Titel
Markt und Gewalt. Die Funktionsweise des historischen Kapitalismus


Autor(en)
Gerstenberger, Heide
Erschienen
Umfang
739 S.
Preis
€ 49,90
Rezensiert für Soziopolis und H-Soz-Kult von:
Marc Buggeln, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Heide Gerstenberger, emeritierte Professorin für die Theorie der bürgerlichen Gesellschaft und des Staates an der Universität Bremen, dürfte Soziolog_innen und Historiker_innen bisher vor allem durch ihre herausragende Studie zur Entstehung bürgerlicher Staatsgewalt in Frankreich und England bekannt sein.[1] Diese auch heute noch unbedingt lesenswerte Untersuchung hatte die Autorin seinerzeit selbst als einen Beitrag zur historischen Soziologie bezeichnet. Auch ihre neue Monografie lässt sich vom Zugriff her dieser in Deutschland im Vergleich zu den angloamerikanischen Ländern leider nur schwach ausgeprägten Fachrichtung zurechnen.[2] Wie in ihrer alten Studie kombiniert Gerstenberger auch in „Markt und Gewalt“ detaillierte, mehrere Jahrhunderte übergreifende historische Forschung mit einem theoretisch fundierten soziologischen Zugriff.

Das vorliegende Buch setzt sich kritisch mit der im wissenschaftlichen wie im politischen Diskurs geläufigen These auseinander, dass „die innere Dynamik kapitalistischer Ökonomie dazu drängt, direkte Gewalt aus dem ‚Marktgeschehen‘ zu verdrängen“ (S. 11). Der strukturellen Bedeutung von Gewalt für den Kapitalismus, so Gerstenberger, sei selten die systematische Beachtung geschenkt worden, die sie verdiene. So habe zwar schon Karl Marx den Aspekt der Gewalt in seinen historischen Darstellungen (etwa zur Rolle der „ursprünglichen Akkumulation“) betont, ihn in der weiteren theoretischen Auseinandersetzung mit der kapitalistischen Produktionsweise jedoch kaum berücksichtigt. Und auch spätere Theoretiker der kapitalistischen Gesellschaft wie Max Weber oder Pierre Bourdieu hätten Gewalt nicht als strukturbestimmend angesehen. Zu der Annahme, die ökonomische Rationalität des Kapitalismus habe den Einsatz von Gewalt als Herrschafts- und Disziplinierungsinstrument sukzessive überflüssig, ja hinderlich werden lassen, formuliert Gerstenberger nun die Gegenthese: Demnach sei dem Kapitalismus eine Tendenz zum Gewaltverzicht keineswegs inhärent, die Zurückdrängung physischer Gewalt sei vielmehr politisch erkämpft worden und müsse auch weiterhin erkämpft werden, da das jeweils Erreichte bei einer Veränderung der Kräfteverhältnisse jederzeit erneut zur Disposition stehe. In den Mittelpunkt ihrer Ausführungen stellt die Autorin dabei die Frage, welche Rolle Gewalt und Zwang im Kapitalismus für die Ausgestaltung von Arbeitsverhältnissen und die Erwirtschaftung von Profiten spielen. Andere Fragen, wie sie sich für eine Untersuchung mit dem Titel „Markt und Gewalt“ aufdrängen, etwa nach dem Zusammenhang von Markterschließung und kriegerischen Auseinandersetzungen, werden von ihr zwar ebenfalls thematisiert, aber nicht in gleicher Weise systematisch verfolgt.

Entsprechend ihrer Frage nach konkreten Arbeitsbedingungen wählt Gerstenberger einen engen Gewaltbegriff, den sie von Konzepten der strukturellen Gewalt, die mehr oder weniger verallgemeinernd auf die menschlichen Kosten der globalen kapitalistischen Verhältnisse hinweisen, abgrenzt. Sie möchte Gewalt vor allem als Form „entgrenzte[r] Ausbeutung“ (S. 17) untersuchen. Ausbeutung an sich betrachtet sie als einen notwendigen Bestandteil des Kapitalismus. Der zuspitzende Begriff „entgrenzte Ausbeutung“ soll demgegenüber eine Praxis erfassen, die „den in kapitalistischen Gesellschaften durchgesetzten Normen widerspricht“ (ebd.) und sich als eine Form der direkten Gewalt beschreiben lässt. Während sich die Autorin in anderen Passagen des Buches sehr um begriffliche Schärfe bemüht, bleibt hier vieles vage, der zentrale Terminus, der auf die Verschränkung von direkter Gewaltpraxis und gewaltförmigen Verhältnissen abzielt, unterbestimmt. Denn die Normen, auf die er rekurriert, sind ja keinesfalls in allen kapitalistischen Gesellschaften dieselben, und zudem wird nicht weiter definiert, was unter direkter Gewalt verstanden werden soll.

Der empirische Teil der Untersuchung beginnt mit einer Schilderung des bewaffneten Welthandels von 1500 bis etwa 1850. Gerstenberger führt aus, dass die „Kaufmannskrieger“ (S. 20) wichtige Akteure der europäischen Expansion und der sich anbahnenden kapitalistischen Entwicklung, aber selbst keine Kapitalisten gewesen seien. Ihre Gewinne beruhten vor allem auf der gewaltsamen Durchsetzung staatlich verliehener Privilegien. Anders als in den späteren Kapiteln stehen hier kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Nationen beziehungsweise konkurrierenden Kaufleuten im Vordergrund. Unklar bleibt jedoch, ob diese Periode nach Ansicht der Autorin stärker von bewaffneten Konflikten geprägt war als spätere, weil eine vergleichende Perspektive fehlt. Sven Beckert hat eine solche Sicht mit seinem Begriff des „Kriegskapitalismus“ durchaus nahegelegt.[3] Gerstenberger hingegen dürfte diesen Terminus freilich eher ablehnen, rechnet sie die Phase des bewaffneten Welthandels doch noch nicht der kapitalistischen Wirtschaftsform zu.

Entscheidend für den Übergang zum Kapitalismus sind für Gerstenberger die industrielle Revolution und die „Freisetzung der Konkurrenz“ (S. 49 ff.), die ihrerseits zwar die Einführung der Gewerbefreiheit, nicht aber die Herauslösung der Arbeitskräfte aus allen herrschaftlichen Regulierungen zur Voraussetzung gehabt hätten. Kapitalistische Produktion, so Gerstenberger, erforderte abhängige Arbeitskräfte – und eben nicht unbedingt „freie“. Wie sie anhand von Entwicklungen in England, Preußen, Frankreich und den USA zeigt, bestanden überall dort, wo freie Lohnarbeit auf der Grundlage des privaten Kontrakts noch nicht vollständig etabliert und für die betreffenden Beschäftigten mithin noch nicht alternativlos war, Zwangsverhältnisse und vielfältige Übergangsformen weiterhin fort. Das Spektrum reichte dabei von kaum kündbaren Arbeitsverträgen über Formen der Schuldknechtschaft bis hin zur Sklaverei. Und sofern die Arbeitskräfte die Notwendigkeiten kapitalistischer Produktion noch nicht internalisiert hatten, blieben Züchtigung und andere Strafen im Arbeitsverhältnis die Regel. Normativ war zwar die freie Lohnarbeit in den kapitalistischen Kernländern schon Ende des 19. Jahrhunderts dominant, die Praxis folgte dem aber nur schleppend.

Noch rückhaltloser als in den europäischen Produktionsstätten gebärdeten sich die Vertreter europäischer Regierungen und Kapitalinteressen in den überseeischen Kolonien, wo keine Trennung zwischen Politik und Ökonomie stattgefunden und die Verwaltung vorrangig als Gewaltapparat zur Förderung privater Akkumulation fungiert habe. Im Zentrum der Tätigkeit kolonialer Behörden, so Gerstenberger, hätten die Mobilisierung und Disziplinierung der einheimischen Arbeitskräfte gestanden. Da es vielerorts zunächst nur begrenzte ökonomische Anreize zur Aufnahme von Lohnarbeit gab, hätten die Kolonialmächte dabei in erster Linie auf Zwang und Gewalt gesetzt. Der Sklavenökonomie unter Bedingungen des kapitalistischen Weltmarkts widmet sich Gerstenberger ausführlich am Beispiel der karibischen Zuckerproduktion. Sie zeigt, wie Pflanzer durch die besonders intensive Ausbeutung ihrer Arbeitskräfte Wettbewerbsvorteile zu erringen suchten, und warum regionale Emanzipationswellen, die keineswegs veränderten ökonomischen Bedingungen oder technischem Fortschritt geschuldet waren, für die Plantagenbesitzer einen nicht auszugleichenden Nachteil bedeuteten. Vorreiter der Industrialisierung waren gerade große Plantagen, auf denen viele Sklav_innen, später vermehrt auch Kulis schufteten.

In den kapitalistischen Kernländern wurden dann zu Beginn des 20. Jahrhunderts Zwangsmaßnahmen und direkte Gewalt weitgehend aus den Arbeitsverhältnissen verdrängt. Robert Castel hat das als „Zivilisierung“ des Kapitalismus gefasst, Etienne Balibar von einer „Normalisierung“ gesprochen. Gerstenberger bevorzugt demgegenüber den Begriff der „Domestizierung“. Dieser stelle klarer heraus, dass es sich bei den erreichten Verbesserungen nicht um einen quasi naturwüchsigen Prozess gehandelt habe, sondern um hart erkämpfte Zugeständnisse, die der Gegenseite von Gewerkschaften und Arbeiterparteien mühsam abgetrotzt werden mussten, wie etwa die Vereinigungsfreiheit, die Kündbarkeit von Arbeitsverträgen oder die Arbeitszeitbeschränkung. Zudem deute der Begriff an, dass die erstrittenen Verbesserungen bei entsprechend veränderten Rahmenbedingungen jederzeit auch wieder kassiert werden könnten. Als zentrales Moment und zugleich wichtigsten Garanten der Domestizierung betrachtet die Autorin daher die Durchsetzung des Rechts auf gewerkschaftliche Organisation. Der Nationalsozialismus mit seiner „terroristischen Disziplinierung“ der Lohnarbeitenden (S. 397 ff.) sowie der Verschränkung des KZ-Systems mit der (Kriegs)Ökonomie dient ihr dann als schlagendes Beispiel für die Möglichkeit einer Rücknahme einmal gemachter respektive erkämpfter Zugeständnisse.

Von dort springt die Darstellung unter Auslassung der „Trente Glorieuses“ schließlich direkt zu den aktuellen Verhältnissen des globalisierten Kapitalismus. In diesem sieht Gerstenberger die im Zuge der Domestizierung des Kapitalismus seit Beginn des 20. Jahrhunderts durchgesetzten Grenzen der Ausbeutung akut bedroht. Die zur Illustration dieser These gewählten Beispiele betreffen aber vor allem Ausbeutungspraktiken in Ländern des Trikont sowie die Arbeitsbedingungen für „Fremde“ (S. 449) in den kapitalistischen Metropolländern, was von der Autorin jedoch nicht ausreichend reflektiert wird. So bleibt unklar, ob beziehungsweise unter welchen Bedingungen auch in den OECD-Staaten Zwang und Gewalt tatsächlich erneut Einzug in Arbeitsverhältnisse halten oder ob dies ausschließlich an den „Rändern“ geschieht. Ebenso bleibt unklar, welche Rolle die beteiligten Staaten bei dem beobachteten roll back spielen. Die von Gerstenberger diskutierten Beispiele sind zu disparat, um die Frage zu beantworten, ob staatliche Stellen nicht in der Lage oder vielmehr nicht willens sind, entsprechenden Tendenzen Einhalt zu gebieten, oder ob sie gar mit von der Partie sind. Untersucht werden einerseits so verschiedene Gruppen wie indonesische Haushaltshilfen in Hongkong und Singapur, irregulär eingereiste landwirtschaftliche Tagelöhner in den USA und Südeuropa und südasiatische Bauarbeiter in Katar, andererseits so heterogene Phänomene wie Kinderarbeit, von störenden arbeitsrechtlichen Normen und gewerkschaftlichem Einfluss freie Export Processing Zones, Organhandel, Raubkauf von Land oder neue Formen der Piraterie. Scharf weist Gerstenberger dabei Analyseansätze zurück, die von einem globalen Proletariat oder einer globalen Unterklasse ausgehen, ein Mobilisierungsbegriff, dessen Gebrauch sich für sie in Anbetracht der großen Unterschiede zwischen den Lebensbedingungen abhängig Beschäftigter in den kapitalistischen Zentren und derer im Trikont verbietet.

Kritisch muss festgehalten werden, dass Gerstenbergers neue Studie gerade in der Verbindung von empirischer Darstellung und theoretischer Reflexion nicht das Niveau ihres Klassikers zum Staatsbildungsprozess erreicht. Das zeigt sich schon daran, dass zehn theoretische Zwischenbemerkungen in das Buch eingeschoben sind, die diese Verdichtung leisten sollen, während die empirische Darstellung streckenweise sehr deskriptiv bleibt. Allerdings hat sich die Autorin mit besagtem älterem Band die Latte selbst sehr hoch gelegt, und von vielen anderen aktuellen Werken zur Geschichte des Kapitalismus hebt sich auch das hier besprochene Buch durch die theoretische Durchdringung der Empirie immer noch positiv ab.[4] Dass nicht alle relevanten Werke der neueren Literatur berücksichtigt wurden, kann angesichts der gewaltigen Masse des durchzuarbeitenden Stoffs nicht überraschen, aber in einigen Randbereichen sind die Mängel doch evident. So fehlen etwa zentrale jüngere Arbeiten zur Geschichte der kolonialen Konzentrationslager, deren Darstellung Gerstenberger eigens ein umfassendes Unterkapitel gewidmet hat.[5] Schwerer wiegt das oben erwähnte Versäumnis, die Nachkriegsjahrzehnte ins Gesamtbild einzufügen.

Trotz dieser Kritikpunkte handelt es sich bei „Markt und Gewalt“ um ein wichtiges Werk, das die Debatte um die Rolle von Zwang und Gewalt im Kapitalismus in den kommenden Jahren mitprägen dürfte. Ihre Hauptthese, dass die Zurückdrängung der physischen Gewalt aus den Arbeitsverhältnissen dem Kapitalismus nicht inhärent ist, sondern politisch erkämpft werden musste und muss, hat die Autorin jedenfalls eindrucksvoll belegt.

Anmerkungen:
[1] Heide Gerstenberger, Die subjektlose Gewalt. Theorie der Entstehung bürgerlicher Staatsgewalt, Münster 1990.
[2] Jürgen Osterhammel, Gesellschaftsgeschichte und historische Soziologie, in: Ders. (Hrsg.), Wege der Gesellschaftsgeschichte, Göttingen 2006, S. 81–102.
[3] Sven Beckert, King Cotton. Eine Geschichte des globalen Kapitalismus, München 2014.
[4] So gelingt die theoretische Durchdringung etwa überzeugender als im ansonsten völlig zu Recht vielgelobten Buch von Sven Beckert (siehe Fußnote 3).
[5] Andreas Stucki, Aufstand und Zwangsumsiedlung. Die kubanischen Unabhängigkeitskriege 1868-1898, Hamburg 2012; Jonas Kreienbaum, „Ein trauriges Fiasko“. Koloniale Konzentrationslager im südlichen Afrika, Hamburg 2015.

Zitation
Marc Buggeln: Rezension zu: Gerstenberger, Heide: Markt und Gewalt. Die Funktionsweise des historischen Kapitalismus. Münster 2016 , in: H-Soz-Kult, 25.10.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28490>.