C. Rosillo-López: Public Opinion and Politics in the Late Roman Republic

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Titel
Public Opinion and Politics in the Late Roman Republic.


Autor(en)
Rosillo-López, Cristina
Erschienen
Umfang
XI, 270 S.
Preis
£ 75,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sema Karataş, Historisches Institut, Universität zu Köln

In seiner Biographie des C. Gracchus berichtet Plutarch im Zusammenhang mit dem gewaltsamen Tod des jüngeren Gracchus und seiner Anhänger über folgenden Vorfall: Der amtierende Consul von 121 v. Chr. L. Opimius hatte nach der desaströsen innenpolitischen Episode der Göttin Concordia einen Tempel auf dem Forum Romanum errichten lassen. Die Reaktionen der Öffentlichkeit auf die Tempelgründung fiel jedoch anders als erwartet aus: „So kam es, dass eines Nachts von Unbekannten der Vers unter die Inschrift gesetzt wurde: ‚Wahnsinnige Zwietracht baut der Eintracht einen Tempel‘“ (S. 145f.).[1] Der Concordia-Tempel bzw. der ursprüngliche Schrein waren nach den Ständekämpfen errichtet worden und wurden als Zeichen der Eintracht zwischen Patriziern und Plebejern verstanden. Vor diesem Hintergrund musste der neue Tempel als Hohn aufgefasst werden. Hier müssen nun zwei Feststellungen folgen: Einerseits existierten allem Anschein nach Kommunikationskanäle wie auch Möglichkeiten, Unmut über die aktuelle politische Situation zum Ausdruck zu bringen und Missstände zu kritisieren; andererseits hatte ein Mitglied der politischen Elite die öffentliche Auffassung womöglich missinterpretiert (dazu Kapitel 6 „Misreading Public Opinion“, S. 187–195) oder auch gezielt, aber erfolglos den Versuch unternommen, die traditionell plebejische Symbolik zu manipulieren.

Auf welche Weise und in welchem theoretischen Rahmen können nun solche Akte der Kommunikation, die mündliche und schriftliche Artikulation von öffentlicher Meinung zur Zeit der späten römischen Republik untersucht werden? An diesem Punkt setzt die Arbeit von Cristina Rosillo-López an. Es geht also um jene Formen und Kanäle politischer Kommunikation, die außerhalb der üblichen Zusammenkünfte wie contiones, comitia und ludi lagen: Gerüchte, Klatsch und Tratsch, Graffiti, literarische Schriften wie Pamphlete und libelli. Den Schwerpunkt ihrer Untersuchungen legt Rosillo-López auf die Kommunikationswege, die nicht nur ‚top-down‘, sondern ‚bottom-up‘ (S. 219 und 226) gerichtet waren und eine allgemeine politische Stimmung generieren, beeinflussen oder zumindest widerspiegeln konnten. Eine solche Herangehensweise setzt voraus, dass eine politische Haltung nicht schlicht von elitären Kreisen vorgegeben wurde, sondern mittels der Kommunikation über politische Themen und ihre schriftliche wie mündliche Artikulation stattfand und sogar auf diesem Wege eine eigenständige politische Meinung generieren konnte.

Drei Hauptthesen werden in diesem Kontext von Rosillo-López formuliert, die sie im Laufe der Arbeit begründet (S. 5): Die Konzepte „public opinion“ und „public sphere“ existierten bereits zur Zeit der späten römischen Republik[2]; diese beiden Komponenten bildeten einen Bestandteil der informellen Politik und ermöglichten die eigentliche Funktion der formellen Institutionen; die populare öffentliche Meinung war gerade in der späten Republik maßgeblich. Unterteilt ist die Arbeit in acht Kapitel, in denen die unterschiedlichen Arten der Generierung und Äußerung einer öffentlichen Meinung untersucht werden. Dabei steht zunächst die Definition von „public opinion“ im Vordergrund, die unter anderem mit den lateinischen Begriffen fama, existimatio und iudicium umschrieben werden kann (S. 6f.). Ein wichtiger Teil der öffentlichen Meinungsbildung ist der Aspekt der ‚informal politics‘. Dabei legt Rosillo-López folgende Definition zugrunde: „Many authors include within informal politics all kinds of informal political customs and interactions, i. e. any behavior that differs from formal rules that are written down, which is the definition adopted in this book. […] Public opinion, as part of informal politics, complemented them. Rumors and gossip made possible the exchange of information, the establishment of short-term alliances, and communication between the elite and the Roman people“ (S. 17). Eine Zensur der öffentlichen Meinung scheiterte einerseits am Fehlen entsprechender Kontrollinstrumente, andererseits stellte die öffentliche Kritik an Gegnern einen Bestandteil des politischen Alltags dar und wurde durchaus akzeptiert.

Im zweiten Kapitel wendet sich Rosillo-López dem Konzept der „sociability“ zu. Unterschiedliche Faktoren wie „walking and promenading“, der öffentliche Raum wie das Forum Romanum und seine Umgebung, die compita, Straßen, Nachbarschaften, vici und die Stadthäuser waren für das Zusammentreffen der Elite und der plebs wichtig und dienten einem Zweck: dem Austausch und der Verbreitung von Informationen.

In welcher Form konnten aber Informationen zirkulieren? Gerüchte (sermones), städtischer Klatsch und Gespräche waren in diesem Zusammenhang maßgeblich, so dass Rosillo-López am Schluss von Kapitel drei folgendes Fazit zieht: „Public opinion could be negotiated in the Senate or in the contiones, but it was developed and transmitted in more informal settings and during socializing activities“ (S. 96). Aber nicht nur flüchtige Gespräche, Kommentare und Gerüchte konnten die öffentliche Meinung beeinflussen. Die Kategorie der „political literature“ scheint einen ebenso großen, wenn nicht sogar größeren Einfluss gehabt zu haben. Charakteristisch für politische Schriften waren dabei ihre unmittelbare zeitliche Nähe, die Wiedergabe von sowohl Kritik als auch Lob, ein klares Ziel, ihre Weitergabe und die Anonymität des Autors (S. 99). Das Genre derartiger Schriften konnte durchaus unterschiedlich ausfallen: von den eingangs erwähnten Versen über Pamphlete und öffentliche Briefe bis zu Graffiti und historischen Traktaten. In diesem Kontext drängt sich die Frage nach dem Grad der Alphabetisierung auf. Laut Rosillo-López bedurfte es aber nicht einer unmittelbaren Lesekomeptenz: „It was not necessary for the audience of a political work to be able to read. In the case of public opinion, a sizeable part of it was delivered by oral means“ (S. 106).[3]

Neben den unterschiedlichen Räumen, in denen Austausch stattfand, und den unterschiedlichen Arten von Informationsverteilung spielten auch die beteiligten Gruppen, die im Kapitel sechs behandelt werden (S. 155–195), eine unmittelbare Rolle. Von der klassischen Trennung zwischen Optimaten und Popularen (boni, improbi, iuventus), die durchweg der Elite angehören, wird ein breites Spektrum von Personenkreisen entfaltet. Hier sei lediglich auf die publicani, scribae, noti homines und apparitores verwiesen, die als Vermittler von unterschiedlichen politischen Meinungen fungieren konnten. Im Rahmen informeller Zusammenkünfte war eine gänzlich andere, heterogene Gruppe von tonsores, scurrae, circulatores und nomenclatores für die Weitergabe von Informationen bezüglich des politischen Alltags verantwortlich.[4]

Die von Rosillo-López angewandte Bottom-up- (oder Top-down-)Herangehensweise leistet vor allem eines: Sie zeigt die Kommunikationswege, -arten, -inhalte und die Zirkulation von Informationen auf, nämlich sowohl unter unmittelbar Anwesenden – ‚in den Straßen Roms‘, auf dem Forum, an Straßenkreuzungen – als auch durch libelli und offene Briefe, sowohl in formellem Rahmen in Form von contiones als auch in informellem Rahmen in Geschäften und beim Friseur, wo die politische Elite und die einfachen Bürger der plebs zusammenkamen. Damit beschreibt Rosillo-López eine ‚Diskurslandschaft‘, in der „public opinion“ alle Bereiche des Lebens durchzog. Auch wenn Politik maßgeblich von der Elite gemacht wurde, übten breite Bevölkerungsschichten dennoch durch ihre Meinungsäußerung(en) Einfluss auf die Entscheidungsprozesse aus, sei es in einer contio, bei Gerichtsprozessen, im Theater oder bei Wahlen.

Dass eine solche Herangehensweise aufgrund der Überlieferung an ihre Grenzen stößt, liegt auf der Hand. Dennoch kann Rosillo-López das von ihr aufbereitete und vielfältige Material überzeugend auswerten. Gerade deswegen ist das Fehlen eines Stellenindexes besonders bedauerlich. Positiv ist aber neben der intensiven Analyse der Quellen die Nutzung der Anregungen und Angebote aus der Soziologie, Anthropologie und Philosophie hervorzuheben; sei es das von Jürgen Habermas entwickelte Konzept der ‚öffentlichen Sphäre‘ oder die Anwendung der Theorie „The Spiral of Silence“ von Elisabeth Noelle-Neumann, die vor dem Hintergrund der politischen Unruhen im spätrepublikanischen Rom und der eskalierenden Gewaltanwendung sicherlich weitere Diskussionen bieten kann.[5]

Anmerkungen
[1] Plut. C. Gracch. 38.
[2] Amy Russell, The Politics of Public Space in Republican Rome, Cambridge 2016.
[3] Timothy P. Wiseman, The Roman Audience. The Classical Literature as Social History, Oxford 2015.
[4] Paul J. J. Vanderbroeck, Popular Leadership and Collective Behavior in the Late Roman Republic (ca. 80–50 BC), Amsterdam 1987.
[5] Vgl. aktuell Dominik Maschek, Die römischen Bürgerkriege. Archäologie und Geschichte einer Krisenzeit, Darmstadt 2018.

Zitation
Sema Karatas: Rezension zu: : Public Opinion and Politics in the Late Roman Republic. Cambridge  2017 , in: H-Soz-Kult, 03.09.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28455>.
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Veröffentlicht am
03.09.2018
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