J. Dülffer: Geheimdienst in der Krise

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Titel
Geheimdienst in der Krise. Der BND in den 1960er-Jahren


Autor(en)
Dülffer, Jost
Erschienen
Umfang
672 S., 4 s/w Abb.
Preis
€ 50,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Michael Wala, Historisches Institut, Ruhr-Universität Bochum

Jost Dülffer hat die wohl definitive Monographie über den Bundesnachrichtendienst (BND) der 1960er-Jahre vorlegt. Ohne den uneingeschränkten Zugang zum Archiv des BND wäre dies allerdings in diesen Details und mit dem abgewogenen aber zuweilen auch scharfen Urteil des Kölner Historikers nicht möglich gewesen. Dass dabei Rücksicht auf noch relevante Quellen- und Methodenschutz des Geheimdienstes genommen werden muss, war notwendig und ist auch international üblich; andernfalls würde es keine Möglichkeit geben, diese wichtige Forschung durchzuführen. Wie weit der BND nun allerdings seine Archivtore für weitere Forschungsarbeiten dauerhaft öffnet, sei dahingestellt, aber Dülffer und seine Kollegen von der Unabhängigen Historikerkommission des BND haben hier wichtige Pionierarbeit geleistet, und Türen geöffnet, die viel zu lange verschlossen waren. Das lässt sich nicht mehr einhegen und wird den Druck erhöhen, auch Archive anderer Behörden weiter zu öffnen, ohne dass man der naiven Vorstellung, dass vollständige Transparenz an sich ein uneingeschränkt positiver Wert ist, das Wort reden muss.

Dülffer hat über die Akten des BND – dort musste das Archiv zunächst erst einmal benutzbar gemacht werden – hinaus eine große Anzahl von Nachlässen, Archiven (darunter auch die Verschlusssachen im Zwischenarchiv in Hengelar und im Bundeskanzleramt) im In- und Ausland durchforstet. Es ist ein enormer Aufwand, den er betrieben hat und der nur durch die finanzielle Unterstützung des BND selbst möglich war. Niedergeschlagen hat sich das in einem außerordentlichen Detailreichtum und auf fast 650 Seiten.

Es geht Dülffer dabei um die politischen Prozesse, um die „Diskussionen und Praktiken“ (S. 19) des Geheimen und wie nachrichtendienstliche Tätigkeit, Kontrolle und Einbindung des BND in die Exekutive verhandelt wurden. Er geht dabei systematisch und innerhalb der einzelnen Kapitel chronologisch vor, wobei Teile der Darstellung stellenweise weit über die 1960er-Jahre hinausreichen. Dass es dabei dann zuweilen zu Wiederholungen oder Verweise auf spätere oder frühere Teile der Monographie kommt, ist leicht zu verschmerzen. Wir erhalten so einen tiefen Einblick nicht nur in die Bemühungen Gehlens, den Status des BND im Geflecht der Behörden als eigenständige und zugleich einer Kontrolle enthobenen Behörde zu sichern, sondern auch in die Dissonanzen, die in den Reihen der Mitarbeiter auch und teils insbesondere aufgrund des Führungsstils Gehlens immer lauter wurden.

Gerade hier, in der Person Gehlens, lag offensichtlich das Hauptproblem des BND. Der hatte sich und seine Erfahrungen aus der Leitung der Abteilung Fremde Heere Ost des Generalstabs nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs den Amerikanern angedient. Gehlen erhielt zwar von der CIA sicherlich nicht von ungefähr den Tarnnamen „Utility“, denn er war aus deren Sicht genau das: ein „Dienstleister“, wurde aber früh bereits als wenig effektiv und geltungssüchtig erkannt. Schon während der Zeit der von den Amerikanern finanzierten „Organisation Gehlen“ hat deren Chef dann sorgsam darauf geachtet, dass seine Truppe aus ehemaligen Generalstabsoffizieren, Gestapo-Mitarbeitern und Wehrmachtsangehörigen von außen möglichst unkontrollierbar war. Das setzte sich fort, nachdem aus der „Org“ der BND geworden war, und führte zu einer Abschottung, die den Nachrichtendienst lähmte, als der ehemalige SS-Obersturmführer Heinz Felfe 1961 als Sowjetspion enttarnt und verhaftet wurde.

Er hatte beim BND die Gegenspionage geleitet, also gerade die Abteilung, die verhindern sollten, dass gegnerische Dienste in den BND eindringen konnten. Dülffer stellt anschaulich dar, wie die daraus folgende Verunsicherung Gehlens zu einer Abschottung der Abteilungen innerhalb des BND führte, die weit über ein übliches „need-to-know“-System hinausging. Notwendige Informationen wurden nicht weitergereicht, kostspielige und ineffiziente parallele Strukturen gebildet und systematisch voneinander isoliert. Das war eine Desinformationsstrategie, die auch nach innen gerichtet war. Sie führte dazu, dass die bereits zuvor mäßige nachrichtendienstliche Aufklärung noch weiter litt, das Misstrauen innerhalb des BND wuchs und Günstlingswirtschaft einzog. Gehlen zog sich in ein Schneckenhaus der Eigensicherung und der Überwachung der Mitarbeiter des BND zurück. Er könne sich aus diesem Grund „operationellen Fragen [...] nicht mehr ausreichend widmen“, erklärte er bereits 1961 bei einer Besprechung im Kanzleramt freimütig. Dülffer stellt ganz richtig fest, dass dies einer Bankrotterklärung gleichkam. (S. 237) Danach diente die Arbeit des BND offensichtlich zuvörderst dazu, den Anschein eines effektiven Auslandsnachrichtendienstes zu wahren, jegliche Risiken auch bei der Nachrichtenbeschaffung zu vermeiden und jeden Versuch abzuwehren, den BND einer Aufsicht zu unterstellen oder auch nur die Finanzen kontrollieren zu lassen.

Gehlen gelang es über Jahre, den 1963 befassten Beschluss des Bundeskabinetts zur Unterstellung des BND an das Kanzleramt ins Leere laufen zu lassen. Es wird deutlich, dass er und seine Führungskräfte es immer wieder verstanden, zumindest den Anschein zu erwecken, dass der Auslandsnachrichtendienst effektiv sei und dass jede Art von Kontrolle durch die Exekutive oder das Parlament kontraproduktiv sein würde. Hierfür war das Spiel mit den Medien wichtig, dem Dülffer ein ganzes Kapitel widmet und dabei die flächendeckende Vernetzung in die deutsche Medienlandschaft aufzeigt. Es ging hierbei nicht um das, was man gemeinhin unter Pressearbeit versteht, sondern ganz konkret um direkte Beeinflussung von Journalisten. Einiges davon ist bekannt, aber die Details und auch der Umfang, die hier deutlich gemacht werden, zeigen die große Bedeutung der Verbindungen für eine positive Darstellung des BND in der Öffentlichkeit und zeigt, wie wenig die Medien ihre Aufgabe als Vierte Gewalt in der jungen Bundesrepublik wahrnahmen. Die „wechselseitigen vertraulichen Beziehungen“ (S. 592) führten aber auch in die Spiegel-Affäre und zu einem „hochnotpeinlichen“ Verhör Gehlens durch Adenauer (S. 610), dass die Zerrüttung der zuvor lange Zeit positiven Beziehungen zwischen Kanzler und Geheimdienstchef deutlich macht.

Das Desinteresse der Nachfolgeregierung Erhard am BND spiegelte die wenig fruchtbaren Ergebnisse des Geheimdienstes wider. Der wurde zwar immer weiter aufgebläht und kostspieliger, kam aber kaum seiner eigentlichen Aufgabe nach, Regierung und andere Entscheidungsträger unvoreingenommen und effektiv zu beraten. Von einer Totalüberwachung, wie sie Gehlen vorschwebte, war der BND immer weit entfernt. Dass der Auslandsnachrichtendienst einen gewichtigen Teil seiner Ressourcen für die Aufklärung von innenpolitischen Vorgängen aufwendete[1] und Informationen über Politiker, Medienvertreter und Regierungsmitglieder sammelte, trug zudem zu einer Verunsicherung bei, dass Gehlen möglicherweise kompromittierende Informationen streuen könnte.

Zudem widmete sich der BND in dieser Zeit der psychologischen Kriegsführung. Hierfür wurden Pläne für eine „Forschungsstelle“ entworfen, einer „Mischung aus Propagandaministerium und abendländische[m] Gralsrittertum“ (S. 465). Die damit beabsichtige Kampagne zur „Immunisierung“ der westdeutschen Bevölkerung gegen den Kommunismus scheiterte jedoch an voreiliger Presseberichterstattung. Ausführlich werden auch die Wege und Irrwege dargestellt, auf denen der BND versuchte, einzelne Minister und Staatssekretäre als Strippenzieher zu instrumentalisieren, um Gehlens Macht zu vergrößern oder abzusichern und sich einer Dienstaufsicht zu entziehen. Das sollte sich erst, lange nachdem Gehlen den Dienst quittiert hatte, unter seinem Nachfolger ändern, als die Sozialdemokraten in der Großen Koalition mehr Interesse am BND zeigten, als dies zuvor der Fall gewesen war.

Das Buch ist gesättigt mit Zitaten, Dülffer lässt Zeitzeugen und interne Berichte sprechen, setzt diese in Beziehung zueinander und in den Kontext der 1960er-Jahre der Bundesrepublik. In dieser Zeit befindet sich der BND in einem desolaten Zustand (S. 233), und Gehlens Nachfolger hatte alle Hände voll zu tun, um den BND nicht nur zu verschlanken und von Doppelstrukturen zu befreien, sondern auch zu versuchen, den Auslandsnachrichtendienst zu einem effizienten Werkzeug der Bundesregierung zu verwandeln. Leicht war diese Aufgabe nicht zu bewältigen, denn es galt, einen „Augiasstall auszumisten“, wie Dülffer in seinen Schlusssätzen schreibt (S. 641).

Dülffer hat, respektgebietend akribisch, die Probleme des BND in der 1960er-Jahren herausgearbeitet. Sein Buch ist nicht nur ein sehr zentraler, zu weiterer Forschung anregender Beitrag zur Erforschung der Nachrichtendienstgeschichte. Es ermöglicht auch einen wichtigen Blick auf die politische Geschichte der Bundesrepublik am Übergang von Kanzlerdemokratie zu Großer Koalition und einer liberaleren Gesellschaft.

Anmerkung:
[1] Siehe dazu die gerade erschienene Untersuchung von Klaus-Dietmar Henke, Geheime Dienste. Die politische Inlandsspionage der Organisation Gehlen 1946–1953, Berlin 2018.

Zitation
Michael Wala: Rezension zu: : Geheimdienst in der Krise. Der BND in den 1960er-Jahren. Berlin  2018 , in: H-Soz-Kult, 20.11.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-29722>.
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Veröffentlicht am
20.11.2018
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