M. E. Müller (Hrsg.): Kulturtransfer in Hildesheim

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Titel
Zentrum oder Peripherie?. Kulturtransfer in Hildesheim und im Raum Niedersachsen (12. -15. Jahrhundert)


Hrsg. v.
Müller, Monika E.; Reiche, Jens
Erschienen
Wiesbaden 2017: Harrassowitz Verlag
Umfang
544 S.
Preis
€ 88,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Joanna Olchawa, Ludwig-Maximilians-Universität München

„Hildesheim im Mittelalter“ – so lautete nicht nur der Titel der Sonderausstellung zum 1200. Jubiläumsjahr der Stadt und des Bistums Hildesheim im Jahr 2015[1], vielmehr kann er programmatisch verstanden werden: Seit etwa den 1990er-Jahren ist nämlich die Untersuchung der Stadt respektive Region in all ihren kulturellen und künstlerischen, historischen und gesellschaftlichen Facetten, insbesondere in der Zeit des 11. und 13. Jahrhunderts, fester Bestandteil der deutschen wie auch internationalen Forschungs- und Ausstellungslandschaft. Regelmäßig werden spektakuläre Neuerwerbungen präsentiert oder „Hildesheimer Schätze“ in den größten Museen der Welt ausgestellt[2], Tagungen organisiert und neue Publikationen zu Hildesheim betreffenden Themen vorgelegt. Gerade jetzt, nach Abschluss der langjährigen Grabungskampagne im Dom und des Verbundprojekts „Innovation und Tradition. Objekte und Eliten in Hildesheim, 1130–1250“, das durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wurde[3], kommt man in der mediävistischen Forschung kaum um Hildesheim herum.

Einerseits zu Recht: Denn die Stadt war im Hochmittelalter eines der bedeutendsten Bischofssitze in Norddeutschland, besaß 15 Klöster und Stifte wie auch eine der prominentesten Domschulen mit Schülern wie Kaiser Heinrich II., dem im 12. Jahrhundert heilig gesprochenen Bischof Bernward oder Rainald von Dassel, dem engsten Berater Friedrichs I. Der Standort am Wegekreuz zwischen Nord / Süd- und West / Ost-Handelsstraßen gelegen sowie die Nähe zur Montanregion Harz führten zudem zu einer herausragenden Position innerhalb politischer, wirtschaftlicher wie auch kultureller Netzwerke zwischen Skandinavien und Italien, Frankreich und den ostmitteleuropäischen Ländern.

Andererseits mutet nach so vielen, sich auf das Hochmittelalter konzentrierenden Studien eine relativierende Perspektive auf Hildesheim als „Zentrum oder Peripherie?“ – wie der Titel des nun von Monika E. Müller und Jens Reiche herausgegebenen Bandes expliziert – und die Ausdehnung des Untersuchungszeitraums bis zum 15. Jahrhundert sehr erfrischend an. Anlass der Publikation war zunächst die gleichnamige Tagung in Wolfenbüttel im Juni 2013, die wiederum mit den zwei abgeschlossenen Projekten „Erforschung des Bernward-Psalters und der Bibliotheksgeschichte von St. Michael in Hildesheim“ sowie „Die Buch- und Bildkultur von St. Michael in Hildesheim. Wissenstransfer und Wissensspeicherung im Spannungsfeld von Zentrum und Peripherie (11.–16. Jahrhundert)“ in Wolfenbüttel im Zusammenhang stand.[4]

Wie die Tagung, so ist auch die Publikation – nach einer ausführlichen, theoriefreudigen Einleitung seitens der Initiatoren / Herausgeber – in fünf Themenkomplexe mit unterschiedlicher Gewichtung unterteilt, im Vordergrund stehen: I. Handel, Wegesystem, Produktionsgeschichte; II. Wissens- und Bildungstransfer; III. Netzwerke – Kirche, Klöster, Städte; IV. Handschriftenproduktion und V. Kunstproduktion (Monumentalkunst). Die insgesamt 17 Beiträge werden mit Farbtafeln, einem Register zu Personen, Orten, Sachbegriffen und zitierten Handschriften ergänzt. Aufgrund der vorangegangenen zwei Projekte liegt der Fokus des Bandes – kaum verwunderlich – auf der Gattung der Handschriften. Dieser erstreckt sich von der Untersuchung der Verfügbarkeit von Materialien für die Handschriftenherstellung (Doris Oltrogge), über den niedersächsischen Buchmarkt um 1500 (Holger Nickel) hin zu innovativen Text-Bild-Konzepten in Handschriften des späten 13. Jahrhunderts (Beate Braun-Niehr).

Auch in den anderen Beiträgen finden sich neue Einblicke in ‚traditionelle‘, ja fast zentrale Hildesheimer Themen wie die Montanregion Harz und der Rammelsberg (Christoph Bartels). In dem sehr starken und imponierenden ersten Artikel des Bandes beschreibt der Autor anhand dezidiert ausgewählter Schrift- und Bildquellen wie auch archäologischer Funde und Befunde die sogenannten Berg- und Waldleute, aber auch Kaufleute als „Motoren kulturellen Transfers“ (46). Durch die anschauliche Darstellung ihrer Vernetzung wird erstmals ihre Bedeutsamkeit innerhalb der mittelalterlichen Kultur- und Wirtschaftsgeschichte deutlich. Eine besondere Überraschung stellt auch der Werkstattbericht zu den 400 neu aufgedeckten Stuckfragmenten in Eilenstedt (Elisabeth Rüber-Schütte und Corinna Scherf) dar. Diese wahrscheinlich zu einer Chorschranke gehörenden Teile stammen aus der Zeit um 1200 und weisen eine feinteilige Bearbeitung wie auch Reste von ursprünglicher Bemalung auf. Sie belegen, dass auch an eher entlegenen Orten Kunstwerke zu finden sind, die in ihrer Qualität den berühmten Chorschranken in Hildesheim oder Halberstadt kaum nachstehen. Sie führen des Weiteren dazu, den Status von Stifts- und Pfarrkirchen neu oder differenzierter zu bewerten.

Bisher meist peripher gehandelte, aber nicht minder wichtige Themen finden sich in den Beiträgen zu den Glasfenstern in der Stiftskirche in Bücken (Elena Kosina), die in 34 Feldern mittelalterliches Glas mit einem komplexen christologischen Programm aufweisen. Neben den ikonographischen Besonderheiten interessiert die Autorin insbesondere die Frage nach der Vermittlung („Wandermeister oder Exportware?“ – so der Titel), wobei sie eine dritte Möglichkeit, nämlich von tradierten Bildvorlagen, als die wahrscheinlichste erachtet. Beeindruckend ist ebenfalls die erstmalige Studie zu den niedersächsischen Maßwerkfenstern zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert (Jens Reiche), in der jene Bauelemente nach einer ausführlichen Zusammenstellung als wichtige, anschauliche Indikatoren von Netzwerkkonstellationen gedeutet werden. Die Beiträge des Bandes reichen folglich von sehr detaillierten Einzelstudien hin zu eher allgemein ausgerichteten Einblicken in die Entwicklung einer Gattung, wobei sich Mikro- und Makrostudien auf vorzügliche Weise verflechten.

Jenseits der regionalen und zeitlichen Konzentration auf Hildesheim und die Region Niedersachsen im Mittelalter nehmen in all diesen Beiträgen zwei thematische Schwerpunkte eine zentrale Rolle ein:

Zum einen werden die materiellen Hinterlassenschaften – Materialien, Objekte, Handschriften und Vorlagen – wie auch die beteiligten Akteure – Künstler und Schreiber, Händler und Kaufleute, Stifter und Auftraggeber – im dynamischen Prozess des (intentionalen) Kulturtransfers verortet. In diesem Rahmen stellen die eher historisch ausgerichteten Beiträge zu den Themen „Hildesheim, Hanse, Handelsnetz“ (Rudolf Holbach), „Netzwerke Hildesheimer Klöster und Stifte vom 13. bis 15. Jahrhundert“ (Hans-Georg Aschoff) wie auch „Familiäre und institutionelle Netzwerke der Hildesheimer Domkanoniker und Bischöfe vom 12. bis ins 14. Jahrhundert“ (Nathalie Kruppa) eine unabdingbare komplementäre Ergänzung zu den kunsthistorischen Analysen dar.

Zum anderen werden alle Beiträge durch die spezifische Fragestellung nach „Zentrum oder Peripherie?“ miteinander verbunden. Tatsächlich findet sich in der Mehrzahl der Beiträge die Bemühung um eine Einschätzung anhand des eigenen Materials. Dabei bezeichnen die Begriffe weniger einen Gegensatz, als vielmehr Produktionsorte in Klöstern oder Städten unterschiedlicher Größe und Spezialisierung, die meist asymmetrisch miteinander verbunden sind (10). Meist hatten nämlich die jeweiligen Werkstätten zu unterschiedlichen Zeiten Konjunktur. So wird deutlich, wie differenziert diese Begriffe gebraucht werden müssen und wie sehr die ausschlaggebenden Kriterien variieren. Diese Schwerpunkte lassen den Band nicht nur für die Hildesheim-Forschung als relevant erscheinen, sondern für diverse Untersuchung zu Kommunikations- und Interaktionsprozessen im Mittelalter.

Die Publikation – so kann abschließend festgehalten werden – stellt eine gelungene Zusammenstellung der geschichtlichen, kunst- und kulturhistorischen Themen dar. An ihnen werden auch die zwei ‚roten Fäden‘ – der aktive und intentionale Kulturtransfer sowie die Frage nach „Zentrum oder Peripherie?“ – deutlich und weiterführend behandelt. So bleibt zu hoffen, dass die nur (nachvollziehbar) marginal angesprochenen Bereiche wie die der Archäologie oder Materiellen Kultur zukünftig in diesem Kontext weiter behandelt werden. „Hildesheim im Mittelalter“ ist somit noch längst nicht erschöpfend studiert.

Anmerkungen:
[1] Zum Begleitbuch: Regine Schulz u.a. (Hrsg.): Hildesheim im Mittelalter. Die Wurzeln der Rose, Roemer- und Pelizaeus-Museum, 31.03.–04.10.2015, Hildesheim 2015.
[2] Vgl. die Ausstellung „Medieval Treasures from Hildesheim“, The Metropolitan Museum of Art, 17.09.2013–05.01.2014.
[3] Vgl. zu den Ausgrabungen Karl Bernhard Kruse, Die Baugeschichte des Hildesheimer Domes, Regensburg 2017 und zum Verbundprojekt die Schriftenreihe „Objekte und Eliten in Hildesheim, 1130–1250“, http://objekte-und-eliten.de/ (19.06.2018)
[4] Tagung „Zentrum oder Peripherie? Kulturtransfer in Hildesheim und im Raum Niedersachsen (12.–15. Jahrhundert), 05.–07.06.2013, Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel. Tagungsbericht: Zentrum oder Peripherie? Kulturtransfer in Hildesheim und im Raum Niedersachsen (12.–15. Jahrhundert), 05.06.2013 – 07.06.2013 Wolfenbüttel, in: H-Soz-Kult, 20.08.2013, www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4971 (19.06.2018).

Zitation
Joanna Olchawa: Rezension zu: Müller, Monika E.; Reiche, Jens (Hrsg.): Zentrum oder Peripherie?. Kulturtransfer in Hildesheim und im Raum Niedersachsen (12. -15. Jahrhundert). Wiesbaden  2017 , in: H-Soz-Kult, 04.07.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28876>.
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Veröffentlicht am
04.07.2018
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