Titel
Das KZ Riga-Kaiserwald und seine Außenlager 1943–1944. Strukturen und Entwicklungen


Autor(en)
Jahn, Franziska
Erschienen
Berlin 2018: Metropol Verlag
Umfang
471 S.
Preis
€ 24,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Tilman Plath, Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte, Universität Greifswald

Die für die Veröffentlichung überarbeitete Version der 2016 an der TU Berlin bei Wolfgang Benz verteidigten Dissertation von Franziska Jahn stellt einen bedeutenden Forschungsbeitrag zur Geschichte des Holocaust in Lettland dar. Bisher stand das erst im Herbst 1943 gegründete KZ im Ortsteil Kaiserwald von Riga im Schatten der Geschichte des Ghettos von Riga, bzw. der Massenerschießungen bei Riga zu Beginn der deutschen Besatzungszeit. Jahn spricht gar von einem „vergessenen Lager“ oder „terra incognita“. Insgesamt durchliefen aber immerhin etwa 20.000 hauptsächlich jüdische Häftlinge aus Lettland, Litauen, Deutschland, Österreich, Tschechien und Ungarn dieses KZ, von denen nur etwa 3.500, wie Jahn darlegt, das Kriegsende erlebten. Allerdings verstarb der größere Teil der Opfer erst nach der Auflösung des KZ Kaiserwald, während oder nach der Deportation der Häftlinge ins KZ Stutthof bei Danzig, sodass die Opferzahl des Kaiserwaldkomplexes, wie Jahn das Lager samt Außenlager nennt, bei etwa 7.600 lag.

Die Studie unterliegt einem zweiteiligen Gliederungsprinzip, das schon im Untertitel angedeutet wird, aus dem Inhaltsverzeichnis allerdings nicht unmittelbar ersichtlich wird: Im Grunde beschäftigt sich Jahn zunächst organisationsgeschichtlich mit einem Fokus auf die Täterstrukturen, unterteilt in ein Kapitel zur Vorgeschichte des Lagers und der allgemeinen nationalsozialistischen „Judenpolitik“ in Lettland bis 1943 und ein Kapitel, das die Verwaltungsstruktur des Lagers und das Personal des Lagers thematisiert. Entgegen bisheriger Annahmen der Forschung arbeitet Jahn hier heraus, dass das KZ Kaiserwald zwar deutlich kleiner als andere KZ war, aber dennoch eine weitgehend übereinstimmende und einheitliche Verwaltungsstruktur aufwies. Bezüglich des Personals kann sie überzeugend die großen Handlungsspielräume individueller Täter aufzeigen, deren persönliches Verhalten den Lageralltag der Häftlinge stark bestimmte. Nicht zuletzt das Vorgehen bei den Selektionen, die kurz vor der Räumung des Lagers zunahmen, konnte dabei lebensentscheidend sein. Entsprechend erschütternd ist die Tatsache, dass die Zahl der für im Kaiserwaldkomplex begangene Gewaltverbrechen verurteilten Täter verschwindend gering ist, sich nämlich auf genau zwei Personen beläuft.

Der zweite Teil der Studie lenkt den Blick auf die Häftlingsgruppen und behandelt die im Titel angekündigten „Entwicklungen“, wozu wiederum auch auf die Zeit vor 1943 zurückgegriffen wird. Die an dieser Stelle zu vermutene Redundanz zum Kapitel „Vorgeschichte des KZ Kaiserwald“ ist aufgrund des anders gelagerten Fokus‘ nicht gegeben. Dass Jahn in diesem Kapitel überhaupt nochmals in die Zeit vor 1943 zurückgeht, liegt an einem ihrer Hauptargumente: So weist sie überzeugend darauf hin, dass das Schicksal der heterogenen Häftlingsgruppen entscheidend von den Vorerfahrungen abhing und von der Möglichkeit, auf bereits zuvor entstandene Netzwerke innerhalb der Häftlingsgruppen zurückgreifen zu können. Vereinfacht gesprochen lassen sich drei Häftlingsgruppen unterscheiden: zum einen die Jiddisch-sprechenden baltischen Juden, die Deutsch-sprechenden mitteleuropäischen Juden und die Ungarisch-sprechenden Jüdinnen, die erst im Sommer 1944 kurz vor der Auflösung des Lagers über Auschwitz nach Riga kamen. Insbesondere durch diese detaillierte Betrachtung der Schicksalswege der einzelnen Häftlingsgruppen im KZ-Kaiserwald und seinen Außenlagern leistet die Studie weit mehr als nur eine Beschreibung der Verhältnisse im KZ Kaiserwald selbst, sondern verankert die lokalen Geschehnisse in allgemeine Entwicklungstendenzen des Holocaust generell, wie u.a. die Abschnitte zu den ungarischen Jüdinnen in Riga oder auch die Verbindungen zum KZ Vaivara in Estland deutlich machen. Generell kann sie zeigen, dass die Situation in den Außenlagern, mit Ausnahme des berüchtigten Lagers Dondangen, tendenziell besser war als im Stammlager und daher die Häftlinge bestrebt waren, dorthin zu gelangen. Genau dafür waren allerdings die oben bereits benannten Netzwerke und Kontakte entscheidend, um auf Entscheidungen hinsichtlich Verlegungen Einfluss nehmen zu können.

Die Studie stützt sich auf eine sehr breite Quellenbasis, die unterschiedliche Perspektiven der Täter und Opfer zulässt und den Umstand ausgleicht, dass die Verwaltungsakten des KZ selbst höchstwahrscheinlich bei der Auflösung 1944 vernichtet wurden oder abhandengekommen sind. Besonders positiv hervorzuheben sind die intensiv genutzten Bestände aus dem Archiv des ITS Bad Arolsen, die die Autorin immer wieder zum Vergleich mit der ebenfalls intensiv verwendeten Memoirenliteratur heranzieht und somit sehr überzeugende Quellenarbeit betreibt. Was die Integration der Sekundärliteratur betrifft, so fällt auf, dass im Kapitel zur Vorgeschichte des KZ vergleichsweise der Erkenntnismehrwert noch am geringsten ist und Hinweise auf die eigentlich grundlegende Arbeit von Andrej Angrick und Peter Klein eher spärlich sind.[1] Was die Abschnitte zum Holocaust in Litauen betreffen, ist auffällig, dass die Erkenntnisse der jüngeren Arbeit von Joachim Tauber nicht wirklich einbezogen wurden, obwohl der Aspekt der Arbeit als Hoffnung auf Überleben gut zu den Ergebnissen Jahns in Riga gepasst hätte.[2] Bezüglich des Arbeits- und Erziehungslagers Salaspils in Riga fehlt der Bezug zur neueren lettischen Arbeit von Kangeris, Neiburgs und Vīksne.[3] Stilistisch fällt auf, dass Jahn immer wieder von „russischen“ Offensiven oder „russischer“ Okkupation spricht, wo „sowjetisch“ hätte stehen müssen, was angesichts der ansonsten sehr präzisen Sprache etwas erstaunt. Inhaltlich ist überraschend, dass Eduard Roschmann, der vermeintliche „Schlächter von Riga“, der gelegentlich und offensichtlich unzutreffend statt Albert Sauer als KZ-Kommandant von Kaiserwald betitelt wird, bei Jahn überhaupt nicht erwähnt wird. Hatte diese Person überhaupt irgendeine Funktion in Kaiserwald oder wie kommt es, dass ihm die Rolle des Lagerkommandanten zugeschrieben wurde?

Ungeachtet dieser eher nebensächlichen Monita überzeugt die Arbeit insgesamt durch eine sehr gründliche Quellenarbeit, eine flüssige Darstellung, deren Ordnungsprinzip allerdings nicht hundertprozentig im Inhaltsverzeichnis erkenntlich wird, und durch eine gelungene Verknüpfung der Ereignisse im KZ Riga-Kaiserwald im Kontext der nationalsozialistischen Gewaltpolitik, welche trotz Einbeziehung des wirtschaftlichen Ausbeutungsfaktors ihren auf Vernichtung abzielenden Charakter nicht verlor. Die gründliche Darstellung der Lagerstruktur, des Alltags der Häftlinge und der Situation in einigen Außenlagern schließen zudem die eingangs erwähnte Kenntnislücke zu diesem bisher wenig erforschten KZ an der Peripherie des nationalsozialistischen Herrschaftsbereichs. Hilfreich sind auch ein Lageplan des Lagers sowie eine Auflistung aller Außenlager samt Information zu den jeweiligen Häftlingsgruppen, deren zahlenmäßige Stärke und anderen Besonderheiten, sodass insgesamt diese Studie sicherlich lange grundlegend bleiben wird für jeden, der sich mit der späten Phase des Holocaust in Riga/Lettland beschäftigen möchte.

Anmerkungen:
[1] Andrej Angrick / Peter Klein, Die „Endlösung“ in Riga. Ausbeutung und Vernichtung 1941–1944, Darmstadt 2006.
[2] Joachim Tauber, Arbeit als Hoffnung. Jüdische Ghettos in Litauen 1941–44, Berlin 2015.
[3] Kārlis Kangeris / Uldis Neiburgs / Rudīte Vīksne, Aiz šiem vārtiem vaid zeme. Salaspils nometne 1941–1944, Rīga 2016.

Zitation
Tilman Plath: Rezension zu: : Das KZ Riga-Kaiserwald und seine Außenlager 1943–1944. Strukturen und Entwicklungen. Berlin  2018 , in: H-Soz-Kult, 20.03.2019, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-30042>.
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Veröffentlicht am
20.03.2019
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