Titel
Humanitäre Kommunikation. Entwicklung und Emotionen bei britischen NGOs 1945–1990


Autor(en)
Kuhnert, Matthias
Erschienen
Umfang
VI, 318 S.
Preis
€ 44,95
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Benjamin Möckel, Historisches Institut, Universität zu Köln

Emotionen haben keinen leichten Stand in den aktuellen Debatten über humanitäre Hilfe. Nachdem lange Zeit die menschliche Fähigkeit zur Empathie als Kern einer neuen globalen Moral propagiert wurde, betonen Autoren wie Fritz Breithaupt und Paul Bloom aktuell die „dunklen Seiten der Empathie“ oder fordern, dass Emotionalisierungen durch „rational compassion“ ersetzt werden müssten.[1] Die „effective altruism“-Bewegung greift diese Gedanken auf. Man könnte in Anlehnung an die gleichnamige Figur aus Charles Dickens’ Roman „Bleak House“ von einem „Mrs. Jellyby“-Syndrom sprechen: Im Raum steht schnell der Vorwurf, dass es Helfenden weniger um die Hilfsleistungen selbst gehe als um die eigenen Gefühle, die dieses Helfen begleiteten.

Eine historische Beschäftigung mit der Frage, welche Rolle Emotionen im Feld des Humanitarismus spielen, ist insofern äußerst sinnvoll. Zwar ist Matthias Kuhnerts Feststellung, dass es in der Forschung bislang in der Regel bei „einer bloßen Feststellung, dass Emotionen relevant seien“ (S. 1) geblieben sei, gewiss übertrieben. Dennoch liefert sein Buch viel Neues und Erhellendes zu dem Themenkomplex. Sein Ansatz ist eine vergleichende Institutionengeschichte, die Emotionen vor allem in ihrer Bedeutung für die interne und externe Kommunikation der Hilfsorganisationen in den Blick nimmt.

Kuhnert untersucht die beiden britischen Hilfsorganisationen Christian Aid und War on Want. Erstere ging aus einer kirchlichen Gründung hervor und ist für Kuhnert ein Beispiel für den „protestantisch-christlich motivierten Flügel“ (S. 2) des Humanitarismus; letztere war eine Initiative von Victor Gollancz (der aber relativ schnell das Interesse verlor) und war eng mit führenden Labour-Politikern und der Gewerkschaftsbewegung verbunden. In Abgrenzung zur philanthropischen Tradition inszenierte sich War on Want als „radical charity“, die auch vor politischen Kontroversen nicht zurückschreckte. Ebenso aussagekräftig sind jedoch die Gemeinsamkeiten der beiden Institutionen, die sich nicht zuletzt aus ihrem jeweiligen Entstehungskontext in der unmittelbaren Nachkriegszeit und ähnlichen strukturellen Entwicklungen in den folgenden Jahrzehnten erklären. Im gesamten Buch spielen diese Parallelen und analogen Strukturentwicklungen jedenfalls eine größere Rolle als die konkreten Unterschiede in der entwicklungspolitischen Praxis und Selbstinszenierung.

Das Buch verfolgt die beiden Institutionen in drei chronologisch angelegten Kapiteln von ihrer jeweiligen Gründung bis in die späten 1980er-Jahre. Im ersten Kapitel steht die Konstituierungsphase im Vordergrund. Hier analysiert Kuhnert den auch für andere NGOs typischen Übergang von einem eher improvisierten und auf freiwilligem Engagement und Amateurgeist beruhenden Vorgehen zu einem Prozess der Institutionalisierung und Professionalisierung. Vor allem für War on Want bedeutete dies einen radikalen Bruch, der mit der Ablösung von Frank Harcourt-Munning als mythisch überhöhter Gründungsfigur einherging.

Die beiden weiteren Kapitel bilden den Kern der Untersuchung. Kapitel 2 analysiert die Transformation humanitären Engagements seit der Mitte der 1960er-Jahre. Hier macht Kuhnert vier zentrale Motive aus: Erstens eine (weitere) Professionalisierung und Expansion der Institutionen, die zum Teil neue Konflikte, aber auch neue Einflussmöglichkeiten eröffnete; zweitens eine Adaption neuer ökonomischer und entwicklungspolitischer Wissensbestände, die auch zu einer „politischeren“ Interpretation der eigenen Arbeit führten; drittens eine veränderte Wahrnehmung der Empfänger der eigenen Hilfsleistungen, die nun in erster Linie als Opfer ungerechter globaler Handelsstrukturen wahrgenommen wurden; und viertens die Verwendung neuer Kommunikationsformen und -technologien, die zum Teil auch die inhaltliche Arbeit der NGOs beeinflussten.

Das dritte Kapitel setzt hier fort. Es untersucht die Zeit von der Mitte der 1970er- bis in die späten 1980er-Jahre und erkennt hier eher eine Fortsetzung als einen klaren Bruch mit den bis dahin dargestellten Entwicklungen. Kuhnert spricht dementsprechend von „Zuspitzung, Verteidigung und Vermarktlichung“ als den zentralen Phänomenen des Zeitabschnitts. Auf den ersten Blick treten dabei gegensätzliche Entwicklungen hervor: auf der einen Seite eine radikale Politisierung, die insbesondere bei War on Want in der offenen Unterstützung der Befreiungsbewegungen in Nicaragua und Eritrea zum Ausdruck kam, auf der anderen Seite aber auch eine Annäherung an Praktiken des celebrity humanitarianism, eine weitere Mediatisierung sowie der Rückgriff auf unterschiedliche Formen der Kommerzialisierung und Vermarktlichung des „Produkts“ Humanitarismus. Kuhnert geht hier konform mit der existierenden Forschung, indem er Bob Geldof und das „Band-Aid“-Projekt als entscheidenden Umbruch interpretiert, mit dem zumindest in Großbritannien die Regeln für einen erfolgreichen Humanitarismus neu aufgestellt wurden. Was genau danach aber entstand, bleibt eher unklar: Seine Untersuchung endet relativ abrupt mit den späten 1980er-Jahren, ohne dass der Leser erfährt, ob mit dem im Buchtitel genannten Ende des Untersuchungszeitraums auch ein inhaltliches Argument verbunden ist. An vielen Stellen könnte man das Buch auch als gegenteiliges Argument lesen: Vieles von dem, was schon zeitgenössisch als „Live-Aid effect“ beschrieben worden ist, lässt sich bei Kuhnert in nuce schon in den 1970er-und 1980er-Jahren erkennen. Diesen Befund würde ich aus meinen eigenen Forschungen nachdrücklich unterstreichen.

Insgesamt gelingt es Kuhnert sehr gut, die Verschränkung zwischen zwei Ebenen herauszuarbeiten: Auf der einen Seite jene innerinstitutionellen Entwicklungen, die zum Teil eine eigene Rhythmik und Dynamik besaßen, und auf der anderen Seite die auf die Institutionen einwirkenden externen Veränderungen, sei es im Feld der internationalen Politik, der britischen Gesellschaft oder der Konkurrenz innerhalb des humanitären Feldes. Auf diese Weise schließt der Autor nicht nur ein Forschungsdesiderat in Bezug auf die beiden Institutionen, zu denen bislang keine monographischen Darstellungen vorlagen, sondern liefert zugleich einen Beitrag zu den Strukturveränderungen von NGOs und humanitärer Hilfe in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das Buch argumentiert jederzeit auf dem aktuellen Stand der Forschung, wurde eng an den Quellen erarbeitet und formuliert seine Argumente klar und nachvollziehbar.

Etwas zwiespältiger scheint mir das Urteil über den emotionengeschichtlichen Zugang, den Kuhnert skizziert. Sein methodischer Ansatz ist zunächst sehr reflektiert und einleuchtend. Er möchte Emotionen in Hinblick auf ihre kommunikative Dimension, ihre performative Dimension sowie in Hinblick auf unterschiedliche emotionale Stile untersuchen (S. 11–17). Drei Punkte sind hierbei als besonders überzeugend hervorzuheben. Zum einen vermeidet er einen Zugang über ein vermeintliches Grundgefühl wie Mitleid oder Empathie, sondern verweist auf zahlreiche, sich zum Teil widersprechende Emotionen wie Wut, Scham, Empörung oder Gerechtigkeitsgefühl, die jeweils bestimmte Handlungs- und Erfahrungsweisen nahelegen konnten. Zweitens vermeidet seine Darstellung eine unfruchtbare Gegenüberstellung von emotio und ratio. Im Gegenteil: Seine Argumentation ist vor allem dort besonders überzeugend, wo er die engen Verbindungen zwischen Emotionen und sich wandelnden Kommunikationsformen, Problemwahrnehmungen und entwicklungspolitischem Expertenwissen betont. Drittens ist die Betonung der narrativen Dimension der im Humanitarismus hervorgerufenen Emotionen überzeugend. Hier greift er vor allem auf Fritz Breithaupts Modell der Triangulation von Empathie zurück. Deutlich kritischer hat Makau Mutua die hier entstehenden Narrative als „Savages, Victims, and Saviors“-Mythos beschrieben.[2]

Dieser sehr differenzierten Argumentation steht eine relativ enge Perspektive auf den Gegenstand gegenüber. Kuhnert konzentriert sich in seiner Analyse allein auf die instrumentelle Dimension von Emotionen im Humanitarismus. Ihm geht es um die Frage, „wie die NGOs Emotionen dazu einsetzen, um ihr humanitäres Engagement zu kommunizieren. Die Emotionen waren also ein Mittel zum Zweck. Der Zweck war stets, Spenden zu generieren, Engagement zu mobilisieren oder die eigene Herangehensweise zu legitimieren“ (S. 3f.). Dies ist zweifellos eine wichtige Frage. Als alleiniger Zugriff liegt hierin aber eine starke Verengung, und zwar sowohl konzeptionell als auch empirisch. Konzeptionell ist eine solche Interpretation wenig geeignet, um die Nichttrennbarkeit von Emotionen und deren sozialen Ausdrucksweisen adäquat zu fassen. Empirisch sorgt der Zugriff dafür, dass Emotionen in der Arbeit in erster Linie als Emotionalisierungen vorkommen – also in Hinblick auf die visuelle und semantische Aufladung von Plakaten und Spendenaufrufen, um auf diese Weise Aufmerksamkeit und Unterstützung zu generieren.

Nimmt man diese zweifellos wichtige Dimension als einzigen Zugang, dann fragt man sich jedoch, was eigentlich das Spezifische für den Zeitraum nach 1945 ist. Denn die emotionale Aufladung humanitärer Ikonographien und Praktiken ist es mit Sicherheit nicht. Im Gegenteil scheint manches in dem Buch und auch in anderen Forschungen darauf hinzudeuten, dass die Zeit seit den 1960er-Jahren nicht zuletzt durch eine (selbst)kritische Reflektion solcher Emotionalisierungen geprägt war. Womöglich hätte ein Zugang zu dieser Ambivalenz aus Emotionalisierung und Emotionalisierungskritik in dem Rückgriff auf den Begriff der „Enttäuschung“ liegen können, der auch die Leitkategorie des Forschungsprojektes bildet, in dessen Kontext die Arbeit entstanden ist. „Enttäuschungen“ sind zweifellos ein ständiger Begleiter und eine Schlüsselemotion humanitärer Praktiken – von der Makroebene modernisierungstheoretischer Desillusionierung bis zur Arbeit an den konkreten Entwicklungsprojekten vor Ort. Sie ist womöglich keine Emotion, mit der Hilfsorganisationen öffentlich für Spenden werben. Dennoch könnte hierin ein wichtiger Zugang zu einer Emotionengeschichte des Humanitarismus liegen, der den Utopieverlust humanitären Handels seit den späten 1960er-Jahren in das Zentrum des Interesses rückt.

Anmerkungen:
[1] Fritz Breithaupt, Die dunklen Seiten der Empathie, Berlin 2017; Paul Bloom, Against Empathy: The Case for Rational Compassion, London 2016.
[2] Makau Mutua, Savages, victims, and saviors: the metaphor of human rights, in: Harvard International Law Journal 42 (2001), S. 201–245.

Zitation
Benjamin Möckel: Rezension zu: : Humanitäre Kommunikation. Entwicklung und Emotionen bei britischen NGOs 1945–1990. Berlin  2017 , in: H-Soz-Kult, 12.04.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28400>.
Redaktion
Veröffentlicht am
12.04.2018
Redaktionell betreut durch
Kooperation
Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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