Titel
Italiener auf dem Balkan. Besatzungspolitik in Jugoslawien 1941–1943


Autor(en)
Ruzicic-Kessler, Karlo
Erschienen
Umfang
363 S.
Preis
€ 89,95
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Sanela Schmid, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Die an der Universität in Wien verteidigte Dissertation von Karlo Ruzicic-Kessler ist tatsächlich die erste deutschsprachige Studie über die Italiener „in Jugoslawien“, wie es der Untertitel des Buches präzisiert. Auf der Basis von überwiegend italienischen Quellen macht sich der Autor daran, das italienische Handeln während der Besatzungszeit in Jugoslawien zu analysieren. So steht „das Verhältnis der italienischen Besatzer sowohl zu Verbündeten als auch zu Feinden während des Krieges“ (S. 1) im Zentrum des Erkenntnisinteresses. Dabei arbeitet er vor allem die Wechselwirkung von militärischen Auseinandersetzungen und diplomatischen Zwängen heraus.

Das Buch gliedert sich in vier Teile, wobei der dritte Teil – die Folgen der Okkupation – das inhaltliche Zentrum und mit über 200 Seiten weitaus umfangreicher als der Rest des Buches ist. Zunächst untersucht der Autor italienische Aspirationen auf den Balkan in der Zwischenkriegszeit. Dabei vertritt er die These, dass das faschistische Italien „keine klare Linie verfolgte und in vielerlei Hinsicht dem politisch-militärischen Wandel in Europa ausgesetzt war“ (S. 39). Der zweite Teil „Teilung, Okkupation und Annexion Jugoslawiens“ beleuchtet dann vor allem den neu geschaffenen „Unabhängigen Staat Kroatien“ sowie das Verhältnis Italiens sowohl zu seinen nominellen Verbündeten – Nazideutschland und Ustascha – als auch zu den serbischen Tschetniks als ad hoc Verbündeten. Viel Platz nimmt hier auch die Festlegung der Grenzen für jedes Gebiet ein, wodurch sehr deutlich wird, wie schwierig und unbefriedigend die Lösungen für alle Parteien letztlich waren.

Während sich die ersten beiden Teile überblicksartig darstellen, baut der Autor im dritten Teil seine Argumentation vor allem auf seinen Recherchen auf. Dabei geht er nach Gebieten vor, denn je nach Besatzungsgebiet unterschieden sich die Situation und somit auch der italienische Ansatz, mit dieser umzugehen, deutlich. Letztlich sei die Implementierung italienischer Herrschaft nirgendwo reibungslos verlaufen, zum Teil wegen der Aspirationen der Verbündeten Italiens, zum Teil wegen örtlichen Begebenheiten – wie etwa in Montenegro, wo viele mächtige Clanchefs ihre eigenen Pläne in den von ihnen kontrollierten Regionen verfolgten.

Es sind die großen Erklärungsmuster, die Karlo Ruzicic-Kessler interessieren und die er gekonnt präsentiert. Er wägt sehr gut die internen italienischen Faktoren gegeneinander ab, wie sie insbesondere in der Konkurrenz zwischen der zivilen Verwaltung und dem Militär hervortraten, um einen wichtigen Erklärungsansatz für das italienische Verhalten anzubieten. Mit seiner differenzierten Betrachtungsweise zeigt er beispielsweise, wie sich der Zivilkommissar von Slowenien, Emilio Grazioli, einerseits durchaus um „seine“ Slowenen bemühte, während er gleichzeitig keine Probleme damit hatte, die härtesten Repressionsmaßnahmen gegen die Partisanen zu unterstützen. (S. 163) Die Analyse der Beziehungen Italiens zu seinen Verbündeten Deutschland und Kroatien bleibt hingegen hinter den Erwartungen zurück, da sie etwas zu knapp ausfällt und nur vom italienischen Standpunkt aus erfolgt.

Auch die bereits viel erforschte Rettung der Juden im italienischen Besatzungsgebiet nimmt der Autor unter die Lupe und zeigt deutlich das ambivalente Verhalten der Italiener in dieser wichtigen Frage auf. Um dies zu erklären, positioniert Ruzicic-Kessler sich zwischen den beiden Polen einer „humanitären“ und einer „berechnenden“, „politischen“ These.[1] Er betont wieder stärker die in der neueren Forschung in den Hintergrund getretene humanitäre These, wobei er nicht dem italienischen Volk an sich eine „genuine Güte“ zuspricht, sondern argumentiert, dass es zwar einzelne Menschen waren, die durchaus aus humanitären Gründen handelten, diese jedoch an wichtigen Schaltstellen saßen. (S. 208)

Kurz nach der Besetzung der jugoslawischen Gebiete, trat das ein, womit die Besatzer anscheinend am allerwenigsten gerechnet hatten: es formte sich Widerstand. Sowohl seine Ursachen als auch seine Gestalt waren wieder regional unterschiedlich. Im Laufe der Jahre entwickelte sich schließlich ein immer stärkerer, für das gesamte jugoslawische Gebiet zentral gelenkter kommunistischer Widerstand. Hier arbeitet der Autor heraus, welcher Mittel zu seiner Bekämpfung sich die italienischen Besatzer bedienten, die wieder je nach Gebiet differieren konnten. Eines dieser Mittel war die Kollaboration mit den Tschetniks. Andere waren militärische Operationen mit und ohne Verbündete sowie Repressionsmaßnahmen gegen die Zivilbevölkerung. Besonders eindrücklich ist hier sicherlich das Kapitel zu den italienischen Konzentrationslagern. Italien internierte zwischen 40.000 und 100.000 Südslawen (vor allem Slowenen und Kroaten) unter teilweise menschenunwürdigen Verhältnissen, sowohl im Mutterland als auch in den annektierten Gebieten. Die schlimmsten Lebensbedingungen wies dabei das Lager auf Arbe/Rab auf, für das der Autor eine Sterberate von bis zu 50 Prozent aller Internierten annimmt. (S. 2) Ob die Faschisten darauf abzielten, die slawischen Gefangenen dieses Lagers zu vernichten (S. 282), wie der Autor andeutet, geht jedoch nicht aus dem Text hervor und müsste durch weitere Studien geklärt werden.

Dem Leser, der sich nach diesem Kapitel fragt, warum italienische Verbrechen nicht in der italienischen und europäischen Öffentlichkeit bekannter sind, liefert Ruzicic-Kessler hierfür ebenfalls eine Erklärung. Im Gegensatz zu vielen Arbeiten, die mit der italienischen Kapitulation im September 1943 aufhören, verfolgt er im vierten Teil des Buches die italienischen Geschicke nicht nur bis 1945, sondern bis in die ersten Nachkriegsjahre. Dies ist auch einer der gelungensten Teile des Buches. Hier schildert er, wie die italienischen Nachkriegspolitiker sich bemühten zu verhindern, dass auch nur ein einziger Italiener wegen Kriegsverbrechen an die ehemals besetzten Staaten ausgeliefert wird. Aufgrund des sich zuspitzenden Ost-West-Konflikts und der italienfreundlichen Politik der Alliierten waren diese Bemühungen letztlich erfolgreich. Dabei hatte allein Jugoslawien kurz nach dem Krieg die Auslieferung von 750 mutmaßlichen Kriegsverbrechern angestrebt.

Vielleicht genauso verstörend ist auch die sprachliche Kontinuität zwischen der faschistischen und der Nachkriegsepoche bei der Beschreibung der eigenen Nation als human und zivilisiert und der Südslawen als barbarisch, die der Autor anhand diverser Zitate zeigt: „Die Okkupation [durch die Jugoslawen, S.S.] gesamt Julisch Venetiens […] hatte einen solch barbarischen Charakter […], sodass kein Mensch mit Herz, der die Zivilisation schätzt, Leute dazu zwingen könnte, sich einem solchen Regime zu unterstellen“. (S. 324) Diese Zeilen aus einem Schreiben gegen die jugoslawischen Forderungen nach der Auslieferung von Kriegsverbrechern stammen nicht von einem (ehemals) faschistischen Bürokraten, sondern von einem der frühesten Befürworter der Europäischen Einigung, Alcide De Gasperi.

Zusammenfassend ist Karlo Ruzicic-Kessler eine auch sprachlich sehr gute Untersuchung der italienischen Besatzung in Jugoslawien gelungen, die den Blick auf die vielen Wechselwirkungen zwischen militärischen und diplomatischen Zwängen und Handlungsspielräumen wirft und versucht, übergreifende Erklärungen für das italienische Handeln zu liefern. Während vieles aus der Zeit bis 1943 bereits vorher bekannt war, so vermag das Buch besonders durch die Verbindung dieser Zeit mit der unmittelbaren Nachkriegszeit zu überzeugen – und zu ernüchtern. Für die deutschsprachige Leserschaft ist es eine gute Ergänzung zu den Studien von Klaus Schmider und Alexander Korb.[2]

Anmerkungen:
[1] Um zwei Gegenpole zu nennen: Jonathan Steinberg, Deutsche, Italiener und Juden. Der italienische Widerstand gegen den Holocaust, Göttingen 1992; Davide Rodogno, Il nuovo ordine mediterraneo. Le politiche di occupazione dell’Italia fascista in Europa (1940–1943), Turin 2003.
[2] Klaus Schmider, Partisanenkrieg in Jugoslawien 1941–1944, Hamburg 2002; Alexander Korb, Im Schatten des Weltkriegs. Massengewalt der Ustaša gegen Serben, Juden und Roma in Kroatien, 1941–1945, Hamburg 2013.

Zitation
Sanela Schmid: Rezension zu: : Italiener auf dem Balkan. Besatzungspolitik in Jugoslawien 1941–1943. Berlin  2017 , in: H-Soz-Kult, 18.12.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28398>.
Redaktion
Veröffentlicht am
18.12.2018
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/