J. Rubenstein: The Last Days of Stalin

Cover
Titel
The Last Days of Stalin.


Autor(en)
Rubenstein, Joshua
Erschienen
New Haven 2016: Yale University Press
Umfang
288 S.
Preis
$ 35.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Martin Wagner, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Stalins Tod verkörpert etwas Unbegreifliches – den Moment, in dem sich Allmacht in Ohnmacht verkehrte und aus dem Führer gottgleicher Gestalt ein profaner Sterblicher wurde. Als die Gefolgsleute den sowjetischen Alleinherrscher inmitten von Urin und Erbrochenem auf dem Boden seiner „Nahen Datscha“ auffanden, fand der Stalinismus sein Fanal – Stalin fiel seiner eigenen Herrschaft aus Gewalt, Willkür und Intrigen zum Opfer, weil seine Gefolgschaft ihm zunächst Hilfe verweigerte und unterdessen den Übergang in eine neue Zeit orchestrierte.

Stalins Tod erschütterte die sowjetischen Zeitgenossen und auch nach über 60 Jahren fesselt er die Menschen unserer Gegenwart. Der Mythos „5. März 1953“ fand indes nicht erst mit Armando Iannuccis filmischer Parodie „The Death of Stalin“ Eingang in die Populärkultur und -wissenschaft.[1] Fabien Nury und Thierry Robin hatten mit einem zweibändigen Comic das Drehbuch geliefert.[2] Ein deutscher Dokumentarfilm rekonstruierte die Ereignisse bereits 2013.[3] Und in Russland, wo Iannucis Film anders als die deutsche Produktion auf dem Index steht, spekulierte kürzlich – neben einigen anderen – Rafael Grugman über alternative Szenarien zu Stalins Ableben.[4] Jeder vierte Russe, so zeigen Umfragen aus dem Jahr 2015, betrachtet Stalins Tod wieder als „Verlust des großen Führers und Lehrers“.[5]

Rubensteins Vorhaben, dem fiktionalen Erzählen eine wissenschaftliche Studie entgegenzusetzen, ist ehrbar und mutig zugleich, bedenkt man die schiere Anzahl akademischer Abhandlungen zu Stalin und dessen Lebensende. Fachhistoriker verlieren nicht das Interesse am biografischen Genre – kürzlich legten Stephen Kotkin, Christopher Read und Helmut Altrichter Lebenserzählungen Stalins vor.[6] Der russische Historiker Oleg Chlewnjuk, ausgewiesener Kenner der archivalischen Überlieferung, verflocht für seine Biografie zwei Erzählstränge – den Lebensweg Stalins und den Umgang der Satrapen mit dem sterbenden Diktator –, um an letzterem die Eigenart der stalinistischen Herrschaft zu veranschaulichen.[7] Stalins Krankheitsgeschichte und die Umstände seines Todes sind durch eine Quellenedition wissenschaftlich dokumentiert.[8] Und die Gesellschaft „Memorial“ versammelte jüngst Erinnerungen sowjetischer Zeitgenossen an die ersten Märztage 1953 in der Online-Dokumentation „05/03/53“.[9]

Joshua Rubenstein schreibt mit „The Last Days of Stalin“ ein Buch, das sich in der Wissenschaft verortet. Mit Yale University Press fand der langjährige Mitarbeiter von Amnesty International, der zuvor bereits zur Geschichte der sowjetischen Juden publiziert hatte, ein renommiertes Verlagshaus, das seinem Anspruch Geltung verschafft. Ausgehend von Stalins letzten Lebenstagen betrachtet Rubenstein, Associate Director der Harvard Law School, die Wochen und Monate vor und nach Stalins Ableben. Die letzten Kampagnen des sowjetischen Tyrannen gegen jüdische Ärzte und „Kosmopoliten“ bis hin zur Niederschlagung der ostdeutschen Aufstände vom 17. Juni 1953 markieren die Klammer des Buches, die weniger inhaltlich als chronologisch begründet scheint. Die Erzählung folgt der Dramatik der Ereignisse und keiner strukturgebenden Fragestellung. Ihr liegt die Annahme zugrunde, Moskaus neue Machthaber wie ihre Antipoden im Westen hätten nach Stalins Tod die „Chance [gehabt], der entsetzlichen Realität seiner alptraumhaften Fantasie zu entkommen“ (S. X).

Anstelle einer Einleitung beginnt Rubenstein seine Studie mit der Darstellung der letzten Lebenstage Stalins, die an erzählerischer Dichte und empirischer Quellenkenntnis nicht an Chlewnjuks Stalin-Biografie heranreicht: Stalin erlitt am 1. März eine Gehirnblutung, doch es dauerte bis spät in die Nacht, bis sich seine Gefolgsleute in dessen Zimmer trauten. Ärzte wurden erst am nächsten Tag herbeigeholt, um Stalins körperlichen Verfall zu dokumentieren – ihre Behandlung bestand lediglich aus Blutegeln. Noch bevor Stalin schließlich am Abend des 5. März starb, veröffentlichte die Prawda mehrere medizinische Bulletins, die Zahlen und Fakten zu Stalins Gesundheitszustand nannten. Die US-Regierung, so zeigt Rubenstein, nahm dies zum Anlass, eine Botschaft an das sowjetische Volk zu richten, die darauf abzielte, China und die Sowjetunion zu entzweien – „hoffnungslos naiv“, kommentiert Rubenstein (S. 25).

Mit einer Rückblende zu den spätstalinistischen Kampagnen gegen „Kosmopoliten“ und jüdische Ärzte beschreibt Rubenstein, wie Stalin seit Ende 1952 antisemitische Feindbilder aufbaute. Führende Ärzte des Landes bezichtigte der sowjetische Diktator der Verschwörung und unterstellte ihnen, in der Vergangenheit ranghohe Parteikader getötet zu haben. Viele Juden verloren daraufhin ihre Anstellung. Rubenstein schließt daraus, dass der Antisemitismus, den Stalin initiiert habe, dessen Tod überlebt habe – ohne dies indes für die Zeit nach Stalins Tod zu erörtern. Das Misstrauen, das die sowjetische Führung gegenüber Ärzten gesät hatte, habe die neuen Machthaber ihrerseits dazu bewogen, das Ergebnis der Obduktion zu veröffentlichen: Es sollte kein Zweifel daran bestehen, dass Stalin eines natürlichen Todes gestorben war.

Rasch revidierten Stalins Erben die sogenannte „Ärzteverschwörung“ und amnestierten unzählige GULag-Insassen. Dies sei, so schreibt Rubenstein, auch als „Signal an den Westen“ gedacht gewesen (S. 144). Die US-Regierung jedoch hatte keinen Krisenplan für den Todesfall Stalins; die Idee einer Nachricht an den Kreml wurde verworfen. Und so sei die neue sowjetische Führung der Regierung in Washington mit einer Versöhnungsbotschaft zuvorgekommen: Bereits am 15. März sprach der neue Regierungschef Malenkow von „Koexistenz“ und „friedlichem Wettbewerb“. Eisenhowers Antwort erfolgte erste einen Monat später mit der Rede „The Chance for Peace“. Rubensteins Argument: Die Machthaber der USA und der Sowjetunion hätten eine „Chance“ gehabt, die sie jedoch ungenutzt ließen – die US-Regierung habe den sowjetischen Wandel missverstanden und Moskaus Führung mit der blutigen Niederschlagung der ostdeutschen Proteste im Juni 1953 ihre uneinsichtige Haltung demonstriert. Das „Versagen“ beider Regierungen habe „die Welt für Jahrzehnte verfolgt“ (S. X.). Doch worin „Chance“ und „Versagen“ bestanden hätten, klärt Rubenstein auf knapp 230 Seiten nicht.

Substantiell Neues erfahren wir wenig aus der Studie Rubensteins, die mit Thesen eher zurückhaltend ist. Dies liegt daran, dass sie sich vorrangig auf sowjetische Memoiren stützt und Archivzeugnisse nur dort präsentiert, wo die Perspektive der US-Außenpolitik geschildert wird. „The Last Days of Stalin” ist damit eher eine Geschichte der US-amerikanischen Reaktion auf Stalins Tod als ein Buch darüber, was in der Sowjetunion passierte, als der Führer verschwand. Wer nach dem Film „The Death of Stalin“ den Gang der Ereignisse wissenschaftlich aufbereitet nachlesen möchte – und dabei Einsicht in die Funktionsweise des Stalinismus erhalten will –, dem sei Oleg Chlewnjuks vielfach übersetztes Meisterwerk „Stalin“ empfohlen.

Anmerkungen:
[1] The Death of Stalin, Regie: Armando Iannucci, Vereinigtes Königreich/Frankreich, Main Journey/Quad Productions, 2017, 106‘. Vgl.: Jan C. Behrends, The Death of Stalin... . oder Diktatur als Komödie, in: Zeitgeschichte-online, 9. April 2018, https://zeitgeschichte-online.de/film/death-stalin (26.10.2018).
[2] Fabien Nury / Thierry Robin, The Death of Stalin, 2 Bde. o.O. 2016.
[3] Stalins Tod – Das Ende einer Ära, Regie: Martin Hübner / Jürgen Ast, Deutschland, astfilm productions im Auftrag von RBB und MDR, 2013, 45’. Russische Übersetzung: Smert‘ Stalina. Konec ėpochi (2014).
[4] Rafaėl Grugman, Smert’ Stalina. Vse versii i eščë odna, Moskva 2016.
[5] In den Jahren 2010 bis 2013 waren es 18–19 Prozent, 2015 schon 24 Prozent. Vgl. V. I. Men’kovskij, Fenomen istoričeskoj pamjati o stalinizme v Rossijskoj Federacii i Respublike Belarus‘, in: Posle Stalina. Reformy 1950-ch godov v kontekste sovetskoj i postsovetskoj istorii. Materialy VIII meždunarodnoj konferencii, Ekaterinburg, 15–17 oktjabrja 2015 goda, Moskva 2016, S. 620–627, hier: S. 621.
[6] Stephen Kotkin, Stalin. Paradoxes of Power 1878–1928, London 2014; Ders., Stalin. Waiting for Hitler, 1929–1941, London 2017; Christopher Read, Stalin. From the Caucasus to the Kremlin, London 2016; Helmut Altrichter, Stalin. Der Herr des Terrors, München 2018.
[7] Oleg Chlevnjuk, Stalin. Žizn‘ odnogo voždja, Moskva 2015; in deutscher Übersetzung: Oleg Chlewnjuk, Stalin. Eine Biographie, München 2015.
[8] I. I. Čigirin (Hrsg.), Stalin. Bolezni i smert’. Dokumenty, Moskva 2016.
[9] Internationale Gesellschaft für historische Aufklärung, Menschenrechte und soziale Fürsorge „Memorial“, Online-Projekt „05/03/53“, http://050353.ru/ (26.10.2018). Zu Stalins Tod vgl. einführend auch: Fabian Thunemann, Stalins Tod, in: Dekoder. Russland entschlüsseln, 5. März 2018, https://www.dekoder.org/de/gnose/stalins-tod (26.10.2018).

Zitation
Martin Wagner: Rezension zu: : The Last Days of Stalin. New Haven  2016 , in: H-Soz-Kult, 21.11.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-29936>.
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Veröffentlicht am
21.11.2018
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