W. Pauleit u.a.: Audio History des Films

Cover
Titel
Audio History des Films. Sonic Icons – Auditive Histosphäre – Authentizitätsgefühl


Autor(en)
Pauleit, Winfried; Greiner, Rasmus; Frey, Mattias
Erschienen
Umfang
188 S., 106 Abb. plus USB-Stick mit PDF inkl. 23 Filmclips
Preis
€ 22,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nikolai Okunew, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Der Visual Turn hat trotz der Aufforderung Thomas Lindenbergers, Zeitgeschichte auch als Epoche der „Mitsehenden“ und „Mithörenden“ zu verstehen[1], selten dazu geführt, dass Bild und Ton von Filmen gleichermaßen in den Fokus der Geschichtswissenschaft rückten. Dem Übergewicht des Visuellen kommt der vorliegende Band bei, indem auch die Tonspur Gegenstand der Untersuchung sein soll. Den Autoren geht es weder darum, die Ton- von der Bildspur zu lösen, noch darum, ihre Audio History des Films an die Sound Studies anzuschließen, also an die generelle Geschichte der Klangproduktion und -aufzeichnung. Vielmehr möchten die Filmwissenschaftler Winfried Pauleit, Rasmus Greiner und Mattias Frey die Tonspur als einen ergänzenden analytischen Zugang nutzen, um die Beziehungen von Film und Geschichte zu untersuchen. Auch weil der Film Geschichte für das Publikum sensorisch erfahrbar mache, stehe er in Konkurrenz zur akademischen Geschichtsschreibung und zu den sie Schreibenden.

Nach knapper Einleitung und Vorwort, die gemeinsam verfasst wurden, folgen drei lange Kapitel von jeweils einem Autor, mit denen die im Untertitel des Bandes angekündigten Konzepte vorgestellt werden. Die Verfasser arbeiten dabei an je drei filmischen Beispielen, die sie mit ihren unterschiedlichen Leitfragen untersuchen. Ein von Frey verfasstes kurzes Resümee bildet den Abschluss des Bandes. Einen Index enthält das Buch leider nicht. Dem Buch liegt ein USB-Stick bei, auf dem sich die pdf-Version und darin integrierte, prägnant gewählte Filmclips befinden. Der münzförmige Stick ist eine clevere Idee und eine nützliche Ergänzung für die Lesenden. Das Buch selbst enthält zahlreiche farbige Abbildungen, die den Gedankengang der Verfasser gut nachvollziehbar machen.

Im ersten, 60-seitigen Kapitel arbeitet Winfried Pauleit im Anschluss an den Musikwissenschaftler Brian Currid und den Komponisten Michel Chion das Konzept der „Sonic Icons“ heraus. Der Begriff bezeichnet bestimmte – in einem erweiterten Sinne ikonische – Momente, in denen sich der Ton vom restlichen Film emanzipiere. Obwohl oder gerade weil der Ton an Text und Bild gebunden bleibe, unterstreiche er die Künstlichkeit der filmischen Realität und ermögliche eine filmische Selbstreflexion. Der Film verweise in solchen Momenten eben darauf, ein Film zu sein. Als eingängiges Beispiel wird eine Szene aus „The King’s Speech“ (2010) angeführt, in der König Georg VI. auf der Tonspur die außerfilmische Realität der Schauspieler/innen anspricht: „In the past, all a king had to do was look respectable in uniform and not fall off his horse. Now, we must invade people’s homes and ingratiate ourselves with them. […] We’ve become actors.“ „Sonic Icons“, so die These, heben außerdem Ort und Zeit der Klangproduktion hervor und positionieren die Filmemacher/innen gegenüber ihrem Werk in der Zeitgeschichte. Die Darstellung des Konzepts der „Sonic Icons“ überzeugt vor allem durch seine Anschlussfähigkeit, auch wenn Pauleits theorielastiges und zum Ende hin leicht mäanderndes Kapitel etwas konziser hätte ausfallen können.

Danach analysiert Rasmus Greiner auf 50 Seiten den Filmton bezüglich der „auditiven Histosphäre“. Diese ist ein auf die Filmwissenschaftlerin Vivian Sobchack zurückgehendes Konzept und beschreibt die durch Filme konstruierte, sinnlich erfahrbare Geschichtswelt. Der eingesetzte Ton bilde die Vergangenheit nicht (nur) ab, sondern werde erst in der Postproduktion erzeugt. Die so entstandenen Sound-Effekte – man denke im Zusammenhang mit „The King’s Speech“ etwa an das Schlagen von Big Ben und das Pferdewiehern als Markierungen für London – konstruierten filmische Geschichtlichkeit mit. Diese Effekte bedienten Vorstellungen der Zuschauer/innen über Geschichtlichkeit, die wiederum vor allem über andere Filme vermittelt seien. Insofern ergebe sich durch die ständigen direkten und indirekten Verweise von Filmen auf Filme eine für das Medium spezifische auditive Logik. Weiterhin zeigt Greiner anhand der Anfangssequenz von „Apocalypse Now“ (1979), wie die Destabilisierung von Ton- und Bildebene bzw. deren Verhältnis zueinander Teil einer Subjektivierungsstrategie sein kann, die durch emotionalisierende Identifikation mit der Hauptfigur den Vietnamkrieg erfahrbar machen soll (S. 100-105). Der in dieser Szene etablierte „auditive Reminiscence-Trigger“ (S. 106) – das Geräusch der Hubschrauberrotoren – bleibe im Verlauf des Films beim Zuschauer weiterhin abrufbar, um Bilder von „Feuer, Zerstörung und Realitätsverlust“ aus der Anfangssequenz (S. 107) zu evozieren. Greiner schließt hier für das Hören an Überlegungen zum Geruch in Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ an. Geruch und Klang seien Reize, die die Wahrnehmung temporaler Grenzen aufweichen könnten. Argumentativ auf dem vorhergehenden Kapitel aufbauend untersucht Greiner außerdem Modi der filmischen Selbstreflexion im „metahistorical film“ (S. 117). Anhand von „Waltz with Bashir“ (2008) erläutert er, wie der Filmton auf das konstruierte Verhältnis von Realität und filmischer Darstellung verweisen kann, aber auch auf das Verhältnis von Vergangenheit und repräsentierter Geschichte (S. 120). Dieses Kapitel überzeugt ebenfalls weitestgehend, wobei insbesondere Greiners Überlegungen zum „metahistorical film“ für zeithistorisch Arbeitende relevant erscheinen.

Mattias Frey widmet sich im verbleibenden Kapitel auf knapp 50 Seiten dem „Authentizitätsgefühl“.[2] Für ihn ist dieses Gefühl – also das erfolgreich hergestellte Empfinden von Historizität – ein gesellschaftliches Phänomen, welches in Filmen durch bestimmte ästhetische Strategien hervorgerufen wird, darunter die Verwendung spezifischer Dialekte (S. 129). Anhand von vielen deutschen Historienfilmen – an denen es in den letzten 20 Jahren wahrlich nicht mangelt – analysiert Frey Techniken zur Herstellung von Authentizität. Er hat den Diskurs um und die Kritik am Authentizitätsgefühl dabei stets im Hinterkopf, was etwa verhindert, Authentizität mit korrekter Darstellung von Vergangenheit gleichzusetzen (S. 132). Im Kontext des Bandes wird besonders die Funktion des Filmtons – vor allem also Musik und Dialekt – bei der Produktion von Authentizität untersucht. Grundsätzlich ist Freys Analyse der Techniken und ihrer Funktionen sehr erhellend, und sein Schluss überzeugt, dass auch filmische Authentizitätsdiskurse letztlich Identitätsdiskurse seien, in denen verhandelt wird, wer Teil einer Gemeinschaft ist. Dies veranschaulicht der Autor eindringlich an den Filmen „Das Wunder von Bern“ (2003), „Die Ehe der Maria Braun“ (1979) und „The King’s Speech“ (2010). Etwas überraschend ist die zentrale Stelle, die Frey einer 20 Jahre alten Publikumsbefragung in seinem Text einräumt – auch deswegen, weil die Argumentation durchaus ohne diesen Verweis überzeugen kann (S. 153).

Der in Bezug auf Inhalt und Gliederung gleichermaßen ungewöhnliche Band ist gut gelungen. Die schiere Menge an Material, die der gewählte Ansatz aufschließt, wirkt dabei mitunter erdrückend. So überzeugen vor allem diejenigen Abschnitte, in denen nah an wenigen Filmszenen gearbeitet wurde. Für Historiker/innen möglicherweise irritierend sind bestimmte sehr stark interpretierende Passagen einzelner Szenen (z.B. S. 61) sowie die äußerst theoriegeladene Sprache aller drei Autoren. Eine etwas aufmerksamere Redaktion hätte außerdem sich wiederholende, dabei aber nicht essenzielle Formulierungen vermieden – etwa in Bezug auf „The King’s Speech“ (S. 71, S. 163 und S. 96, S. 165). Insgesamt aber machen die Menge der erhellenden Analysen und der innovative Ansatz diese Kritikpunkte wett. Für alle an Filmen interessierten Historiker/innen ist der Band sehr lesenswert.

Anmerkungen:
[1] Thomas Lindenberger, Vergangenes Hören und Sehen. Zeitgeschichte und ihre Herausforderung durch die audiovisuellen Medien, in: Zeithistorische Forschungen / Studies in Contemporary History 1 (2004), S. 72–85, http://www.zeithistorische-forschungen.de/1-2004/id=4586 (29.03.2018).
[2] Siehe generell den Überblick von Achim Saupe, Historische Authentizität: Individuen und Gesellschaften auf der Suche nach dem Selbst – ein Forschungsbericht, in: H-Soz-Kult, 15.08.2017, https://www.hsozkult.de/literaturereview/id/forschungsberichte-2444 (29.03.2018).

Zitation
Nikolai Okunew: Rezension zu: : Audio History des Films. Sonic Icons – Auditive Histosphäre – Authentizitätsgefühl. Berlin  2018 , in: H-Soz-Kult, 13.04.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28579>.