Titel
Pogrom. Kishinev and the Tilt of History


Autor(en)
Zipperstein, Steven J.
Erschienen
New York 2018: W.W. Norton & Company
Umfang
261 S.
Preis
€ 19,43
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Martin Dorn, Historisches Seminar, Georg-August-Universität Göttingen

Das Pogrom von Kischinew, welches sich an Ostern des Jahres 1903 in der Provinzhauptstadt des russischen Gouvernements Bessarabien ereignete und das Leben von 49 Jüdinnen und Juden forderte, zog weltweit ein lautes mediales und politisches Echo nach sich. Nicht nur im zarischen Vielvölkerreich, sondern ebenso in der europäischen und amerikanischen Öffentlichkeit sorgte das Pogrom für heftige Reaktionen. Deshalb ist Kischinew in der gesamten jüdischen Diaspora in traumatischer Erinnerung geblieben und zum Inbegriff für einen aggressiven Antisemitismus im Zarenreich geworden.

Seit 1903 haben sich zahlreiche Schriftsteller, Journalisten und Politiker der Thematik angenommen und zur Aufklärung des Geschehenen beigetragen. Zeitgenössischen Beobachtern wie dem polnisch-ukrainischen Schriftsteller Wladimir Korolenko, dessen berühmt gewordener Tatsachenroman Das Haus Nr. 13 auf Grundlage von Zeugenaussagen und Gerichtsprotokollen entstanden ist, ist es zu verdanken, dass wir heute über ein facettenreiches Bild der Ereignisse verfügen.[1]

Aufgrund seiner Bedeutung in der Öffentlichkeit und im kollektiven Gedächtnis der jüdischen Diaspora hat auch die Historiographie dem Pogrom von Kischinew besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Einen differenzierten Blick bietet die monographische Darstellung des amerikanischen Autors Edward H. Judge, die in den 1990er-Jahren entstanden ist und nicht nur detailliert den Ablauf des Geschehen beschreibt, sondern ebenso die mittel- und unmittelbaren Nachwirkungen des Pogroms untersucht.[2] Darüber hinaus hat auch das 100. Gedenkjahr an das Pogrom zu einer wissenschaftlichen Betrachtung der Thematik geführt. Die Fokussierung der Wissenschaften galt nun jedoch nicht mehr dem Pogrom selbst, sondern den Auswirkungen sowie der Rezeptionsgeschichte der Ereignisse. Monty Noam Pankower etwa hat in einem einflussreichen Aufsatz das Pogrom als ein Schlüsselereignis in der jüdischen Geschichte bezeichnet. Dieses habe zur Emigration russländischer Juden aus dem zarischen Vielvölkerreich und zur Ablehnung der Monarchie Nikolaus II. geführt. Durch das Pogrom sei ein tiefgreifender Bewusstseinswandel ausgelöst worden, der sich deutlich in der jüdischen Kultur und Literatur widerspiegele.[3]

Vor dem Hintergrund der zahlreichen Veröffentlichungen zum Thema mag es auf den ersten Blick doch erstaunen, dass sich Steven J. Zipperstein, der als einer der profiliertesten Experten des osteuropäischen Judentums gilt, nähergehend mit dem Pogrom von Kischinew beschäftigt. Zipperstein stellt gleich zu Beginn heraus: „[The Pogrom is] likely the best-documented event in Russian-Jewish history, the sources on it are vast” (S. xvii). Doch trotz, oder gerade weil das Pogrom in den Medien, in der Literatur und in der Historiographie große Aufmerksamkeit erzielte, ist eine kritische Reflexion über die Hintergründe und weiter gefassten Zusammenhänge des Pogroms notwendig. Zippersteins gelingt dies in seinem neuen Buch. Er verdeutlicht, wie ein Ereignis in der äußersten Peripherie des Zarenreiches zu einem Symbol jüdischer Geschichte des 20. Jahrhunderts wird. Seine Arbeit beschränkt sich dabei nicht auf das Pogrom selbst, sondern nimmt ebenso die Ursachen sowie den durch das Pogrom angestoßenen Reflexionsprozess in den Fokus.

Die Einbindung von bislang unveröffentlichten oder nicht berücksichtigten Quellen ermöglicht ihm, neue Erkenntnisse zu gewinnen. Zumeist wird er seinem im Vorwort des Buches formulierten Selbstanspruch gerecht: „Pogrom: Kishinev and the Tilt of History sets out to defamiliarize a familiar story“ (S. xiv). Untergliedert ist sein Buch in sechs kleinere Kapitel, die einen essayistischen Charakter besitzen und auch getrennt voneinander gelesen werden können.

Im ersten Kapitel thematisiert Zipperstein, wie der Begriff „Pogrom“ infolge der antisemitischen Ausschreitungen in Kischinew in der europäischen und amerikanischen Öffentlichkeit bekannt wurde, und er stellt heraus, dass dieser von Anfang an mit der jüdischen Unterdrückung im Zarenreich in Verbindung stand. Das Wort „Pogrom“ zählt bis heute zu den sehr wenigen russischen Begriffen, die in der gesamten Welt Verbreitung gefunden haben.

Im zweiten Kapitel befasst sich Zipperstein mit der Region Bessarabien, mit jenem Gebiet, dass Anfang des 19. Jahrhunderts von Russland annektiert wurde. Er argumentiert, dass im Alltag der Menschen in dieser ethnisch pluralen und von der Landwirtschaft geprägten Region wenig auf ein bevorstehendes Pogrom hingedeutet habe.

Ein Hauptaugenmerk liegt dann auf dem Pogrom selbst, das differenziert dargelegt und unter Einbindung von Zeugenaussagen quellennah beschrieben wird. Zipperstein zeichnet ein detailliertes Bild des Geschehenen, das die Brutalität der Täter sowie das Leiden der jüdischen Opfer in schonungsloser Offenheit zum Ausdruck bringt.

Das vierte Kapitel zeichnet den Entstehungsprozess der beiden einflussreichsten Werke über das Pogrom nach. Es handelt sich um das Gedicht von Chaim Nachman Bialik In der Stadt des Schlachtens und ein von Michael Davitt publiziertes Werk mit dem Titel Within the Pale. The True Story of Anti-Semitic Persecutions in Russia.[4]

In den Fokus des fünften Kapitels gelangt Pavel Krushevan, dessen Zeitung Bessarabets durch antisemitische Berichterstattung maßgeblich zur Radikalisierung in Kischinew beigetragen hat und somit das Pogrom ermöglichte. Zipperstein analysiert in diesem Kapitel, inwiefern das Pogrom an Ostern des Jahres 1903 sowie die Publikation der ersten Version der „Protokolle der Weisen von Zion“, die im September desselben Jahres unter einem anderen Titel erstmalig veröffentlicht wurde, in einem Zusammenhang stehen.

Letztlich legt der Autor die Folgen des Pogroms von Kischinew für die US-amerikanische Gesellschaft dar. Besonders bemerkenswert ist an dieser Stellte die Rolle der NAACP (National Association for the Advancment of Colored People), die den Diskurs über die Repressionen der Juden im zarischen Russland nutzt, um auf die Unterdrückung der afro-amerikanischen Minderheit in den USA aufmerksam zu machen.

Zipperstein präsentiert sechs akribisch recherchierte Kapitel, die aufgrund der Einbindung bislang nicht publizierter Quellen eine Bereicherung darstellen und gleichsam durch ihre literarische Ausgestaltung bestechen. Schade ist nur, dass die unterschiedlichen Kapitel einen gemeinsamen Leitgedanken vermissen lassen. So bildet die Auseinandersetzung mit dem Pogrom und seinen Folgen zwar eine inhaltliche Klammer, doch wäre eine stärkere Verknüpfung der präsentierten Inhalte wünschenswert gewesen.

Dennoch bietet die Neudarstellung Zippersteins einen bedeutenden Mehrwert, da sie den bisherigen Forschungsstand um neue Perspektiven ergänzt und somit zum Verständnis einer untersuchten, aber dennoch nicht in all seinen Facetten erschlossenen Thematik beiträgt. Besonders gut wird dies am Beispiel des fünften Kapitels deutlich, welches den Zusammenhang zwischen der Entstehung der „Protokolle der Weisen von Zion“ und dem Pogrom von Kischinew beleuchtet. Zipperstein argumentiert, dass die heftigen weltweiten Reaktionen auf das Pogrom, die sich zumeist auch gegen den Zarismus und Konservatismus in Russland richteten, antisemitische Einstellungen russisch-nationalistischer Kräfte gestärkt und zur Verbreitung antijüdischen Verschwörungsdenkens beigetragen hätten: „Kishinev, as they saw it, was an ideal launching pad for Jewish designs on world domination“ (S. xix). Um diese Argumentation zu stützten, betrachtet Zipperstein die Rolle von Pavel Krushevan genauer. Dieser stellt seiner Darstellung nach ein entscheidendes Bindeglied zwischen Pogrom und Protokollen dar. Trotz der Tatsache, dass in der von Krushevan herausgegebenen Tageszeitung von Kischinew, dem Bessarabets, zahlreiche antisemitische Artikel erschienen, wies dieser jedwede Verantwortung für das Pogrom von sich. Er glaubte stattdessen im medialen Diskus, der sich gegen den russischen Konservatismus im Allgemeinen, aber auch gegen ihn persönlich richtete, eine jüdische Verschwörung zu erkennen. Durch die anhaltende Kritik gegen ihn und die damit verbundenen Anschuldigungen sei Krushevan in dieser Auffassung gestärkt worden. Eine frühe Version der „Protokolle der Weisen von Zion“ sei in diesem Kontext im September 1903 entstanden.

Insgesamt bietet Zipperstein eine lesenswerte Neudarstellung einer in der Historiographie viel beachteten Thematik. Dennoch ist Pogrom. Kishinev and the Tilt of History keine Zusammenfassung des bereits Gesagten, sondern ein origineller Beitrag, der das Verständnis eines bedeutenden Ereignisses der jüdischen Geschichte um wertvolle Perspektiven erweitert.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Wladimir Galaktionowitsch Korolenko, Das Haus Nr. 13. Aufzeichnungen, Reportagen, Gerichtsprotokolle, Leipzig 1985.
[2] Vgl. Edward H. Judge, Ostern in Kischinjow. Anatomie eines Pogroms, Mainz 1992.
[3] Vgl. Monty Noam Penkower, The Kishinev Pogrom of 1903. A Turning Point in Jewish History, in: Modern Judaism. A Journal of Jewish Ideas and Experience 24/3 (2004), S. 187–225.
[4] Vgl. Michael Davitt, Within the Pale. The True Story of the Anti-Semitic Persecuations in Russia, New York 1903; vgl. zudem Chaim Nachman Bialik, In der Stadt des Schlachtens. Mit einem Nachwort von Richard Chaim Schneider, Salzburg 1990.

Zitation
Martin Dorn: Rezension zu: : Pogrom. Kishinev and the Tilt of History. New York  2018 , in: H-Soz-Kult, 07.09.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28938>.
Redaktion
Veröffentlicht am
07.09.2018
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/