, die sich seit den 1980er–Jahren mit den „languages of class“[2], mit den „Repräsentationen“, den „Diskursen" oder "Imaginationen“ der Klasse befassten[3], ging es wohl immer auch um die politisch-praktische Frage, wie und unter welchen Bedingungen sich eine kämpfende Klasse konstituiert. Unwillkürlich trug jedoch auch der linguistic turn der Klassengeschichte zur galoppierenden Schwindsucht des Gegenstands Klasse bei, und so ist es nicht erstaunlich, dass die Rede von der „Konstruktion“ der Klasse, von ihrer „Gemachtheit“, ihrer „Hervorbringung“, ihrer „Erfindung“ oder ihrer „Poetologie“ bei den sich orthodox fühlenden Marxisten auf erbitterte Gegenwehr stieß.

Aus der Traditionslinie der Making-of-Class-Geschichten schert „Die Poesie der Klasse“ nirgends aus. Zwar findet sich darin eine Polemik gegen die ‚klassische’ Sozialgeschichtsschreibung à la Jürgen Kocka, die Sprache lediglich als Abbildung von Klassenverhältnissen begreife und damit ihre „projektiv-konstruktive Dimension“ verfehle (S. 74). Doch bleibt die Untersuchung ganz im Rahmen einer Erfahrungsgeschichte, die um Prozesse der kollektiven Bewusstwerdung und imaginären Identifizierung kreist. Neben E.P. Thompson und Eric Hobsbawm bildet Jacques Rancière die wichtigste theoretische Referenz. Dessen Studie „La Nuit des prolétaires“ von 1981[4] ist für Eiden-Offes Buch in mehrfacher Hinsicht beispielgebend, vor allem was die Betonung der Poesie, des literarischen Schreibens als Form des Arbeiterwiderstands angeht.

In präzisen Lektüren sehr unterschiedlicher Texte des Vormärz, von Ludwig-Tieck-Novellen über Gesellengedichte und Kolportageromane bis zu Engels' Sozialreportagen, zeigt Eiden-Offe, wie Poesie, Imagination und Mythos die politische Figur der Klasse hervorbrachten. Das Pikante daran ist, dass das Vormärz-Proletariat, um dessen Zusammensetzung es geht, nach marxistischen Kriterien eigentlich (noch) gar keine Klasse war. Eiden-Offe beschreibt es mit der Metapher des “Buntscheckigen“ in Anlehnung an Marx, der im „Kapital“ beiläufig von einem "buntscheckigen Haufen der Arbeiter von allen Professionen, Altern, Geschlechtern"[5] sprach. Während aber Marx und Engels „buntscheckige“, unübersichtliche Verhältnisse eher weniger schätzten, wird der Begriff bei Eiden-Offe positiv gewendet. Dass das Vormärz-Proletariat „ein überaus heterogenes Konglomerat“ (S. 21) bildete, erscheint nicht als Mangel, sondern als Vorzug: Von der späteren, industriekapitalistisch formatierten, „uniformierten“ Arbeiterklasse unterschied sich das frühe Proletariat durch seinen „offenen, versammelnden, ‚multiversalen’ Charakter“ (S. 33).

So besteht die Originalität von Eiden-Offes Proletariats-Geschichte vor allem darin, dass sie der Unschärfe des Klassenbegriffs eine konstruktive Funktion, seiner zunehmenden Vereindeutigung dagegen eine destruktive Wirkung zuschreibt. Sein Lob der ‚Early German Patchwork Class’ spricht von der Sehnsucht nach einer Klasse vor dem Sündenfall der „Uniformierung und Normierung“ (S. 319), durch die das Proletariat zur Arbeiterklasse und damit zu einem passgenauen Antagonisten und notwenigen Pendant des Kapitals wurde. Die Sympathie des Buchs gilt nicht nur dem wilden Haufen der Entwurzelten und Entrechteten, sondern auch den vielfältigen Erscheinungsformen des Widerstands gegen die aufgedrungene Lohnarbeit, eine Rebellion, deren Wirksamkeit noch nicht auf eine organisierte Arbeiterschaft beschränkt war. Die Helden von Eiden-Offes Klassenroman sind die schillernden Figuren der "Sozialbanditen" (S. 260ff.) und "Maschinenstürmer" (S. 281ff.).

Dem Einwand, dass das schwer nach Sozialromantik klingt, nimmt Eiden-Offe den Wind aus den Segeln, indem er seine Untersuchung von vorneherein als ein Unternehmen zur „Rettung“ des „romantischen Antikapitalismus“ deklariert (S. 27ff.). Gegen Lukács, der im romantischen Vergangenheitsbezug eine „unkritische Verherrlichung“ früherer, ständischer Verhältnisse gesehen hatte, wendet er ein, dass gegen das Unerträgliche der Gegenwart manchmal nur die Mobilisierung der Vergangenheit hilft.

Es verwundert zunächst, warum in dieser „romantisch-antikapitalistischen Rettungshistoriografie“ (S. 31) der Begriff der Klasse eine so herausgehobene, titelgebende Rolle spielt. Warum den unromantischen Sortierbegriff der Klasse verwenden, wenn man „Haufen“ sagen könnte, „Plebs“, „die Vielen“, oder „multitude“? Dass Eiden-Offe an der Klasse festhält, hat zweifellos mit dem Rettungsauftrag seiner Geschichtsschreibung zu tun: Wie die romantische Kapitalismuskritik, so gilt es aus seiner Sicht auch die Klasse zu retten. Gegen die Zurichtung zur exkludierenden Kategorie soll an ihren vormärzlichen, „universell-inklusiven“ Gebrauch erinnert werden.

Glücklicherweise wird die Analyse des Materials durch die vorgefasste Rettungsabsicht nicht beeinträchtigt. Eiden-Offe will nicht nur „Literatur wie Theorie und Theorie wie Literatur“ (S. 34) lesen; er sieht dabei auch bewusst von vorgegebenen Qualitätsurteilen ab und betrachtet die unterschiedlichsten literarischen und journalistischen Produkte als gleichermaßen aussagekräftige „Medien, in denen sich die imaginäre Formierung von Klassenidentitäten und -bewusstseinsformen vollzieht und nachvollziehen lässt“ (S. 34). Seine ebenso geduldigen wie ergiebigen Analysen zeigen, dass es sich durchaus noch (oder wieder) lohnen kann, Literatursoziologie zu betreiben, das heißt Texte nach ihren außertextlichen Voraussetzungen und Effekten zu befragen.

Seine politische Brisanz erhält das Buch durch den ständig mitlaufenden historischen Vergleich und den unausgesetzten Bezug auf die Gegenwart. Im Hinblick auf die Erfahrungen des Vormärz erscheinen die heutigen Prekarisierungsprozesse im neuen Licht: „Was nach dem Ende dieser formierten Arbeiterklasse kommt, ist das Proletariat in einer wieder rohen, ausgewilderten, heterogen-buntscheckigen Form. Die stetige Erosion des ‚Normalarbeitsverhältnisses’ treibt Klassenfigurationen hervor, die denen des Vormärz immer mehr ähneln.“ (S. 37).

Es liegt nahe, darüber nachzudenken, ob nicht einige der Aktionsformen, die vor der Etablierung der organisierten Arbeiterbewegung von Nutzen waren, heute eine neue Relevanz bekommen. Eiden-Offe geht insbesondere auf den Luddismus ein, dem ja tatsächlich durch die Anfälligkeit der technischen Steuerungssysteme enorme Möglichkeiten zugewachsen sind. Doch darüber hinaus: Was sagt uns der Vormärz noch? Ein nicht zu vernachlässigender Unterschied besteht immerhin darin, dass die erste Welle der Proletarisierung die Menschen aus ständischen Verhältnissen gerissen hat, während die heutige Freisetzung sie (zumindest in den Metropolen) aus etablierten Formen des nationalstaatlich organisierten Klassenkompromisses herausreißt. Wenn die romantische Sehnsucht sich auf eine Wiederherstellung der zerstörten früheren Lebensverhältnisse richtet, so wird sie heute nicht als romantischer Antikapitalismus in Erscheinung treten, sondern als nostalgische Verklärung des ‚guten alten Kapitalismus’, der sich noch mit Vokabeln wie ‚Sozialpartnerschaft’ oder ‚soziale Marktwirtschaft’ schmücken konnte.

Zudem bleibt fraglich, was die Impulse des romantischen Antikapitalismus dazu beitragen können, die heutigen, in anderer und intensiverer Weise technisch und medial vermittelten Subjektverhältnisse aufzuklären. „Poesie“ wird bei Eiden-Offe dezidiert als technikfrei verstanden; dass es sich dabei auch um technische und mediale Poiesis handeln könnte, wird nirgends auch nur angedeutet. Dabei wäre es auch im Hinblick auf die Vormärz-Situation durchaus interessant, sich zu fragen, inwiefern klassenförmige Subjektivierung und die Formatierung von Massen zu Klassen etwas mit Medien (Marx spricht von „Kommunikationsmitteln“) und technischen Dispositiven (z.B. der „Großen Maschinerie“) zu tun haben. Sobald die Sprache auf Technik kommt, regiert jedoch in Eiden-Offes Buch der herbe Charme einer links-hegelianischen Entfremdungskritik. Die Maschine erscheint als das feindliche Andere des Menschen; ein Interesse an ihrem Funktionieren ist nur gutzuheißen, weil es dazu dienen kann, sie möglichst effektiv zu sabotieren.

Zu diskutieren wäre schließlich auch, ob und warum die romantischen Praktiken der Mythopoiesis als Vorbild für postindustrielle Klassenbildungsprozesse dienen sollten (vgl. S. 330). Man könnte sich streiten, wie ‚emanzipatorisch’ es ist, wenn die Akteure des Klassenkampfs sich „willentlich der Macht selbstfabrizierter Mythen überlassen und diese als Waffe im politischen Kampf einsetzen“ (S. 321). Spannender ist aber vielleicht die Frage, inwieweit eine solche voluntaristische Mythenproduktion überhaupt funktionieren kann. In einem Interview hat Eiden-Offe erklärt, dass man einen Mythos „nicht als Wissenschaftler erfinden“ könne.[6] Sein Buch scheint jedoch das Gegenteil zu beweisen. Auch weil es wirklich schön geschrieben ist – in einer Sprache, die von Robert Walser bis Politpop alle Register zieht –, kann man sagen, dass Eiden-Offe selbst ein Stück ‚Poesie der Klasse’ geschaffen hat, einen Mythos, der möglicherweise doch noch dazu führt, dass neue „kämpferische Kollektive sich zusammenfinden“ (S. 332).

Anmerkungen:
[1] E. P. Thompson, The Making of the English Working Class, London 1963; deutsch: Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse, Frankfurt am Main 1987.
[2] Gareth Stedman Jones, Languages of Class. Studies in English Working Class History 1832–1982, Cambridge 1996.
[3] Paradigmatisch: Dror Wahrman, Imagining the Middle Class. The Political Representation of Class in Britain, c. 1780–1840, Cambridge 1995.
[4] Jacques Rancière, La nuit des prolétaires. Archives du rêve ouvrier, Paris 1981; deutsch: Die Nacht der Proletarier. Archive des Arbeitertraums, Wien 2013.
[5] Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band (1867), in: Werke (MEW), Bd. 23, Berlin 1956 ff., S. 268.
[6] Lennart Laberenz, „Klassenkampf braucht Mythos“ [Interview mit Patrick Eiden-Offe], in: der freitag 31, 3.8.2017, S. 7, <https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/klassenkampf-braucht-mythos> (25.5.2018).

Zitation
Stephan Gregory: Rezension zu: : Die Poesie der Klasse. Romantischer Antikapitalismus und die Erfindung des Proletariats. Berlin  2017 , in: H-Soz-Kult, 07.06.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28328>.